Herr Petri nickte zustimmend. „Ja, das würde einiges erklären.“
Der Bus setzte sich in Bewegung. Anscheinend löste sich der Stau auf, und wir kamen nun recht zügig voran. Wolf und ich blieben unruhig vorn stehen. Ein weiteres Schild tauchte am Straßenrand auf: „Nühlpah 1 km“, und gleich darauf noch eines: „Besuchen Sie das neue Zentrum der Republik!“
„Herr Petri, wir müssen jetzt langsam anhalten, um die Leute aussteigen zu lassen, die nach Nühlpah wollen“, erinnerte Wolf.
Glücklicherweise kam kurze Zeit später eine Haltestelle in Sicht, die Herr Petri ansteuerte. Als er den Bus gestoppt hatte, stieg er aus, um den Fahrgästen, die uns verließen, ihr Gepäck zu geben.
Wie auf ein stummes Zeichen erhoben sich nun auch alle Sonnenbrillenträger – es waren etwa zwanzig - und verließen den Bus. Dort, wo es nötig war, kletterten sie einfach über ihre immer noch schlafenden Sitznachbarn hinweg. Herr Petri verteilte draußen Reisetaschen und Koffer und verabschiedete sich. Er erhielt keine Antwort. Die Sonnenbrillenträger standen in einer Reihe an der Haltestelle und starrten Herrn Petri schweigend an. Ich sah, dass dieser wie hypnotisiert in ihre Richtung blickte.
„Herr Petri!“, rief Wolf streng. Dann sprang er regelrecht durch die Vordertür hinaus und packte den Mann an der Schulter. „Sehen Sie mich an! Kommen Sie zurück in den Bus! Herr Petri!“
„Wie?“ Herr Petri machte einen Eindruck, als wäre er soeben erwacht, und schüttelte seinen Kopf, um wieder klar zu werden. „Entschuldigung, bin wieder voll da. Es kann weitergehen.“
Als hätten die Kreaturen bemerkt, dass es ihnen nicht gelingen würde, Herrn Petri weiter mental zu beeinflussen, wandten sie sich vom Bus ab und machten sich hintereinander neben der Straßen auf den Weg nach Nühlpah. Es war ein seltsamer, unheimlicher Anblick. Ich hätte Herrn Petri, als dieser wieder hinter dem Lenkrad saß, zu gern darum gebeten, sie alle mit Vollgas zu überfahren.
Herr Petri wendete den Bus geschickt auf einem Feldweg. Der eigentliche Busfahrer war zu sich gekommen und flüsterte immer wieder verwirrt „Kann mich an nichts erinnern“ vor sich hin. Bevor Herr Petri zurück auf die Straße fuhr, nahm er sich die Zeit, dem Busfahrer geduldig zu erklären, dass dieser eine Panikattacke gehabt habe, aber glücklicherweise eine Krankenschwester an Bord sei, die ihm geholfen habe. Ich nahm den Busfahrer mit, und er setzte sich auf Wolfs Platz, während mein Bruder den Platz des Reiseleiters einnahm, um Herrn Petri mit Hilfe einer Straßenkarte den Weg nach Sanddiek zu weisen.
Der Busfahrer war noch recht jung, sicher nicht viel älter als dreißig, hatte hellblondes Haar und ein schönes Gesicht. Ich schaltete die Leselampe über mir an und sah, dass der Mann neben mir blaue Augen hatte. Vermutlich hätte ich ihn sogar attraktiv gefunden, wenn er nicht die ganze Zeit vor sich hin gebrabbelt hätte, dass er sich an nichts erinnern könne. Schließlich reichte es mir, und ich drückte ihm einen Apfel in die Hand in der Hoffnung, dass er dann endlich die Klappe halten werde.
Nach und nach kamen nun auch die anderen Fahrgäste zu sich, die sich verwundert fragten, ob wir nicht bald in Sanddiek ankämen. Herr Petri pustete zunächst wieder geräuschvoll in das Mikrofon, bevor er alle informierte, dass es aufgrund eines Missverständnisses zu Verzögerungen gekommen sei, wir uns nun aber wie geplant auf dem Weg nach Sanddiek befänden. Dann ließ er es sich nicht nehmen, die Kassette der „fidelen fünf“ erneut zu starten.
