Unterdessen richtete Stephens OP-Schwester den Tisch steril an. Es passte Michael überhaupt nicht, dass Stephen seine eigenen Leute aus New York mitgebracht hatte. Aber Stephen bestand auf seine eigene OP-Schwester und seinen eigenen OP-Springer. Auch sein eigenes Instrumentarium hatte er mitgebracht. Stephen hasste es, wenn ihm unvertraute Instrumente in der Hand lagen. Mit einer Mayfield-Klemme fixierte der Springer den Kopf des Mannes am OP-Tisch. Als nächstes applizierte Stephen eine schützende Salbe auf die Augen des Patienten. Danach desinfizierte der Neurochirurg mit einem Tupfer in einer Kornzange das Gesicht des Mannes. Dazu war der Tupfer mit einer braunen Flüssigkeit getränkt, die Stephen immer wieder aus einem sterilen silberfarbenen Gefäß aufnahm. Braun getränkte Tamponaden wurden in beide Nasengänge eingelegt. Mit einem neuen, trockenen Tupfer reinigte Stephen das Gesicht von der braunen Flüssigkeit. Dann zog er die Tamponaden wieder aus den Nasengängen. Er legte OP-Mantel und Handschuhe an. Zusammen mit der OP-Schwester deckte er den Patienten mit einem grünen sterilen Tuch ab. Die Nase blieb frei. Der Neurochirurg schaltete sofort die Visualisierung über sein Opticus-Implantat ein. So sah er in seinem Gesichtsfeld sowohl das Gehirn mit dem Thalamus als auch das Implantat. Als erstes drang er mit einer langen Zange in den linken Nasengang ein und entfernte den Knochendeckel an der Schädelbasis. Anschließend löste er die harte Leichenhirnhaut, mit der er vor einer Woche das Gehirn verschlossen hatte. Eine noch längere Zange hatte ein Arbeitsende, das mit einer Glasfasernavigation geortet wurde. Der Neurochirurg konnte die Spitze dieses Instruments in seiner Opticus-Projektion visualisieren. Er drang mit dem Instrument über den linken Nasengang tief in das Gehirn des Patienten ein. Er sah, dass die Instrumentenspitze unmittelbar vor dem Implantat lag.
– Nicht ohne Sarkasmus schaltete sich Michael ein: „Über diesen Zugang haben die Ägypter das komplette Gehirn ihrer Pharaonen entfernt. Sieh zu, dass du nur das Implantat entfernst. Lass das Gehirn diesmal drin.“ – Michael lachte über seinen eigenen Witz.
Stephen konnte sich nicht konzentrieren. Behutsam zog er die Zange wieder aus dem Nasengang. Dann stand er ruhig von seinem OP-Stuhl auf, wandte sich zu Michael. Und brüllte so laut, dass es noch zwei Räume weiter durch die geschlossenen Türen zu hören war: „Raus!!!“
– Michael verstand, dass für ihn hier im Operationsaal kein Platz mehr war. Er verließ den Saal. Stephen nahm wieder Platz und setzte seine Arbeit fort. – „So ein Idiot“, dachte er laut.
„Er ist ein Genie“, schaltete sich eine der Frauen aus dem Sicherheitsdienst ein.
„Dann ist er eben ein genialer Idiot. Und jetzt ist hier Ruhe im Saal. Wer hier noch ein Wort quatscht, fliegt raus!“
– Der kräftige OP-Springer positionierte sich vor dem Sicherheitsdienst und ließ keinen Zweifel daran, dass er dafür sorgen würde, dass jetzt hier die Ruhe einkehrte, die der Neurochirurg einforderte.
Wieder führte Stephen die navigierte Zange unter visueller Überwachung der Instrumentenspitze ins Gehirn ein. Nach einigen wenigen kontrollierten Bewegungen des Instruments packte er mit der Zangenspitze zu. Langsam zog er das Instrument durch die Nase wieder heraus. An der Spitze befand sich der Chip, der im vorderen Teil wie faseriges blutrotes Fleisch aussah und im hinteren Teil aus einem kleinen schwarzen Kohlefaserkästchen bestand. Auf dem Kästchen stand in schmalen Lettern der Schriftzug „XEQ | Biophys. Impl. Inc. | San Francisco, CA“.
Wieder werde ich während meines nächtlichen Traums wach. Ich schalte die Leselampe neben meinem Bett ein und beuge mich über den Nachttisch. Da ist meine Uhr. Vier Uhr. Wieder vier Uhr. Ich drehe mich um. Johns Platz im Bett ist leer. Ich lege mich wieder zurück. Wieder dieser Traum. Aber ein Detail war diesmal anders. Wieder kam das Wasser aus einer gemauerten Wand. Wieder floss der Strom in trockenes Land. Wieder stand ich mitten im Strom. Doch diesmal ging mir das Wasser bis zu den Knien. Ich sehe alles aus dem Traum ganz klar vor mir. Ganz intensiv. Ganz deutlich. Irgendwie wunderbar und unerklärlich. – Ich drehe mich im Bett, hin zu Johns Seite. Warum träume ich schon zum zweiten Mal diesen Traum? Was hat er zu bedeuten?
