Da war einerseits die Lust, die Verlockung, das Talent, das geliebte Hobby - das Schreiben.
Da war andererseits der verhasste Job, das Absitzen der Bürostunden, selbstentfremdete Arbeit, die aber finanzielle Sicherheit bot.
Hier die Leidenschaft, da die Spießigkeit. Hier die Kopfreisen durch fantastische Welten, da die von der Stechuhr dominierten Niederungen eines mit Formularen überhäuften Schreibtischs. Hier der sich selbst verwirklichende freie Schriftsteller, da der leidende und im stumpfen Alltag gefangene Industriekaufmann.
Mehrere Jahre lang lebte Wolfgang Hohlbein nachts in kreativer Freiheit, tagsüber in Bürogefangenschaft. Die Erholungsphasen wurden immer kürzer. Der Schlafmangel wuchs. Die Leistungsfähigkeit bei der Speditionsfirma ließ nach. Das konnte nicht ewig so weiter gehen. Alle spürten das: Heike Hohlbein, die Kinder, der Arbeitgeber und zuallererst Wolfgang Hohlbein selbst.
Die Erinnerung Wolfgang Hohlbeins an diese Zeit ist ein besonderer Moment des langen Gesprächs bei ihm zu Hause in Neuss: “Ich habe hier in der Nähe gegenüber einer Tankstelle gewohnt. Abends habe ich da oft eine Flasche Cola und Zigaretten geholt. Ich musste nur über die Straße. Da habe ich mich irgendwann gefragt: ‘Das soll jetzt dein Leben sein? Dass du abends zur Tanke gehst und morgens in der Früh ins Büro?’ Ich habe nachts in meiner kleinen Fantasiewelt gelebt. Aber schon um zehn nach Acht habe ich im Büro gedacht: ‘Wie viele Minuten muss ich noch in der Firma sein?’ Ich wollte zurück in meine Fantasiewelt. Ich habe mich schon als grauhaariger Mann gesehen, der abends eine Flasche Bier aufmacht und Sportschau guckt. Päng.”
Wolfgang Hohlbein macht eine Pause. “Ich hätte mich damals erschießen können. Das ist nicht witzig gemeint. Ich habe dann gesagt, gut, ich versuche es noch mal.”
Wieder eine Pause.
“Das ist kein dummer Spruch. Ich habe mit dem Menschen, der ich vorher war, gar nichts mehr zu tun. Nur meinen Namen habe ich behalten. Ansonsten bin ich ein vollkommen anderer.”
Wolfgang Hohlbein schaut sehr streng und ernst. Die Suizidgedanken von damals erinnern an Lebensläufe anderer Autoren, die aus Krisen zu Schriftstellern werden. Er trinkt einen Schluck Kaffee und zündet sich eine weitere Zigarette an. “Ich hätte auf jeden Fall etwas anderes gemacht. Es gab ein Angebot von der Stadtbücherei, Leuten Bücher nach Hause zu bringen und sie wieder abzuholen. Ein merkwürdiger Job. Trotzdem habe ich ernsthaft überlegt, das zu machen, nur um aus diesem Büro-Trott herauszukommen.”
Bei vielen Schriftstellern, die beschließen, ihre bürgerliche Existenz hinter sich zu lassen, gibt es diesen Moment. Aber selten sprechen sie so offen über ihn wie Wolfgang Hohlbein. Und nicht immer ist der Augenblick so radikal wie an der Tanke von Neuss.
“Dieser Moment an der Kasse der Tanke, das war der spezielle Augenblick. Da ist es passiert. Wenn er sich nicht da ereignet hätte, wäre später irgendetwas passiert.”
Die Entscheidung wird letztlich auch von seiner Frau getragen. Auf die Frage, wie stark Heike Hohlbein ihn beim Schreiben beeinflusst, gibt Wolfgang Hohlbein unumwunden zu: “Sehr stark.” Deshalb sei es auch mehr als gerechtfertigt, dass ihr Name auf vielen Buchumschlägen steht. Die Bücher gäbe es ohne sie nicht. Das Ehepaar ergänzt sich, weil Wolfgang stärker die abenteuerlichen Aspekte und die Spannungselemente beherrscht, während Heike mehr vom Märchen kommt. Wolfgang Hohlbein alleine gelänge die Mischung aus Abenteuer und Märchen nicht so, wie sie im Teamwork zustande kommt.
Bei aller Kooperation mit seiner Frau: Wolfgang Hohlbein ist der Schreiber. Er ist derjenige von den beiden, der sich hinsetzt und die Worte auf das Papier bringt, in den Computer tippt, mit besonderen Stiften auf elektronische Mattscheiben schreibt oder in hochtechnisierte Aufnahmegeräte diktiert.
Heike Hohlbein verfasst selten selbst Texte. Sie bringt sich im Gespräch mit Wolfgang Hohlbein ein. Sie hatte den wunderbaren Einfall zum Wort “Märchenmond” und hält immer die Augen offen, wo sich mögliche Stoffe für einen neuen Hohlbein-Roman bieten.
