Der Boden zwischen den Tentakel-Auswüchsen war dicht übersät mit einer grauen Schicht. Es konnte nicht einfach Staub sein, wo sollte in dieser Tiefe unter der Erde auch Staub herkommen in dieser riesigen Menge.
Alexander fasste mit seiner Hand in den Staub und zog sie gleich darauf angewidert wieder zurück. Das war alles andere als Staub. Es waren ganz viele kleine Partikel, aber sie waren nicht trocken, sondern eher klebrig und schleimig. Fast kam es ihm vor, als wären sie mit einer feuchtigkeitsschützenden Schicht überzogen. So wie Samenkörner oft von einer Schutzschicht überzogen sind, um sie vor den Unbilden der Natur zu schützen, bis ihre Zeit des Reifens und Wachsens gekommen ist.
Dann trat er an einen der Tentakel heran und berührte diesen. Fast hatte Alexander den Eindruck, als ob das Gebilde auf seine Berührung reagieren würde. Jedenfalls hatte er kurzzeitig das Gefühl, als pulsierte und vibrierte etwas im Inneren des Tentakels. Aber schon nach einer Sekunde war dieses Gefühl wieder vorbei und der Tentakel lag schlaff auf dem Boden wie vorher. Nur aus Fernen jenseits der Ebene schien ein ansteigender Ton zu erklingen. Wie eine kleine Glocke, welche etwas wecken würde. Nein, Alexander mochte keinem Wesen gegenübertreten, welches mit dieser Ebene zu tun hatte.
Das Licht selbst schien aus den Wänden zu kommen. Abgesehen von der Außenwand der Pyramide, aus welcher er gerade herausgetreten war, schienen alle anderen Wände der Höhle mit einer leuchtenden Schicht überzogen zu sein. Dieses Licht flackerte und schien seinen Standort zu ändern, aber Alexander war sich sicher, dass dies eine optische Täuschung gewesen sein musste. Auch die Decke der Höhle schien mit dieser Leuchtfarbe übergossen zu sein. Noch nie hatte er so etwas gesehen und er hatte auch in Berichten anderer Forscher noch nie etwas über ein solches Phänomen gelesen.
Alexander dachte an die Bilder in dem Gang, dem er gerade entstiegen war. Genau so hatte er sich die Tentakel vorgestellt. Und nun fand er sie hier vor, leibhaftig und von teilweise gigantischen Ausmaßen. Jeder Tentakel, den er sah, war mindestens doppelt so groß wie ein ausgewachsener Mann. Wie groß mussten dann die anderen Wesen sein, welche auf den Bildern dargestellt waren und die von den Tentakeln besiegt worden waren.
Irgendwie erinnerte ihn diese Ebene an ein gigantisches Schlachtfeld. Zwar waren nur die Überreste der einen Armee, nämlich die Tentakel zu sehen, aber trotz allem konnte er sich dieses Eindrucks nicht erwehren. Kein Hauch von Leben zog über diese Ebene und es musste seiner Meinung nach schon seit vielen Jahrtausenden so sein. Die sanfte Bewegung durch den Lufthauch unterstrich für ihn nur noch den Eindruck des Toten, Abgelebten. Er befand sich in der größten Nekropole der Welt. Hier an diesem Ort konnte man die Endlichkeit des Daseins tatsächlich fast mit den Händen fassen. Aus jeder Ritze, hinter jedem Stein und aus jedem Staubkorn sprang es einen direkt an: TOD!
Alexander schüttelte sich, um die aufkommenden Verstimmungen zu vertreiben.
Hier mochte vor Jahrtausenden mal eine gewaltige Schlacht zwischen Wesen getobt haben, von denen die Wissenschaft bis heute keinen blassen Schimmer an Kenntnis besitzt. Heute und hier ging von dieser Stätte keinerlei Gefahr mehr aus.
Wohin mögen die Wesen wohl gezogen sein? Wie mögen Wesen ausgesehen haben, welche dem Angriff dieser Tentakel hatten widerstehen können? Wie konnten menschliche Wesen viele Jahrhunderte später diese Reliefs malen? Waren es überhaupt Menschen gewesen oder gab es vor der menschlichen Rasse bereits vernunftbegabte Wesen auf der Erde? Wie kam es, das verbotene Buch Necronomicon hier dargestellt zu finden? Was war mit den Tentakeln geschehen? Waren sie hier einfach vernichtend geschlagen worden oder hatten sie sich nur zurückgezogen, um an anderer Stelle einen noch gewaltigeren Ansturm vorzubereiten?