Es war schon fast Mitternacht, als wir uns Sanddiek näherten. Ich blickte gebannt aus dem Fenster. Endlich kam mir die Gegend wieder bekannt vor. Die gerade spielende Musikkassette wurde durch eine erneute Ansage von Herrn Petri unterbrochen. „Liebe Fahrgäste, ich hoffe Sie sind damit einverstanden, wenn wir heute ausnahmsweise noch einen Zwischenstopp in Sandburg einlegen, um zwei Fahrgäste zu verabschieden ... Danke.“
Dann sah ich die ersten Häuser meiner Heimatstadt. Ich hatte nicht mehr daran geglaubt, dass ich den Ort noch einmal wiedersehen würde. Dass mir die Tränen über das Gesicht liefen, bemerkte ich erst, als mich der Busfahrer neben mir, der sich wieder gefasst hatte, verdutzt fragte, weshalb ich denn weine.
„Ach“, antwortete ich schroff, „das kommt nur von der verdammten Heizungsluft“, und trocknete meine Tränen mit den Ärmeln meines Pullovers.
Herr Petri ließ uns am Bahnhof von Sandburg aussteigen und bestand darauf, uns nach draußen zu begleiten, um uns unsere Reisetasche zu geben. Mein Sitznachbar nutzte den Stopp und griff vorn zum Mikrofon. Wir hörten draußen erstaunt, wie er sich zunächst bei den Fahrgästen als Lukas vorstellte und sich für seinen Ausfall, den er als einmalige Ausnahme darstellte, entschuldigte. Dann verkündete Lukas selbstbewusst, dass er wieder vollkommen auf dem Damm sei und die Rückfahrt nach Noveha am morgigen Tag der Deutschen Einheit wie geplant mit ihm als Busfahrer stattfinden werde.
Wir bedankten uns bei Herrn Petri und schüttelten dem Mann zum Abschied die Hand. Wolf bestand darauf, für sich und mich zumindest jeweils zwanzig Mark für die Busfahrt zu bezahlen. Herr Petri nahm das Geld nur widerwillig an. Der ungeplante Umweg nach Nühlpah war dem Mann sichtlich peinlich. Kopfschüttelnd sagte er, bevor er wieder einstieg: „Ja, jetzt hat dieser Knilch Lukas eine große Klappe! Was hat der uns nur für eine Irrfahrt eingebrockt! Und dann auch noch ausgerechnet zum neuen Zentrum der Republik! Das darf im Stadtrat von Noveha niemand erfahren. Sonst streichen sie uns die Busverbindung sofort wieder. Wir sind dadurch jetzt auch komplett aus dem Zeitplan. Und das gleich bei der ersten Fahrt! Was für eine Blamage!“
Einen Moment standen Wolf und ich noch am Bahnhofsplatz und winkten dem davonfahrenden Bus hinterher. Wir würden nie erfahren, ob nur ich, wir beide oder alle nichtsahnenden Menschen in dem Bus nach Nühlpah entführt werden sollten. Dann machten wir uns auf den Weg nach Hause. Fasziniert blickten Wolf und ich uns um. Auch mein Bruder war jahrelang nicht in Sandburg gewesen. Auf der einen Seite schien sich in den mehr als sieben Jahren, die ich fort gewesen war, nichts verändert zu haben, und andererseits war doch nichts mehr so wie früher. Geschäfte waren verschwunden, neue dazugekommen, Häuser waren abgerissen, saniert oder neu gebaut worden.
Über der Straße, in der wir wohnten, lag wie erwartet nächtliche Ruhe. Ich wurde ganz kribbelig, als ich sah, wie zaghaft mein Bruder an der Tür des Hauses unserer Eltern klingelte. „Wolf“, sagte ich ungeduldig, „so werden uns Mama und Papa oben im Schlafzimmer doch nie hören!“ Entschlossen presste ich meinen Daumen auf den Klingelknopf und ließ nicht mehr los.
Über der Treppe wurde das Licht angemacht, und die Silhouette meines Vaters, der die Treppe heruntergepoltert kam, wurde hinter den Glasbausteinen neben der Haustür sichtbar. Ich konnte mir vorstellen, wie wütend er war, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen worden zu sein.
Aufgebracht öffnete mein Vater die Tür. „Was fällt euch Dreckspack eigentlich ...“, begann er. Dann stand er in seinem gestreiften Pyjama mit offenem Mund vor uns.
Mein Vater war nie jemand gewesen, der seine Gefühle offen zeigte. So legte er auch jetzt nach einem Moment des Schweigens Wolf und mir nur jeweils eine Hand auf die Schulter und brummte: „Da seid ihr beide also wieder.“
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