„Nein, ich bin nicht sauer. Ich will nur lesen, wenn´s recht ist.“
Das wirkte erstaunlicherweise und Vera gab auf und nach kurzer Zeit glitt sie ebenso wie Pias Freundin? Geliebte? Frau? - wie heißt das eigentlich bei denen? - in einen unruhigen Schlaf.
Jetzt stand Vera also oben auf der Gangway, warf einen erwartungsvollen Blick in die Runde und war enttäuscht. Ein ganz normaler Flughafen, sogar ein Bus wartete, und viele uniformierte Afrikaner, die nicht besonders freundlich zu sein schienen, standen herum. Von hinten drängten schon andere Fluggäste nach, Vera setzte sich in Bewegung und stieg in den Bus. Als Nächste kamen Pia und ihre Freundin herein, die sich aber weit weg von Vera einen Sitzplatz suchten. Zwei Frauen, deren Namen sie sich nicht gemerkt hatte, setzten sich in die Reihe vor Vera. Die beiden plauderten miteinander, und sie hörte, wie die Jüngere sagte: “....und dann hab ich eine Karte gezogen und bekam den Gehängten. Da war´s für mich klar.“
„Den Gehängten?“
„Ja, diese Tarotkarte, auf der ein Mensch an einem Fuß kopfüber an einem Baum hängt. Er bekommt dadurch einen komplett anderen Blick auf das Leben!“
„Ach so! Und du meinst, die Karte will dir sagen: mach eine Reise in eine komplett andere Welt?“
„Genau. Da wusste ich, ich muss mitmachen.“
„Aha. Ja, warum nicht? Auch eine Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen.“
Die ältere, eine etwas rundliche Person mit Brille und halblangen brünetten Haaren - Vera erinnerte sich jetzt wieder an ihren Namen - Inge - informierte ihre Nachbarin: Bei ihr sei das anders gewesen, sie sei Lehrerin, habe vor kurzem ein Jahr Bildungskarenz genommen, träume schon lange von einer Reise in ein afrikanisches Land, trommle auch schon einige Zeit, da sei ihr diese Reise wie gerufen gekommen. Würde sicher spannend werden. Sie sei sehr interessiert an fremden Kulturen und wolle soviel wie möglich darüber erfahren.
Der Bus war mittlerweile voll und steuerte auf das hundert Meter entfernte Flughafengebäude zu. Vera ging an weiteren etwas grimmig dreinblickenden Uniformierten vorbei und kam in einen kleinen Raum, wo sie ein Formular erhielt, das sie ausfüllen sollte. Sie suchte in ihrer Handtasche nach einem Kugelschreiber, konnte aber in dem Durcheinander keinen finden und wandte sich hilfesuchend an Pia, die ihr ihren gab, als sie fertig war. Leider war der Text französisch und Vera brauchte noch einmal Unterstützung. Offensichtlich war sie nicht die einzige, die dieser Sprache nicht mächtig war. Um eine junge Frau - Katrin? - hatte sich bereits ein Grüppchen versammelt. Vera gesellte sich dazu und erhielt die notwendigen Auskünfte. Als das erledigt war, schob sie sich, eingekeilt zwischen Workshopteilnehmern, Geschäftsleuten, afrikanischen Familien mit überdimensionalem Handgepäck und greinenden Kindern in Richtung Passkontrolle. Tipps von Freunden („Gib ja deinen Pass nicht aus der Hand! Die tun, als würden sie dir helfen, dann musst du blechen, damit du ihn wieder zurück bekommst!“) schossen ihr durch den Kopf und als sie vor dem Kontrollbeamten stand, hielt sie ihren Pass verkrampft fest, aber es nützte nichts: der Mann bestand hartnäckig auf dem Dokument. Sie gab es aus der Hand - und bekam es wieder zurück. Erleichtert darüber, diese erste Hürde gemeistert zu haben, ging sie weiter zur Gepäcksausgabe.
Auf dem Laufband glitten neben Koffern und Rucksäcken vor allem Unmengen von großformatigen Kartons vorüber, offensichtlich TV-Geräte. Es war laut. Die Menschen standen dichtgedrängt und Vera musste warten, bis eine Lücke entstand, um nach ihrem Gepäck Ausschau halten zu können. Hoffentlich ist es überhaupt da, dachte sie. In dieser Hinsicht hat man ja auch schon so einiges gehört. Zumindest in Veras Fall erwies sich auch das als Gerücht, ihr Koffer rumpelte an ihr vorbei, sie zog ihn vom Band, schleppte ihn zur Gepäckskontrolle und wuchtete ihn auf den Tisch. Eine dicke Beamtin öffnete ihn, wühlte ein wenig darin herum und bedeutete Vera, sie könne ihn wieder schließen und möge Platz machen für die nächsten Kandidaten.
