Thomas Curry schlug sich zunächst tapfer, alle Achtung. Es gab ein Gerangel, in dem er es meinen Freunden möglichst schwer machen wollte, das immer noch in seinem Rücken steckende Messer erneut gegen ihn einzusetzen. Er muss höllische Schmerzen gelitten haben, doch er kämpfte wie besessen um sein Leben. Allein gegen vier Männer kam jedoch nicht einmal Thomas Curry an. Und ihn verließen langsam seine Kräfte. Ich hielt mich währenddessen etwas abseits und fragte Thomas Curry immer wieder nach Adrian Adam, doch dieser arrogante Kerl reagierte überhaupt nicht darauf. Damit fällte er endgültig sein Todesurteil. Jeder meiner Freunde stach schließlich auf Thomas Curry ein, der kaum noch Gegenwehr leisten konnte und letztendlich tot auf dem Bett zusammenbrach.
Anschließend war es Zeit, Britta anzurufen, um sie in die Gartenlaube zu locken, die ihre Todesfalle werden würde. Meine Freunde und ich fuhren so weit zurück Richtung Hamburg, bis wir wieder Handyempfang hatten. Den Anruf tätigte ich mit unterdrückter Nummer von Thomas Currys Mobiltelefon, das ich nur für diesen Zweck kurz einschaltete. Mit meinen behandschuhten Fingern war es gar nicht so einfach, die richtigen Tasten zu treffen. Außerdem zitterten meine Hände vor Aufregung. Würde Thomas Currys Nummer nun angezeigt werden oder nicht? Ich hatte schon Bedenken, durch meine Ungeschicklichkeit alles zu verderben, als mein Kumpel Bobby das Wählen freundlicherweise für mich übernahm.
Meiner Schwester gegenüber behauptete ich, mich in einer Telefonzelle an der Landstraße zu befinden. Sie war schnell bereit, zu mir zu kommen, um mir zu helfen, wie sie es nannte. Dabei wollte sie höchstens sich selbst retten, indem sie mit mir alle Spuren des Mordes an Thomas Curry verwischte. Zufrieden mit dem Ergebnis des Gesprächs machten meine Freunde und ich uns auf den Rückweg zu der Schrebergartensiedlung. Wir würden rechtzeitig vor Britta dort sein, um ihr einen besonderen Empfang zu bereiten.
In Brittas teurem Auto, mit dem sie an diesem Abend durch die verschneite Einsamkeit zu der Gartenlaube fuhr, hatte ich nie gesessen. Sie hatte es sich gekauft, nachdem sie mich aus ihrer Wohnung geworfen hatte. Mit ihrem vorherigen, ebenso edlen Wagen war ja auch nicht mehr viel anzufangen – so, wie ihn mein Kumpel Cäsar zugerichtet hatte.
Britta mit ihrem scharfen Verstand merkte sehr bald, dass ich sie unter einem falschen Vorwand in die abgelegene Schrebergartensiedlung gelockt hatte und es für sie kein Entrinnen mehr gab. Seltsamerweise nahm sie das mit einer unerwarteten Gelassenheit zur Kenntnis. Meine Schwester zeigte bis zum Schluss keine Angst, auch nicht, als mein Freund Wuschel ihr mit dem zweiten Messer, das wir in der Küchennische in einer Schublade deponiert hatten, einen tödlichen Stich in den Bauch versetzte. Ich fand Brittas Fähigkeit, Haltung zu bewahren, bewundernswert und hasste mich selbst dafür, dass ich meiner Schwester nicht nur bloße Verachtung entgegenbringen konnte, wie sie es verdient hätte.
Wir nahmen Britta und Thomas Curry nach ihrem Tod in der Gartenlaube kein Geld ab, um zu vermeiden, dass es später nach Raubmord aussehen könnte. Vielmehr sollte der Eindruck entstehen, dass Thomas Curry Brittas Geliebter war und sie zunächst ihn und dann sich selbst getötet hatte. Was das Verschwinden der beiden Autos und der Autoschlüssel anging, würde sich die Polizei daran wohl die Zähne ausbeißen.
Meine Schwester hatte ihr Privat- und ihr Firmenhandy in ihrer noblen Handtasche bei sich. Natürlich besaß sie die teuersten Mobiltelefone, die derzeit erhältlich waren. Wir schalteten beide ab. Das ausgeschaltete Handy von Thomas Curry, das seine beste Zeit wohl schon hinter sich hatte, steckte mein Kumpel Wuschel zurück in die Jackentasche des toten Architekten. Schon bald hinter der Hamburger Stadtgrenze gab es keinen Handyempfang mehr. Das hatten meine Freunde und ich vorher sorgfältig getestet. Die Polizei würde die Spur meiner Schwester und die von Thomas Curry nicht verfolgen können.
