„Inga“, Wolf betrat die Küche und blickte mich erstaunt an. Er sah müde aus.
„Tja, da bin ich wieder“, antwortete ich in einem heiteren Tonfall.
„Wo warst du denn die ganze Zeit? Ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht.“ Mein Bruder klang eher traurig als wütend.
„Ich ... Stell dir nur vor, ich war in Österreich und habe Bauern bei der Ernte geholfen. Und dann haben sie mich zum Dank noch ein paar Wochen bei sich wohnen lassen. Toll, nicht?“ Wie leicht mir diese frei erfundenen Worte über die Lippen kamen. „Ich weiß, ich hätte nicht so abweisend sein und mich zwischendurch bei dir melden sollen. Es tut mir leid. Verzeihst du mir?“
„In Österreich also“, murmelte mein Bruder.
Ich war mir nicht sicher, ob er mir glaubte. Ich hatte ihn in der Vergangenheit zu oft angelogen.
„Ja, in Österreich“, bestätigte ich hastig. Dann setzte ich, um abzulenken, schnell hinzu: „Geh du ruhig erst mal unter die Dusche. Ich koche uns etwas Leckeres zu essen. Schließlich müssen wir unbedingt meine Rückkehr feiern.“
„Wir sind sehr enttäuscht von dir, Inga“, brummte mein Vater statt einer Begrüßung, als Wolf und ich unsere Eltern an Heiligabend besuchten. Sicher hatte er diesen Satz aus einer der Serien, die er sich täglich ansah. Seit meine Eltern die Daten ihrer Kunden an irgendwelche Unternehmen verkauften, hinter denen Wolfs Ansicht nach in Wirklichkeit Außerirdische steckten, arbeiteten sie nur noch bis zum Nachmittag in ihrer Gärtnerei. Mein Vater pflegte dann den Rest des Tages vor dem Fernseher zu verbringen, während sich meine Mutter im Haushalt betätigte. Früher waren meine Eltern wie ich begeisterte Mitglieder im Briefclub gewesen, doch seit der schriftliche Austausch größtenteils im Internet stattfand, hatten sie das Interesse daran verloren.
„So ein Computer kommt mir nicht ins Haus, basta!“, hatte mein Vater bestimmt. Damit war das Thema für ihn erledigt gewesen.
„Nun fang doch nicht gleich wieder Streit an, Egon“, meinte meine Mutter versöhnlich, bevor sie mich an sich drückte. „Schön, dass du wieder da bist, Deern. Wo warst du denn bloß so lange?“
„In Österreich“, wiederholte ich die ausgedachte Geschichte. „Ich habe Bauern bei der Ernte geholfen, und sie haben mich anschließend zum Dank noch eine Weile bei sich wohnen lassen.“ Herausfordernd sah ich meinen Vater an. „Weil ich so tüchtig war.“
„Schön, Inga“, lobte mich meine Mutter, nachdem sie auch Wolf umarmt hatte. „Aber du hättest zwischendurch ruhig einmal anrufen können. Wir dachten, dir wäre Gott weiß was passiert! Nun lasst es uns erst einmal gemütlich machen.“
Wie schon in meiner Kindheit hatten meine Eltern auch in diesem Jahr die im Wohnzimmer aufgestellte Tanne aus ihrer eigenen Baumschule geholt, bunt geschmückt und mit einer Lichterkette verziert. Aus der Küche duftete es schon köstlich nach dem Gänsebraten, den wir an diesem Abend essen würden. Ich hoffte, dass meine Mutter reichlich zubereitet hatte und sie Wolf und mir die Reste mit nach Hause geben werde. Dann hätten wir für die nächsten Tage erst einmal ausgesorgt und würden uns nicht wieder wegen Geld streiten. Unsere Eltern, Wolf und ich hatten vereinbart, uns wie in den vergangenen Jahren gegenseitig nichts zu schenken. Ich hätte dafür auch gar kein Geld gehabt. Dennoch wollte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen, meinen Eltern einen Wink mit dem Zaunpfahl zu geben. Während wir vor dem Essen zusammensaßen und den Glühwein tranken, den meine Mutter uns eingeschenkt hatte, sagte ich scherzend: „Also, wenn ihr nicht wisst, was ihr Wolf und mir schenken sollt: Geld geht immer.“ Ich spürte, wie mich Wolf verärgert von der Seite ansah, als mein Vater seinen Glühweinbecher mit Wucht abstellte und losplatzte: „Glaub bloß nicht, dass du Faulpelz auch nur einen Pfennig von uns bekommst! Glaub das bloß nicht, Inga! Wozu haben wir dir eigentlich den Computerkurs bezahlt, wenn du dich, statt wie anständige Leute zu arbeiten, in der Welt herumtreibst! Deine Mudder und ich sind sehr enttäuscht von dir!“
„Egon ...“, versuchte meine Mutter, meinen Vater zu beschwichtigen. Dann wandte sie sich an mich: „Komm, Inga, du kannst mir in der Küche helfen. Das Essen müsste fertig sein.“
Ich war damit beschäftigt, die Kartoffelklöße, die meine Mutter an jedem Weihnachtsfest selbst machte, weil Britta sie früher so gerne gemocht hatte, mit einer Kelle aus dem Wasser zu fischen. Auch war der Esstisch, wie ich beim Betreten der Küche bemerkt hatte, wie immer für fünf Personen gedeckt, falls sich Britta doch noch einmal dazu herablassen sollte, das Weihnachtsfest mit ihrer Familie zu verbringen. Allerdings betrug die Wahrscheinlichkeit, dass Britta noch einmal nach Sandburg kommen würde, ab jetzt für alle Zeiten null Komma null. Bei dem Gedanken hätte ich am liebsten laut losgelacht.
