„Du musst ihn zurückholen, bevor die Wunschfee davon erfährt.“
„Auch das noch. Sollte ich sonst noch etwas wissen?“
„Ja! Man verschenkt nicht, was man selbst geschenkt bekommen hat.“
„Glaub mir, das läuft in meiner Zeit anders.“
„Das ist sehr unhöflich! Warum tut ihr so etwas?“
„Na ja, es gibt verschiedene Gründe. Der häufigste ist, dass man etwas geschenkt bekommt, was einem nicht gefällt, und man es nicht gebrauchen kann. Man will aber den, der es schenkte, nicht enttäuschen oder gar beleidigen. Also bedanken wir uns dafür und hoffen, es irgendwann irgendwem weiterschenken zu können. Ist dir das denn noch nie passiert?“
„Was?“
„Dass du etwas zu deinem Geburtstag geschenkt bekamst, das dir nicht gefallen hatte. Das liegt doch bestimmt auch unbeachtet in einer Ecke und verstaubt.“
„Nein, das ist mir noch nie passiert!“
„Sicher nicht?“
„Nein, ich habe noch nie etwas geschenkt bekommen!“
„Oh, das tut mir leid. Nicht einmal zu deinem Geburtstag?“
„Nein.“
„Das finde ich aber nun wirklich sehr, sehr gemein!“
„Ich bin mir sicher, zu meinem ersten großen Geburtstag werde ich Geschenke bekommen.“
„Deinem ersten großen Geburtstag?“
„Wir Drachen feiern ausschließlich nur jeden hundertsten Geburtstag. Ich war schon bei vielen eingeladen. Drachenland wird geschmückt und alle sind schon Tage vorher sehr aufgeregt. Überall brennen Feuer. Es ist herrlich warm und es kommen alle, die in Drachenland leben. Das ist immer ein Riesenspaß.“
„Du bist also noch keine einhundert Jahre alt?“
„Nein, ich zähle erst sechsundneunzig Jahre. Wie alt bist du denn eigentlich?“
„Achtundvierzig Menschenjahre.“
„Ist das in deiner Welt alt?“
„Zumindest würde uns nicht einfallen, nur jeden hundertsten Geburtstag zu feiern. Nur wenige erreichen dieses Alter und nur wenige könnten dann auch noch eine Riesenfeier überstehen. Das wäre viel zu anstrengend!“
„Du wirst also keine hundert Jahre alt?“
„Wahrscheinlich nicht.“
„Das tut mir sehr leid.“
„Muss es wirklich nicht.“
„Unsere Drachenblumen erreichen auch nur ganz selten das hundertste Jahr. Dann ist es beschlossen, freute sich mein Drachen, ich nenne dich Drachenblume.“
„Vielen Dank. Wie sieht denn so eine Drachenblume aus?“
„Oh, sie ist purpur und leuchtet.“
„Schön.“
„Und sie sammelt in ihrer Mitte Wasser und lässt es lustig sprudeln.“
„Aha.“
„Und wenn sie nicht gut gelaunt ist, schießt sie einen Strahl nach jedem, der sich ihr nähert.“
„Oh …“
„Dann passieren schon einmal kleine Unfälle.“
„Warum?“
„Nun, ihr Wasser klebt dann, das habe ich selbst schon einmal erfahren …“
„Also ist es dann eklig, wenn man getroffen wird.“
„Wenn sie deine Flügel trifft, kannst du nicht mehr fliegen und plumpst zu Boden.“
„Autsch!“
„Ja, ich hatte damals großes Glück gehabt und nähere mich ihnen heute sehr vorsichtig.“
Weniger vorsichtig aber nähert er sich nun einem Mann …
„Was hat der hier auf seiner Nase?“
„Eine Brille.“
„Was ist das?“
„Damit kann man besser sehen.“
Er geht so nahe heran, dass der Mann sich an die Nase fasst.
„Hör auf damit!“
Er geht zurück.
Der Mann entspannt sich wieder.
