Immer mehr kam ich zu der Erkenntnis, dass ich diese Tätigkeit nicht bis zu dem gewünschten Renteneintrittsalter ausführen möchte. 34 Jahre Berufstätigkeit hatte ich noch vor mir. Diese Aussicht, mit meiner damaligen Arbeit, lag wie ein grauer Dunst vor mir, den ich nicht betreten wollte. Nach vielen Gesprächen mit meiner Frau, unter Abwägung allen Für und Wider, entschlossen wir uns beide, unsere erlernten Berufe aufzugeben und wagten den Einstieg in eine gemeinsame Tätigkeit, in der Gastronomie.
Auf diese Idee brachte uns ein befreundetes Ehepaar. Beide waren Gastwirte aus Gera in Thüringen. Im Herbst 1975 sollte der gastronomische Bereich des Kabaretts „Fettnäppchen“ in Gera neu besetzt werden. Das sahen wir als Chance, nachdem auch unsere Freunde aus Gera uns gut zusprachen. Sie empfahlen uns dem Direktor als neues Gaststättenleiterehepaar dieser Einrichtung. Wir stellten uns dem Direktor des Kabaretts vor. Nach einigen Gesprächen und Überlegungen entschlossen wir uns endgültig zu diesen Wohnort-und Arbeitsstellenwechsel. In diesem Jahr sollte ich am 7.Oktober, dem „Tag der Republik“, zum Oberlokführer befördert werden. Unmittelbar vor diesem Termin gab ich meine Kündigung ab.
Kapitel 4 Wir werden Gastwirt, ein guter Entschluss?
Anfang Oktober 1975 bekamen wir die Möglichkeit uns als Gastwirte, im Kabarett „Fettnäppchen“, neu zu orientieren. Meine neuen Vorgesetzten machten mir die Zusage, sich beim zuständigen Wohnungsamt der Stadt zu bemühen, dass uns so schnell wie möglich eine Vierraumwohnung zur Verfügung gestellt wird. Vorerst bekam ich ein Zimmer im betriebseigenen Hotel „Zum Schwarzen Bären.“ Wir hatten wöchentlich zwei Ruhetage. Es waren die Sonntage und Montage. An diesen Tagen fuhr ich nach Torgau zu meiner Familie. Von ihr getrennt zu sein viel mir sehr schwer. Wie sagt man so schön: „Aller Anfang ist schwer“, ein Sprichwort das für mich nun in jeder Hinsicht zutraf.
In meiner Zeit als Lokführer gab es keinen Moment, indem ich die Anwesenheit von Menschen und deren Augen, die auf mir ruhten, scheute. Doch hier nun, das erste Mal vor meinen Gästen stehend, Getränke einschenkend und servieren, ich zitterte am ganzen Körper. Zur Unterstützung meiner neuen Tätigkeit wurde mir ein Kellner des Betriebes vorübergehend zur Seite gestellt. Ich hatte in sehr kurzer Zeit viel von ihm lernen können. Meine neue Arbeit begann mir Freude und Spaß zu machen. Ich fühlte mich wieder glücklich und erfüllt, die Zeit der langen Weile war nun endgültig vorbei!
Überraschender Weise wurde mir etwa Anfang November eine Dreiraum-Neubauwohnung zugewiesen. Beziehungen ermöglichten es. Damals galt noch als Gesetz, „Beziehungen schaden nur dem der keine hat.“
Unsere Kinder waren inzwischen zwölf, zehn und neun Jahre alt. Mir gelang es die neue Wohnung mit einem älteren Ehepaar zu tauschen. Somit bekamen wir eine Vierraum-Altbauwohnung, mit einer Wohnfläche von 112qm. Das war zur damaligen Zeit mit einem Lottogewinn zu vergleichen. Das Glück schien auf unserer Seite zu sein. Am 22.Dezember 1975 zogen wir nach Gera. Die Familie war vereint. Ich durfte nun endlich wieder die Anwesenheit meiner Frau und unseren Kindern genießen.
Meine Frau gewöhnte sich schnell an die neue Tätigkeit. Unsere Kinder hatten keine Schwierigkeiten neue Freunde zu finden.
Ein neuer Lebensabschnitt begann für uns alle.
Dringend notwendige Modernisierungsarbeiten in der Wohnung wurden geplant. Kaum dass wir unser Einzugschaos beseitigt hatten, begann das Chaos von neuem, etwa im März 1976.
Eine sogenannte „Feierabendbrigade“ ging von nun an bei uns ein und aus. Vier Handwerker, angestellt bei der SDAG-Wismut Ronneburg, erneuerten komplett die elektrischen Anlage. Drei Türen zwischen dem Elternschlafzimmer, Zimmer der Tochter, dem Zimmer der Söhne und die Zwischentür zum Wohnzimmer, wurden nach meinen Wünschen, auf Kosten der Wohnungsverwaltung, zugemauert. Die Wohnungsverwaltung gab die Aufträge nach unseren Vorstellungen und unsern Wünschen.
