1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 - und dann war der Boden unter ihr mit einem Mal völlig verschwunden.
Dary stieß einen Schrei aus, als sie die Steinkante wahrnahm, über die sie gerade hinweggerollt war. Der Sturz von der Mauer dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, trotzdem kam Dary der Moment der Schwerelosigkeit ewig vor. Sie prallte mit solcher Wucht auf hartem Boden auf, dass sie sich einmal überschlug und ein reißender Schmerz durch ihre linke Schulter zuckte. Als sie liegen blieb, bekam sie keine Luft mehr und schmeckte Blut. Sie hob blinzelnd den Kopf und sah nichts weiter als hohes Gras, aber selbst dieses Bild verschwamm vor ihren Augen.
Irgendetwas stimmte nicht. Als sie realisierte, dass die Musik nicht mehr spielte und jemand schnellen Schrittes auf sie zugerannt kam, wurde alles um sie dunkel.
Ma Felton
Eine weiche Decke hüllte ihren Körper in wohlige Wärme, während ganz in der Nähe eine Kaffeemaschine gluckerte. Es roch köstlich nach frisch aufgebrühtem Kaffee und Gebäck.
Dary ließ sich von diesen Eindrücken langsam ins Wachsein hinüber geleiten. Doch obgleich die Atmosphäre sehr angenehm war, fühlte sie sich ungewöhnlich träge und schwermütig. Ihr Kopf schmerzte furchtbar. Instinktiv betastete sie noch mit geschlossenen Augen ihre Stirn mit den Fingerspitzen. Sie stieß dort auf etwas, das sie wie ein großes Pflaster anfühlte. Verwundert zog sie die Hand zurück und öffnete die Augen. Die Fremdheit ihrer Umgebung machte ihr klar, dass irgendetwas passiert war, aber sie erinnerte sich nur verschwommen an einen Wald.
Jetzt lag sie auf einem großen, mit weißem Stoff bezogenen Sofa in einem altmodisch, aber angenehm eingerichteten Wohnzimmer. Über ihr hing ein elektrischer Kronleuchter von sicherlich einem Meter Durchmesser, der nicht nur extrem alt, sondern auch extrem kostbar aussah.
Sie runzelte die Stirn. Wo war sie hier?
Vorsichtig setzte sich Dary auf, schob die Wolldecke weg und blinzelte die Benommenheit von sich. Sie trug noch die Kleider, die sie angehabt hatte, nur ihr Rucksack war nirgendwo zu sehen. Ihre Schulter tat weh und sie fühlte, dass ihre Unterlippe angeschwollen war. Sie musste gestürzt sein… aber wie war sie hier her gekommen?
„Oh, du bist wach.“ Die Stimme kam vom anderen Ende des Zimmers, von wo auch das Geräusch der Kaffeemaschine gekommen war. Eine alte Frau kam ihr mit einem Tablett in den Händen entgegen und lächelte freundlich. „Wie geht es dir?“
„Ähm… gut… denke ich“, antwortete Dary. „Was ist passiert? Wo bin ich hier?“
Die Frau stellte das Tablett auf den niedrigen Couchtisch, der vor Dary stand. Darauf befanden sich ein Glas Wasser, eine Kanne Kaffee, zwei Tassen und jede Menge selbstgebackene Cookies und Pralinen in einer Schüssel.
„Du warst im Wald unterwegs und bist unglücklich gestürzt“, erzählte die alte Frau. Dann nickte sie in Richtung des Tabletts. „Du solltest dich etwas stärken.“
Dary war nicht in Stimmung, auf diese Aufforderung zu reagieren. Sie starrte das Wasserglas ein paar Momente lang an, dann hob sie den Blick zu ihrem Gegenüber. Die Frau war wirklich sehr alt. Obwohl ihr weißes Haar noch erstaunlich voll und zu einem Zopf zusammengebunden war, zeigte ihr Gesicht die Falten von sehr vielen Jahrzehnten. Das Alter hatte sie bereits extrem schrumpfen lassen, sodass sie Dary, wenn überhaupt, nur bis zum Kinn reichte. Ihre Augen fand Dary erstaunlich. Sie waren hellgrün und strahlend, wie sie es noch nie zuvor bei einem Menschen gesehen hatte, und von so vielen Lachfältchen umgeben, dass man einfach nichts anderes in ihrem Gesicht beachten konnte… mit Ausnahme der zwei gigantischen Ohrringe, die mit winzigen Diamanten besetzt waren. Die Stimme der Frau war tief und ruhig. Doch ihre Worte verwirrten Dary.
„Ich… ich war wohl ohnmächtig“, murmelte sie vor sich hin. „Aber wie bin ich denn hier her gekommen?“
„Nun, ich habe dich gefunden.“ Die Frau setzte sich Dary gegenüber auf einen Sessel und schenkte sich Kaffee ein. Scheinbar war sie der Meinung, dieser Satz wäre Erklärung genug, denn sie setzte die Tasse an die Lippen und begann langsam und genüsslich zu trinken.
