Ich leistete in der Kanzlei gute Arbeit. Das weiß ich. Nicht umsonst hatten mir meine Eltern erst einige Monate zuvor einen Computerkurs bezahlt. Sie hofften, dass ich dadurch trotz fehlender Ausbildung eine Chance auf eine Anstellung im Büro erhalten würde, obwohl ich das gar nicht anstrebte. In dem Kurs hatte ich sogar gelernt, richtig schnell zu tippen.
Einen harmlosen Spaß machte ich mir daraus, Britta mit meiner exakten Handschrift zu verwirren, die so aussah, als wäre sie gedruckt. Das ist auch so eine Sache, die seit meiner Gefangenschaft zu meinen Talenten gehört und die ich mir nicht erklären kann. Aber das war nicht böse gemeint. Ich wollte meiner Schwester niemals schaden.
Doch dann fand ich heraus, wie gemein Britta immer noch war und was für schlechte Gedanken sie hatte. Die Gedanken anderer lesen gehört zu den Gaben, die ich zunehmend besser beherrsche, seit ich das schwarze Haus in Noveha verlassen habe. Was für schlimme Absichten Britta Virginia Lindt gegenüber hatte, der sie eine Freundschaft vorgaukelte! Und mich wollte sie für ihre Intrige benutzen. Dafür war ich in Brittas Augen gut, für sonst nichts. Es tat so weh, das festzustellen. Da wurde ich wütend. So wütend! Von da an ging alles schief. Ich fing an, wie früher, als ich noch ein Kind war, darüber nachzudenken, wie ich meine Schwester am besten töten könnte. Als ich diese Gedanken einmal zugelassen hatte, war das Unglück nicht mehr aufzuhalten. Britta gegenüber war ich weiterhin freundlich. Was für eine Mühe es mich kostete, mich so zu verstellen! Meine Freunde erlebten jedoch das volle Ausmaß meiner Wut mit. Ich tobte regelrecht, wenn ich bei ihnen war. Doch sie verstanden mich. Das spürte ich. Endlich verstand mich jemand. Ich erzählte ihnen von Brittas Machenschaften und verschwieg auch nicht, welche schlimmen Dinge meine eigene Schwester mir angetan hatte, als ich noch ein Kind war. Britta war doch acht Jahre älter als ich. Wie hätte ich mich damals gegen sie wehren können? Alles, was meine Schwester mir je zugefügt hatte, jede Gemeinheit, fiel mir plötzlich wieder ein. Alles war auf einmal wieder ganz präsent, als wäre es erst gestern gewesen. Und meine Freunde pflichteten mir bei: „Ja, Inga, deine verdammte Schwester muss dafür bestraft werden, was sie dir angetan hat.“
Wenn meine Freunde aus dem Internet-Briefclub nicht gewesen wären, wäre vielleicht alles anders gekommen. Dann hätte ich mich schon irgendwann wieder beruhigt und wäre, immer noch sauer auf Britta, zurück nach Sandburg gefahren. Niemand wäre zu Schaden gekommen. Doch meine Freunde fragten mich nach Britta, wenn ich bei ihnen war. Und es tat so gut, mir alles von der Seele zu reden. Poker, Cäsar, Bobby und Wuschel - ich kenne noch nicht einmal die richtigen Namen der jungen Männer, die ich da im Internet kennengelernt habe. Doch ich weiß, dass jeder von ihnen eine schreckliche Kindheit hatte und Furchtbares durchmachen musste, obwohl sie mit mir nie darüber sprachen. Das mussten sie auch nicht. Ich las es in ihren Gedanken.
Ihr eigenes Unglück war wohl der Grund, weshalb es meine Freunde so sehr faszinierte, dass ich eine menschenverachtende und rücksichtslose Schwester hatte. Wer jahrelang schlecht behandelt wurde, ist von Natur aus negativ eingestellt und kann im schlimmsten Fall mit den schönen Dingen im Leben nichts mehr anfangen. Jede Einzelheit wollten meine Freunde über Britta und den Psychopathen Thomas Curry wissen, der seine Verlobte hinterging und mir ständig nachstellte. Je abstoßender die Details waren, desto besser. Und ich offenbarte meinen Freunden bereitwillig alles.
„Leute wie deine Schwester und dieser Thomas Curry müssen weg.“ Es war der pinkhaarige Wuschel, der es als Erster laut aussprach.
„Du hast zu viel getrunken“, antwortete ich möglichst gelassen, obwohl das, was er gesagt hatte, genau meine eigene Überzeugung war.
„Wuschel hat Recht. Deine Schwester und dieser widerliche Kerl müssen weg“, pflichtete nun auch der grünhaarige Bobby seinem Kumpel bei, und die anderen nickten eifrig.
