Luise stieß ihrem Freund den Ellenbogen in die Seite. „Lass den Unsinn!“ fuhr sie ihn an.
„Aua!“ Anthony richtete sich empört auf und rieb sich die Hüfte. Luise verdrehte die Augen. Sie packte Marie am Arm. „Komm. Er nimmt dich nur auf die Schippe.“
Sie stiegen durch die Luke hinauf aufs Deck.
„Ich werde bestimmt seekrank“, meinte Marie missmutig.
„Wir sind jeden Abend an Land“, beruhigte sie ihre Freundin.
„Und wann kommt der Italiener dazu?“
„Auf Sylt. So ist es verabredet.“
Ihr erstes Ziel war Helgoland.
„Schaffen wir das heute?“ fragte Marie träge, die sich im Badeanzug von der Sonne verwöhnen ließ.
Luise schüttelte den Kopf. „Das ist zu weit.“
„Wir hätten doch früher aufbrechen können“, wandte Marie ein.
„Wir müssen elbabwärts das ablaufende Wasser nutzen, das können wir aber höchstens fünf, sechs Stunden.“
„Was heißt hier ablaufendes Wasser? Die Elbe ist doch keine Badewanne.“ Marie kicherte.
„Die Ebbe. Deswegen sind wir erst nachmittags los. Es hätte uns nichts gebracht, zu starten, wenn uns die Flut entgegen kommt“, erklärte Luise geduldig.
„Ach so.“ Ebbe und Flut, davon hatte auch Marie schon gehört. „Ist die Flut so stark, dass wir nicht gegenan können?“
Luise nickte. „Wir würden kaum vorankommen. Umgekehrt kann uns der Ebbstrom um bis zu drei Seemeilen pro Stunde beschleunigen.“
„Und warum fahren wir nicht mit dem Motor?“ Marie hatte sehr wohl bemerkt, dass das Boot einen solchen besaß.
„Gegen die Flut würde das nicht viel bringen. Und jetzt brauchen wir ihn nicht. Wir segeln mit dem Ebbstrom“, erklärte Luise. „Aber das ist in sechs Stunden vorbei, dann kommt uns die Flut entgegen. Bis dahin schaffen wir es nicht bis in die offene See. Nicht einmal bis Cuxhaven. Man vergisst oft, dass es von Hamburg bis zur Nordsee gut 100 Kilometer sind. Und auf der Elbe gegen die hereinströmende Flut ansegeln zu wollen, bringt nichts. Da kommen wir nicht voran. Also machen wir zwischendurch eine Pause.“ Sie wandte sich an Anthony, der am Ruder saß und den Schiffsverkehr im Auge behielt: „Wo legen wir den Zwischenstopp ein?“
„Glückstadt“, erwiderte er zerstreut. „Das soll der beste Liegeplatz sein. Bis Cuxhaven kommen wir nicht. Brunsbüttel vielleicht, aber Glückstadt ist interessanter für meinen Reisebericht.“
Sie erreichten das malerisch am Elbstrom gelegene Städtchen am frühen Abend und machten im Außenhafen fest. Nachdem das Boot vertäut war, unternahmen sie einen Rundgang durch den Ort. Luise hatte einen Reiseführer dabei und informierte ihre Begleiter. Luise hatte mehrere Bücher eingepackt. Sie wollte Anthony bei seiner Reportage helfen.
„Glückstadt war früher Residenz der dänischen Könige“, erklärte sie, „und somit Hauptstadt von Dänemark.“ Marie sah sie verblüfft an. „Doch, doch“, bestätigte Luise. „Das habe ich schon in der Schule gelernt. Bis an die Hamburger Stadtgrenze war das Land dänisch. Das kam, weil der König von Dänemark gleichzeitig der Herzog in Schleswig und in Holstein war. Glückstadt sollte Hamburg Konkurrenz machen. ‚Geht es glücklich fort, so wird Glückstadt eine Stadt und Hamburg ein Dorf’, soll der Dänenkönig gesagt haben – Daraus ist ja nun nichts geworden“, fügte sie fröhlich hinzu.
Nach einem Abendessen in einem Gasthof am Hafen kehrten sie zum Boot zurück.
„Es ist keine Notwendigkeit, in ein Hotel zu gehen“, hatte Anthony erklärt. „Wir starten noch vor der Morgendämmerung mit Einsetzen der Ebbe. Dann können wir abends Helgoland erreichen.“
„Und was machen wir, bis es weiter geht?“ wollte Marie wissen.
„Wir können uns einige Stunden hinlegen“, schlug Anthony vor. „Morgen wird es ein langer Tag.“
Von den Frauen hatte keine Lust, sich in die enge abgeschlossene Eignerkabine im vorderen Teil des Bootes zurück zu ziehen. Statt dessen nahmen sie die beiden Liegen im ‚Salon’ in Beschlag. Anthony erklärte, an Deck bleiben zu wollen. Er war nicht müde. Es war eine warme Sommernacht. Er wollte in Ruhe eine Pfeife rauchen und über den Kurs der nächsten Tage nachdenken.