Im Nachhinein möchte ich bemerken, all das war in der damaligen Zeit eine enorm große Ausnahme. Das erste Mal, so schien es, konnten wir uns ganz nach eigenen Vorstellungen, verwirklichen
Da die Eintrittskarten im Kabarett „Fettnäppchen“ im Vorverkauf für Gruppen ab sechs Personen auf etwa 2 Jahre ausverkauft waren, öffneten sich alle Türen für uns. Wenn man Anliegen hatte und sich am Telefon mit seinem Namen und dem Zusatz, „Kabarett Fettnäppchen“ meldete, fand man sofort Gehör. Termine für die Durchsicht oder Reparatur des Autos, neue Winterreifen, ein neues Toilettenbecken oder einen Gasherd benötigte, war immer ein „Weg“ drinnen. Wie schon erwähnt, gute Beziehungen waren damals Gold wert und die hatte ich nun.
All unsere Anliegen wurden fast ausnahmslos beraten und erfüllt. Wenn man sich dann einig war, kam aber fast immer so nebenbei, sinngemäß die Bemerkung, „Ach Kabarett „Fettnäppchen“, wissen Sie, wir sind im Kollektiv sechs, acht, zwölf Kolleginnen und Kollegen, haben schon viel von Ihren Vorstellungen gehört, aber man hat ja kaum eine Möglichkeit Eintrittskarten zu bekommen.“ Diese oder ähnliche Andeutungen kamen recht häufig und immer musste ich mir ein Schmunzeln verkneifen, wie schnell man doch wichtig wurde für die Gesellschaft.
Ich wusste natürlich, eine Hand wäscht ja bekannter Weise die andere. Vielleicht braucht man sich irgendwann mal wieder, man sitzt ja an der sogenannten „Quelle“ und der Kreis der Quellen wuchs und wuchs.
In dieser Zeit schaffte ich es sogar das Lehrerkollektiv der Schule unserer Kinder, gemeinsam mit ihren Ehepartnern, zu einer geschlossenen Vorstellung ins „Fettnäppchen“ zu „locken“. Sagen muss ich aber, die Lehrerschaft heute möge es mir verzeihen, Lehrer waren oder sind es noch immer, dass schlechteste Publikum überhaupt!
Sie lachten und klatschten sich auf die Schenkel an Stellen des Programms, wo man eigentlich nachdenken sollte und Lehrer redeten dazu noch „Schulmeisterlich“ dazwischen.
Eine Tradition war es, dass sich die Besucher nach der Vorstellung im Bar Raum Fettbrote schmieren konnten. Bei den Lehrern langte das Brot und das Fett nicht einmal für die Hälfte der 72 Besucher.
Vielleicht dachten die ersten, die diesen „Fettnapf“ nach der Vorstellung erreichten, an die Frühstücksbrote für den nächsten Tag.
Ähnliches bestätigte mir mal mein Hausarzt. Er hatte in vielen Jahren seiner Tätigkeit die Erkenntnis gewonnen: „Lehrer kommen zur Sprechstunde, erklären die Krankheit die sie plagt und sagen mir welche Medikamente ich ihnen zu verordnen habe.“ Was soll`s, ein gutes Verhältnis zu Lehrern hatte ich trotz alle dem schon immer, denn meine sechs Jahre ältere Schwester ist Lehrerin von Beruf!
Ob unsere Kinder damals vorzüglicher von ihren Lehrern behandelt wurden weiß ich nicht mehr, den Schulabschluss haben sie aber alle drei mit guten Noten und Beurteilungen geschafft.
Was nun in unserem Leben folgte war wunderbar. Ich möchte sogar behaupten, es war bis zu diesem Zeitpunkt die schönste Zeit unseres gemeinsamen Lebens!
Mit den Akteuren des Kabaretts entwickelten sich nach und nach freundschaftliche Beziehungen, die zum Teil noch bis zum heutigen Tag Bestand haben. Ich ließ mir ab und zu, ohne Wissen der Kabarettisten, Aktionen einfallen, mit denen ich immer wieder den Spielbetrieb durcheinander brachte. Ich betrat während einzelner Szenen den Zuschauerraum. Die Kabarettbesucher dachten es gehört zum Programm, aber die Kabarettisten wussten, „nun hat er wieder etwas drauf, bringt uns aus dem Konzept und wir müssen versuchen uns gut aus der Affäre zu ziehen.“
Oft gelang es ihnen. Es kam aber auch vor, dass sie ihre Texte vergaßen, der eine oder andere zu lachen begann, konnte nicht weiter sprechen und man versuchte dann diese Szene mit spaßigen Bemerkungen zu beenden.
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