Seydu war in jeder Hinsicht ein Gewinn. David war damals noch ziemlich unerfahren, aber er konnte einen guten Spieler von einem schlechten unterscheiden. Hier jedoch hatte er einen außergewöhnlichen Trommler vor sich, wie er nach ein paar Unterrichtsstunden feststellte. Er begleitete Seydu auf traditionelle Feste, für die er mit seiner Truppe engagiert war und wurde jedes Mal von einem beinahe heiligen Schauer ergriffen, wenn dieser zu spielen begann, denn plötzlich war eine unbeschreibliche Intensität auf dem Festplatz zu spüren, es war, als würden die einzelnen Individuen zu einem Körper werden und Zeit und Raum auf diesem staubigen Flecken im Universum zusammenfließen.
Im darauffolgenden Jahr holte er Seydu nach Europa, was sich in Hinblick auf die damit einhergehende Bürokratie als zeitraubendes, nervenaufreibendes und geldfressendes, aber am Ende sehr erfolgreiches Unternehmen herausstellte. Für die Konzerte, die sie spielten, wurde eine Tänzerin benötigt - die in Wien ansässigen Afrikanerinnen, die tanzten, erwiesen sich als kompliziert, hatten nie Zeit, dafür aber kleine Kinder, für die bei jedem Konzert ein Babysitter engagiert werden musste, kurz, es musste eine Professionelle her - und Seydu brachte Ma mit, die mit ihrem Feuer und ihrer Eleganz alles überbot, was David bis dahin zu Gesicht bekommen hatte.
Alle Schwierigkeiten, die eine Zusammenarbeit von Menschen aus völlig verschiedenen Kulturkreisen zwangsläufig in sich birgt, konnten sie kurz- oder mittelfristig aus dem Weg räumen, weil sie ein gemeinsames Ziel verband: eine mitreißende Show mit hochqualitativer Musik auf die Bühne zu stellen und - natürlich - damit Geld zu verdienen.
Mehrere Saisonen hindurch gab ihnen der Erfolg Recht. Dann kam es zu einem Einbruch. Die Engagements wurden rarer, die Gagen kleiner, das Interesse an dieser Art von Musik flaute ab und Seydu und Ma flogen mit deutlich weniger Geld zurück nach Bamako.
David war klar, dass es keinen Sinn mehr hatte, sie zu holen. So kam es zu einer Pause und man hörte ein paar Jahre nichts von einander.
Schließlich reifte in ihm die Idee, einen Workshop in Bamako zu organisieren. Er kontaktierte die beiden und es war, als hätten sie sich vor nicht mehr als zwei Wochen getrennt. Große Freude und noch größere Begeisterung, als er ihnen von seinen Plänen erzählte. Seydu und Ma machten sich auf die Suche nach einem Ort, der die Vorgaben Wohnen, Trommeln und Tanzen vereinen sollte und wurden fündig. Ein Hof außerhalb der Stadt mit zehn Zimmern, unbewohnt, aber eingerichtet, mit einer Küche und einem großen Raum für gemeinsame Mahlzeiten, rundherum praktisch nichts, mit dem Bus zu erreichen - ideal. Weniger ideal gestalteten sich die Verhandlungen mit dem Hausbesitzer Ousmane, der einen horrenden Mietpreis verlangte.
Die Erinnerung an diese zähen Gespräche holte David in die Gegenwart zurück: Ousmane anrufen! Er hatte mit ihm ausgemacht, sich zu melden, sobald feststand, dass der Workshop wieder stattfinden würde.
Ousmane meldete sich sofort und nach der traditionellen malischen Begrüßung - Wie geht es dir? Wie geht es der Familie? Alle gesund? Wie laufen die Geschäfte? - und der Mitteilung, dass man den Hof wieder mieten wolle, sagte Ousmane:
„Der Preis war zu niedrig, du musst mir mehr geben.“
„Das geht nicht, ich habe diesmal nicht so viele Leute.“
„Ich habe mehr ausgeben müssen als geplant, ihr habt viel Strom verbraucht. Benzin für den Generator ist teuer. Außerdem habe ich einen Interessenten, der den Hof mieten will”, erwiderte Ousmane.
