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( Kurzer Wechsel der Musik zu einem beschwingten Intermezzo )
„Meine Damen und Herren, das ist Reinhard. Er verkleidet sich gern als fieses Monster, ist aber eigentlich ganz harmlos. Seine Bande ist noch lächerlicher als er und wird jetzt so schnell wie möglich die Kirche verlassen ... doch was ist das, erneut ein solcher Lärm. Jetzt reicht es mir aber.“
( Die dramatische Musik von eben setzt wieder ein, diesmal lauter )
Ich schleuderte Reinhard achtlos von mir und rannte durch den Mittelgang nach hinten, einem ohrenbetäubenden Motorenlärm entgegen. Ein kurzer Blick zum muskulösen Jaroslaw genügte und er stimmte in meinen Sprint mit ein. Kai-Uwe und seine Motorradgang drängten mit ihren stinkenden Lederjacken in das Kirchenschiff. Sie ließen die schweren Motoren aufheulen und die Reifen nach vorne bocken. Die Kirchengemeinde schrie erneut entsetzt.
Ohne mit der Wimper zu zucken, schlugen Jaroslaw und ich in die Gesichter der helmlosen Spitze des Angriffs. Kai-Uwe befand sich weiter hinten, der feige Hund, sodass wir ihn uns nicht direkt vorknöpfen konnten. Jaroslaw war nicht so kampferfahren und gewandt wie ich, konnte aber sehr gut und hart boxen. Ein Gangmitglied nach dem anderen fiel aus dem Sattel und krachte heulend auf den Boden. Die Gemeinde begann in die Hände zu klatschen.
Meite sprang aufgeregt auf und ab und schrie meinen Namen. Motorräder fielen um, bevor sie wegfahren konnten. Statt Motorengeräuschen hörte man nur noch die satten und endgültigen Schläge, die mein Partner Jaroslaw und ich verteilten. Kai-Uwe hatte bereits den Rückzug angetreten, aber er würde sein Fett noch wegbekommen. Der Kirchenboden war gepflastert mit Leder, Metall und gesplittertem Holz.
( Kraftvolle, hymnenartige Musik ertönt. Das Licht in der Kirche wird heller)
„Meine Damen und Herren, es tut mir sehr leid, dass der heutige Gottesdienst nicht das war, was Sie erwartet hatten. Beim nächsten Mal ist bestimmt wieder alles normal. Jetzt begleiten Sie mich bitte aus der Kirche heraus. Wir gehen nun gemeinsam mit meiner Mutter nach Hause, um zu Mittag zu essen.“
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Jaroslaw war in der Schule immer nett zu mir. Einmal hatte er tatsächlich Kai-Uwe in seine Schranken gewiesen, als dieser mich nach einer Mathematikstunde nicht aus dem Klassenraum gehen lassen wollte.
„Lass ihn durch, der kann sich doch gar nicht wehren“, hatte er ihm zugerufen und seinen Brustkorb so aufgebläht, dass er selbst Kai-Uwe zu beeindrucken schien.
Neulich habe ich ihn auf Facebook entdeckt. Er hat ein unvorteilhaftes Foto dort platziert, auf dem er seine Glatze voll ins Bild hält. Soll vermutlich witzig wirken. Meite habe ich nicht gefunden. Vielleicht hat sie jetzt einen anderen Nachnamen.
Meine Dusche in Brüssel ist größer als bei anderen das ganze Badezimmer. Sie ist komplett aus Glas, das mit einem speziellen Essigreiniger behandelt werden muss, damit das harte Brüsseler Wasser keine hässlichen Flecken darauf hinterlässt. Ich dusche in der Regel lang, wir sind ja hier nicht in Afrika. Die Sonne hat sich jetzt doch noch entschieden zu scheinen und hellt meine Morgenwäsche auf. Die Strahlen lassen die Wassertropfen glitzern, als wären sie selber aus Glas. Während ich die Haarspülung auftrage, gehe ich meine nächsten Dienstreisen durch. Als Erstes ist Kroatien an der Reihe.
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Aus den Fenstern des Flures im 10. Stock meines Bürogebäudes kann man den Place Schuman überblicken. Wenn man die gegenüberliegenden Fenster nimmt, sieht man das europäische Parlament. Alle Gebäude keine Schönheiten, wenn man davor steht und herein will. Aber von hier oben betrachtet, kein schlechter Anblick.
„Guten Morgen, wie geht’s? Einen schönen Abend gehabt gestern?“, quatscht mich mein österreichischer Mitarbeiter voll. Er hat etwas Übereifriges und gleichzeitig Angepasstes an sich, das ich nicht mag. Man könnte meinen, er würde durch seinen Aktionismus und die ganze proaktive Kacke, die er verzapft und die häufig erstaunlich gut bei unseren Partnern ankommt, darauf abzielen, meinen Job zu bekommen. Außerdem hat er in den Jahren, die wir zusammen arbeiten, nicht gelernt, dass ich nicht gleich angesprochen werden möchte, wenn ich morgens aus dem Fahrstuhl steige. Ich will meine Mails sichten und selbst den Augenblick wählen, in dem ich das Wort an mein Team richte, oder besser gesagt an die Gruppe, die sich Team nennt. Fünf Leute, einer bekloppter als der andere. Aber immerhin halten sie mir den Rücken frei.
