„Das kann doch jedem mal passieren, Herr Klein, machen Sie sich keine Gedanken“, war alles, was Frau Weißich dazu sagte. Anschließend hörte sie nicht auf zu betonen, wie sehr sie es bedauerte, Wolf und mich als Gäste zu verlieren.
Schließlich war der Moment gekommen, um Abschied von Frau Weißich und der Pension Lola zu nehmen. Wolf drückte die alte Frau in der Kittelschürze, die ihm jahrelang ein Dach über dem Kopf gegeben hatte, an der Eingangstür dankend an sich, und ich gab Frau Weißich die Hand. Die Wirtin bestand darauf, uns noch bis an die Straße zu begleiten. Dort winkte sie uns mit einem Taschentuch nach. „Besuchen Sie Noveha ruhig einmal wieder!“, rief sie uns hinterher. „Auch wenn es ab morgen nicht mehr das Zentrum der Republik ist! Und empfehlen Sie meine Pension Lola in Norddeutschland weiter! So günstig ist es sonst nirgendwo!“
Wolf und ich mussten laufen, um es noch rechtzeitig zum Bahnhof zu schaffen. Ich fühlte mich wie in der Nacht, in der wir nach unserem Besuch in der Diskothek gerannt waren, um den Bus nach Hause zu erwischen. Schnell war ich aus der Puste, und meine Beine fühlten sich an, als wären sie aus Gummi. Wolf nahm mich jedoch unerbittlich an seine freie Hand und zog mich weiter. Selbst wenn wir pünktlich wären, schoss es mir durch den Kopf, würden wir in dem Bus überhaupt noch Plätze bekommen? Vielleicht würden wir gleich kleinlaut zur Pension Lola zurückgehen und dort eine Woche auf den nächsten Bus warten müssen. Die Vorstellung war grauenhaft.
Tatsächlich stand ein silberfarbener Reisebus mit laufendem Motor vor dem Bahnhofsgebäude. „Expressbus Noveha - Sanddiek“ stand an der Seite in dunkelblauer Schnörkelschrift. Enttäuscht sah ich, dass die Türen des Fahrzeugs bereits geschlossen waren. Wir waren wie befürchtet zu spät gekommen. Mist!
Doch plötzlich öffnete sich die Hintertür des Busses, und ein glatzköpfiger Mann in einem kurzärmeligen hellblauen Oberhemd, das über seinem Bauch spannte, und dunkelblauer Stoffhose stieg aus. Mir fiel ein Stein vom Herzen.
„Sie haben Glück“, sprach er uns an, „es sind noch genau zwei Plätze frei.“
„Vielen Dank, dass Sie Ihren Bus noch einmal für uns aufmachen“, sagte Wolf.
„Oh, das ist nicht mein Bus“, stellte der Mann richtig. „Ich habe zwar auch mal als Busfahrer gearbeitet, aber das ist lange her. Der Busfahrer ist schon seit einer Weile nicht mehr ansprechbar. Meint, er muss sich mental auf die Fahrt vorbereiten. Komischer Kauz, wenn Sie mich fragen. Sitzt da, sagt keinen Mucks und starrt stur nach vorn. Hat sich nicht einmal vorgestellt. Doch es ist heutzutage gar nicht so einfach, gutes Personal zu bekommen. Ich bin Klaus Petri, sitze im Stadtrat von Noveha und habe mich schon seit Jahren für den Expressbus eingesetzt, damit wir endlich einmal eine Alternative zur Bahn bekommen. Genauer gesagt, war der Bus nach Sanddiek meine Idee. Ich komme nämlich ursprünglich von dort. Heute ist die erste Fahrt. Und Sie sind wie ich dabei.“
„Ich bin Wolf Klein. Das ist meine Schwester Inga“, stellte mein Bruder uns vor. „Wir haben durch Zufall von dieser neuen Busverbindung erfahren.“
„Da haben Sie aber Glück gehabt. Sie sind gerade noch rechtzeitig. Den Begrüßungsumtrunk haben Sie verpasst. Der Busfahrer hat irgendein Getränk in Pappbechern ausgegeben. Ich habe auch nichts abbekommen, weil ich noch kurz wieder nach Hause musste, um die Musikkassetten zu holen, die wir auf der Fahrt hören wollen. Die hatte ich im Reisefieber ganz vergessen. Ich habe noch Verwandte in der Nähe von Sanddiek und nutze die Gelegenheit, sie zu besuchen und wieder einmal meine Heimat zu sehen. Und was führt Sie in den Norden?“
„Wir haben dort auch Verwandte“, behauptete Wolf. Er war vorsichtig. „Was kosten denn die zwei Fahrkarten?“
„Ach, um das Kassieren soll sich der Busfahrer kümmern, wenn er wieder ansprechbar ist“, meinte Herr Petri großzügig und öffnete eine der Gepäckklappen. „Hier können Sie Ihre Tasche verstauen. Und dann steigen wir besser ein, damit wir den Fahrplan einhalten.“
