Müssen wir entweder die Kommunikation einschränken oder nur begrenztem materiellen Erfolg hinnehmen? Inzwischen haben wir gelernt, dass Kommunikation etwas mit Energie zu tun hat. Geht es um die alles durchdringende Wechselwirkung zwischen Energie und Materie, die überall im Universum herrscht? Das mag uns klar machen, dass die Transformation zwischen beiden das wesentliche Element ist, das hinter allem steht, was die Welt bewegt.
Die entscheidende Frage würde einfach sein, ob wir volle Freiheit und das ersehnte Paradies durch die mehr oder weniger vollständige Umwandlung von materiellen Dingen in Energie und Information finden können. Ebenso könnten wir umgekehrt fragen, ob wir praktisch endlos materielle Güter produzieren können mit Hilfe von Energie und Information? Das klingt wie eine schöne Utopie. Aber solche Vorgänge tendieren dazu, wenn sie einmal Fahrt aufgenommen haben, sich wie alles in unserem Universum immer weiter zu beschleunigen. Wie alles? Streben nicht sogar alle Galaxien, von denen wir heute Kenntnis haben, immer schneller auseinander? Muss das zwangsläufig in einer Explosion enden oder in einer Implosion, was im Grunde gleich bedeutend sein mag? Man mag diese Krieg nennen oder Supernova oder Annihilisierung, aber es wäre aus unserer Sicht immer destruktiv.
Konstruktivismus oder Dekonstruktivismus,- sind sie die Kennzeichen der Welt in dieser Sichtweise? Es gibt nur Oszillation und Transformation, keiner hat jemals gesehen, dass irgendetwas aus nichts erzeugt wird. Ebenso lebt alles, was zerstört wird, in Form von Energie und Information weiter.
Werfe dich zu Boden, hier beginnt Religion! Doch sofort wird jemand kommen und schreien: Das ist alles esoterischer Unsinn! Und andere Menschen werden dich strafen, indem sie sagen, du zerstörst ihr Paradies und ihre Freiheit.
Um welche Art von Religion oder besser gesagt Religiosität handelt es sich? Sie könnte basieren auf einer modernen Form von “Dreieinigkeit”, - der Einfachheit , der Schönheit , und dem Gleichgewicht . Kleine oder größere Störungen dieser Basiselemente würden Entwicklung in Gang setzen. Durch Entwicklung entstehen auch Raum und Zeit. Erst in Raum und Zeit gewinnt der Begriff Leben seine Bedeutung.
Weder Einfachheit noch Schönheit noch Gleichgewicht werden von den meisten Menschen als Grundlage des Lebens akzeptiert. Das Streben nach Einfachheit als treibendes Element, die bevorzugte Stellung von schönen Menschen und die aktive Suche nach Gleichgewicht, also die gleich große Bedeutung der vier Anteile im Menschen von Tätigkeit, Sex und Macht, Gefühlsleben und Gedanken,- all diese drei Ziele scheinen den meisten Leuten mehr ein Dorn im Auge als erstrebenswert zu sein.
Besonders kritisch und deswegen weitgehend tabuisiert scheint der Anteil von Sex und Macht zu sein. Der vorliegende Text beschäftigt sich vorwiegend, jedoch absolut nicht ausschließlich mit diesem. Wer nicht möchte, dass über Sex und Macht offen geredet wird, sollte das Buch zur Seite legen.
Die drei folgenden einleitenden Geschichten und die letzten beiden Kapitel sind wie in dem vorausgegangenen Buch “101 Nachkriegsnächte” eine Rahmengeschichte, die absichtlich verstören soll, denn nur durch Störung kommt Entwicklung zustande. Die erste von ihnen ist weitgehend, die beiden folgenden teilweise fiktiv. Der Kernteil des Buches ist einerseits wieder autobiografisch und geht andererseits in Bereiche der Naturphilosophie und Kultur,- zwei Begriffe, die es in Ostasien in dieser Form gar nicht gibt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Sex ist nicht das Hauptthema.
Das Paradies auf Erden? Gibt es das wirklich? Oh ja,- mann muss nur an der richtigen Stelle eine Eintrittskarte lösen. Kann das nicht ganz einfach sein, oder? Aber alle Zweifel zurückgestellt,- wo könnte es das denn geben?
Es gibt in Europa nicht wenige Menschen, die meinen, dass die italienische Toskana diejenige “geheime” Landschaft ist, die dieses Prädikat am ehesten verdient. Aber was ist denn dort so paradiesisch? Pinien und Zypressen in unvergesslichen langen Reihen auf geschwungenen Hügelketten, malerische kleine Städtchen hoch oben auf Bergkuppen, ein ewig blauer Himmel, der perfekt zu den sanften Pastelltönen der Landschaft passt? Schöne Menschen, die in voller Harmonie zu dieser Landschaft leben? Sind das nicht bürgerliche Illusionen?
