Als wir uns etwas beruhigt hatten, blickte Wolf verwirrt um sich, als suchte er etwas.
„Was ist los?“, fragte ich, eine neue Bedrohung fürchtend.
„Die Zypressen“, sagte Wolf nur.
„Was ... was meinst du damit?“
„Sie sind still. Sie sind verdammt noch mal endlich still!“ Dann fing mein Bruder an zu lachen. Erst zaghaft, dann ausgelassen, fast hysterisch. Für einen Moment glaubte ich, er habe den Verstand verloren.
„Lass uns bitte endlich von hier verschwinden“, drängte ich ihn schließlich.
Wir machten uns auf zu Wolfs Unterkunft. Wolf hatte darauf bestanden, dass ich seine Jacke anzog, da ich zu meiner Jeans und Turnschuhen nur einen dünnen Pullover trug. Ich war so wackelig auf den Beinen, dass mein Bruder mich stützen musste. Zum ersten Mal sah ich die Gegend, in der sich mein jahrelanges Gefängnis befand. Es war eine ganz normale Wohnsiedlung mit adretten Häusern und gepflegten Gärten, allerdings kamen mir die Straßen, deren Namen alle ähnlich klangen, zumindest jetzt in der Dunkelheit wie ein Labyrinth vor. Doch Wolf hatte sich anscheinend über die Jahre eine gute Ortskenntnis angeeignet und ließ sich nicht beirren. Ich hätte es wahrscheinlich nicht einmal bemerkt, wenn wir im Kreis gegangen wären.
Ein hagerer Mann kam uns nach einigen Hundert Metern entgegen. Als er Wolf und mich im Licht einer Straßenlaterne sah, starrte er uns für einen Moment ungläubig an. Dann senkte er den Blick und wechselte die Straßenseite.
„Was war denn das für ein Typ?“, wollte ich wissen.
„Das war Herr Huhn“, erklärte Wolf ruhig. „Er war damals bei deiner Befreiungsaktion durch die Bürgerwehr beteiligt. Genauer gesagt, war er es, der die Bürgerwehr ins Leben gerufen hatte. Leider hat er im entscheidenden Moment Angst bekommen und ist weggelaufen. Er hat Tarek, Ingo und mich einfach im Stich gelassen.“ Die letzten Worte meines Bruders klangen bitter.
„Du bist immer noch sauer auf ihn, was?“
„Sauer ist das falsche Wort. Aber Ingo hat sein Leben riskiert und ist gestorben, und Tarek liegt seit jenem Tag, an dem er die Zypressen berührte, bewegungsunfähig in einem Pflegeheim. Wenn Herr Huhn nicht weggerannt wäre und stattdessen Ingo und mir geholfen hätte, hätten wir den Lebensmittellieferanten vielleicht überwältigen können. Dann wärst du schon vor Jahren frei gewesen.“
Ich schwieg betreten.
Wir näherten uns allmählich dem Stadtzentrum. Wohnhäuser wichen zunehmend Geschäften. Schließlich kamen wir am sogenannten Zentralplatz an, in dessen Mitte ein beleuchtetes Schild mit einem dicken, roten, nach unten zeigenden Pfeil auf das Zentrum der Republik hinwies. So etwas Bescheuertes. Wolf hatte mich über die Jahre, ob ich nun wollte oder nicht, über die politischen Ereignisse auf dem Laufenden gehalten, und so wusste ich, dass Deutschland in ein paar Tagen wiedervereinigt werden und Noveha sich dann nicht mehr im Zentrum der Republik befinden würde.
„Das neue Zentrum der Republik wird Nühlpah sein“, nahm Wolf das Gespräch wieder auf. „Das weiß ich von dem Ufologen, den ich in der Schweiz besucht habe. Ich muss dir unbedingt noch erzählen, was er mir für interessante Informationen gegeben hat. Einfach unglaublich! Ich hatte für dich extra einen Reisebericht geschrieben, aber dann hattest du nichts mehr zu essen und zu trinken, und der Bericht schien völlig unwichtig.“
Wir standen vor einem dreistöckigen Backsteinhaus, über dessen Eingangstür in weißen Buchstaben „Pension Lola“ geschrieben stand. Wolfs Unterkunft während der letzten Jahre. Ein Schild mit der Aufschrift „Ausgebucht“ hing an der Tür. Wolf betrat vor mir die kleine, schwarzweiß geflieste Eingangshalle, in der eine ältere rundliche Frau in Kittelschürze an der Rezeption damit beschäftigt war, Besteck zu polieren. Ihr kurzes, dauergewelltes, pechschwarz gefärbtes Haar wurde größtenteils von ihrem im Nacken geknoteten Kopftuch bedeckt und bildete einen seltsamen Kontrast zu ihrem faltigen Gesicht.