Sofort als wir nach Herrn Petri den Bus betreten hatten, wurde hinter uns die Tür geschlossen, und das Fahrzeug setzte sich in Bewegung, so dass wir schwankend zu den beiden nebeneinanderliegenden Plätzen im vorderen Bereich auf der linken Seite des Busses gelangten, auf die Herr Petri wies. Er selbst setzte sich auf den vordersten Platz neben dem Fahrer. Ich ließ Wolf am Fenster Platz nehmen und setzte mich anschließend neben ihn. Die weiße Plastiktüte mit den Vorräten stellte ich zwischen meinen Füßen ab. Mir fiel das große Schild mit der Aufschrift „Nicht mit dem Fahrer sprechen!“ auf, das sogar einen Teil der Windschutzscheibe einnahm. Im Bus war es sehr warm, und wir zogen unsere Jacken umständlich im Sitzen aus. Ich verstaute sie anschließend auf der Ablage über uns. Alles war so schnell gegangen, dass ich erst jetzt einige weitere seltsame Dinge bemerkte. Im Bus war es totenstill. Nicht ein Gespräch unter den Fahrgästen war zu hören. Vielmehr schien es so, als wären einige bereits eingenickt. Aber wer wusste schon, seit wann sie bereits im Bus saßen und auf die Abfahrt warteten. Dann gab es auffällig viele Personen, die eine Sonnenbrille trugen, wie ich feststellte, als ich mich umschaute. Es war in der Tat ein sonniger Tag gewesen, aber wir hatten Anfang Oktober, und hier im Bus war es nun wirklich nicht grell. Die Sonnenbrillenträger schliefen nicht, sondern machten, soweit ich es beurteilen konnte, einen sehr aufmerksamen Eindruck.
Gerade wollte ich diese Dinge Wolf flüsternd mitteilen, als Herr Petri sich zu mir umdrehte und mir zuzwinkerte. Dann nahm er das Mikrofon, das eigentlich für einen Reiseleiter vorgesehen war, in die Hand und pustete testweise hinein. Das Geräusch wurde klar und deutlich über den Lautsprecher über unseren Köpfen zu uns getragen.
„Guten Tag, liebe Fahrgäste“, sagte Herr Petri. Man merkte ihm an, dass er nicht oft vor Menschen Reden hielt und entsprechend aufgeregt war. „Dies ist ... dies ist also die erste Fahrt des Expressbusses Noveha – Sanddiek, und ich freue mich, ... ja, ich freue mich, dass Sie heute alle dabei sind. Wenn alles gut geht, was wir ja hoffen, werden wir Sanddiek spätestens um 21:00 Uhr erreichen. Wir planen unterwegs keine Pause, aber es soll hier an Bord eine funktionierende Toilette geben.“ Herr Petri lachte kurz über seinen Scherz. „Ich wünsche uns allen eine schöne und unvergessliche Fahrt. Zur Unterhaltung und damit die Zeit schneller vergeht, habe ich einige Kassetten mit Musik von Künstlern aus Noveha mitgebracht. Beginnen wollen wir mit dem Country-Quartett ‚Die fidelen fünf‘.“ Er fummelte an dem Kassettenrekorder des Busses herum. Dann griff er wieder zum Mikrofon und sagte aufmunternd: „Los geht‘s.“
Damit war die Ansprache von Herrn Petri beendet. Wolf und ich klatschten anstandshalber. Von den anderen Fahrgästen zeigte keiner eine Reaktion. Hinter mir hörte ich jemanden schnarchen.
In dem schwarzen Haus hatte es keine Musik gegeben, und sie war eines der Dinge, die ich während meiner Gefangenschaft am meisten vermisst hatte, besonders die Songs meiner schwedischen Lieblingsband. Ich freute mich schon sehr darauf, mir zu Hause in Sandburg wieder meine Platten mit all ihren Hits anhören zu können.
Als die Kassette im Bus zu spielen begann, fand ich plötzlich, dass die Stille in dem schwarzen Haus doch gar nicht so schlimm gewesen war. Das erste Country-Musikstück bestand nämlich aus einem wilden Herumgefiedele, zu dem eine männliche Stimme dermaßen nuschelte, dass ich nicht einmal hätte sagen können, in welcher Sprache überhaupt gesungen wurde. Ich bemerkte, dass Herr Petri begeistert im Takt mitklatschte. Er war der Einzige.
Das Lied spielte vielleicht seit zwei Minuten, als der Busfahrer den Kassettenrekorder abschaltete. Herr Petri sah den Fahrer verständnislos an, sagte jedoch nichts.
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