Schätze aus längst vergangenen Kindertagen, Spieldosen, Puppen, Teddybären, Bilder an den Wänden, all das sollte für immer verloren sein? Sie liebte jedes einzelne Stück, verband unauslöschliche Erinnerungen mit ihnen. Hier war sie zufrieden, unbeschwert, bis zu diesem Herzzerbrechenden Augenblick vor vier Jahren, als zwei Polizisten vor der Tür standen, mit ernster Miene das Schreckliche vermeldeten.
„Ihre Eltern sind heute Morgen bei einem Verkehrunfall auf der Autobahn verunglückt. Ihr Vater starb noch an der Unfallstelle. Ihre Mutter wurde ins Allgemeine Krankenhaus gebracht!“ Ungläubig hatte sie die beiden Männer angestarrt. Sie wollte die Tür zuschlagen, alleine sein. Doch der ältere meinte, man würde sie ins Krankenhaus bringen, wenn sie das wolle. Sie war mitgefahren.
Mutter lag in Verbände gewickelt unter einem Sauerstoffzelt. Zischen und Klopfen erfüllte den Raum. Ein Gewirr von Schläuchen. Lebenserhaltende Infusionen, hoffte Isabelle. Unablässig streifte sie über die blasse Hand der sterbenden Frau. Kalt lag sie regungslos auf dem Laken.
„Mutter, kannst du mich hören. Ich bin es, deine Isabelle. Komm mach die Augen auf, schau mich einen Moment lang an, bitte Mutter!“
Schluchzend wandte sie sich an den eintretenden Arzt. „Wird sie überleben? Mutter ich brauche dich! Lass mich nicht allein!“
Stunden waren vergangen. Isabelle war auf dem unbequemen Stuhl eingenickt. Monotone Signale der Apparaturen. Irgendwann, nach Mitternacht schreckte sie auf.
„Isabelle“, hörte sie die flüsternde Stimme.
„Mutter, bist du wach. Kannst du mich hören?“
Sie blickte in gebrochenen Augen einer sterbenden Frau. Die Lider flatterten. Mühsam hob Mutter die blasse Hand an die Wange ihrer geliebten Tochter, lächelte. Ihre Finger berührten sich erst zaghaft, dann immer heftiger. Ein verzweifelter Kampf. Sie fühlte, dass Mutter ihr etwas sagen wollte. Die Lippen formten sich zu Worten, kaum hörbar, schließlich doch verständlich.
„Isabelle, du musst stark sein. Du schaffst es mein Kind. Paris. Suche Marie-Louise de Valloir. Sie ist…. «
Kraftlos sank die sterbende Frau in die Kissen zurück. Nach wenigen Augenblicken erfüllte ein starrer Pfeifton den Raum. Fassungslos starrte Isabelle auf den Monitor.
„Jetzt bin ich alleine, habe keinen Menschen mehr, der mich liebt“, wimmerte sie kaum hörbar. In ihrem Kopf hämmerte Enttäuschung, Kummer, Verzweiflung. Ein heftiger Schmerz erfüllte ihre Brust, breitete sich langsam in ihrem ganzen Körper aus. Regungslos starrte sie aus dem Fenster. Der Mond stand am tiefblauen Himmel, tröstend, unbeirrbar.
Ein entsetzlicher Schock
Nachdem der erste Schmerz etwas nachgelassen hatte, beauftragte Isabelle einen Detektiv, sich nach besagter Marie-Louise de Valloir zu erkundigen. Der Mann wurde tatsächlich fündig. Ein ausführlicher Bericht folgte.
„Marie-Louise Dubois, geborene de Valloir, stammt aus adeligem Hause. Eltern bewohnen ein wunderbares Anwesen in der Nähe von Paris. Die genaue Adresse war angegeben. Seit vierzehn Jahren mit einem gewissen Alain Dubois, Oberprokurist der Firma Bernard Villot, verheiratet. Wohnadresse und einige Photos lagen bei. Zum Abschluss standen noch andere Namen und Adressen. Freunde oder Bekannte der Dame. Bei diesen Leuten verkehre sie regelmäßig.
Wer war diese Frau? Was meinte Mutter mit ihren letzten Worten. Noch nie hatte sie diesen Namen vorher gehört. Neugierig durchstöberte sie den Sekretär des Vaters. In einem, mit zusätzlichem Schlüssel versperrtem Fach, fand sie schließlich ein versiegeltes Kuvert.
Ich, Marie-Louise de Valloir, gebe mein Kind unmittelbar nach der Geburt zur Adoption frei. Vater unbekannt. Vor dem Pflegschaftsgericht bestätige ich, dass mein Kind von dem Ehepaar Dr. Anton Steiner und Frau Regine Steiner adoptiert wird. Jede Menge Stempel und Unterschriften besiegelten den Vertrag.
