„Du hast sicher recht“, erwiderte Luise leise. „Ich will es ja glauben.“
„Hast du mit Tony darüber gesprochen?“
„Ja.“
„Habt ihr euch gestritten?“
„Nein. – Naja, ein wenig. Ich finde, er macht sich zu wenig Gedanken. Ich wollte einen Moment allein sein. Er nimmt alles so leicht.“
Marie seufzte. „Tony ist privilegiert. Dafür kann er nichts, aber es ist so. Er kann es sich leisten, in den Tag hinein zu leben.“
„Aber nicht, wenn er eine Familie gründen will“, erwiderte Luise heftig.
Sie blieben noch einen Tag auf der Insel, den sie für ein ausgiebiges Besichtigungsprogramm nutzten. Ein Ausflug mit einem Inselboot führte sie zu der Badeinsel, die der Hauptinsel vorgelagert war, und zu den Seehundbänken. Am Nachmittag ging Luise zu Anthony aufs Zimmer. Beide kamen erst zum Abendessen wieder herunter.
Marie begann sich zu langweilen. „Was ist eigentlich mit dem Italiener, den ihr mir versprochen habt?“ fragte sie vorwurfsvoll.
„Licio will auf Sylt zu uns stoßen“, erklärte ein sichtlich zufriedener Anthony. Auch von Luises Missstimmung war nichts mehr zu spüren.
Am nächsten Tag brachen sie bei bestem Segelwetter in Richtung nordfriesisches Wattenmeer auf. Ein frischer Westwind blähte ihr Segel und trug sie zügig voran. Anthony, der das Ruder nicht aus der Hand gab, hatte neben sich ein Fernglas liegen, mit dem er immer wieder aufmerksam die See vor ihnen absuchte.
Irgendwann machte es Marie unruhig, und sie fragte ihn, wonach er Ausschau hielte.
Er erläuterte es ihr: „Vor der nordfriesischen Küste ist es schwieriger zu navigieren als vor der ostfriesischen. Dort hat man, wenn man sich auf der Seeseite parallel zu den Inseln hält, immer genügend Wasser unter dem Kiel und kann sich dabei an den Leuchttürmen auf den Inseln orientieren. Die Inseln liegen hintereinander wie an einer Schnur. Vor Nordfriesland dagegen reichen Sände und Watten mit ihren Ausläufern bis zu 20 Seemeilen nach Westen, also ins offene Fahrwasser. Wenn wir uns hier im sicheren tiefen Wasser halten, haben wir keine Sicht auf die Landmarken. Hier sind die Fahrwasser durch Tonnen markiert, die uns zum Land und zu den Inseln hin durch die Untiefen führen.“
„Ich sehe keine Tonnen.“
Er lächelte. „Eben. Deshalb das Glas.“ Er wies auf den Feldstecher neben sich.
Nach einiger Zeit erklärte er, dass sie nun das Fahrwasser der Norderhever erreicht hätten. Sie würden nun von der Flut zu ihrem Ziel getragen. Er war sichtlich mit sich zufrieden.
„Die Norderhever – ist das ein Fluss?“ wollte Marie wissen.
„Wir sind im Wattenmeer, da gibt es keine Flüsse“, stellte Anthony klar. „Es ist ein Priel.“
„Ich weiß, was ein Priel ist.“ Marie war wieder einmal gereizt. Sie mochte es nicht, von Anthony von oben herab behandelt zu werden. „Was ich nicht wusste ist, dass die Priele Namen haben.“ Sie sagte es mit einiger Schärfe. Vielleicht war sie doch nicht der richtige Typ, um stunden- und tagelang mit zwei Jungverliebten auf einem Boot ohne eine Fluchtmöglichkeit zu verbringen.
„Die großen schon“, griff Luise beschwichtigend ein. „Ausserdem liegst du nicht so falsch. Bis zur ‚grooten Manndränke’ von 1362 war alles um uns herum Festland. Und die Norderhever war ein Fluss.“
„Aha.“ Die Antwort stellte Luise zufrieden. „Und was machen die Bäume im Wasser?“ Sie wies auf eine gerade Reihe vor ihnen aus dem Wasser ragenden dünnen Bäumchen.
„Das sind keine Bäume“, erwiderte Anthony. „Das sind ... ähem ...“ Er unterbrach seinen Redefluss, wobei es unklar war, ob er nicht weiter wusste oder ob er Maries Reaktion fürchtete. Hilfesuchend sah er zu Luise.
„Das sind Pricken. Damit wird die Fahrrinne markiert.“ Luises Miene verdüsterte sich. „Wir sind hier in gefährlichen Gewässern“, flüsterte sie.
„Warum flüstert du?“ Misstrauisch musterte Marie ihre Freundin.
