Bemerkenswert ist, dass Wolfgang Hohlbein für seine umfangreichsten Bücher verhältnismäßig gesehen die wenigste Zeit braucht. Das heißt, je dicker der Roman, desto höher das Schreibtempo.
Das gilt beispielsweise für den Roman “Unterland”. Er geht auf eine Idee Heike Hohlbeins zurück. Wolfgang Hohlbein war damals nicht besonders angetan von dieser Vorstellung einer lokal genau definierten und historisch begründeten unterirdischen Zweitwelt. Aber seither war die Idee im Raum und konnte langsam heranreifen. Als der Ueberreuter Verlag wieder einen originellen Roman von ihm erwartete, erinnerte er sich an diese Idee, wonach alles sehr schnell ging. In weniger als drei Monaten schrieb Wolfgang Hohlbein über tausend Manuskriptseiten.
Scheitern in der Unendlichkeit
Bei den rund 200 Büchern Wolfgang Hohlbeins stellt sich immer wieder die Frage nach der schwankenden Qualität. Nicht jedes Buch kann so begeistern wie die Hohlbein-Highlights. Daher musste er sich oft den Ratschlag anhören, sich doch einmal für das kommende Buch mehr Zeit zu nehmen. Er hat es versucht. Ernsthaft und mehrfach. Doch das Ergebnis ist ernüchternd. Lässt sich Wolfgang Hohlbein für seine Bücher mehr Zeit, so werden sie nicht besser, sondern länger, nicht literarischer, sondern wuchtiger. Und gerade der gelegentliche Kontrollverlust über die zahllosen Roman-Figuren verstärkt sich und ausufernde Kampf- und Verfolgungsszenen driften noch weiter ab in die Finsternis fremder Welten. Durch aufgezwungene Geduld und Muße werden also bestehende Schwächen des Erzählers Wolfgang Hohlbein gravierender. Statt konzentrierter, dichter, knapper zu schreiben, lässt es Wolfgang Hohlbein noch mehr laufen – nicht immer zur Freude der Leser. Daher lässt er die Finger von solchen vergeblichen Versuchen der Qualitätssteigerung und macht immer wieder das, was er am besten kann. Aber auch hier kann es zu Fehlschlägen kommen, wie sein aktuelles und gescheitertes Großprojekt von 2011 „Infinity – Der Turm“ zeigt. „Ich hatte den Eindruck, dass hier wahllos Fragmente zusammengeschustert worden sind, die hinterher irgendwie eine zusammenhängende Story ergeben sollten. Im Gegensatz zu ‚Der Greif‘ konnte ‚Infinity‘ nichts mehr herausreißen. Vieles wirkte auf mich unschlüssig und mehr als einmal blieben beim Lesen der Passagen offene Fragen“, schreibt eine amzon-Kritikerin treffend.
Der dunkle Teil der Seele
Neben seinen verschiedenen Buchprojekten kümmerte sich Wolfgang Hohlbein auch um seine Helden. So übersetzte er u.a. C.S. Lewis’ Narnia-Chroniken neu. Außerdem betätigte er sich als Herausgeber, was zu einem Gipfeltreffen der Schauergeschichte führte. H. P. Lovecraft, der Meister des klassischen Horrors und Wolfgang Hohlbein, sein bedeutendster und erfolgreichster deutschsprachiger Nachfahre, bilden eine lesenswerte Mischung. Wolfgang Hohlbein, der Lovecrafts Cthulhu-Mythos fortgeschrieben hat, stellte für das Buch “Horror”, das 2008 bei S. Fischer erschien, die besten und wichtigsten Erzählungen Lovecrafts zusammen und kommentierte sie. Das Buch ist geeignet für Einsteiger in das Werk des Mannes, der Autoren von Stephen King bis Michel Houellebecq geprägt hat. Und interessant für alle eingeweihten Fans, die hier den persönlichen Zugang eines der meistgelesenen deutschen Autoren zu Lovecraft kennenlernen können. Was Wolfgang Hohlbein im Vorwort über Lovecraft schreibt, sollt idealerweise auch für Hohlbein-Texte gelten: „Die Faszination, die von seinen Werken ausgeht, lässt sich schwer in Worte und möglicherweise gar nicht in Bilder fassen. Seine Geschichten berühren etwas in uns, vielleicht eine Urangst, die wir alle tief in uns tragen und die uns an Dinge erinnert, an die wir nicht erinnert werden wollen, vielleicht den dunklen Teil unserer Seele.“
Teil Zwei: Motive von ANDERS bis WASP
Die Fülle der Motive in Wolfgang Hohlbeins Werk ist kaum überschaubar. Hier können nur die wichtigsten Themen vorgestellt werden.
