"Es muss 24 Stunden am Tag in Ihrem Interesse sein, dass es der Königsfamilie gut geht! Auch wenn Sie krank sind! Denn gehts der Königsfamilie gut, gehts uns allen gut!" keppelte Prinz Gustav.
"Da gibts ein Foto von mir und einem elektrischen Kleiderbügel, also wenn das in die falschen Hände gerät..." sagte Prinz Alf.
"Kleiderbügel?" fragte Prinz Gustav und schaute wieder auf die Wand, "Schwager, möchtest du dich nicht mal den Frauen zuwenden?!"
"So wie du und Emma?" erwiderte Prinz Alf, "wenn sie schreit Ja gibs mir Oberforstmeister! Und du sagst Nenn mich Jodelkönig !"
"Ich möchte das nicht hören!" sagte Louis bestimmt.
"Das brauchen Sie auch nicht! Sie sind gefeuert!" rief Prinz Gustav und ließ den ehemaligen Chef der Palastwache unsanft auf den Boden plumpsen. Wie ein geprügelter Hund schlich sich Louis von dannen.
"Warum lebst du eigentlich in den Wänden?" fragte Prinz Gustav seinen Schwager.
"Ich suche die Rolling Stones. Die müssen hier irgendwo sein", erklärte Prinz Alf.
Unbeleckt von den schrecklichen Ereignissen im Königshaus saß Schmu Mortimer glücklich in der Straßenbahn auf dem Weg zur Arbeit. Nicht dass seine Arbeitsstätte weit von seiner Wohnung entfernt lag, der Weg war locker in zehn Minuten zu Fuß bewältigen. Schmu zählte schon 59 Lenze, sein schlohweißer Vollbart ließ ihn älter erscheinen, sein Körper hingegen war athletisch wie der eines 30jährigen; Schmu ging dreimal wöchentlich joggen und ernährte sich bewußt. In die Arbeit fuhr er dennoch immer mit der Straßenbahn. Grund dafür war die simple Liebe zu diesem edlen Gefährt.
Bereits als Kind hatte Schmu nur mit Modelstraßen-bahnen gespielt und wurde von seinen Schulkollegen, die Spielzeugautos bevorzugten, oft belächelt. Bereits als Kind hatte er gewußt, dass für ihn nur eine Karriere bei den Strumper Stadtwerken in Frage kommt. Die Straßenbahnen, die auf den vier Strumper Linien verkehren, waren elegante Sechsachser, schon an die 50 Jahre alt und galten als Wahrzeichen des Landes. Darum wurden sie auch nicht durch neuere Garnituren ersetzt, sondern technisch immer in gutem Zustand gehalten und regelmäßig frisch lackiert.
Schmu hatte sich gleich nach dem Schulabschluss bei den Stadtwerken beworben und sich nach und nach durch alle Bereiche des Straßenbahnwesens gearbeitet. Er begann als Lackierer und Anstreicher, ging über zum Mechaniker, wurde später Fahrdienstleiter und Schaffner. Lediglich Fahrer konnte Schmu aufgrund seiner Farbenblindheit nicht werden.
Schmu jedoch verzagte nicht. Mit viel Geschick fädelte er die Bildung einer Schaffnerschule ein, in der er Generationen von Fahrscheinkontrolleuren ausbildete.
So hatte der beneidenswerte Schmu seine große Liebe zu seinem Beruf gemacht. Seine andere große Liebe Becky hatte er geheiratet. Becky, die zwanzig Jahre jüngere, äußerst üppige gebaute Becky, was nicht etwa heißen soll, dass sie fett war. Schmu war mit seinem Leben sehr zufrieden und freute sich schon auf die 600-Jahr Feier, bei der auch eine Festtagsstraßenbahn durch die Stadt kutschieren würde. Lediglich der Gedanke, dass er eventuell nicht der einzige Mann in Beckys Leben war, nagte an ihm. Ist ja auch verständlich. Bei solchen Riesendingern.
Wenzel Manchu hatte alle GangsterBosse aus den Nachbarlanden geladen, es ging um die zukünftige Aufteilung des Kuchens. Zudem plante Manchu, den anderen zu zeigen, dass mit ihm zu rechnen war.
Und so versammelte sich im Hinterzimmer von Murgis Nobelitalieners Alfonso folgende Prominenz um einen elegant gedeckten Tisch: Don Lollo, der greise Pate aus Wilhelmshausen, Graf Nazi aus dem schönen Spinatia, El Diavolo aus San Fizzicatto sowie der Ire O'Mally, Herrscher über die Unterwelt von Saftenstein.
"Ich will was zu trinken!" stellte O'Mally gleich zu Beginn der Versammlung fest. Er trug ein schlichtes Dorfgewand und wäre auch als Bauer durchgegangen.