Dichtes Gedränge vor dem Ausgang, Vera musste nach dem Flugticket kramen, die Gepäckskontrollnummer vorzeigen, geriet kurz in Panik, weil sie das Ticket normalerweise im Flugzeug ließ, was sie diesmal aber Gott sei Dank unterlassen hatte, und strebte nun dem Ausgang zu, der in einen schmalen Gang, rechts und links eingeschränkt durch einen Gitterzaun, mündete. Vor ihr gestikulierte eine sehr bunt gekleidete Afrikanerin in ihre Richtung, aber nicht Vera war gemeint, sondern die Frau hinter ihr. Eine Menschenmenge flankierte die Absperrung, Bekannte winkten einander zu, Taxifahrer redeten Vera an: „Taxi? Moins cher!“, sie schüttelte den Kopf, Träger wollten ein paar CFA verdienen und boten ihre Dienste lautstark an. Das Gepäck aus der Hand geben? Das würde Vera nicht im Traum einfallen, man weiß ja, wie sowas ausgeht, und da - endlich - sah sie David. Neben ihm der Afrikaner musste Seydu sein, die Frau vielleicht Ma? Sie kam bei ihnen an, Hände wurden geschüttelt, man wurde einander vorgestellt, es waren tatsächlich Seydu und Ma. Vera kompensierte ihre nicht vorhandenen Sprachkenntnisse mit Lächeln.
Noch immer versuchten Taxifahrer ihr Einkommen aufzubessern, wurden aber von Seydu mit ein paar Worten verscheucht. Inzwischen hatte sich das Grüppchen vergrößert und als alle da waren, lotste sie David zum bereits wartenden Bus.
Hatte sich Vera einen Bus vorgestellt, so einen richtigen, mit Sitzreihen? Wahrscheinlich. Jetzt quetschte sie sich auf eine überdachte Ladefläche, an deren Wänden sich Bänke befanden, man saß in diesem Bus wie um einen Tisch, nur dass kein Tisch vorhanden war, was sich als Vorteil erwies, denn in der Mitte stapelten sich die Gepäcksstücke.
Erstaunlicherweise fanden alle Platz, es war unglaublich eng, was Vera nicht störte, zumal sie, eingeklemmt zwischen dem netten Markus und Werner, einem zwar schon etwas älteren, aber noch recht ansehnlichen Reiseteilnehmer, zu sitzen kam.
Alle Blicke wandten sich David zu, als er über den Gepäckshaufen hinweg die Teilnehmer begrüßte: „Herzlich willkommen in Bamako! Wir fahren jetzt ungefähr eine halbe Stunde zu unserer Unterkunft, wo die Küchencrew einen Imbiss für uns vorbereitet hat. Alles weitere dann dort.“ Er sagte zum Busfahrer „an ka ta“ und mit lautem Getöse startete der Wagen. Es war schon fast Mitternacht, aber der Verkehr war dicht und wurde immer dichter, je näher sie der Stadt kamen. Von Straßenbeleuchtung keine Spur. Kochfeuer erhellten kurze Straßenabschnitte, man sah Menschen vor den niedrigen Hütten sitzen, Kinder liefen herum, sogar kleine Verkaufsstände hatten noch offen. Eine Geruchsmischung aus Abgasen, Essenszubereitung, Holzfeuern und Müll-verbrennung drängte sich in die Nasen der Businsassen.
„Wie´s hier riecht!“ Sagte Vera zu Werner.
„Riecht? Ich würde sagen, es stinkt.“ Antwortete der.
Sie waren jetzt mitten in der Stadt und der Smog wurde immer schlimmer. Veras Augen begannen zu tränen. Hilfe!, dachte Vera, wenn die Luft hier immer so ist, wie soll ich das aushalten? Sie wollte gerade David fragen, der sich unweit von ihr mit einer gepflegten, gutaussehenden Frau Mitte Fünfzig unterhielt, als sie ihn sagen hörte: „.....erst ab dem frühen Nachmittag ist die Luft in der Stadt so grauenhaft, am Morgen ist sie besser. Aber dort, wo wir wohnen, ist sie immer gut.“
Beruhigt lehnte sich Vera zurück.
Der Bus hielt an - Kontrolle. David und der Fahrer stiegen aus, debattierten mit einem Uniformierten, ein paar Scheine wechselten den Besitzer und es ging weiter, raus aus der Stadt, in weniger dicht besiedeltes Gebiet, aber immer noch säumten von Feuern beleuchtete Hütten und Menschen die Straßen.
Dann waren sie da. Sie kletterten aus dem Bus, schleppten die Koffer durch das Blechtor in den von Glühbirnen beleuchteten Hof und standen mehreren sehr bunt gekleideten Frauen gegenüber, die sich als das Küchenpersonal entpuppten.
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