„Irgendwo hier liegt es“, flüsterte Luise weiter und sah sich ängstlich um. „Doch keiner hat es je gefunden.“
Fragend sah Anthony von Luise zu Marie und wieder zurück. Er hatte den Eindruck, irgendetwas verpasst zu haben. Marie konnte ihm nicht helfen. Ihr ging es ebenso.
„Doch manchmal, so wird es erzählt, hört man sie“, führte Luise weiter mit gedämpfter Stimme aus. Wieder suchten ihre Augen die Wasseroberfläche ab.
„Was?“ klang es ihr doppelt entgegen.
Luise legte die Finger an die Lippen. Sie schien zu lauschen. Dann schüttelte sie den Kopf.
„Die Glocken von Rungholt“, erklärte sie mit dramatisch erhobener Stimme. Sie blickte den anderen beiden bedeutungsschwer in die Augen. „Einmal im Jahr läuten sie, und ihr Klang steigt aus der Tiefe des Meeres auf. Viele Seefahrer wollen sie in den vergangenen Jahrhunderten gehört haben. Manche von ihnen“, schloss sie düster, „sind nicht zurückgekehrt.“
„Rungholt!“ Marie lehnte sich entspannt zurück. Sie bekam die Geschichte nicht mehr auf die Reihe, aber den Namen kannte sie aus der Schulzeit.
„Wovon sprichst du?“ wollte Anthony wissen.
„Rungholt war eine bedeutende Hafenstadt an der Küste, bis ...“. Sie hielt inne und begann dann zu deklamieren:
„Heute bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.
Noch schlugen die Wellen da wild und empört,
wie damals, als sie die Marschen zerstört ...“
Marie unterbrach sie. Laut rief sie aus:
„Trutz, Blanke Hans!“
Da war die Erinnerung aus der gemeinsamen Schulzeit mit Luise. Sie hatten Balladen auswendig lernen müssen, so wie auch diese. Luise war darin groß gewesen – damals träumte sie davon, Schauspielerin zu werden. Marie hatte das Auswendiglernen weniger gelegen, aber an den Refrain konnte sie sich noch erinnern. Und dass der Größenwahn der Rungholter von der See, dem schlummernden Ungeheuer, bestraft wurde.
Luise hatte sich nicht lange unterbrechen lassen. Sie stand in der Plicht und deklamierte mit dramatischer Geste:
„Die Wasser ebben, die Vögel ruhen,
der liebe Gott geht auf leisesten Schuhen.
Der Mond zieht am Himmel gelassen die Bahn,
belächelt der protzigen Rungholter Wahn ...“
Marie stellte sich neben sie, die Faust gegen die still ruhende See geballt rief sie laut:
„Trutz, Blanke Hans!“
Mehr hatte sie nicht behalten. Doch Luise schon:
„Und überall Frieden, im Meer, in den Landen.
Plötzlich wie Ruf eines Raubtieres in Banden:
Das Scheusal wälzte sich, atmete tief,
und schloss die Augen wieder und schlief.
Und rauschende, schwarze, langmähnige Wogen
Kommen wie rasende Rosse geflogen.“
„Trutz, Blanke Hans!“
„Ein einziger Schrei – die Stadt ist versunken,
und Hunderttausende sind ertrunken.
Wo gestern noch Lärm und lustiger Tisch,
schwamm andern Tags der stumme Fisch.
Heut bin ich über Rungholt gefahren,
die Stadt ging unter vor sechshundert Jahren.“
„Trutz, Blanke Hans!“
Lachend fiel Marie ihrer Freundin um den Hals.
Der Engländer sah kopfschüttelnd zu den beiden Frauen. Manchmal verstand er die Gemütsregungen der Deutschen nicht. Er nahm die Pfeife aus dem Mund und fragte:
„Was ist: Blanker Hans?“
„Das ist die Nordsee, wenn sie stürmt!“ beschied ihm Luise. „Und Rungholt hat es wirklich gegeben. In der Zeitung stand, dass neulich hier irgendwo im Watt die Reste alter Brunnen freigespült worden sind. Das kannst du alles in deiner Reportage bringen.“
Der Flutstrom in der Norderhever trieb sie zügig voran, und bald hatten sie den Hafenpriel der Insel Pellworm erreicht, der sie zur Anlegestelle führte. Direkt am Hafen erhob sich ein düsteres Gebäude aus der Zeit der Jahrhundertwende, das Hotel Börse . Nachdem sie Zimmer für die Nacht gebucht und etwas Warmes gegessen hatten, machten sie sich an die Erkundigung der flachen, rundum von Deichen geschützten Insel. Neben der Alten Kirche , einem kleinen Gotteshaus, stand eine braunrote Turmruine aus verwittertem Gestein, die als das Wahrzeichen von Pellworm galt. Luise hatte wieder ihren Reiseführer mitgenommen und las ihnen vor:
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