Meine Mutter öffnete die Klappe eines Küchenschranks und kramte in einer Keksdose herum. Dann drückte sie mir ein paar Geldscheine in die Hand. „Hier, Deern, als Weihnachtsgeschenk. Teil dir das mit Wolf. Und lass bloß deinen Vadder nichts davon mitkriegen.“
„Danke, Mama“, sagte ich gerührt und drückte meine pummelige Mutter, deren einst blondes Haar inzwischen fast vollständig ergraut war, an mich. „Du bist wirklich die Beste. Du bist die Einzige, die zu mir hält. Papa hackt immer nur auf mir herum.“
„Dein Vadder will nur, dass aus dir was wird, Inga. Und nun sieh zu, dass du die restlichen Klöße aus dem Wasser kriegst, sonst werden sie zu matschig.“
„Was ist das bloß für ein zäher Scheiß!“, schimpfte mein Vater und bearbeitete das Stück Gänsebraten auf seinem Teller energisch mit dem Messer. „Da will man den kleinen Geschäften im Ort was Gutes tun und kauft beim Metzger, und der dreht einem dann so ein altes Vieh an! Ab jetzt kaufen wir das Fleisch nur noch im Discounter, Renate, das sage ich dir!“
Ich hätte meine Eltern an dieser Stelle gern über einige nicht ungefährliche Dinge aufgeklärt, die den arglosen Kunden in Supermärkten und Discountern angeboten wurden. Ich hätte sie gern gewarnt. Doch ich schwieg, denn sie würden mir sowieso nicht glauben, und mein Vater würde sich nur noch mehr aufregen.
„Komm, Egon, ich hol dir noch ein Bier“, bot meine Mutter an. „Dann rutscht es besser.“
Doch mein Vater ließ sich nicht besänftigen. Jetzt war er erst recht angriffslustig und wollte seine schlechte Laune an mir auslassen. „Wie hast du dir eigentlich dein zukünftiges Leben vorgestellt, Inga?“, fuhr er mich an. „Willst du dir vielleicht auch endlich einmal einen anständigen Beruf wie Wolf und Bridda suchen oder weiter anderen Leuten auf der Tasche liegen?“
„Egon, nun hör doch auf.“ Meine Mutter stellte eine zweite Flasche Bier vor meinen Vater auf den Tisch.
„Nein, lass nur“, wehrte ich gelassen ab. „Das ist doch eine berechtigte Frage.“
Wolf bat mich mit seinem Blick, jetzt bloß keinen Streit mit unserem Vater vom Zaun zu brechen. Unsere Mutter hatte sich mit dem Essen so viel Mühe gegeben.
„Ich habe allerdings vor, mein Leben zu ändern“, behauptete ich. „Gleich nach den Feiertagen werde ich in der Zeitung nach einem geeigneten Job Ausschau halten.“
Meine Eltern und Wolf sahen mich gleichsam erstaunt an.
„Das“, fügte ich triumphierend hinzu, „ist mein guter Vorsatz für das Jahr 2001.“
Schade nur, dass gute Vorsätze bei mir nie lange anhielten. Zumal dieser auch nicht wirklich ernst gemeint war. Ich wollte nur Ruhe von dem ständigen Herumgenörgele meines Vaters haben. Nein, es war nicht richtig, dass ich auf Wolfs Kosten lebte. Und: Ja, es wäre wirklich an der Zeit, mir eine Arbeit zu suchen und mein eigenes Geld zu verdienen. Aber dafür wollte ich nicht meine Freiheit aufgeben.
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