Erschüttert, völlig verwirrt, las Isabelle damals diese Zeilen immer und immer wieder. Warum hatten ihr die Eltern nie ein Wort gesagt? Hofften sie, sie würde es nie erfahren? Wollten sie ihr diesen Schmerz nicht antun, der sie nun mit doppelter Wucht traf. Nächtelang lag sie wach, fühlte sich verraten, im Stich gelassen, betrogen. Kein Mensch war da, dem sie ihr Herz ausschütten konnte. Keiner der zahlreichen Bekannten, der vermeintlichen Freunde ihrer Eltern, hätte für ihr seelisches Dilemma Verständnis gehabt.
Langsam realisierte sich der Plan. Sie musste nach Paris reisen, musste die Person kennen lernen, die sie damals vor mehr als achtzehn Jahren buchstäblich verschenkt hatte, wie ein Schachtel Bonbons, ein wertloses Spielzeug.
Vielleicht würde sie ja jetzt, nach so langer Zeit, eine vernünftige Frau antreffen, mit der sie eine neue Lebensplanung ausarbeiten könnte. Vielleicht würde sie nach Paris übersiedeln, um an der Sorbonne ihre Studien zu beenden. Wer weiß, was das Schicksal möglicher Weise alles mit ihr vorhatte.
So war sie damals vor vier Jahren nach Paris gefahren, hatte eher zufällig von dem Osterfest bei den Montinacs auf Schloss Vallouchon erfahren. Als Aushilfsküchenhilfe war sie ohne Probleme eingestellt worden, brauchte nur mehr zu warten, bis die Gäste eintrafen. Dann hatte sie ihre leibliche Mutter zum ersten Mal gesehen. Anfänglich von ihrem entzückenden Äußeren begeistert, konnte sie kaum an sich halten sich ihr zu nähern. Doch schon nach kürzester Zeit erkannte sie, dass diese Frau mit ihren glorifizierten Vorstellungen soviel gemeinsam hatte, wie ein Riesenkrake mit einem Schoßhündchen. Marie-Louise war der Inbegriff eines männermordenden Ungeheuers. Ihr Ehemann hingegen war reizend, charmant und mehr als zuvorkommend. Er schien Höllenqualen zu leiden neben diesem zauberhaften, zierlichen Vamp, der Männer jeder Altersklasse zum Frühstück, zum Mittagmahl und zum Abendessen verschlang, wie luftiges Parfait. Isabelle hatte Mitleid mit dem liebenswürdigen, geduldigen Mann, wenngleich sie ihn für einen ziemlichen Waschlappen hielt, der eigentlich überhaupt keine Gnade verdiente. Die sogenannte Mutter hatte sie bereits nach den ersten vierundzwanzig Stunden wieder seelisch entsorgt. Doch Alain wollte sie unbedingt näher kennen lernen. Womöglich war er ihr Vater, oder wusste zumindest irgendetwas, was ihr auf die Sprünge helfen konnte. Denn medizinisch gesehen war es nun einmal eindeutig. Sie wurde gezeugt, von wem auch immer. Eine unangefochtene Tatsache.
„Was macht diese Person in meinem Haus! Kannst du mir das erklären!“ Um elf Uhr morgens, am Dienstag nach Ostern, war Marie-Louise damals plötzlich mitten im Wohnzimmer gestanden, hatte Alain mit funkelnden Augen angekeift.
„Du hast dich ja schnell getröstet, mein teurer Gatte. Nimmst dir ein junges Flittchen ins Haus, während ich mich vor meinen Freunden bemühe, eine plausible Ausrede für dein brüskierendes Verschwinden zu konstruieren!“
Isabelle, in Marie- Louises Morgenmantel gehüllt, etwas strubbelig, doch bestens gelaunt, hatte Mühe das Tablett mit dem Frühstückskaffee nicht fallen zu lassen. Alain stand völlig hilflos da. Vergeblich versuchte er den aufgebrachten Wortschwall seiner Gattin zu unterbrechen. Ein aussichtloses Unterfangen. Madame stob wie eine Furie durch das Haus. Für sie war die Situation völlig eindeutig. Sie riss einige Koffer aus dem Garderobenschrank, kippte etwa fünf Dutzend Schuhe vor sich auf den Boden, fegte in die obere Etage, schmetterte eine Gemeinheit nach der anderen durch die weitläufigen Räume.
Isabelle hatte die Szene damals beinahe belustigend gefunden. Als Marie Louise mit einem riesigen Berg Klamotten die breite Treppe wieder heruntertorkelte, stellte sie sich ihr in den Weg.
„Madame, nur einen Augenblick. Bitte.“ Ein vernichtender Blick stampfte sie in den Boden, doch Isabelle sprach laut und deutlich weiter.
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