Schließlich beschloss ich, dass es genug war. Ich hatte ja nun wirklich nicht viel eingesteckt, das tat doch keinem weh, beruhigte ich mein Gewissen und ging zu dem Regal mit den Kinderschuhen. Ich hätte, als ich klein war, auch gern so ein Paar schwarze Lackschuhe gehabt, wie sie hier standen, doch mein Vater hatte es nicht erlaubt. „Die halten bei dir sowieso nur drei Tage, Inga. Für so‘n Tüdelkram wird kein Geld ausgegeben! Schluss!“
Ich konzentrierte mich bewusst weiter auf die winzigen Schuhe und berührte das glänzende schwarze Material, als Wolfs Chefin an die Kasse ging und meinem Bruder seinen Lohn auszahlte.
„Komm, Inga“, sagte Wolf anschließend zu mir. „Wir können gehen. Es ist alles erledigt.“
„Ja“, pflichtete ich ihm bei, „alles erledigt.“
Wir hatten vorgehabt, uns am Bahnhof nach der nächsten Zugverbindung nach Sandburg zu erkundigen und Fahrkarten zu kaufen. Wolf hatte Bedenken, dass es auf der Bahnfahrt Probleme geben könnte, weil es, wie er mir auf dem Weg berichtete, seit einigen Jahren zwingende Vorschrift war, dass Fahrgäste im Zug ihren Personalausweis vorzeigten, und ich ja keinen mehr besaß. Ich verstand die Sorgen meines Bruders nicht. Ein nicht vorhandener Ausweis konnte doch kein Grund sein, nicht mit der Bahn fahren zu dürfen.
Als wir am Bahnhof ankamen, erlebten wir eine herbe Enttäuschung. Die Bahnhofshalle war abgeschlossen. An der Tür hing nur ein Schild mit der Aufschrift „Streik“. Wir warfen dennoch einen Blick auf den verlassenen Bahnsteig, an dem weitere Schilder den Reisenden die Hoffnung nahmen, dass heute oder in den nächsten Tagen auch nur ein Zug fahren werde. Entmutigt gingen wir zurück zur Pension auf Wolfs Zimmer.
„Verdammt, was machen wir denn jetzt?“, fluchte mein Bruder.
Darauf hatte ich zunächst auch keine Antwort. „Wir brauchen ein Auto“, schlug ich schließlich vor.
„Und woher sollen wir ein Auto nehmen? Mein Lohn in dem Schuhladen war alles andere als üppig. Er reichte gerade einmal, um über die Runden zu kommen.“
Wolf war manchmal wirklich schwer von Begriff. Ich hatte ja auch nicht vor, ein Auto zu kaufen. Ich wollte eines stehlen. Doch stattdessen sagte ich: „Wir könnten einen Wagen mieten. Du hast doch einen Führerschein.“
Sofort hellte sich die Miene meines Bruders auf, und er machte sich auf zur Rezeption, um im Telefonbuch Mietwagenfirmen ausfindig zu machen. Ich begann derweil, Wolfs wenige Habseligkeiten in seine Reisetasche zu packen. Dann legte ich mich noch ein bisschen hin. Mein Bruder brauchte aber lange, um einen Mietwagen zu organisieren. Ich schloss die Augen und bemerkte, wie müde ich war. Durch die Aussicht, in Kürze Noveha verlassen zu können, fühlte ich mich entspannt und beschloss, vorher noch ein kleines Nickerchen zu machen.
Irgendwann wachte ich auf, weil ich auf die Toilette musste. Ich hatte das Gefühl, ziemlich lange geschlafen zu haben. Wolf saß auf dem Sofa und starrte vor sich hin. Sofort war ich hellwach und stand auf. „Was ist los?“, fragte ich. „Wieso hast du mich nicht geweckt? Wann können wir den Mietwagen abholen?“
„Gar nicht“, antwortete mein Bruder düster.
„Was ... was soll das denn heißen?“
„Das soll heißen, dass wegen des Bahnstreiks sämtliche Mietwagen für die nächsten Tage bereits vergeben sind. Ich habe alle Firmen im Umkreis abtelefoniert.“
„Und jetzt?“
„Ich weiß es nicht, Inga.“
Ich ging zunächst auf die Toilette und überlegte, ob ich Wolf einen Autodiebstahl vorschlagen sollte. Letztlich entschied ich mich dagegen. Mein Bruder war immer so anständig, dass er so etwas sowieso ablehnen würde. Außerdem sollte er nicht schlecht von mir denken.
