„Ist es verboten, mit Weißen in einen Bach zu steigen?“, fragte er und sah nur große Ratlosigkeit, dann scheuchte er sie lachend ins Wasser.
Er beobachtete sie, wie sie nackt im Bach saßen. Beobachtete ihre scheuen Blicke, ihre zaghaften Berührungen. Dann verließ er diskret seinen Platz. Als er nach ein paar Minuten wiederkam, lagen sie sich in den Armen, küssten sich und weinten. Er drehte noch eine Runde.
Erfrischt und sauber saßen sie bald um ein flackerndes Feuerchen und aßen eine Kleinigkeit. Die Schwarzen hatten sich zunächst abseits im Dunkeln niederlassen wollen, aber das ließ der Weiße nicht zu.
„Wir müssen reden.“, war seine Begründung, „Und ich habe keine Lust, mit der Dunkelheit zu reden. Oder ist es auch verboten, dass ein Weißer mit seinen Sklaven redet?“
Das Reden war jedoch nicht so einfach, wie der Weiße sich das vorgestellt hatte, denn seine beiden Sklaven wagten nicht, ungefragt das Wort an ihn zu richten und auf seine Fragen gaben sie recht einsilbig Antwort. Und obwohl sie jetzt im schwachen Schein des Feuers saßen, war das Weiße ihrer Augen fast das Einzige, was er von ihnen sehen konnte. Sie hatten die Knie hochgezogen und die Arme darum gelegt, wie, um sich zu schützen; keiner traute sich, ihn offen anzusehen, nur hin und wieder trafen ihn versteckte und verschämte Blicke.
„Warum redet ihr nicht mit mir? Bin ich ein Untier?“, fragte er ruhig. Sie schauten sich an und nickten sich gegenseitig zu. Die zarte Sarah nahm allen Mut zusammen und antwortete leise und mit gesenktem Blick: „Master ist der ungewöhnlichste Weiße, den wir jemals kennengelernt haben.“ Der Angesprochene grinste hintergründig. Wenn sie wüsste, wie recht sie hat, dachte er.
„Das will ich gerne glauben, ich bin ja schon eine Weile im Land und habe so dies und das beobachtet. Aber ihr solltet wissen, dass es auch Leute wie mich gibt.“
Die beiden sahen ihn mit großen Augen an und er sah die tausend Fragen, die sie hatten, und die sie sich nicht zu stellen trauten.
„Jaja, schaut nur. Ich bin nicht der einzige auf der Welt, dem die Hautfarbe egal ist. Ein paar andere gibt es schon noch.“
„Wir kennen keinen.“, flüsterte die kesse, scheue Sarah.
„Glaub ich dir, wird sich aber ändern.“ Sarah schaute auf.
„Wir werden andere kennenlernen?“
„Will ich meinen.“
„Warum tut der Master das alles?“
„Was denn?“, fragte der unschuldig.
„Wohin reisen wir, Master?“ Jetzt hatte auch der Junge Mut gefasst.
„Nach Norden.“
„Dorthin, wo es keine Sklaven gibt?“
„Genau.“
„Master müsste uns dann frei lassen?“
„Wird wohl so sein.“ Tom scharrte mit den Füßen.
„Warum hat Master uns dann gekauft?“
„Wäre es euch lieber gewesen, von diesem Lackaffen mit dem fetten Sohn lebendig gehäutet zu werden?“ Sie schraken zusammen.
„Schon gut, schon gut. - Ihr mögt einander, nicht wahr?“, schmunzelte er.
„Nein!“, riefen sie protestierend wie aus einem Munde und griffen gleichzeitig gegenseitig nach ihren Händen. Der Weiße lachte.
„Ihr könnt es doch ruhig zugeben, habt keine Angst. Ich habe euch eben beobachtet. Ihr seid glücklich miteinander. Auch deshalb habe ich euch gekauft. Ich mag die Liebe und ich gönne sie euch. Ich erfreue mich an eurem Glück. Aber Liebe und Glück werden erst durch Freiheit schön.“
„Was heißt das?“, fragte Sarah und sah ihn zum ersten Mal offen und interessiert an.
„Das heißt, dass ihr frei sein werdet, dass ihr ein Paar sein werdet, dass ihr eine gemeinsame Zukunft haben werdet.“
„Das gibt es für uns nicht.“, meinte Tom resignierend. Der Weiße sah beide eindringlich an.
„Hört zu, ihr seid mein Eigentum. Als solches nehme ich euch mit in die Nordstaaten. Dort werde ich euch sofort freilassen.“
„Und dann? Was sollen wir dann machen? Sollen wir Master dienen? Als freie Menschen?“, sprach Tom mutig und ohne Vorwurf. Der Weiße winkte ab.
„Ich bringe euch zu einem Freund. Ich kenne ihn schon lange. Er ist Schmied dort oben. Ihr werdet bei ihm leben und arbeiten, wenn ihr wollt.“
„Wir wissen gar nicht, was wir wollen.“, erklärte Sarah.
