Noch schlimmer als der von Pfarrer Kaiser lethargisch vorgetragene Singsang, war die Zeit nach der Messe. Wenn der greise, nach süßem Parfüm riechende Gottesdiener an den Ausgang ging und jedem, der das wollte, die Hand schüttelte.
Da meine Mutter ein sogenanntes unmoralisches Leben führte, weil sie sehr viele Männer verschliss, und auch sonst nicht dem Bild einer katholischen Frau entsprach, trieb ihr schlechtes Gewissen sie am Sonntag immer in die Nähe dieses Langweilers. Nach dem Händeschütteln ging es dann meistens noch ins Pfarrhaus zu einem vormittäglichen Umtrunk. Da dort ausschließlich Männer Bier tranken, deren Frauen zu Hause den Sonntagsbraten zubereiteten, fand sich meine Mutter schnell wieder in einer Gesellschaft, für die sie sich eben noch mit bekräftigendem Händedruck beim gleichgültigen Pfarrer Kaiser hatte entschuldigen wollen. Ich hasste es, meiner Mutter dabei zuzusehen, wie sie im Pfarrhaus rote Flecken im Gesicht bekam und sich nicht dagegen wehrte, wenn Männer ihren Namen in ihr Ohr lallten. „Margarita. Margarita.“ Oder wenn ihre Händen an ihr auf und ab rutschten.
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3,2,1 – klick
( Intro - Musik wird langsam heruntergefahren und spielt leise im Hintergrund weiter)
„Sehr verehrte Damen und Herren. Ich heiße Sie herzlich willkommen zu einem neuen Tag in meinem Leben. Zu meiner ganz persönlichen Show.
Heute ist Sonntag und wir werden zusammen in die Kirche gehen. Bis dahin wünsche ich Ihnen viel Spaß mit einem Zusammenschnitt der besten Musik. Ich habe sie extra für Sie ausgesucht. Bis gleich.“
( Intro-Musik wird abrupt wieder hochgefahren und geht dann in den ersten Song des Zusammenschnitts über)
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Das Frühstück mit meiner morgens mundfaulen Mutter, die meistens an Kopfweh litt und wenig frühstückte, überbrückte ich durch ein imaginäres Medley aus Liedern, die ich zur damaligen Zeit mochte. Die Musik wurde durch Bilder von mir illustriert, auf denen ich meine besonders ausgeprägten Talente wie zum Beispiel Fahrradfahren und Schwimmen zeigen konnte. In der Schule hatte ich die Chance beides zu lernen verpasst, weil ich an den Tagen, in denen es unterrichtet wurde, konsequent krank wurde. In meiner Vorstellung war ich aber bereits in jungen Jahren Rettungsschwimmer und konnte freihändig und auf dem Hinterrad den Drahtesel steuern.
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( Stimmengewirr der Kirchengemeinde und leise Orgeltöne )
„Meine Damen und Herren, ich hoffe die Musik hat Ihnen gefallen. Wir sind jetzt in der Kirche Sankt Nikolaus und der Gottesdienst wird bald beginnen. Die Bänke sind gut gefüllt. Vor mir sehen Sie Frau Schillmann. Sie ist schon sehr alt und kann kaum gehen. Sie kann aber sehr schnell sprechen und weiß eine Menge über alle anderen, die hier in dieser Kirche sind. Sie erzählt gern, wer gestorben ist, wer schwanger ist, wer schwanger war und das Baby verloren hat, wem sie eine Brust amputiert haben, wer welche Tabletten zu sich nehmen muss und wer diesen Sonntag nicht in der Kirche ist. Frau Schillmann hat einen Gatten, der viel kleiner ist als sie und nicht so schnell redet. Er hatte einen Anfall und kann seitdem genaugenommen fast gar nicht reden. Er nickt immer viel und riecht nach Mundwasser.“
„Weiter vorne ist Meite, sie ist Spanierin und die einzige Tochter der Familie Fernandez-Palomero. Meite hat mal versucht mich zu küssen. Wahrscheinlich weil ich einen spanischen Vornamen habe. Wenn Sie möchten, blende ich die Szene für Sie ein.“
( Hintergrund wird unscharf, dann milchig. Die anfangs unscharfen Bildränder zu Beginn der nächsten Szene vermitteln dem Auditorium, dass es sich um eine Rückblende handelt )
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Dann wurden die Zuschauer Zeuge davon, wie mir Meite in den vergangenen Monaten angeblich nachgestellt hatte. Ihr Gesicht war in dieser Einblendung viel schöner als in Wirklichkeit. Sie hatte keine Pickel und ihr Haar war länger und nicht so fettig. Die Augen allerdings waren genauso groß und braun und frech wie in der Realität. Ihr Gesicht befand sich die ganze Zeit im Bild. Sie lief auf dem Schulhof hinter mir her, während ihr frisches, dunkles Haar in Zeitlupe hin und her schwang. Sie roch gut, das musste jedem der Zuschauer klar sein. Ihre Augen drückten Verlangen nach mir aus.
