Ich weiß nicht, ob es am Fieber gelegen hatte, aber ich war in den letzten Wochen ziemlich gewachsen. Ich war jetzt fast so groß wie Sarahs Schwester und überragte etliche Jungs in unserer Klasse. Selbst Mathéo, der so alt wie Clara war, fehlten ein paar Zentimeter. Damit war ich neben Leon und Clara die Längste in unserer Clique.
So kam es, dass mich meine Mutter mit in die Stadt nahm, um mir neue Sachen zu kaufen. Viele meiner Kleider waren zu kurz, die Schuhe passten kaum noch und auch die Hosenbeine endeten oberhalb der Knöchel. In der Stadt hatten sie seit Kurzem ein großes, neues Kaufhaus, in dem es auf mehreren Etagen alles gab, was man sich nur vorstellen konnte. Es war wie im Märchen. Egal wohin ich auch schaute, immer wieder entdeckte ich etwas Neues und zerrte meine Mutter mal hier hin, mal da hin, bis es ihr zu viel wurde, sie mich auf einen Stuhl setzte und selbst die Sachen für mich aussuchen ging.
An diesem Tag bekam ich einen roten Mantel, in den ich mich sofort verliebt hatte. Ich mochte rote Sachen und der Mantel passte wie angegossen. Stolz betrachtete ich mich im Spiegel und fand, dass ich damit viel älter aussah. Auch meine Mutter kaufte sich ein paar Sachen, weshalb wir uns auf dem Weg zurück zum Bahnhof ein Taxi leisteten, um all die Taschen und Tüten nicht tragen zu müssen. Zuhause würde uns mein Vater abholen und wieder jammern, dass wir zu viel Geld ausgegeben hätten.
Leider kamen wir diesmal nicht an unserer alten Wohnung vorbei. Wie gern hätte ich Hugo wiedergesehen und ihm erzählt, dass ich nun auch zur Schule ginge. Auch wollte ich ihm, jetzt, wo ich schreiben lernte, Briefe schicken, wusste aber seine Adresse nicht mehr. Ich würde meine Mutter fragen, doch vorher musste ich die verpassten Unterrichtsstunden aufholen. Vielleicht würde mir Francis beim Rechnen helfen. Lächelnd sah ich bei dem Gedanken aus dem Taxifenster und dachte an Maurice, dem es ganz bestimmt nicht gefallen würde, wenn ausgerechnet Francis zu mir zum Lernen käme.
Marcelle war jetzt 5 Jahre alt. So alt wie ich damals, als wir mit meinen Eltern hierher aufs Dorf zogen. Sie war ein hübsches Mädchen, sehr zierlich und hatte rote Haare, weshalb viele, die uns nicht kannten, Sarah für ihre große Schwester hielten. So wie früher Clara mit mir, spielte ich oft Schule mit Marcelle. Sie lernte schnell und verbesserte immer öfter Mr. Bee, der erstaunlich wenig wusste und die meiste Zeit schwieg. Zusammen mit ihrem Hasen Chap, Emma und Clemént bildeten wir eine Klasse und übten, was ich am Vormittag in der Schule gelernt hatte.
Zu ihrem 5. Geburtstag bekam Marcelle Reitstunden auf dem Hof unserer Klassenlehrerin geschenkt. Ich begleitete sie zur Koppel und nahm Hugo 2 mit, der wenig Respekt vor den Pferden zeigte und sie tapfer anbellte. Marcelle war schrecklich aufgeregt, endlich auf einem dieser großen Tiere zu sitzen, doch zuerst musste sie lernen, diese zu füttern, zu striegeln und den Stall auszumisten. Nachdem das alles getan war, hob Monsieur Dutroux sie auf eines der kleineren Pferde, das an einer Leine im Kreis lief, während Marcelle staunend von oben zu mir herunter sah.
Ich musste lachen, dieses kleine Mädchen, deren Füße noch nicht einmal bis zu den Steigbügeln reichten, wie eine Königin auf diesem Pferd thronen zu sehen. Doch Marcelle war begeistert, so sehr, dass es am Ende der Stunde Tränen gab, weil sie nicht absteigen wollte. Monsieur Dutroux versprach, dass sie jederzeit wieder kommen könne und er ihr Pferd bis dahin versorgen würde. Natürlich war das nicht Marcelles Pferd, aber sie nickte tapfer und ließ sich endlich vom Rücken des Tieres herunter heben.
Zuhause gab es dann kein anderes Thema mehr. Stundenlang erzählte sie von der Koppel, den Pferden, dem Stall und all den anderen Mädchen, die wir dort getroffen hatten. Auch wollte sie uns zeigen, wie sie ganz allein geritten war und gab nicht eher Ruhe, bis mein Vater sie Huckepack auf allen vieren durch die Küche trug. Ab da lag sie unseren Eltern in den Ohren, um nochmal reiten zu dürfen und kurze Zeit später waren Marcelle und ich wieder unterwegs zu Monsieur Dutroux.