Dann kam der riskanteste Teil des Abends. Meine Freunde wollten nach den Morden unbedingt mit Brittas Wohnungsschlüssel zu deren Wohnung fahren, um nachzusehen, ob sich dort Wertgegenstände befanden, die wir entwenden könnten, um sie weiterzuverkaufen. Ich war nicht einverstanden mit dieser Idee, doch statt meinen Unmut zu äußern, bot ich an, mich allein in der Wohnung meiner Schwester umzusehen. Das würde am schnellsten gehen, schließlich kannte ich mich dort aus. Außerdem wollte ich vermeiden, dass meine Freunde Brittas Klingelschild sahen und herausfinden würden, dass ihr Nachname Klein war, während ich mich schon im Internet-Briefclub Inga Adam genannt hatte.
In dem teuren Haus, in dem meine Schwester eine Penthouse-Wohnung besaß, war es bei meiner Ankunft totenstill. Sicher lagen die wohlhabenden Bewohner alle schon längst brav in ihren Betten. Vorsichtig schlich ich im dunklen Treppenhaus die Stufen hinauf. Ich musste nur vermeiden, dass mir der Mann vom Wachdienst begegnete, der vor ein paar Wochen nicht einmal verhindert hatte, dass Cäsar Brittas Wagen in der Tiefgarage schrottreif schlug. Das war letztendlich der Grund dafür gewesen, dass meine Schwester mich aus ihrer Wohnung geworfen hatte. Sie hatte zwar keine Beweise, doch sie ahnte, dass ich etwas mit der Zerstörung ihres geliebten Eigentums zu tun hatte.
In Brittas Wohnung war es angenehm warm. Es brannte sogar noch überall Licht. Schnell sah ich mich um. Weder Geld noch Wertgegenstände lagen offen herum. Ich beschloss, gleich noch etwas in Schubladen und Schränken herumzuwühlen. Dann sah ich in Brittas Schlafzimmer den halb gepackten Koffer. Auf dem Bett lagen Kleidung und Reiseunterlagen. Ich hatte keine Bedenken, die Dokumente anzufassen, schließlich trug ich immer noch meine schwarzen Lederhandschuhe. Ein schön kostspieliges Reiseziel hatte sich meine Schwester da ausgesucht. Schade, dass sie dort nie ankommen würde. Ich packte die Unterlagen sowie die Kleidung in den Koffer und schloss ihn. Den würde ich mitnehmen, sonst würde Brittas Putzfrau, die sie sicher noch beschäftigte, sofort bemerken, dass etwas nicht stimmte.
Auf einmal packte mich das schlechte Gewissen, und ich verspürte nicht mehr das geringste Verlangen, etwas von Brittas Besitz an mich zu nehmen. Ich wollte nur noch aus der Wohnung verschwinden. Trotzdem war ich geistesgegenwärtig genug, die Heizung in allen Räumen zu drosseln, wie jemand es vor einer Reise täte. Anschließend löschte ich überall das Licht. Dann machte ich mich mit dem Koffer möglichst geräuschlos auf den Weg nach unten.
Die anderen waren enttäuscht, dass ich keine großen Reichtümer brachte, doch schließlich gaben sie sich damit zufrieden, Brittas edle Kleidung auf Flohmärkten zu verhökern. Wir mussten wohl oder übel noch einmal zurück zu der Schrebergartensiedlung, um Brittas Wohnungsschlüssel zurück in ihre Handtasche zu legen. Bei einem Mord ist jedes Detail wichtig. Es war eine höllische Fahrt. Außerhalb der Stadt waren die Straßen kaum gestreut und die Landschaft dermaßen zugeschneit, dass Poker, der den Wagen steuerte, nur mühsam den Verlauf der Straße erkennen konnte. Ich bemühte mich, wie die anderen Gelassenheit auszustrahlen. Dabei hatte ich große Angst, wir könnten von der Straße abkommen und in einen Graben rutschen. Zum Glück verlief unsere Fahrt dennoch reibungslos. Ich wartete mit den anderen im Wagen, während Bobby Brittas Schlüssel in die Laube brachte. Ich wollte nicht noch einmal den toten Körper meiner Schwester sehen. Dann fuhren wir zu der Wohnung meiner Freunde. Es war bereits weit nach Mitternacht, als wir dort ankamen. Der aufregende Abend war erfolgreich überstanden.
Thomas Curry war kein Mensch, wenn das auch außer mir niemand bemerkte, nicht einmal Virginia Lindt, seine Verlobte. Und Thomas Curry hatte Adrian Adam auf dem Gewissen. Um ihn war es nicht schade. Er verdiente es zu sterben, bevor er noch mehr Menschen schaden konnte. Genauso wie Britta. Ich bin froh, dass meine eigene Schwester tot ist. Ist es nicht abscheulich, so etwas von sich zu behaupten? Sollte ich mich dafür schämen? Aber es ist doch die Wahrheit. Ich würde Britta nicht einmal wieder ins Leben zurückholen, wenn ich es könnte.
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