Mittlerweile war es Mitte Januar. Letztes Wochenende war eine Stellenanzeige eines neu eröffneten chinesischen Restaurants in der Sandburger Zeitung erschienen, in der eine Bedienung für die Abendstunden gesucht wurde. Meine Mutter hatte die Anzeige extra für mich ausgeschnitten. Vielleicht sollte ich mich dort wirklich einmal vorstellen, wenn ich auch keine Erfahrung als Kellnerin hatte. Dann hätte ich zumindest ein kleines Einkommen und würde tagsüber immer noch tun und lassen können, was ich wollte.
Während ich darüber nachdachte, war Wolf im Badezimmer und duschte. Er war völlig erschöpft aus dem Schuhgeschäft, wo er angestellt war, nach Hause gekommen. Er hatte nicht einmal großartig reagiert, als ich ihm mitteilte, dass ich nicht wie eigentlich geplant einen Auflauf zubereitet hatte, sondern heute Abend Reste aufwärmen würde, da diese sich nicht länger hielten. In Wahrheit hatte ich vergessen, Lebensmittel einzukaufen. Ich hatte es einfach vergessen, und irgendwie war der Tag vergangen, ohne dass ich genau hätte sagen können, womit ich ihn verbracht hatte. Es kam in letzter Zeit öfter vor, dass ich Dinge vergaß. Manchmal konnte ich mich beim besten Willen nicht daran erinnern, was ich in den letzten Stunden getan hatte. So war es ebenfalls teilweise gewesen, wenn ich Brittas Wohnung in Hamburg verlassen hatte. Aber auch schon davor war es vorgekommen, dass ich irgendwo in Sandburg unterwegs gewesen war und anschließend nicht sagen konnte, wie ich dorthin gekommen war und was ich dort eigentlich wollte. Das war mir selbst unheimlich. Meine Vergesslichkeit hatte schleichend nach meiner Flucht aus dem schwarzen Haus begonnen. Ich hatte dort während meiner Gefangenschaft einige Fähigkeiten dazugelernt und büßte dafür anscheinend mein Erinnerungsvermögen ein.
Wolf durfte auf keinen Fall etwas davon erfahren. Er hatte schon genug Sorgen bei der Arbeit, wenn er auch meistens darüber schwieg. Wolf machte mehr Überstunden als seine Kollegen, und das ohne Bezahlung oder Freizeitausgleich. Es stimmte nicht ganz, dass Wolf, wie ich Britta gegenüber behauptet hatte, Leiter eines großen Schuhgeschäfts in Sandburg war. Das war er gewesen , bevor das Geschäft Teil einer Schuhgeschäftskette wurde. Von da an hatte eine gewisse Frau Trapp dort das Sagen. Sie kontrollierte mehrere Filialen, und Wolf musste sich von ihr allerhand gefallen lassen. Sie scheuchte ihn von morgens bis abends herum, und er konnte es ihr nie recht machen. Dann stimmte die Kasse nicht, dann gab es zu viele Diebstähle, dann waren Warenbestellungen zu spät aufgegeben worden. Was es auch war, immer bekam Wolf die Schuld dafür. Und er schluckte das alles, ohne sich zu wehren.
„Lass nur, Inga“, winkte er ab, wenn ich mit ihm darüber sprechen wollte. „So schlimm ist es nun auch wieder nicht.“
Doch es war schlimm. Das wusste ich. Wolf wollte mit mir nicht über seine Arbeit reden, weil er dachte, dass es mich sowieso nicht interessierte. Aber da irrte er sich. Bei Wolf war es nicht so einfach, seine Gedanken zu lesen, und doch war deutlich, dass ihn seine Arbeit und diese Frau Trapp sehr beschäftigten. Aber keine Sorge, Wolf. Ich würde mich schon darum kümmern. Jetzt war ich ja zurück in Sandburg, und ...
Das Klingeln des Telefons im Wohnzimmer unterbrach meine Überlegungen.
„Hallo“, meldete ich mich. Ich hatte es irgendwann aufgegeben, meinen Namen zu nennen. Es hatten in der Vergangenheit zu oft Spinner angerufen.
Eine Frau weinte am anderen Ende der Leitung. Ich wusste sofort, dass es meine Mutter war. „Inga, bist du das?“, brachte sie schluchzend hervor.
„Ja, Mama.“ Ich stellte keine Fragen, denn es gab keinen Zweifel, weshalb sie anrief.
„Bridda ist verschwunden“, schniefte meine Mutter in den Hörer und putzte sich anschließend geräuschvoll die Nase.
„Was soll das heißen: verschwunden?“, fragte ich immer noch ruhig. Meine Mutter würde denken, dass mich die Nachricht vollkommen schockiert hatte.
„Die Polizei war gerade da, Inga. Bridda war wohl verreist. Sie hätte aber schon seit zwei Wochen zurück sein sollen.“ Meine Mutter konnte vor Weinen kaum sprechen.