„Dann lasst uns mal überlegen, wie wir das am besten anstellen“, neckte ich die vier Männer. Doch ein Teil von mir wollte wirklich den Mord an meiner eigenen Schwester und an Thomas Curry planen.
Es begann als Spiel. Jeder trug seine Ideen vor, wie wir Britta und Thomas Curry töten und ungestraft davonkommen könnten. Je öfter wir uns trafen, desto konkreter wurde unser Plan. Die anderen wollten über gar nichts anderes mehr sprechen. Und mir gefiel es, im Mittelpunkt zu stehen. Ich genoss es, wie sehr sich die vier Männer für mich einsetzen wollten. Dann gab es irgendwann kein Zurück mehr. Ich verpasste den Moment, in dem ich das Ganze noch hätte aufhalten können, in dem ich hätte sagen können, dass das Blödsinn war, dass ich nicht wollte, dass Britta und Thomas Curry etwas passierte. Es wäre auch gelogen gewesen. Also lockten wir die beiden in eine Falle und töteten sie.
Dass Thomas Curry in Wirklichkeit ein bedrohlicher Außerirdischer war und das der wahre Grund war, weshalb ich seinen Tod wollte, behielt ich bis zum Schluss für mich, denn das wäre weit über den Horizont meiner Freunde hinausgegangen. Welcher Mensch könnte mit so einer Tatsache schon umgehen? Ich bin mir sicher, dass die vier kein Wort verstanden, als ich Britta kurz vor ihrem Tod über Thomas Curry aufklärte. Es ist auch egal, denn ich werde meine wunderbaren Freunde niemals wiedersehen. Zu ihrer und zu meiner Sicherheit sollten wir das, was wir getan haben, vergessen und unser Leben so gut es geht weiterführen. Sie das ihre in Hamburg und ich meines in Sandburg. Das beschloss ich noch in der Nacht, in der wir Britta und Virginia Lindts Verlobten töteten. Gleich am nächsten Tag fuhr ich zurück nach Hause. Ich brachte es nicht über das Herz, den vier Männern zu sagen, dass ich den Kontakt zu ihnen für immer abbrechen würde. Ich hatte ihnen meinen richtigen Wohnort nie verraten. Sie glauben bis heute, ich käme aus Noveha. Sie haben keine Ahnung, was für eine Hölle Noveha ist und dass ich dort mehr als sieben furchtbare Jahre lang in einem Haus eingesperrt war. Meine lieben Freunde werden mich niemals finden können, selbst wenn sie es versuchen. Sie kennen mich nur als Inga Adam. Einen schöneren Nachnamen kann es für mich gar nicht geben.
Alles, was ich tue, geht irgendwann schief. So war es schon immer. Nie mache ich irgendetwas gut oder richtig.
„Wir sind sehr enttäuscht von dir, Inga.“ Wie oft habe ich diesen Satz in den letzten Jahren von meinen Eltern gehört. Immer nur Vorwürfe. Meine Eltern leben ihren Alltagstrott und sind verärgert, weil ich nicht wie sie tagein, tagaus schuften will. Weil ich mich nicht an irgendeinem Arbeitsplatz einsperren lassen will, halten mich meine Eltern für eine nutzlose Schmarotzerin. Doch es ist mir egal, was sie und andere über mich denken, denn ich werde mich nie wieder einsperren lassen. Nie wieder.
Rechtzeitig vor Weihnachten war ich zurück in Sandburg. In der Wohnung, die ich mit meinem Bruder Wolf teilte, war es bei meiner Ankunft still. Sicher arbeitete Wolf noch, der Arme.
Ich hatte meine Reisetasche ausgepackt, geduscht und war im Begriff, den Inhalt des Kühlschranks zu begutachten, als ich den Schlüssel im Schloss der Wohnungstür hörte. Vor diesem Moment hatte ich mich etwas gefürchtet. Denn anders als ich Britta weisgemacht hatte, hatte ich Wolf und meinen Eltern nicht gesagt, wohin ich verreisen wollte, sondern war nach einem schlimmen Streit mit meinem Bruder, in dem es wieder einmal darum gegangen war, dass ich so gut wie kein Geld zum Haushalt beisteuerte, sang- und klanglos verschwunden. Ich wusste, dass das gemein war. Wolf kam sicher um vor Sorge und hatte vermutlich Angst, dass ich wieder irgendwo eingesperrt worden war. Mein Bruder hatte in den letzten Wochen viele Male versucht, mich auf dem Handy zu erreichen, doch ich hatte ihn mit der kurzen Aussage, dass es mir gut gehe, abgewimmelt und war anschließend nicht mehr an das Telefon gegangen, wenn er anrief. Während meines Aufenthalts in Hamburg fand ich, dass das meinem Bruder recht geschah, doch jetzt packte mich das schlechte Gewissen.
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