In der nächsten Szene saß sie auf einer der zahlreichen Geburtstagsfeiern von Schulkameraden, auf die ich unaufhörlich eingeladen wurde, nahe bei mir und versuchte, mein Bein zu berühren, während ich nur unbeteiligt nach vorne schaute und mein Kuchenstück aß.
Meite und ich waren im Schwimmbad. Sie trug einen roten Bikini und der Bademeister hatte ihr erlaubt, ihre Badekappe abzuziehen. Auch ich hatte keine an, weil ich als Rettungsschwimmer gut mit dem Personal des Hallenbads bekannt war und mir solche Extrawürste erlauben konnte. Außer uns badeten noch sehr viele andere Jungen. Dem aufmerksamen Beobachter entging nicht, dass die Penisse aller Umstehenden unter den Badehosen steif waren, weil der Anblick von Meite sie so erregte. Verstohlen versuchten sie Blicke auf ihre großen Brüste und auf ihren Hintern zu erheischen. Meite beachtete keinen von ihnen. Sie bedeutete mir mit ihren Augen, ihr in die Umkleidekabine zu folgen. Mein Penis blieb als einziger im ganzen Hallenbad ruhig und weich.
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Wenn ich heute, wo der Zuspruch von Frauen so groß ist, darüber nachdenke, hat sich Meite möglicherweise wirklich eine Zeit lang für mich interessiert. Ich erinnere mich, dass sie an einem Wandertag mal ihre Hand nach mir ausgestreckt hat und dabei neckisch schaute, um mich aufzufordern, sie zu nehmen. Wir liefen gerade durch ein modriges Waldgebiet mit Nadelbäumen und in der dunklen Luft hatten sich viele meiner Mitschüler an den Händen angefasst. Damals fiel mir nichts Besseres ein, als ihr zu sagen, sie solle mich in Ruhe lassen, was ihr mögliches Interesse für mich für immer im Keim erstickte.
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( Schnelle Überblende )
„Zurück zur Kirche, meine Damen und Herren. Die Kamera bringt sie weiter nach vorn zu Jaroslaw. Er ist ein paar Jahre älter als ich und kommt aus Oberschlesien. Er ist einer meiner besten Freunde.“ ( Beginn plötzlicher Unruhe im Kirchenraum )
„Aber was passiert hier. Was hat dieser Lärm zu bedeuten?“
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Die Kamera verfiel in hektische Bewegung. Heutzutage verwenden ja einige Filmemacher für ihre Horrorproduktionen die Technik der „Wackelkamera“. Ich hatte sie bereits damals im Repertoire, um abrupte Wandel im dramaturgischen Ablauf meines Tages gebührend einzuführen.
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„Bleiben Sie ruhig, werte Zuschauer, wir werden angegriffen, aber Sie kennen mich. Ich bin wie immer cool und ich werde das Problem lösen.“
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( Dramatisch klingende Musik mit Streichinstrumenten setzt ein )
Im Bild erschien jetzt das Kirchentor, durch das eine große Zahl dunkel gekleideter Gestalten strömte. Sie trugen erleuchtete afrikanische Holzmasken, deren Anblick so schrecklich war, dass einige der Kirchenbesucher sich wimmernd abwenden mussten oder sich hinter den Kirchenbänken zu verstecken versuchten. Ich lief die Reihen ab, um allen ruhig zuzuflüstern, dass sie sich keine Sorgen machen und sich still verhalten sollten. Die Maskierten bewegten sich geschickt und hatten mittlerweile den Altar erreicht. Ihr Anführer trat zu Pfarrer Kaiser und nahm ihn in den Schwitzkasten, während seine maskierte Armee sich um die Messdiener und sonstiges Kirchenpersonal kümmerte und sie mit dem Gesicht zu Boden warfen. Während Meites verängstigtes, aber trotzdem noch schönes Gesicht eingeblendet wurde, sprang ich langsam in die Luft und erhob mich bis zum Kreuz, das über dem Altar hing. Dann gab es einen kurzen Schnitt und man sah mich blitzschnell auf den Anführer hinabstürzen und mit einem gezielten Karatetritt seine Maske vom Gesicht fegen. Es war Reinhard. Sein aufgeschwemmtes Gesicht sah so lächerlich aus und bildete einen solchen Kontrast zu der Furcht erregenden Holzmaske, dass die Menge in der Kirche auflachte. Auch Meite lachte erleichtert und man konnte ihr dabei in den Ausschnitt schauen.
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