„Ihr werdet es lernen.“ Er sah ihre Skepsis. „Ich werde euch einen freien Willen lehren.“
„Heißt das, dass Master noch bei uns bleiben wird?“
„Sicher, unsere Reise wird wohl noch ein paar Wochen dauern; wir fangen sofort mit dem Lernen an.“
„Können wir nicht bei Master bleiben?“, fragte Sarah.
„Bleibt ihr doch.“
„Master hat gesagt, wir sollen zu einem Freund von Master.“
„Ja, denn ich lebe nicht hier, bin nur zu Besuch, um mich umzusehen. Ich komme von weit her, aus Europa.“ Der Weiße sah in verständnislose Gesichter.
Es folgte eine Stunde Geografie, an deren Ende die beiden Sklaven so erschöpft waren, dass sie auf die Seite sackten und nebeneinander einschliefen, was aber nicht an dem Unterricht, sondern an den Umständen der vergangenen Tage lag. Der Weiße deckte sie sorgfältig zu und legte sich dann ebenfalls zur Ruhe.
Sarah erwachte, als die Sonne bereits ankündigte, einen warmen Tag zu bereiten und sah sich um. Tom lag neben ihr und schlief noch, etwas weiter lag der Master und schnarchte, die Pferde grasten in einiger Entfernung. Ihre Hände waren nicht gefesselt. Sie hatte nicht geträumt. Jedenfalls nicht alles. Es stimmte, dass sie nicht mehr in dem Erdloch hocken musste. Es stimmte, dass sie und Tom zusammen waren, so sehr zusammen, wie noch nie.
Es stimmte, dass sie den außergewöhnlichsten Weißen kennengelernt hatten. Es stimmte, dass dieser Weiße ihr neuer Master war. Es stimmte, dass der neue Master versprochen hatte, sie freizulassen. Oder hatte sie das geträumt? Hatte schon jemals ein Master seine Sklaven freigelassen? Sie wusste es nicht.
Sicherlich geträumt war jedoch, dass Tom und sie ein kleines Häuschen besaßen und gemeinsame Kinder hatten, die in Freiheit aufwuchsen und auf des Masters Schoß saßen. Sarah seufzte tief und spürte, wie eine Hand sich sanft auf ihre Schulter legte.
„Sarah?“
„Hm?“
„Was passiert mit uns?“
„Wir reiten nach Norden.“
„Das meine ich nicht. Ich meine … insgesamt. Was ist geschehen?“
„Vielleicht … ist das der Anfang von … Glück?“ Tom küsste zärtlich Sarahs Nacken.
„Wer ist er?“, flüsterte er und Sarah betrachtete den weißen Mann mit einem Anflug von Zärtlichkeit.
Als er erwachte und die Augen aufschlug, hockten die beiden, ihn aufmerksam beobachtend, vor seinem Lager.
„Na, ihr zwei, gut geschlafen?“ Tom zeigte seine weißen Zähne.
„So gut, wie lange nicht.“
„Schön.“
„Master?“
„Hm?“
„Master hat uns nicht gefesselt in der Nacht. Er hat alle Waffen herumliegen lassen …“ Tom erschrak über seine eigenen Worte. So durfte er nicht mit seinem neuen Besitzer reden. Der Master jedoch lachte.
„Wenn du meinst, ich sei sorglos, irrst du. Ich habe keine Angst vor euch, warum solltet ihr mir etwas tun? Das würde eure Lage nicht verbessern. Außerdem weiß ich, dass ihr gute Kinder seid.“
„Woher will Master das wissen?“, fragte Sarah mit Interesse. Er schaute ihr lange in die Augen und streichelte ihre Wange.
„Ich habe viel Lebenserfahrung.“ Er erhob sich und streckte seine Glieder.
„Ihr heißt jetzt übrigens anders.“ Erstaunen in schwarzen Gesichtern. Er lachte.
„Na ja, ich habe euch gekauft, infolgedessen habt ihr jetzt meinen Namen. Montanus.“
Sie brachen auf und folgten ihrem Weg nach Norden. Sie kamen langsam, aber stetig voran, da ein schnelleres als Schritttempo nicht zu leisten war und sie menschliche Ansiedlungen zu vermeiden suchten und daher den einen oder anderen Umweg in Kauf nehmen mussten. In Kauf nahmen sie ebenfalls die erstaunten bis missmutigen Blicke der Menschen, denen sie begegneten und die augenscheinlich daher rührten, dass ein weißer Master seine schwarzen Sklaven reiten ließ, aber dem Master war das egal. Diese Gleichgültigkeit ihres Masters machte insofern Eindruck auf die beiden Schwarzen, dass sie bei solchen Begegnungen im Laufe der Zeit keine lähmende Angst mehr verspürten, sondern ganz auf ihren Master vertrauten, der mit unerschütterlichem Selbstbewusstsein die ihnen Begegnenden angrinste und grüßte.
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