„Alles prima“, sage ich und gehe in mein Büro. Die Tür bleibt angelehnt. Ein Zugeständnis an die Open-Door-Policy des progressiven Managements, zu dem ich mich natürlich zähle. Obwohl ich wie jeder Chef weiß, was für eine Zumutung es ist, sich ständig für weinerliche Mitarbeiter bereit zu halten. Der Österreicher schleicht sich. Ich mache mir einen doppelten Espresso mit viel Zucker. Espressoundzucker.
Die Liste meiner ungelesenen E-Mails ist lang. Wie immer. Auf dem BlackBerry habe ich die Push-and-Pull-Funktion meistens ausgeschaltet, sonst komme ich ja gar nicht mehr zur Ruhe. Nur Unbedeutende sind ständig erreichbar. Mir reicht es, wenn ich sie im Büro abrufe. Ich gehe als Erstes auf die E-Mail aus Südkorea. Das Gesundheitsministerium fragt mich sehr höflich und mit weniger Verben als notwendig, warum unser Beitrag für die Ausschreibung noch nicht eingegangen ist. Klirrend stelle ich den Espresso ab und gehe ins Teambüro.
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„Maria!“, rufe ich mit deutlicher Stimme. Sie dreht sich nervös zu mir um. Maria ist sowieso ständig nervös und schreibt in ihrer Freizeit Gedichte, wie sie mir mal auf einem Langstreckenflug nach zwei Gläsern Wein erzählt hat. Ich könnte Spanisch mit ihr reden, wenn ich wollte, mache ich aber nicht. Englisch ist distanzierter.
„Sie sind sich der Wichtigkeit des RLE-Projektes bewusst?“, frage ich.
„Ja, warum?“
Ich mag das Wort warum nicht, wenn ich es nicht selbst benutze.
„Weil wir unser Programm für das Training noch nicht abgegeben haben.“
„Die Deadline ist doch erst in zwei Wochen“, wimmert sie. Die Kollegen schauen uns verstohlen an. Der Österreicher tut so, als würde es sich ständig verwählen.
„Das Ministerium hat mir geschrieben ...“
„Das machen die immer, sie wollen alles gern früher als abgesprochen, damit sie jedes Wort umdrehen und es an alle Hierarchiestufen schicken können, bevor es eigentlich fertig sein muss.“
„Das sind Asiaten!“, setzt sie selbstbewusst hinzu.
„Und das passt mit ihrer südländischen Arbeitseinstellung nicht gut zusammen“, breche ich ihre haltlosen Argumentationsversuche sogleich ab.
„Wie bitte?“, sie schaut mich gekränkt an. Der Österreicher legt leise auf.
Das RLE in dem Projekt steht für „Real Life for Ever“ und ist, wenn man so will, eine Verballhornung der Marke EverChase. EverChase ist ein Computerspiel, ein Fantasy, das man im Internet mit, wenn man das will, global vernetzten Geräten spielen kann, bis der Arzt kommt. Das tut er dann auch und manchmal zu spät. Es ist ein sogenanntes „Massively Multiplayer Online Role-Playing Game“, kurz MMORPG. Diese wortmalerische Abkürzung, die für den Sound stehen könnte, den die spielsüchtigen Jugendlichen erzeugen, wenn sie 36 Stunden am Stück durch EverChase wandeln und beginnen zu dehydrieren, steht synonym für das Phänomen, sich komplett aus seiner wirklichen Existenz in eine virtuelle Welt zurückzuziehen. Die Süchtigen gehen nicht zur Arbeit, pflegen keinerlei soziale Kontakte in der Realität, waschen sich nicht, pinkeln in einen Eimer, der in der Nähe des PCs steht und vergessen im Extremfall Essen und Trinken.
Ich habe mir den Arsch aufgerissen, damit die Koreaner uns als Partner für ein neues Rehabilitationscamp akzeptieren. Dort werden die MMPORG-Junkies offline gehalten und mit Extremsportarten konfrontiert. Meine Idee ist, sie nicht nur halbnackt im Schnee robben zu lassen, sondern an den Abenden in der Hütte moderierte Fantasiespiele durchführen zu lassen. Ohne PC versteht sich, mit direktem Kontakt zu den anderen Freaks und mit der Supervision von europäischen Psychologen, die aus unserem Expertenpool stammen. Renommiert. Eine Art 3,2,1-Klick für Reisfresser sozusagen. Die anfänglichen Zweifel der koreanischen Betonköpfe habe in langen, nervenzehrenden Gesprächen ich ausgeräumt und das angesetzte Budget war kein Pappenstiel. Kurz: Ich hatte keinen Bock mir dieses Achievement von einer faulen Latino-Schnepfe versauen zu lassen.
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