Eigene Vorgaben für diese Nacherzählung:Mein Ziel war es nun, die Odyssee vollständig und in „schlanker“ Prosa nachzuerzählen – immer mit der Vorgabe, die Auffassung und den Aufbau Homers nicht allzu sehr anzutasten. Das enthebt mich auch einer Konkurrenz mit Wolfgang Schadewaldt, der seine herausragende Übersetzung von 1958 bzw. 1965 zwar „von dem regulären Hexameter befreite“, aber mit seiner „gedankenrhythmischen Prosaform“ nicht auf den „poetischen Grundgehalt Homers“ verzichten wollte.
Aus den 24 lyrischen Gesängen habe ich also 24 Prosakapitel samt jeweils ihnen vorangestellten Überschriften entwickelt. Das Original hat keine. Voß und auch Schadewaldt leiteten die Gesänge aber immerhin mit kurzen Zusammenfassungen ein, so dass meine als Orientierungshilfen gedachten Überschriften eine gar nicht so große Eigenmächtigkeit darstellen.
Die Namen sind in der Regel der originalen Lautierung entlehnt, allerdings mit einigen Ausnahmen: So heißt es z.B. bei mir, wie auch schon bei Schwab, anstelle von Telemachos „Telemach“. Telemach ist in der Odyssee im Übergang vom Jugendlichen zum Erwachsenen, und die Endung ‘os’ gibt m.E. seinem Namen im Deutschen zuviel Gewicht. (Außerdem ließ mich die Bildung des Genitivs bei den vielen ‘s’-Endungen der griechischen Namen ohnehin oft genug in Verzweiflung geraten.). Den griechischen Laut „Ai“ ersetzte ich nur bei traditionell eingedeutschten Orts- bzw. Landesbezeichnungen wie Ägypten durch ein „Ä“.
Das gemeinsame Essen, das Opfern für die Götter und ähnliches habe ich schon allein wegen des sonst fehlenden Lokalkolorits nicht weggekürzt, aber im Gegensatz zum Original eben nur einmal ausführlich im Text beschrieben belassen. Ähnliches gilt für die Anspielungen auf andere Sagenkreise, nicht zuletzt für die Vorgeschichte der Odyssee: Die Ilias.
Editorische Hinweise:
Neben den bekannten Vorteilen von E-Books gibt es leider auch einige Einschränkungen:
• In den Printausgaben meiner Nacherzählung sind auch drei Fußnoten, die in dieser E-Book-Ausgabe nur bedingt nachvollzogen werden können. Sie sind im Vorwort s.o. gleich unter das Zitat und im 1. Kapitel ans Kapitelende gesetzt worden.
• In den Printausgaben sind zudem die Absätze durchgehend im Blocksatz, d.h. zugleich links- wie rechtsbündig, und Überschriften mittig bzw. zentriert gesetzt. Dieser Vorgabe unterliegt auch mein Manuskript für dieses E-Book. Doch der Ersteller neobooks wandelt mein komplettes Manuskript - Absätze wie Überschriften - automatisch in einen linksbündigen Satz um, mit dem Argument, dass die Leser auf ihren Readern unterschiedliche Schriftgrößen vorgeben und so unschöne Lücken entstehen könnten. Neuere Reader sollen zudem über entsprechende Einstellmöglichkeiten verfügen, ggf. auch den Blocksatz für einen Text nachträglich vorzugeben.
• Das Stichwortregister im Anhang musste in ein Stichwortverzeichnis für handelnde Personen, Orte und andere Begriffe umgewandelt werden, das zu den Stichworten zwar noch die gleichen zusammenfassenden Erinnerungshilfen bietet, aber eben keine Angaben mehr zu Seitenzahlen machen kann, wo diese Begriffe im Buch auftauchen.
Seit das homerische Gelächter zum ersten Mal erschallte, sind viele hundert Jahre vergangen. Neues bedarf der Kenntnis des Alten – ich wünsche dazu viel Vergnügen!
Ulrich Karger, Berlin 2015
Ob ein Menschenleben alterssatt oder durch einen Schwertstreich in der Blüte seiner Jugend beendet wurde, unterlag allein den Launen der drei Moiren[1]. Diese Göttinnen zogen Fäden und verwebten sie zu Mustern, die keinem Gesetz, schon gar nicht dem Gesetz der Schönheit unterworfen waren. Aber gemäß den Linien ihres Musters kreuzten sich die Lebenswege, verbanden und umschlangen sich oder strebten auseinander. Mal waren die Fäden lang, wurden zu ihrem Ende hin immer dünner, bis sie schließlich nur noch in einer Faser endeten, oder sie waren kurz, der Faden schien gerade an seiner kräftigen Mitte gerissen zu sein. Da half kein Fluchen und kein Bitten und Betteln, dem Willen der Moiren konnte sich niemand entziehen.