„Nanu, Herr Klein, ist alles in Ordnung mit Ihnen?“, sprach sie Wolf besorgt an und bezog sich dabei vermutlich auf sein verweintes Gesicht. Schnell kam sie hinter dem Tresen hervor. Dann fiel ihr Blick auf mich, und ihr Gesicht hellte sich auf. „Oh, wie ich sehe, sind Sie nach langer Zeit wieder in Begleitung. Das ist ja schön, Herr Klein, sehr schön. Ich freue mich für Sie. Sie haben es wirklich verdient, das muss man sagen. Besonders nach dem Reinfall mit der Krankenschwester. So was vergisst man nicht so schnell. Aber man soll trotz aller Rückschläge die Hoffnung nie aufgeben. Ich persönlich glaube an echte Liebe. Und das, obwohl ich drei gescheiterte Ehen hinter mir habe! ‚Henriette‘, sage ich mir immer, ‚auch für dich wird der Richtige noch kommen.‘“
„Das ist meine Schwester Inga“, unterbrach Wolf das Geschnatter.
„Ach!“ Die Frau war für einen Moment sprachlos. „Etwa die, die das Haus nicht verlassen konnte? Die mit der Angststörung?“ Sie sah mich an. „Sie sind etwas blass um die Nase. Das kommt sicher von der fehlenden Sonne und frischen Luft. Immer nur drin hocken! Das ist doch auf die Dauer kein Zustand! Aber das haben Sie jetzt wohl selbst eingesehen, was?“
„Ich bin durch die Wand gegangen“, sagte ich nur.
Die Frau brach in schallendes Gelächter aus und entblößte dabei eine Zahnlücke. „‚Durch die Wand gegangen‘, das ist ja herrlich! Ihr jungen Leute denkt wohl, ihr könnt mit uns Alten euren Schabernack treiben, was?“ Sie lachte noch immer. „So leichtgläubig sind wir nun auch wieder nicht! Aber das ist wirklich ein guter Witz! Den muss ich mir unbedingt merken! Damit werde ich meine Nachbarin demnächst mal auf den Arm nehmen. ‚Durch die Wand gegangen!‘“ Sie wurde ernst und fragte dann Wolf leise: „Oder hat Ihre Schwester etwa nicht alle Tassen im Schrank?“
„Frau Weißich“, antwortete dieser überzeugt, „mit meiner Schwester ist alles in Ordnung.“
Bei diesen Worten hätte ich am liebsten laut gelacht.
„Sie müsste hier übernachten, weil sie sonst keine Bleibe hat“, fuhr Wolf fort.
„Ich habe aber kein Zimmer frei, Herr Klein. Wie Sie wissen, bin ich so gut wie immer ausgebucht. Ist ja auch kein Wunder bei den Preisen. Da kann eben niemand mithalten. Aber nächstes Jahr werde ich endlich die Preise erhöhen. Von dem Hungerlohn kann ja kein Mensch auf Dauer leben. Meine Nachbarin hat neulich auch schon zu mir gesagt: ‚Henriette‘, hat sie gesagt, ...“
„Frau Weißich ...“, versuchte Wolf fast verzweifelt, den Redeschwall zu beenden und das Thema wieder auf meine Übernachtungsmöglichkeit zu lenken.
„Was denn, Herr Klein, was denn? Nun werden Sie doch nicht so schnell ungeduldig! Ich habe ja nur gesagt, dass ich ausgebucht bin, mehr nicht. Aber für Notfälle habe ich doch immer noch ein Feldbett in meinem Büro, das Sie bei sich im Zimmer aufstellen können. Das kostet dann natürlich extra. Acht Mark pro Nacht. Und Sie müssen es selbst nach oben tragen. So eine Schlepperei machen nämlich meine alten Knochen nicht mehr mit.“ Die Frau verschwand in dem Raum hinter der Rezeption und kam mit einer zusammengeklappten Liege sowie einem kleinen Kissen und einer Wolldecke wieder hervor. „Das wird es wohl übergangsweise tun. Etwas Besseres kann ich Ihrer Schwester leider nicht anbieten, Herr Klein.“
„Vielen Dank, Frau Weißich.“ Wolf nahm die Sachen erleichtert an sich.
Mir drückte die Wirtin anschließend zwei weiße zusammengefaltete Frottierhandtücher in die Arme, die sie aus einem Schrank genommen hatte. „Die werden bei mir nur einmal die Woche gewechselt“, erklärte sie mir bestimmt, „öfter nicht. Da lasse ich nicht mit mir diskutieren. Die ganzen Wäscheberge sind nämlich die reinste Wasserverschwendung und unnötig.“ Sie blickte auf meine blonden Locken, die völlig verfilzt und außerdem unsauber waren. „Warten Sie, junge Frau, ich habe noch etwas für Sie.“ Sie begann, hinter der Rezeption herumzukramen. „Wo habe ich es denn nur hingetan? Ah, da ist es ja!“ Triumphierend hielt sie ein kleines Tütchen in die Luft, das wie eine Kosmetikprobe aussah. „Das ging heute an alle Haushalte. Sehen Sie mal:“ Sie deutete mit dem Zeigefinger auf die Probe. „‚Bringt blondes Haar zum Strahlen und macht Locken leicht kämmbar‘, steht hier. Ich wollte es schon wegwerfen, aber dann dachte ich mir: ‚Henriette‘, dachte ich mir, ‚bewahr das mal lieber für alle Fälle auf. Das könnte noch einem deiner Gäste nützlich sein.‘ Und schon ist der Fall eingetreten!“
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