Oh Wanderer, kommst du nach Aventurina, so tritt auf die Bremse! Die große Durchgangsstraße dort schaut zwar absolut nicht paradiesisch aus, ist laut, vom Verkehr überlastet, auch nicht gerade schön. Aber der Name des Ortes sollte dich hellhörig machen. Hat er nicht mit aventura, mit Abenteuer zu tun? Doch wahrscheinlich wirst du mit der Schulter zucken und dich fragen, wo denn auf dieser Lastwagenpiste Pinien oder Zypressen, malerische Bergkuppen oder schöne Pastelltöne zu sehen sind. Nichts als gehetzte Berufstätige, bürgerliche Realität.
Die beiden exotisch aussehenden Frauen in ihrem kleinen Auto mit offenen Verdeck wussten genau, an welcher Stelle frau zu der Therme abbiegen muss. Weil der Blinker seinen Geist aufgegeben hatte, streckte die Fahrerin kichernd den Arm aus dem offenen Fenster und reihte sich auf der Abbiegespur ein. Der heftige Berufsverkehr am einsetzenden Abend brachte sie nicht aus der Ruhe. Wenige Minuten später stiegen sie auf dem staubigen Parkplatz bei der Therme aus ihrem bescheidenen Gefährt, angelten sich große Handtücher vom Rücksitz, warfen sie sich über die Schultern und begaben sich zur Kasse. Nur wenige Leute kamen um diese Tageszeit hierher.
Recht verschieden schauten sie aus, im Alter wohl beide um die Dreißig, aber nicht genau einschätzbar. Ein erfahrener Asienreisender hätte gewiss sofort gesehen, dass am Steuer eine Thailänderin saß und ihre Freundin eine Balinesin war. Die kleine Thailänderin trug einen fast elegant wirkenden Minirock aus Jeansstoff und ein enges kurzes tief sitzendes Hemdchen. Was sie im Wunder-Bra zu bieten hatte, ließ sich so voll in Augenschein nehmen. Die etwas größere Balinesin stand ihr in Schönheit nicht nach. Doch sie war völlig anders gekleidet, eher europäisch mit einem „kleinen Schwarzen“, einem eng anliegenden Abendkleidchen aus Synthetik-Stoff. Zusammen boten die beiden einen hinreißenden Kontrast, ohne jedoch in dieser italienischen Umgebung unangenehm aufzufallen. Ein akzent-behaftetes, aber charmant klingendes Englisch sprachen sie miteinander.
„Hast du genug Geld für die Eintrittskarten?“, fragte die Thailänderin ihre Freundin.
„Natürlich nicht“, gluckste diese, verdrehte ihre malaysischen Augen wie ein Schalk und zog gleichzeitig einen Geldschein aus dem Portemonnaie.
„Ich habe aber wirklich kein Geld dabei, habe gestern alles meiner Familie geschickt. Aber der Typ muss ja zahlen. Kannst du hier für mich auslegen?“
„Weißt du, ich bewundere, wie du das immer tust,- so viel Geld denen schicken. Ich bin da etwas egoistischer. Du siehst ja, dass ich für das Kleid einiges ausgegeben habe, und morgen ist es vielleicht hinüber.“ Beide lachten laut los. Sie wussten genau, dass keiner von den Umstehenden verstand, was sie wirklich meinte. Das lag gewiss nicht an mangelnden Englischkenntnissen.
Kaum hatten sie den Kasseneingang passiert, lag wirklich ein nicht einmal ganz kleines Paradies vor ihnen. Ein nur ungefähr rundes, von Natursteinen umgebenes Wasserbecken von ansehnlicher Größe grenzte hinten an eine kleine Felswand, aus der ein dampfender Quellbach sprudelte. Die beiden Frauen interessierten sich nicht für das Schild, welches besagte, dass diese Therme bereits vor 2000 Jahren von lebenslustigen Römern frequentiert wurde. Offensichtlich mit dem Ort vertraut, prüften sie, ob das Wasser im Becken genauso warm wie beim letzten Mal war. Doch die im rötlichen Abendlicht romantische Felsenkulisse und der plätschernde Wasserzufluss im Hintergrund nahmen sie auch diesmal gefangen, so dass sie im ersten Moment ihren Bekannten Igor gar nicht bemerkten, der an einem Tisch am vorderen Beckenrand bereits auf sie wartete. Das Zwitschern von Vögeln schien sich dem rhythmischen Geplätscher anzupassen, der entspannende Anblick und die Töne fügten sich zu einem harmonischen Ganzen zusammen.
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