Alexander stellte sich all diese Fragen, ohne eine zufriedenstellende Antwort darauf zu finden. Also beschloss er, zu seiner Forschergruppe zurückzukehren und mit ihnen gemeinsam diese seltsamen Höhlen und Räume zu untersuchen. Außerdem hatte er keine Messinstrumente mit und keine Gefäße, um Proben zu sammeln. So machte sich Alexander auf den Rückweg. Dieser war zwar beschwerlich, der Gang war wirklich sehr eng, aber es gab keine neuen Erkenntnisse für ihn. Von unten her kommend, waren die Bilder tatsächlich nicht zu entdecken.
Nach einer längeren Zeitspanne gelangte er schließlich an die Oberfläche und genoss den ersten Atemzug frischer Luft des Regenwaldes. Er streckte seinen Körper und atmete befreit tief ein und aus.
Dann machte er sich auf den Weg zur Lagerstätte, die er allerdings verlassen vorfand. Es sah so aus, als ob sich seine Gefährten ganz eilig auf den Weg gemacht hätten. Aber es war nicht schwer, ihren Spuren zu folgen. Ganz offensichtlich hatten sie immer wieder Äste abgeknickt, um ihm den Weg zu weisen. Es dauerte auch gar nicht lange, bis er in der Ferne ihre Stimmen hörte. Immer wieder riefen sie seinen Namen. Er antwortete ihnen und 5 Minuten später war die Gruppe wieder vereint.
Es zeigte sich, dass sich seine Kollegen große Sorgen um ihn gemacht hatten. Er hatte gedacht, nur 5-6 Stunden fort gewesen zu sein, aber wie sich herausstellte, waren es in Wirklichkeit 14 Stunden gewesen.
Er erzählte ihnen alles, was er erlebt hatte und die Gruppe beschloss, zur seltsamen Höhle zurückzukehren. Genau in diesem Moment gab es ein kleines Erdbeben, welches nur 5 Minuten anhielt. Es hatte auch keinerlei Zerstörungen hinterlassen. Nur der Schrecken saß den Forschern noch eine Weile in den Gliedern.
Sie machten sich auf den Weg zurück. Aber so genau sich Alexander auch an den Ort erinnern konnte, so sehr sie auch die ganze Region absuchten; es war ihnen nicht möglich, diese Höhle wieder zu entdecken. Drei Tage verbrachte die Gruppe dort noch, intensiv suchten sie jeden Hügel, jeden Baum ab, aber die Höhle blieb unauffindbar. Und so endete dieser Teil von Alexanders Südamerika-Expedition.
Erfolglos und ohne Beweise, aber reich an Erfahrungen, kehrte der Forscher zurück in seine Heimat Berlin.
Oh, hear the Thunder's roar-Greetings from our fathers long time gone
Tell so that no one ever will forget-What is in heart goes from Father to Son
(From Father to Son-From Father to Son)
Bathory; Father to son (1990)
Vor Beginn der Reise hatten sich Vater und Sohn wie schon so oft zu einem gemeinsamen Tee getroffen. Beide verabscheuten sie den in unserer Gesellschaft so beliebten Genuss von Kaffee. Sie hatten das Gefühl, er mache sie abhängig und schränke ihre geistigen Fähigkeiten ein. Alexander hatte von Richard die Vorliebe für grünen Tee geerbt, den sie gern mit viel Ingwer aufbereiteten. Manchmal rieb Richard auch extra Ingwer hinein, um dem Getränk eine ihm angenehme Schärfe zu geben. Nun saßen sie sich an einem grauen Novembertag gegenüber im Arbeitszimmer von Richard. Alexander hatte auf dem einzigen frei gebliebenen Stuhl Platz genommen und erzählte seinem Vater über die Schwierigkeiten, solch eine ausgedehnte Forschungsreise finanziert zu bekommen. Um Drittmittel von Sponsoren zu erhalten, war Alexander gezwungen, auf einige Forderungen seiner Förderer einzugehen. Dies fiel ihm sehr schwer, denn er hatte wie sein Vater gern volle Handlungsfreiheit. Ihm persönlich war es sehr wichtig, alle entdeckten Arten und Spezies genau zu untersuchen und zu klassifizieren. Die meisten Gönner wollten spektakuläre Entdeckungen, mit denen sie auch ihren Namen bekannt machen konnten. Beide Ansätze standen sich dabei in der Forschungsarbeit manchmal diametral gegenüber. Die Forschungsgruppe musste also bei allen körperlichen und geistigen Strapazen immer noch einen Spagat bewältigen zwischen wissenschaftlichem Anspruch und der schnellen Veröffentlichung noch unbewiesener Entdeckungen. Dies war ein Aspekt, der Alexander an seiner Tätigkeit überhaupt nicht gefiel. Aber ansonsten liebte er seine Forschung über alles und konnte praktisch 25 Stunden am Tag forschend tätig sein.
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