Ich sah ihm fest in die Augen und sagte: „Na bleib doch mal bitte auf dem Teppich, ich bremse immer so!“
Er fühlte sich immer wie ein King, Arrogant und Überheblich!
Hatte ich ihm eine Lehre verpasst?
Ihm hatte es wahrscheinlich die Sprache verschlagen, denn im weiteren Verlauf der Schicht wechselten wir nur noch die nötigsten Worte. Gefahren sind wir nie wieder gemeinsam und auch im Betrieb gingen wir uns aus dem Weg.
An eine weitere Begebenheit erinnere ich mich noch heute, habe sie im Traum vor Jahren noch einmal durchlebt und denke sehr oft daran zurück. Noch immer bekomme ich dabei eine Gänsehaut, wenn sie mir in der Erinnerung erscheint. Dann sehe ich erschreckende Bilder vor mir.
Einmal wöchentlich hatte unsere Dienststelle einen Sonderzug von Falkenberg/Elster nach Cottbus zu befördern. Diese Züge waren zusammen gestellt mit französischen Talbootwagen. Wenn man diesen Zug bis zur gewünschten Geschwindigkeit hatte, lief er leicht wie Reisezüge.
Er fuhr in der Kategorie „Schwerlastzug“. Diese Züge wurden besonders behandelt und fuhren in der Regel nach Sonderfahrplänen. Das hatte den Sinn
diese Züge vom Abgangs- bis zum Zielbahnhof nonstop durchfahren zu lassen. Er war mit Schotter beladen, der von Colmen-Böhlitz nach Berlin-Westhafen befördert wurde. Ich war für diesen Zug eingeteilt.
Noch während der Bremsprobe, am Abgangsbahnhof Falkenberg/Elster, nahm ich wahr, dass die Doppelkammerluftpumpe der Lok zu quietschen begann. Ein sicheres Zeichen dafür, dass eine Öl-Sperre an der Luftpumpe defekt war, was zum Ausfall der Luftpumpe, und somit schwerwiegende Folgen nach sich gezogen hätte. Ich stellte die Luftpumpe ab, begab mich auf den Umlauf der Lok und wechselte diese defekte Öl-Sperre. Ich war noch nicht ganz mit der Arbeit fertig, da wurden mir von den Wagenmeistern die Bremsen des Zuges als „In Ordnung“ gemeldet. Unmittelbar darauf bekamen wir das Signal: „Ausfahrt mit K-Scheibe.“ Es bedeutete, „Die kürzest mögliche Fahrzeit ist anzustreben“, da nach uns, laut Fahrplan, ein Reisezug fahren sollte.
Unser Zug hatte eine Eigenlast von ca. 1800 Tonnen. Ich setzte ihn schnell, mit weitausgelegter Steuerung und der Ausnutzung aller Kräfte dieser Lok, in Bewegung. Wir erreichten schnell die zulässige Höchstgeschwindigkeit von etwa 80Km/h.
Alle Signale standen auf „Durchfahrt“, bis wir uns dem „Calauer Berg“ näherten. Bahnhof Collmnitz „Durchfahrt,“ Blockstelle Cabel „Durchfahrt.“
Ab dem Bahnhof Collmnitz beginnt ein Gefälle von etwa 6/7% bis zum Bahnhof Calau. Das Vorsignal zum Einfahrsignal in Calau zeigte „Halt“. Ich griff zum Führerbremsventil und wollte die Geschwindigkeit verringern. Es bewegte sich ohne Gegendruck, ganz leicht. Das war für mich ein sicheres Zeichen, dass für diesen Zug keine Bremswirkung zu erzielen war. Die Katastrophe schien nahezu unabwendbar, sollten wir keine „Durchfahrt“, durch den sich nähernden Bahnhof Calau, bekommen.
Die Angst vor einer möglichen Katastrophe ließen mich fast erstarren. Ich schaute zu den Armaturen der Bremsanlage, erkannte dass in der Bremsleitung des Zuges keine Luft war und das Manometer des Hauptluftbehälters auch „Null “anzeigte.
Ich hatte nach dem Wechsel der defekten Öl-Sperre in Falkenberg/Elster versäumt die Luftpumpe wieder anzustellen.
Auf Grund der Dichtheit der Bremsleitungen und der Bremsapparate dieses Neubautrains entwich die Luft so langsam, dass ein Druckausgleich immer gegeben war und die Bremsen daher nicht von selbst anlegten. Der Zug wurde immer schneller und er zog eine große Staubfahne von diesem Schotter hinter sich her. Ich stellte die Luftpumpe wieder an. Mir war aber bewusst, dass es etwa 8 bis 10Minuten dauert, bis der Hauptluftbehälter der Lok und die Bremsleitung des Zuges gefüllt sind. Erst dann wäre eine Abbremsung des Zuges wieder möglich.
Nach der Durchfahrt einer Brücke in einer Rechtskurve, wurde das Vorsignal zum Einfahrsignal vom Bahnhof Calau sichtbar. Der Vorsignalabstand, auf Grund des Gefälles der Strecke, 1000 Meter vor dem Einfahrsignal, nützte mir in dieser Situation nichts, denn ich hatte ja keine Möglichkeit überhaupt eine Bremswirkung zu bekommen. Immer noch „Halt“, das Unheil bahnte sich immer mehr an, ich, mit beiden Händen auf die Signalpfeife der Lok, das Einfahrsignal kam immer näher.