Dann hatte sich in Brittas vornehmer Kanzlei anscheinend doch noch jemand gefunden, der es für nötig gehalten hatte, sie als vermisst zu melden.
„Ihre Putzfrau hat die Polizei verständigt. Die hat nämlich gemerkt, dass Briddas Briefkasten überquillt und dass sie anscheinend nie in der Wohnung ist“, erzählte meine Mutter mit bebender Stimme weiter. „Die Polizei fragt jetzt erst einmal in Briddas Bekanntenkreis herum ...“ Meine Mutter brachte die Worte nur mühsam hervor. „Und wenn das nichts bringt, ... wird wegen einem Verbrechen ermittelt.“ Erneut drang ihr hemmungsloses Schluchzen an mein Ohr.
Ich hatte mir in den vergangenen Wochen immer wieder ausgemalt, wie es sein würde, von Brittas Verschwinden oder dem Auffinden ihrer Leiche zu erfahren und wie ich darauf reagieren müsste. So rief ich mir jetzt die Worte in Erinnerung, die ich so oft geprobt hatte, während Wolf bei der Arbeit war. „Das kann doch nur ein Irrtum sein“, stotterte ich verwirrt. „Dafür gibt es sicher eine ganz einfache Erklärung. Du wirst sehen, Mama, es wird sich alles aufklären. Vielleicht hat Britta ihre Reise einfach spontan verlängert, weil sie dort einen tollen Mann ...“
„Doch nicht meine Deern!“, unterbrach mich meine Mutter energisch. „Doch nicht meine tüchtige, anständige Deern!“ Dann weinte sie weiter.
Mir fiel nichts Unverfängliches mehr ein, was ich noch hätte sagen können, und so beschloss ich, das Gespräch zu beenden. „Melde dich, wenn es Neuigkeiten gibt, ja, Mama? Ich komme euch morgen Nachmittag besuchen, okay?“ Dann legte ich auf.
„Was ist denn passiert?“, hörte ich plötzlich Wolf hinter mir fragen. Ich hatte gar nicht bemerkt, dass er das Zimmer betreten hatte. Ruckartig fuhr ich herum. „Britta ist verschwunden“, antwortete ich, bemüht um einen leicht panischen Tonfall.
Wolf sah mich völlig entgeistert an. Diesen Ausdruck hatte ich schon einmal in seinem Gesicht gesehen, vor etwas mehr als zehn Jahren, als ich vierundzwanzig und er sechsundzwanzig war. An jenem Abend des 1. Oktober 1990, nachdem ich nach über sieben Jahren Gefangenschaft aus dem schwarzen Haus entkommen war.
Noch bevor Wolf damals durch diese furchtbar hohe Pforte die schmale Rasenfläche vor dem schwarzen Haus betrat, wusste ich, dass er schlechte Neuigkeiten brachte. Das war das erste Mal, dass mir klar wurde, dass ich die Gedanken anderer lesen konnte. Wolf wollte mir sagen, dass mir Terri Grubers Stiefvater bei meiner Befreiung nicht helfen werde, dass mir niemand helfen werde, dass mein Bruder alles Mögliche versucht habe, aber vergeblich. Eines wollte er allerdings nicht ansprechen: dass ich in dem schwarzen Haus sterben würde. Verhungern oder verdursten, vielleicht auch beides.
Doch Wolf sollte sich irren. Denn es war mir wider Erwarten nach all den Jahren gelungen, aus meinem Gefängnis zu fliehen, und zwar aus eigener Kraft. Wie genau ich das angestellt hatte, konnte ich mir selbst nicht erklären. Ich wusste auch nicht, wie lange ich da schon in der Abenddämmerung im Vorgarten stand und auf meinen Bruder wartete. Doch eines war wirklich passiert: Ich war durch die Hauswand gegangen. Irgendwie hatten sich die Atome meines Körpers mit denen der dicken Mauer vermischt, anders konnte ich es nicht beschreiben. Ich hatte keine Schmerzen, nicht einmal einen Widerstand gespürt, während ich die Mauer durchdrungen hatte.
Für einen Moment fürchtete ich, Wolf werde ohnmächtig werden, als er mich erblickte. Völlig sprachlos stand er da, und ich sah ihm an, dass er erst kürzlich geweint hatte. Er meinte, mich verloren zu haben, und nun war ich wie durch ein Wunder gerettet. Mein Bruder fing wieder an zu weinen, diesmal vor Erleichterung, als wir uns in die Arme fielen, und auch ich brach in Tränen aus. Dann versuchte ich, Wolf zu erklären, was geschehen war. Er hörte mir ruhig zu und schien mir jedes Wort zu glauben. Später, nach unserer Rückkehr nach Sandburg, zog er es in Erwägung, dass ich vor Durst, Hunger und Todesangst Halluzinationen gehabt haben könnte und das Haus eventuell doch auf eine andere, natürliche Weise verlassen hatte. Ich widersprach ihm nicht. Doch ich kannte die Wahrheit. Die einzige Wahrheit. Ich hatte das schwarze Haus durch die Wand verlassen. So und nicht anders.
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