– Jetzt kann ich einfach nicht mehr schlafen. Es hat keinen Zweck, es noch einmal zu versuchen. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Draußen ist noch dunkle Nacht. Vielleicht hilft jetzt eine heiße Milch? Ich tue, was ich immer tue, wenn ich nachts nicht schlafen kann: ich greife zu meiner Bibel. Sie steht gegenüber vom Herd im Küchenregal. Wahllos schlage ich sie auf. Da. 2. Mose 3,5: Gott sprach: Tritt nicht herzu, ziehe deine Schuhe von deinen Füßen; denn der Ort, darauf du stehst, ist heiliges Land. – Ja, in meinem Traum trug ich auch keine Schuhe. Die Frage wäre dann nur: stehe auch ich auf heiligem Land? Ich lächele. Das alles kann ich nicht zuordnen. Erstaunlicherweise fühle ich mich mit diesem Wort aus der Bibel schon besser. Allein, die Bibel in der Hand zu halten, macht mich ruhiger.
Mir kommt unsere Hochzeit in den Sinn. John befand sich noch in seinem Ingenieursstudium als wir heirateten. Pastor Tim hat uns getraut. Leider war John mit mir seit diesem Tag nicht mehr zur Kirche gegangen. Es hat ihn einfach nicht mehr interessiert. Lange ahnte ich nichts von seinem Problem mit der Kirche. Ich musste schon ziemlich bohren, bis er sich mir endlich anvertraute. Ja, als Jugendlicher war John auch in einer Kirche. Es war in Washington, D.C. Er hatte damals einen Pastor, den er sehr schätzte. Wayne. Damals fühlte er sich in der Gemeinschaft von Christen noch sehr wohl. Noch heute schwärmt John manchmal von Wayne, seinem Pastor. Er muss eine sehr gute Jugendarbeit geleistet haben. In Johns Beschreibungen ist Wayne sehr herzlich und gewinnend, und in der Kirche muss mit ihm immer etwas los gewesen sein. Wayne konnte wohl sehr fesselnd aus der Bibel erzählen und die Jugendlichen für den Glauben begeistern. John hatte damals zahlreiche Freunde im Jugendkreis der Kirche. Doch dann kam der Tag, als Wayne mit seiner Familie zurück nach Atlanta ging. Unruhen waren ausgebrochen. Der Norden gegen den Süden. Der Süden gegen den Norden. Kurz nachdem Wayne zurück nach Georgia gegangen war, brach der Bürgerkrieg aus. Wayne soll schon vorher gesagt haben: „Der Bürgerkrieg war nie zu Ende. Es wurde nie ein Friedensvertrag geschlossen. Es gab zwar einen Waffenstillstand. Aber nie wurde eine Vereinbarung zwischen dem Norden und dem Süden verabschiedet.“ – Heftige Kämpfe entlang der Mason-Dixon-Linie brachen aus. Sehr schnell rückten Truppen aus dem Norden aus und sicherten erfolgreich Maryland und den District of Columbia inklusive der Stadt Washington. Naja, der Rest ist Geschichte. Auf jeden Fall kam ein neuer Pastor in Johns Kirche nach Washington. Pastor Aiden Thomas. Zu ihm konnte John überhaupt
keinen Zugang finden. John war sechzehn und fand Aiden einfach humorlos. Kurz darauf kam im Jugendkreis die Geschichte mit der neuen Droge Vital Kick auf. Im Militär war die Droge heimlich sehr verbreitet. Ein junger Soldat, der lockeren Kontakt zum Jugendkreis hielt, hatte sie mitgebracht. Pastor Aiden und der Rest der Kirchenleitung hatten John grundlos unterstellt, er habe die Droge in den Kreis der Jugendlichen eingeführt und habe mit Vital Kick gedealt. Die Anschuldigungen entbehrten jeder Grundlage. Ja, er hatte sie einmal probiert. Wie die anderen des Jugendkreises auch. Doch an dem Tag, nachdem John Vital Kick genommen hatte, ging es ihm grässlich. Von seinem nächtlichen Höhenrausch war er wieder hart in einer grauen Wirklichkeit gelandet. Die Welt wirkte an diesem Tag besonders eng, trist und bizarr. Da wurde John klar, dass ihm nur zwei Möglichkeiten zur Wahl standen: wieder Vital Kick einwerfen und zurück in ein synthetisches Hochgefühl eintauchen. Oder das Dreckszeug für immer meiden. John entschloss sich zu Letzterem. Ein Mädchen aus dem Jugendkreis hatte John allerdings beobachtet, als er die kleine lila Pille eingenommen hatte. Und sie hatte ihn bei Aiden verpetzt. Der phantasierte zusammen mit dem Kirchenleitungskreis, dass John die Droge mitgebracht und unter den Jugendlichen verteilt habe. Von je her hatte John eine tiefe Abneigung gegen Ungerechtigkeit. Damals verließ er für immer den Jugendkreis und hegt seither einen tiefen Groll gegen jede Kirchengemeinschaft. Denn er wurde von Aiden nicht direkt mit den Anschuldigungen konfrontiert. Die Sache machte vielmehr die Runde in der Kirche. Die Leute tuschelten heimlich. Nur stückweise wurde John hinterbracht, was über ihn hinter vorgehaltener Hand gesagt wurde. Da erinnerte er sich an Wayne. Der hatte einmal gesagt: „Einen Sack voll Federn kann man nicht mehr einsammeln, wenn er erst einmal ausgeschüttet ist. Tratschen und üble Nachrede sind die schlimmste Sünde einer Kirche.“ – Leider war Wayne nicht mehr da, um John zu schützen. Ein tiefes Misstrauen gegen Christen und die Kirche hat sich von da an in John festgesetzt.
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