„Aber wir haben uns doch schon geeinigt, Ousmane. Du kannst nicht jetzt plötzlich mehr verlangen. Das ist nicht seriös.“
Ousmane blieb stur. David seufzte. Jetzt ging das schon wieder los! Er war kein leidenschaftlicher Verhandler, aber nach vielen Jahren Westafrika wusste er, dass ihm gar nichts anderes übrig blieb als zu sagen: „Gut, dann eben nicht. Ich bin nicht bereit, mehr zu zahlen. Es war schon das letzte Mal zuviel. Denk darüber nach, ich ruf in ein paar Tagen wieder an.“
Er war sich ziemlich sicher, dass Ousmane nachgeben würde. Der Hof war unbewohnt und fraß Geld. Ousmane hatte ihn gebaut in der Hoffnung, seine umfangreiche Familie dort unterzubringen, die aber das Leben in der Stadt trotz schlechter Luft, extremer Lärmbelastung und räumlicher Enge vorzog. Das Anwesen an Afrikaner zu vermieten, war ihm bisher nicht gelungen und der Interessent, den er erwähnt hatte, war vermutlich fiktiv.
Ich werde Ma auf ihn ansetzen, überlegte David, die soll mit ihm reden.
Ma….. er ließ ihr Bild vor seinem inneren Auge entstehen und ihm wurde warm ums Herz. Abgesehen von ihren tänzerischen waren es vor allem ihre menschlichen Qualitäten, die er schätzte. Sie war eine in keiner Weise berechnende Person, korrekt im Umgang mit Geld, überaus nett, sehr emotional, was besonders bei Abschieden regelmäßig zu Tränenausbrüchen führte, und in ihrem Beruf von wohltuender Professionalität. Als geborene Frontfrau vermochte sie das Publikum sofort in ihren Bann zu ziehen, im Gegensatz zu Seydu vergaß sie die Arrangements nur sehr selten, auch didaktisch hatte sie in den Jahren der gemeinsamen Arbeit einiges dazugelernt und ihre Tanzkurse wurden immer besser.
Das Telefongespräch mit Ma verlief herzlich, sie freute sich hörbar auf den Workshop und versprach, mit Ousmane zu reden und sich überdies um das Küchenpersonal und die Putzbrigade zu kümmern.
Mit Schaudern dachte David an den ersten Workshop zurück, als er vier Tage vor Beginn nach Bamako flog, um die letzten Reinigungsarbeiten im Hof zu kontrollieren, Lebensmittel und Getränke einzukaufen, die Trommeln zu organisieren, kurz, alles so vorzubereiten, dass sich eine Horde Europäer, von denen die meisten noch nie in diesem Teil der Erde gewesen waren, wohlfühlen konnte. Natürlich hatte er die Teilnehmer gewarnt:
„Wenn ich sage, der Hof, in dem ihr wohnen werdet, hat fast europäischen Standard, dann meine ich: Für afrikanische Verhältnisse, liebe Leute. Also erwartet euch bitte nicht zu viel. Mali ist ein sehr armes Land, und so gut, wie es uns gehen wird, geht es dort nur Wenigen.“
Aber gewisse hygienische Grundvoraussetzungen mussten einfach gegeben sein, und als er zum ersten Mal durch die Zimmer ging, war ihm sofort klar: Das war ganz und gar nicht der Fall. Er fand ein derartiges Chaos vor, dass er richtig nach Luft schnappen musste, bevor er sich imstande fühlte, die anstehenden Maßnahmen zu ergreifen, die darin bestanden, jede Minute der folgenden Tage wie ein Baustellenpolier die Reinigungsarbeiten zu überwachen. Hätte er zur Hysterie geneigt, wäre diese Situation der ideale Nährboden dafür gewesen. Jetzt hatte er Stress und den gab er weiter, indem er ein bisschen herumschrie und sich wie der Patron aufführte, der zu sein von ihm erwartet wurde. Das wirkte, und kurz bevor die Teilnehmer müde vom Flug aus dem Bus stiegen, um ihre Unterkünfte zu beziehen, war alles annähernd so, wie David es sich vorgestellt hatte.
Auch diesmal würde er einige Tage früher fliegen, aber es würde einfacher werden, da seine afrikanischen Mitarbeiter nun schon wissen sollten, was zu tun war. Das hoffte er zumindest.
Und es entstieg als erste dem Flugzeug: Vera. Bekleidet mit einem schwarzen T-Shirt, das die Aufschrift trug: Trommeln ist geil. Diesen Eindruck versuchte auch der Rest von Vera zu erwecken - hautenge schwarze Jeans, dazu passend tiefschwarze lange Haare, die von jahrelangen Farbbehandlungen malträtiert vom Kopf abstanden oder strähnig bis auf die Schultern hinunter hingen. Ebenfalls schwarze High-Heel-Stiefletten rundeten das Gesamtbild ab. Ihr kräftig bemaltes Gesicht war nicht mehr ganz jung - sie war sicher schon über 40 - aber apart. Veras Lebensmotto: Hauptsache, es ist was los und ein paar nette Jungs sind in Sichtweite. Alles in allem eine Person, von der man nach dem ersten Eindruck annahm, dass mit ihr gut Kirschen - bzw. in den kommenden drei Wochen eher Mangos - essen ist.
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