"Wieso killt er den Schinken?" fragte der im eleganten Anzug eingepackte Don Lollo und streckte sich ein wenig nach vorn. Don Lollo war bereits 102 und bewegte sich in einem Rollstuhl fort. Auch seine Ohren hatten schon vor langer Zeit ihre Arbeit aufgegeben. Selbst mit seiner riesigen, altmodischen Ohrtrompete konnte Don Lollo kaum noch etwas hören.
"Miau", sagte die weiße fette Katze, die Graf Nazi auf seinem Schoß hatte. Der Graf streichelte sie und blies den Rauch aus seiner Zigarette, die auf einem Zigarettenspitz steckte. Der Graf hatte eine Glatze und ein Monokel vor dem Auge, seinen Anzug hatte mal ein Militarist getragen.
"Ich will einen Whisky!" krächzte O'Mally.
"Prolet!" sagte Graf Nazi.
"Was ist obsolet?" fragte Don Lollo.
El Diavolo sagte nichts.
Schließlich betrat Wenzel Manchu den Raum, in seiner Hand ein Tablett mit vier gefüllten Schnapsgläsern.
"Die anderen trinken nichts?" fragte O'Mally, packte sich das Tablett und konnte in Windeseile alle vier Schnäpse seine Kehle runterschicken.
"Fallott!" sagte Graf Nazi.
"Kompott gibt's auch?" fragte Don Lollo, "das ist fein!"
"Können wir dann anfangen?" bat El Diavolo, "ich muss heute noch zu einem Kostümfest!"
"Ach darum sind Sie wie Zorro angezogen!" sagte Graf Nazi.
"Wie? Nein, das ist meine Berufskleidung! Auf das Kostümfest gehe ich als Mata Hari!" erklärte El Diavolo.
"Gentlemen", sagte Wenzel Manchu und übernahm den Vorsitz des Tisches, "lassen Sie mich helzlich meinen Dank aussplechen fül Ihle zahlleiche Teilnahme!"
"Das ist doch nicht der Rede wert", sagte Graf Nazi.
"Hab ich gern getan", sagte El Diavolo.
"Der Whisky ist guuuuut! Noch einen!" sagte O'Mally.
"Mein Freund, kommen wir doch gleich zur Sache. Ich kann jederzeit abtreten", bemerkte Don Lollo heiser.
"Sie haben ganz lecht", sagte Wenzel Manchu, "Gentlemen, Sie sehen einen kleinen Mann vol sich. Ich meine, einssechzig ist nun wilklich keine Glöße. Fül mich gab es nul zwei Möglichkeiten: Jockey odel Gangstel. Und da die Pfelde mich nicht mögen, wulde ich Gangstel, odel Geschäftsmann, wie man in unselen Kleisen dazu sagt. Dieses Land ist fest in meinel Hand. Ich plane auch zu expandielen und ich gebe Ihnen dazu einen guten Lat: stellen Sie sich mil nicht in den Weg, meine Hellen."
"Verdammter Chinamann!" sagte Graf Nazi.
"Warum sind Sie nicht Fotomodell für Reis geworden?" fragte El Diavolo.
"Ich würde notfalls auch einen chinesischen Schnaps trinken!" sagte O'Mally.
Die Tür flog auf, draußen stand das berühmte Bolschoi Orchester! 35 Mann schwer! Dass muss man sich mal vorstellen! "Das ist der Verbrecher, der unsere Posaune gestohlen hat!" rief Sergei Iwanowitsch Maseltov, der schnauzbärtige Dirigent und zeigte mit seinem Dirigentenstab auf Don Lollo.
"Kreisch!" rief Don Lollo aus, "die wollen mein Hörgerät! Schon wieder!"
"Diesemal entkommst du uns nicht!" rief Sergei Iwanowitsch Maseltov.
Und als wäre er genau auf so einen Zwischenfall vorbereitet gewesen, drückte Don Lollo einen Knopf an seinem Rollstuhl und die kleinen Räder des Fahrzeugs setzten sich sofort in rasante Bewegung. Geschickt und geschwind manövrierte sich Don Lollo drei Runden um den Tisch herum und durch die Hintertür davon, das Orchester immer ihm nach.
"Lassen Sie sich nicht stölen", bemerkte Wenzel Manchu säuerlich, als Männer in schwarzen Anzügen mit Instrumenten bewaffnet an ihm vorbeieilten. Als sich der Wirbel gelegt und die Verfolgung sich aus dem Lokal bewegt hatte, fragte Graf Nazi: "Können wir jetzt anfangen?"
Und El Diavolo sagte: "Ich hab auch nicht mehr viel Zeit, ich muss mir noch die Schminke für mein Kostüm kaufen!"
Und O'Malley gröhlte das Lied vom Iren, der zuviel sauft. Gibt's eigentlich noch andere irische Lieder?
Читать дальше