Plötzlich zeigte das Vorsignal zum Ausfahrsignal „Frei“ und wenn ich mich heute richtig erinnere- unmittelbar vor der Vorbeifahrt am Einfahrsignal, ging dieses Signal auf die Stellung “Einfahrt“! Mein Heizer und ich sahen uns an. Wir waren nicht in der Lage auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
Der Zug hatte inzwischen, auf Grund des Gefälles der Strecke, eine Geschwindigkeit von etwa 100 bis 110Km/h erreicht.
Die Loks der Baureihe 52-Reko hatten eine zulässige Höchstgeschwindigkeit von 80Km/h. Immer und immer schneller drehten sich die kleinen Räder. Eine unbeschreibliche Angst kam in mir auf, dass uns die Treib-und Kuppelstangen jeden Moment um die Ohren fliegen. Kurz vor der Einfahrt in den Bahnhof Calau nahm ich ein plötzliches Schlagen und Rasseln wahr. Die Tachowelle und unmittelbar danach die beiden Antriebsstangen der Ölpresse auf dem Führerstand hatten diese Belastung nicht ausgehalten und verabschiedeten sich lautstark. Unser Zug hinterließ eine Staubfahne, wir passieren den Bahnhof Calau.
Ich sehe noch heute die Gesichter des Fahrdienstleiters und einiger anderer Personen, mit Schockgeweiteten Augen und offenstehenden Mündern vor mir, wie sie an den Fenstern des Befehlsstellwerkes ungläubig standen.
Dankbar sein muss ich ihnen dafür, dass sie keine Meldekarte über diesen Vorgang geschrieben haben. Ich wäre dann verpflichtet gewesen über die Umstände dieser Fahrt auszusagen. Disziplinarische Maßnahmen wären gegen mich eingeleitet worden.
Hätte in diesen Minuten eine „Querfahrt“ durch den Bahnhof Calau stattgefunden- eine für mich, heute, unvorstellbare Katastrophe. Dieses Schuldgefühl verfolgt mich noch heute in meinen Träumen.
Hatte ich einen Schutzengel? Es muss wohl so sein! Bis in die heutige Zeit erlebte ich Situationen im Straßenverkehr mit dem Auto, sowie auch mit meinem Motorrad, die hätten den sicheren Tot bringen können. Mein Schutzengel stand mir zur Seite.
Meiner Meinung nach ist alles im Leben vorbestimmt. Ich war noch nicht dran, also ist meine Aufgabe hier „unten“ scheinbar noch nicht erfüllt.
An zwei Begebenheiten erinnere ich mich ganz besonderes gern.
Meine Großeltern wohnten etwa 3Kilometer entfernt vom Bahnhof Doberschütz. Einmal fragte mich mein Opa, ob wir denn auch dort zu tun hätten. Laut Fahrplan hatten wir einen Zwischenaufenthalt von etwa 30Minuten auf diesem Bahnhof an zwei Tagen in der Woche.
Wir einigten uns auf einen Tag, an dem er mit seinem Behindertenfahrzeug nach Doberschütz kommen würde. Er wollte mich mit meiner Lok sehen.
Gesagt getan! Planmäßig fuhren wir abzweigend ein, ich sicherte den Zug und ging die etwa 60 bis 80 Meter in Richtung des Bahnhofgebäudes. Zu meiner Freude war der Opa da. Er wartete hinter einem Zaun auf uf mich.
Der Bahnhofsvorsteher, der an diesem Tag Dienst als Aufsichtsperson hatte, fragte mich: „Wer denn dieser Mann ist und ob ich ihn kenne, da wir uns wie Freunde begrüßt hatten.“
Er stand schon fast zwei Stunde da und beobachtet den Zugverkehr. Ich klärte ihn auf. Er öffnete den Zugang zum Bahnsteig und mein Opa wechselte seinen „Beobachtungsposten“. Kurz vor der geplanten Abfahrtszeit verabschiedeten wir uns und ich ging zu meinem Zug. Abzweigend Ausfahrt! Mit weit geöffnetem Regler setzte ich den Zug in Bewegung. In Schrittgeschwindigkeit näherten wir uns dem Bahnsteig. Ich sah ihn von weiten mit beiden Armen winken. Als wir an ihm vorbei fuhren, mein Heizer stand auf meiner Seite in der geöffneten Tür, sahen wir einen Mann, freudestrahlend, mit weit geöffneten Mund, uns etwas zurufend. Wir konnten es nicht verstehen, denn der ohrenbetäubende Lärm, den eine Dampflok beim Anfahren eines schweren Zuges verursacht, schluckte seine Worte. Er war glücklich wie ein kleines Kind. Uns traten beiden schlagartig Tränen in die Augen. Mein Heizer wusste über unser Verhältnis. Wir schämten uns nicht unserer Tränen, denn wir hatten einen Menschen sehr glücklich gemacht! Einen Menschen, der mir sehr viel gegeben hatte!
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