Wieder anders gestaltet sich die Zusammenarbeit mit seinem Schulfreund und heutigen Autor und Agenten Dieter Winkler. Vor allem bei der “Enwor”-Saga ist es so, dass der eine die Rohfassung eines Teiles schreibt. Ohne Rücksicht auf Details. Wolfgang Hohlbein spricht von “runterfetzen”. Nicht „schreiben“, sondern „tippen“ könnte man sagen. Bei diesem ersten Wurf geht es nur darum, dass man die Idee erkennt. Es ist eine Skizze, über die dann der andere “herfällt” und den Text lesbar macht. Das wechselt hin und her, weil manchmal Wolfgang Hohlbein mehr Lust hat, etwas zu überarbeiten, manchmal Dieter Winkler. Fast traurig ist Wolfgang Hohlbein, wenn der Text schon in seiner ersten Fassung so gelungen ist, dass er kaum noch Verbesserungen daran vornehmen kann.
Aber solche Kooperationen sind die Ausnahme. Wolfgang Hohlbeins Solo-Arbeit findet sehr selten mit Exposés statt. Falls er wirklich mal eines vorliegen hat, dann entspricht das Endprodukt fast überhaupt nicht mehr der im Exposé geplanten Geschichte.
Die Anfangsideen Wolfgang Hohlbeins haben normalerweise auf einer Viertelseite Platz. Es sind Initialzündungen, originelle Einstiege in phantastische Welten, die sich später so vielfältig verzweigen werden.
Am Anfang hat Wolfgang Hohlbein also meist nur einen Arbeitstitel, der sich dann oft bewährt und stehen bleibt. Hinzu kommen einige mögliche Einstiegssätze und einige Stichworte, in welche Richtung sich die Geschichte bewegen könnte. Bemerkenswert ist, dass ein kleiner Teil dieses kargen Gerüsts das Ende bildet. Wolfgang Hohlbein weiß fast immer von Anfang an, wie der Schluss seiner Geschichten aussehen wird. Das gibt ihm den Halt, mit aller Kraft loszulegen. Es ist meist ein wildes Schreiben, überbordend und voller Imaginationskraft, das seine Leser und ihn selbst so fasziniert.
Wolfgang Hohlbein unterteilt seine Geschichten in zwei Kategorien. Da sind einerseits Texte, die er schreibt, weil er damit Geld verdient. Selbstverständlich verdient er mit all seinen veröffentlichten Geschichten Geld, aber manche entstehen als Auftragsarbeiten in enger Absprache mit den Verlagen.
Die andere Kategorie der Hohlbein-Texte besteht aus Eingebungen. Da sind Storys, die kommen irgendwo her - das ist die berühmt berüchtigte Inspiration - und wollen einfach raus. Dann setzt sich Wolfgang Hohlbein hin und schreibt bis zu 16 Stunden am Tag. Und das mehrere Tage hintereinander. Das geht schnell und erreicht eine hohe Intensität. Und diese Heftigkeit, mit der die Phantasien Wolfgang Hohlbeins den Weg auf das Papier finden, merkt man manchmal den Texten an. Müßig zu sagen, dass viele große Werke der Literatur dank solcher Eruptionen entstanden sind: Jean Cocteaus “Kinder der Nacht” ebenso wie Jack Kerouacs “On the Road”. Literarisch und wirkungsgeschichtlich können Hohlbeins Romane natürlich nicht mit den oben genannten verglichen werden. Das mag auch damit zusammenhängen, dass Wolfgang Hohlbein sich keine Pausen gönnt. Er hält nicht inne. Er erlaubt sich keine Zeit des Schweigens oder der Stille. Es scheint kaum Phasen in seinem Leben zu geben, in denen sich etwas aufstauen könnte. Wie auch? Wolfgang Hohlbeins “furor scribendi” ist von einer erstaunlichen Kontinuität. Dies ist für das Verständnis des Phänomens Hohlbein ein wichtiger Punkt. Wir sitzen am massiven Wohnzimmertisch im Hohlbein-Heim in Neuss. Ob es das nie gab? Einen writer’s-block? Eine Schreibblockade? Eine lange Auszeit?
Es könnte sie geben und es gab sie ansatzweise, gesteht Wolfgang Hohlbein ein. Am gefährlichsten sind Zeiten, in denen er alleine zu Hause ist. Wenn Heike Hohlbein auf Kur ist und die Kinder und Enkelkinder im Urlaub und keine Abgabetermine drohen – was ja ohnehin fast nie der Fall ist -, öffnet sich Wolfgang Hohlbein öfter als sonst ein Bier, reduziert den Kaffee- und erhöht den TV-Konsum. Dann kann es schon mal vorkommen, dass er einige Tage vor der Glotze versumpft. Er lässt sich einlullen von Filmen, die ihm normalerweise als Inspiration dienen. Es ist, als würde das Kraftwerk Hohlbein plötzlich stillstehen. Antriebsschwach, strom- und ziellos sitzt Wolfgang Hohlbein alleine zu Hause und die Produktion liegt lahm. Nach kurzer Zeit aber wird klar, dass dieser Zustand sich verschlimmert und unerwünscht ist. Wolfgang Hohlbein fühlt sich viel besser, wenn er etwas schafft, wenn er eine seiner eigenen Fantasiewelten zu Papier bringt. Das tut ihm gut, das macht ihn glücklich. Aktivität statt Passivität. Weil er das genau weiß, gibt es solche Durchhänger nur sehr selten.
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