Fast jeder phantastische Roman Wolfgang Hohlbeins baut eine oder mehrere Parallelwelten auf. Besonders eindrücklich manifestiert sich eine Parallelwelt im bereits erwähnten Roman “Unterland”. Als Heike und Wolfgang Hohlbein anlässlich einer Einladung durch den Ueberreuter Verlag sich etwas mehr Zeit als üblich nahmen, um die Stadt Wien zu besuchen, waren sie beeindruckt von den riesigen Gewölben, den Katakomben unter dem Stephansdom, insbesondere von den Pestgruben, in die früher die Opfer der Seuche hineingeworfen wurden. Es ist historisch belegt, dass manchmal die Pestgruben missbraucht wurden, um darin auch lebende Menschen verschwinden zu lassen, die mächtige Feinde hatten. Aus dieser Beobachtung entwickelte Heike Hohlbein eine Roman-Idee, die ihren Mann zunächst nicht überzeugte. Aber wenige Jahre später fand auch er den Einfall interessant. Er gründet - wie so oft bei den Hohlbeins - in der Frage: “Was wäre wenn ...?”
Was also könnte geschehen sein, wenn es einigen der Überlebenden in den Gruben gelungen wäre, sich dort unten anzusiedeln und eine eigene Kultur herauszubilden, die mit der Zeit völlig vergessen hat, dass es eine Welt über ihnen gibt? Um dieses Szenario zu entwickeln bedarf es selbstverständlich phantastischer Elemente, denn rational ließe sich eine solche Unterwelt nicht behaupten.
Parallelwelten bilden die Kontinuität in Wolfgang Hohlbeins Werk, das der Autor selbst als frei von modischen Strömungen definiert.
Die Frage, “was wäre, wenn?” lässt sich immer stellen. Sie wird von den Hohlbeins unabhängig vom Zeitgeist gestellt, weshalb diverse Themen keiner Chronologie folgen. Verschiedenste Erzählmotive tauchen im Werk der Hohlbeins in allen Jahrzehnten auf. Die Frage ist zeitlos. Sie macht Unmögliches möglich. Sie erlaubt, Dinge jenseits der Vernunft und strapaziert manchmal die Vorstellungskraft.
Manche Anfänge der Hohlbein-Romane sollten einmal in einer Anthologie zusammengefasst werden, denn sie sind oft so originell, dass man weiterlesen will, um die Hintergründe oder die Ursachen der Ausgangkonstellationen zu verstehen. Bemerkenswert ist der Auftakt in “Raubkopie”: Wir befinden uns mit der jungen Heldin im Krankenhaus, wo sie nach vier Jahren Koma erwacht. Gleich zu Beginn zeigt Wolfgang Hohlbein seine Flexibilität als Autor. Einfach und präzise schildert er das ungewöhnliche Setting, den gerätemedizinischen Alltag in der Klinik. Und unmerklich führt er die Leser hinaus in eine bedrohlich wirkende Welt, deren Vorhandensein nach den Ereignissen um das Schaf “Dolly” immer wahrscheinlicher erscheint.
Die junge Frau erfährt, dass sie einen Autounfall hatte, dass sich ihr Mann in der Zwischenzeit hat scheiden lassen und eine andere geheiratet hat. So etwas kennt man aus anglo-amerikanischen Filmen, allerdings wurde “Raubkopie” schon 1985 veröffentlicht. Das Unbegreifliche bricht erst jetzt in die bis dahin noch möglich, ja fast vertraut erscheinende Situation ein: Heimlich verlässt die junge Frau die Klinik, um ihren Ex-Mann zu treffen. Da entdeckt sie, dass seine zweite Frau ihr wie eine Zwillingsschwester gleicht. Sie recherchiert und erfährt, dass es sich nicht um eine zufällige Ähnlichkeit handelt, sondern ihre Nachfolgerin ein geklontes Wesen ist. Man hat sie im Labor neu geschaffen und mit einigen Eigenschaften ausgestattet, die sich ihr Mann zusätzlich gewünscht hat.
Bei der jungen Heldin - und bei den Lesern - sitzt der Schreck tief. Die neue Rivalin ist wie sie selbst und noch ein bisschen besser - zumindest aus der Perspektive ihres Ex-Gatten. Wolfgang Hohlbein lässt nicht locker. Er verfährt, wie es von Drehbuchautoren erwartet wird: Beginne den Film mit einer (emotionalen) Explosion und steigere dann langsam Action und Spannung. Also hat die junge aus dem Koma erwachte Frau den Schock ihres Lebens noch vor sich. Der tritt ein, als sie vier Jahre alte Fotos von ihrer eigenen Beerdigung entdeckt. Lag sie nicht vier Jahre im Koma? Endlich begreift sie, dass auch sie selbst nur geklont ist. Wolfgang Hohlbein gestaltet den Fortgang so, dass sich die um ihre Identität betrogenen Frauen gegen den (Ex-) Mann solidarisieren.
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