„Komm, wir gehen uns etwas zu essen holen“, schlug Wolf bei meiner Rückkehr in das Zimmer vor. „Es ist schon nach drei Uhr. Wir werden sicher eine Lösung finden, wie wir von hier wegkommen.“
Frau Weißich war dabei, die Eingangshalle zu reinigen und lehnte sich, als sie uns die Treppe herunterkommen sah, erwartungsvoll auf ihren Wischmopp. „Achtung, es könnte rutschig sein“, warnte sie uns. Dann sah sie uns neugierig an. „Na, was haben Sie denn heute noch Schönes vor? Müssen Sie gar nicht arbeiten, Herr Klein?“
„Frau Weißich“, sagte Wolf, ohne auf ihre Fragen einzugehen, „Sie sind doch immer gut informiert.“
Sofort wurde die Pensionsinhaberin hellhörig. „Gewiss, Herr Klein. Worum geht es denn?“
„Wissen Sie, wie lange der Bahnstreik noch andauern wird?“
Ich war enttäuscht. Wollte mein Bruder wirklich auf das Ende des Streiks warten? Sofort witterte Frau Weißich Neuigkeiten. „Nanu, Herr Klein, wieso interessieren Sie sich denn auf einmal für den Bahnstreik? Wollen Sie und Ihre Schwester etwa abreisen? Zurück nach Hause?“
Wolf nickte nur.
„Das bedaure ich aber sehr, Herr Klein. Schade ist das, sehr schade ... Also, wenn Sie mich fragen, wird das erst einmal so weitergehen mit dem Streiken. Und unsereins kann sehen, wie er aus Noveha rauskommt. Schließlich wollen wir Älteren doch auch ab und zu einmal einen Ausflug machen! Wie soll das denn gehen ohne Auto und ohne Bahn? Und es fahren hier doch auch kaum Busse! Ein Hin und Her ist das mit diesen Tarifverhandlungen! Es geht nicht vor und nicht zurück, weil keiner nachgeben will. Sturköpfe sind das! Schlimmer als Maulesel! Wenn Sie uns im Fernsehzimmer ab und zu Gesellschaft leisten würden, Herr Klein, wüssten Sie, was das für ein Gerangel ist.“ Plötzlich hellte sich Frau Weißichs Gesicht auf. „Sie kommen doch aus Norddeutschland, oder, Herr Klein?“
Wieder nickte mein Bruder.
„Ja, wieso nehmen Sie dann nicht den neuen Expressbus?“
Mein Herz schlug sofort schneller, als ich das hörte.
„Expressbus?“, fragte ich hoffnungsvoll.
Frau Weißich ging zur Rezeption und kramte hinter dem Tresen herum. „Eine Unordnung ist das hier!“, klagte sie. „Ich weiß gar nicht, wo die ganzen Sachen herkommen, die hier herumliegen! Hat sich wohl alles im Laufe der Zeit angesammelt. Ich kann ja nichts wegwerfen. Muss dringend wieder einmal aufräumen. Ach, da ist es ja!“ Stolz hielt sie ein Faltblatt hoch, das sie mir gab. Wolf sah mir über die Schulter, als ich vorlas: „Expressbus Noveha – Sanddiek. Schnell und zuverlässig in den Norden und wieder zurück. Abfahrt jeden Dienstag um 16:00 Uhr vom Bahnhofsplatz Noveha und jeden Mittwoch um 14:00 Uhr vom Bahnhofsplatz Sanddiek. Fahrkarten direkt am Bus.“
Wolf und ich sahen uns verblüfft an. Ein Bus in einen Ort, der nur wenige Kilometer von Sandburg entfernt lag – was für ein seltsamer Zufall. Ich wollte nicht weiter darüber nachdenken, denn das war unsere Rettung! Aber wir würden uns beeilen müssen, denn es war inzwischen 15:30 Uhr. Schnell lief mein Bruder die Treppe hinauf, um seine Sachen zu holen. Frau Weißich war etwas überrumpelt von dem eiligen Aufbruch und bestand darauf, uns in der Küche einen Reiseproviant zusammenzustellen. Ungeduldig warteten wir an der Rezeption, bis die Frau mit einer gefüllten weißen Plastiktüte zurückkam, die sie mir gab. „Da sind nur die besten Sachen drin“, behauptete sie, „und ich nehme noch nicht einmal etwas dafür, weil Ihr Bruder so ein langjähriger Gast bei mir war und immer pünktlich dreißig Tage im Voraus bezahlt hat. Man kann auch nie wissen, wie lange so eine Busfahrt dauert. Vielleicht kommen Sie in einen Stau oder haben eine Panne oder ...“
„Frau Weißich“, unterbrach Wolf.
„Schon gut, Herr Klein, schon gut. Ich wollte Ihnen keine Angst machen. Es wird bestimmt alles klappen.“ Dann gab sie ihm sein Restguthaben für die zuletzt im Voraus bezahlten dreißig Übernachtungen zurück. Den Preis für die kaputte kleine Vase zog sie ab, nachdem Wolf seine Zerstörungswut ihr gegenüber als ungeschicktes Malheur dargestellt hatte.
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