Die Navigation war seine Aufgabe, wie auch das Setzen oder Bergen der Segel. Luise übernahm dann das Ruder. Anthony hatte einen Stapel Seekarten, Handbücher und Gezeitenkalender mit an Bord gebracht. Das Wattenmeer vor der nordfriesischen Küste, das nach einem Besuch auf Helgoland ihr Ziel war, stellte auch für ihn wegen der zahlreichen Untiefen, der wechselnden Strömungen und des Einflusses der Gezeiten eine Herausforderung dar.
Als Marie in der Nacht aufwachte, lauschte sie, noch halb im Schlaf einem entschwindenden Traum nachsinnend, dem Geräusch des Wassers, das mit gleichmäßigen Schlägen gegen den Kai schwappte, und das vom Mauerwerk zurück geworfen am Bootsrumpf entlang leise glucksend ablief. Dann hörte sie leise Stimmen an Deck. Im schwachen Licht, das durch den Niedergang in die Kajüte fiel, sah sie, dass die Liege auf der Backbordseite leer war.
Sie setzte sich auf, tastete sich vor zur Luke und steckte den Kopf hinaus. Anthony und Luise saßen nebeneinander im Heck des Bootes. Marie wollte sich zu ihnen gesellen, doch etwas im Tonfall der beiden flüsternden Stimmen hielt sie zurück. Sie konnte nicht verstehen, was die beiden sprachen, aber offenbar waren sie sich über irgendetwas uneins und stritten sich. Marie seufzte und zog den Kopf zurück. Anthony und Luise hatten sie nicht bemerkt.
Sie kam sich fehl am Platze und überflüssig vor angesichts einer Vertrautheit der beiden Verliebten, die jeden dritten ausschloss – selbst und vielleicht gerade im Streit. Genau das hatte Marie befürchtet, als sie von ihrer Freundin zur Teilnahme an dieser Fahrt aufgefordert worden war. Jetzt zum Beispiel wäre sie gern an Deck gegangen, aber sie wollte die beiden nicht in ihrer Zweisamkeit stören.
Unhörbar vor sich hin fluchend zog sie sich zur Liege zurück und streckte sich aus. Der Schlaf wollte nicht zurückkehren. Nach einer Weile hielt sie es nicht mehr aus. Sie stand erneut auf und stieg an Deck. Luise und Anthony saßen nun schweigend nebeneinander im Heck. Marie setzte sich neben Luise. Niemand sprach. Diese Nacht lud zum Schweigen ein.
Es war still um sie herum. Das Städtchen lag im Dunkeln. Auf dem Strom war es ruhig. Nur die Stimmen von Vögeln klangen über das Wasser herüber. Auf den anderen Booten im Außenhafen rührte sich nichts. Es war diesig, die Sterne waren wie durch einen feinen Schleier hindurch zu erkennen. Ein rötlich gefärbter Halbmond stand über dem Elbstrom.
Im Morgendämmern, bei einsetzender Ebbe, setzten sie ihren Törn fort. Anthony erklärte, man könne nun mit dem Strom die etwa 28 Seemeilen bis Cuxhaven in knapp fünf Stunden schaffen. Nur dürfte der Dunst, der noch immer über dem Wasser lag, nicht stärker werden, denn die Elbe war ein stark befahrener Fluss, und die großen Pötte würden eine Segelyacht, die ihnen vor den Bug geriet, kaum bemerken. Er war in den folgenden Stunden kaum ansprechbar, und auch Luise war wortkarg. Für Marie gab es nichts zu tun. Sie zog sich mit einem Buch unter Deck zurück.
Als die Sonne höher stieg, löste sich der Dunst zu Anthonys Erleichterung allmählich auf. Er lehnte sich entspannt zurück und zündete sich eine Pfeife an. Es war wenig Verkehr auf dem Strom, und er lud Marie ein, sich ans Ruder zu setzen. Sie zögerte. Er versprach, bei ihr zu bleiben. Sie willigte ein.
Ein sanfter Wind, der von der Seite her einfiel, und der Sog des Ebbstroms trieben sie zügig voran. Als Marie das Ruder in ihrer Hand hielt, hatte sie das Gefühl, als würde sich ihr zum ersten Mal das Besondere des Segelns erschließen. Bis dahin hätte sie genauso gut Gast auf einem mit Motorkraft angetriebenem Boot sein können. So unbeteiligt war sie an allem gewesen. Nun aber spürte sie die Kraft des Windes und den Druck des Wassers mit ihrem ganzen Körper. Sie fand es aufregend. Sie hatte Angst, etwas falsch zu machen, aber Anthony beruhigte sie. Alles wäre gut, meinte er. Trotzdem war sie erleichtert, als er sie nach einiger Zeit ablöste.
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