Marcelle bekam ein Fuchs-Pony zugeteilt. So nannte man ein kleines Pferd mit roter Mähne, passend zur Haarfarbe meiner Schwester. Er hieß Chevalier. Weil aber Marcelle das Wort nur schwer aussprechen konnte, nannte sie ihn Charlie nach dem Sohn der Dutrouxs.
Ich lernte Charles Dutroux wenige Wochen später kennen, als ich meine Schwester wieder einmal zur Reitschule begleitete. Sie war gerade in der Longierhalle und ich sah mich im Stall um, als Charles aus einer der Boxen trat und mich anlächelte. Unsicher lächelte ich zurück, war Charles doch schon älter, sicher schon 13 und mindestens einen Kopf größer als ich. Er fragte, ob ich nicht auch mal reiten wolle und als ich nicht gleich nein sagte, trat er näher, nahm mich bei der Hand und führte mich in die Box, aus der er gerade gekommen war.
Ein großes schwarzes Pferd, ein Rappe, wie mir Charles erklärte, scharrte unruhig mit den Hufen und blähte nervös die Nüstern, als wir näher traten. Ich kam mir neben dem Tier winzig vor. Charles strich ihm beruhigend über die Flanke und reichte mir einen Apfel, den ich dem Pferd geben sollte. Als aber der Rappe nach dem Apfel schnappte, zog ich mit einem spitzen Schrei meine Hand zurück und ließ ihn ins Heu fallen. Charles lachte, bückte sich und fütterte das Pferd, während ich irritiert zusah, wie dem Tier ein komischer Schlauch aus dem Bauch wuchs und an dessen Unterseite zu Boden hing.
Kurz vor Ende des ersten Schuljahres verließ Vivette unsere Klasse. Ihre Mutter hatte sich nach der Scheidung wegbeworben und zog zusammen mit ihrer Tochter um. Sarah und ich waren recht traurig darüber, mochten wir Vivette doch sehr gerne. Deshalb schlug ihre Mutter vor, dass wir den Abschied feiern sollten und lud zu meiner ersten Pyjamaparty mit Übernachtung in ihr Haus ein. Meine Eltern waren wenig begeistert, mich im Scheidungshaus, wie Vivettes Zuhause überall nur noch genannt wurde, zu wissen, stimmten aber letztlich zu.
Man spürte in diesen Tagen den Sommer bereits. Es war warm, wenn auch noch nicht so heiß, wie in den bevorstehenden Monaten. Wir verbrachten den ganzen Nachmittag im Garten, jagten uns um die Bäume, flochten Blumenkränze oder spielten mit Hugo 2 Stöckchen holen. Vivettes Mutter hatte zwischendurch Kuchen und Tee aufgetischt und Obst bereitgestellt. Als wir vom Herumtoben ganz erhitzt waren, schlug Vivette vor, ein letztes Mal in den Pool zu springen.
Da wir aber keine Badesachen dabei hatten, zogen wir uns nur aus und gingen nackt plantschen. Das Wasser war noch ganz warm vom Tag und wir balgten und spritzten uns gegenseitig nass, bis mehr Wasser neben als in dem Pool war und Vivettes Mutter uns Handtücher brachte.
Eingewickelt saßen wir anschließend um ein kleines Lagerfeuer, trockneten uns und brieten Teig an langen Stöcken über den Flammen. Es war ein milder Abend, die Grillen zirpten und Hugo 2 lag eingerollt zu meinen Füßen. Ich glaube, die meiste Zeit sprachen wir über unsere Schule und unsere Klassenkameraden. Vivette fand René aus der Zweiten süß, den Sarah wiederum gar nicht leiden konnte, vielleicht auch, weil ihre Schwester ihn ebenfalls mochte. Ich regte mich über den Raufbold Maurice auf und alle drei waren wir uns einig, dass Jungs echt anstrengend sind.
Später auf dem Zimmer von Vivette saßen wir gemeinsam in ihrem Bett und spielten Wahrheit oder Pflicht. Ein Spiel, das uns Leon gezeigt hatte, in dessen Klasse das gerade alle spielten und in dem es darum ging, etwas Peinliches aus seinem Leben zu beichten oder eine Aufgabe zu lösen, wenn man lieber schweigen wollte. Leon machte da nur mit, weil man dabei Mädchen küssen konnte, wie er uns mit hochrotem Kopf erzählte. Ich musste an den Kuss von Mathéo denken und beichtete zum ersten Mal meinen Freundinnen davon.
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