„Sie…?“ Dary sprach nicht weiter. Sie erinnerte sich wieder. An den Pfad im Wald, an die Treppe und an den Sturz. Es kam ihr mehr als nur unglaubwürdig vor, dass diese alte Dame sie dort gefunden und hier her gebracht haben sollte.
„Ich habe natürlich sofort Hilfe herbeigerufen, als ich dich gefunden habe“, erzählte die Frau, als hätte sie Darys Gedanken gelesen. „Ich wollte dich eigentlich in ein Krankenhaus bringen lassen, aber der Arzt meinte, es wäre in Ordnung, wenn du dich nur etwas ausruhst. Was hast du da überhaupt getan, so tief im Wald? Ich dachte, nur die Ansässigen kennen den Weg dorthin.“
„Ich…“ Wieder fand sie keine Worte. Sie hatte noch immer das Gefühl, dass etwas nicht stimmte. Als hätte etwas von dem, was geschehen war, noch nicht wieder in ihre Erinnerung zurückgefunden. Da war eine Lücke, die wie eine geheimnisvolle Melodie ihre Gedanken einnahm. Dann fasste sie sich und lächelte die alte Frau verlegen an. „Ich bin einfach durch den Wald gelaufen, ohne auf die Wege zu achten. Es war Zufall, dass ich dort gelandet bin. Dass sie gerade dort waren, war aber wohl ein noch größerer Zufall.“ Jetzt erst wurde ihr klar, dass sie der Frau ihre Rettung verdankte, egal wie verrückt diese Geschichte klang. „Danke.“
„Nicht der Rede wert. Aber du solltest in Zukunft vorsichtiger sein… einfach so durch den Wald zu laufen kann gefährlich sein, besonders wenn man sich nicht auskennt. Wer weiß, wie lange du dort gelegen hättest, wenn ich nicht zufällig vorbeigekommen wäre. Und ich mache nun wirklich nicht oft so lange Spaziergänge im Wald.“
Darauf konnte Dary nichts erwidern. Sie kam sich ein wenig einfältig vor. Um der Frau nicht in die Augen sehen zu müssen, hielt sie den Blick auf das Wasserglas gerichtet, wobei ihr erst klar wurde, welch schrecklichen Durst sie hatte. Gierig nahm sie mehrere tiefe Schlucke und stellte das geleerte Glas wieder auf den Tisch. Ganz offensichtlich war sie mit mehr Glück als Verstand davongekommen. Möglicherweise verdankte sie dieser alten Dame sogar das Leben.
„Aber lass uns nicht weiter davon sprechen“, sagte die Frau und nickte mit einem beruhigenden Lächeln in Richtung der Schüssel, in der die Naschereien lagen. „Jungen Menschen ihre Fehler vorzuhalten, ist ohnehin meistens sinnlos. Bedien dich doch bitte. Mein Name ist übrigens Elisabeth Felton. Du kannst mich aber Ma Felton nennen, das tun alle.“
„Dary“, stellte sich Dary vor, brachte es aber nicht über sich, in die Schüssel zu greifen. Stattdessen sah sie sich noch einmal gründlicher um. Das Zimmer war riesig und erst jetzt wurde ihr klar, dass sie in einem kleinen Palast gelandet war. Die Wände waren vertäfelt und die Teppiche sahen aus, als wären sie ein Vermögen wert, von dem riesigen Kronleuchter ganz zu schweigen. Jeder freie Zentimeter wurde von Figürchen, kleinen Skulpturen, Bilderrahmen, Büchern oder anderen, teils sogar undefinierbaren Dekorationen beansprucht, die aber allesamt außergewöhnlich und kostbar wirkten. Am Beeindruckendsten war der riesige Kamin. Schließlich konnte sie nicht anders und fragte: „Wo bin ich hier?“
„Ich dachte, es wäre das Beste, dich mit ins Dorf, zu mir nach Hause zu nehmen“, antwortete Ma Felton hinter ihrer Kaffeetasse.
„Dashier ist Ihr Haus?“ Dary staunte. Damit ließen sich zumindest die diamantbesetzten Ohrringe erklären. Wenn das Haus so riesig war, wie dieses Zimmer vermuten ließ, musste diese sonderbare alte Dame steinreich sein.
Auf jeden Fall schien Ma Felton in Darys Gesichtszügen lesen zu können wie in einem Buch, denn sie lachte auf und sagte: „Nun ja, ich bin nicht Bill Gates, aber ich muss mir um meine nicht mehr all zu lang dauernde Zukunft keine Gedanken machen. Ich könnte wahrscheinlich das Leben von zehn Menschen leben, und in keinem davon müsste ich auf etwas verzichten.“ In ihrer Stimme lag weder Stolz noch Überheblichkeit, nur etwas, das Dary höchstens als verträumte Nachdenklichkeit beschreiben konnte. „Du siehst also, du brauchst keine Hemmungen zu haben. Nimm dir endlich etwas von den Pralinen.“
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