Fast zwanzig Jahre war es her, dass Odysseus in den Krieg gegen Troja gezogen war. Fast zehn Jahre war es her, dass Odysseus mit einer List diesen Krieg siegreich beendet hatte.
Alle Helden, die dem Schlachtfeld oder dem Sturm auf der Heimfahrt entkommen waren, lebten, glücklich oder unglücklich, bereits geraume Zeit wieder auf ihren eigenen Gütern.
Odysseus jedoch, der Sohn des Laërtes[2] war noch immer nicht in seinem Königreich Ithaka. Die göttliche Nymphe Kalypso hielt ihn seit Jahren auf ihrer Insel gefangen. Sie umschmeichelte Odysseus, versprach ihm sogar ewige Jugend und Unsterblichkeit, damit er Ithaka und seine geliebte Frau Penelope vergesse. Doch das alles lockte ihn nicht mehr. Odysseus wollte endlich in die heimatlichen Gefilde zurückkehren, auch wenn seine Frau und sein Kind ihn vielleicht längst tot glaubten.
Alle Götter und Göttinnen im himmlischen Olymp bedauerten Odysseus. Alle, bis auf Poseidon.
Denn es war der Meeresgott, der seiner Wut freien Lauf gelassen und Odysseus auf seinen Wassern hin und her geschleudert hatte. Dass Odysseus überhaupt noch lebte, war ganz gewiss nicht der Milde dieses Gottes zu verdanken. Doch die Moiren, die Göttinnen des Schicksals, hatten es anders bestimmt. Sie waren es auch, die Poseidons Augenmerk jetzt auf die Küste der sanften Aithiopen lenkten. Würde doch kein olympischer Gott ohne Not ein ihm geweihtes Opfer verschmähen. Und die Aithiopen brachten Poseidon ein wahrlich großes Opfer an Stieren und Schafböcken dar. Dieses Opfermahl vermochte nun eine andere Göttin zu nutzen, um sich des traurigen Geschickes von Odysseus anzunehmen.
Pallas Athene, die Göttin der Weisheit schätzte den Helden Odysseus sehr. Neben seiner nicht geringen Körperkraft wusste er seinen listenreichen Verstand als Waffe einzusetzen, und vor einer Unternehmung widmete er zumeist ihr seine Gebete und Opfergaben – ihr, Pallas Athene, der dem Kopf des Zeus entsprungenen Tochter.
Zeus schüttelte gerade, wie so oft, seinen Kopf über die Kurzsichtigkeit der Menschen. Er erinnerte die Götterrunde an die Mörder des Heerführers gegen Troja. Ließen sie sich etwa von ihrer Schandtat abhalten, obwohl sie vom Götterboten Hermes gewarnt worden waren? Als sie dann aber die Rache des Orestes ereilte, jammerten sie, die Götter seien an allem Übel schuld. Bevor Zeus jedoch auf ein Neues ausholen konnte, unterbrach ihn Athene: „Die Mörder Agamemnons haben ihre Strafe mehr als verdient. Wie aber steht es mit Odysseus? Warum hast du kein Mitleid mit ihm, Vater? Hat er uns Göttern an Trojas Strand zu wenig geopfert? Oder warum verfolgst du ihn mit deinem Zorn?“
Zeus antwortete: „Mein Kind, weder verfolge ich Odysseus noch habe ich seine Opfergaben für uns Himmelsbewohner vergessen. Es ist mein Bruder Poseidon, der immer noch gegen Odysseus wütet, weil dieser vorzeiten seinen Sohn Polyphem geblendet hat.
Aber du hast Recht, wir sollten jetzt die Heimkehr dieses unglücklichen Menschen beschließen. Poseidon muss sich endlich wieder beruhigen, und dem Willen von uns allen kann auf Dauer selbst er nicht widerstehen.“
Auf dieses Stichwort hatte Athene nur gewartet: „So lasst uns Hermes zur Insel Ogygia senden, damit er der Nymphe Kalypso unseren Ratschluss mitteilt. Ich aber will in Ithaka nach dem Rechten sehen.“
Schon hatte die Göttin ihre goldenen Sandalen festgeschnürt, mit denen sie wie der Wind über die endlosen Weiten von Wasser und Land jagen würde. Dann nahm sie den gewaltigen Speer mit der eisernen Spitze in ihre mächtige Faust und schwang sich vom Gipfel des Olymp hinab.
***
Telemach saß verzweifelt in einer Ecke des königlichen Hofes.
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