Wieder geht er ganz nah heran …
Der Mann schaut verstohlen zu mir herüber. Wahrscheinlich traut er mir so einiges zu …
„Würdest du bitte damit aufhören?“
Im nächsten Moment findet er das kleine Mädchen spannend. Es rutscht auf seinem Stuhl hin und her und langweilt sich fürchterlich. Seine rosa Schleifen haben es ihm angetan. Und, oh Schreck, schon zieht er daran.
Mir bleibt fast die Luft weg, und ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass ihn kein anderer außer mir sehen kann.
Erschrocken fasst sich das Mädchen an ihren linken Zopf.
Da zupft er schon am rechten und hat die Schleife gelöst.
Wenn er das Band in die Pfoten bekommt, gibt er es bestimmt nicht wieder her. Dann haben wir ein echtes Problem. Ein rosa Schleifenband bewegt sich wie von Zauberhand …
Bevor das Mädchen noch etwas hätte sagen können, wurden sie aufgerufen und verschwanden in Kabine Nummer vier. Sie mussten an mir vorbei und es traf mich ein vorwurfsvoller Blick.
Ich war drauf und dran zu sagen: Ich war’s nicht!!!
Aus dem Augenwinkel nahm ich gerade noch wahr, dass mein kleiner Drache auf dem Tresen der Anmeldung stand. Fasziniert beobachtet er die Frau, wie sie ins Telefon sprach.
Sein Schwanz zuckte, vor Aufregung und gibt damit der Vase einen ordentlichen Schubs …
Sie flog über den Tresen und ihr Wasser ergoss sich über all die Patientenakten.
Mir wurde ganz schlecht.
Glücklicherweise war die Frau eher verblüfft als erschrocken und hatte schon einen Lappen zur Hand, um den Schaden zu beheben.
Es war totenstill im Warteraum und alle sahen zu ihr hinüber.
„Vielleicht war ein kleiner Geist zu Besuch“, sagte sie, „und dem haben die Blumen nicht gefallen. Nelken sind ja auch nicht jedermanns Sache. Also entschuldige, kleiner Geist, die sind von meinem Chef …“
Kann sie ihn womöglich doch sehen?
Als ich endlich aufgerufen werde, hüpft er vom Tresen, um mir in Kabine Nummer drei zu folgen. Er wittert ganz bestimmt das nächste Abenteuer … Ich erkläre ihm, was jetzt gleich geschehen würde. „Und“, so versuche ich ihm einzuschärfen, „es ist ganz wichtig, dass du nichts anfasst und nirgendwo drauf springst. Und auch der Person, die gleich meinen Fuß röntgen wird, gehst du bitte aus dem Weg. Du kannst alles prima von der Tür aus beobachten.“
Er sitzt neben mir und baumelt mit seinen Beinen. Wieder fallen mir seine großen Füße auf.
Staunend sieht er zu, wie ich meinen linken Fuß von Schuh und Socken befreie. Als ich reingerufen werde, humpele ich der Schwester entgegen. Ich setze mich auf den Tisch, stelle meinen Fuß auf die Platte und bin nicht wirklich überrascht, einen kleinen Drachen neben mir zu sehen. Die Schwester richtet meinen Fuß aus und verschwindet, um auf den Knopf zu drücken. Kaum ist sie weg, stellt er seinen Fuß neben meinen, um sie zu vergleichen …
Das geht so schnell, dass ich keine Zeit habe, irgendwie zu reagieren, und es piepst.
Ich harre der Dinge, die nun kommen würden. Ganz sicher ist nicht nur mein Fuß zu sehen. Insgeheim überlege ich, ob ich irgendwie in Besitz dieses Röntgenbildes kommen könnte.
Die Minuten verstreichen. Dann kommt die Schwester heraus und fragte, ob ich mich vielleicht bewegt hätte.
„Nein, warum?“
„Dann stimmt vermutlich etwas mit dem Gerät nicht. Wir machen mal noch eine Aufnahme. Wenn das Ergebnis das gleiche ist, müssen wir den Röntgenapparat austauschen.“
Noch bevor sie verschwunden ist, flehe ich mein Drachenkind an, ruhig neben mir sitzen zu bleiben und sich nicht vom Fleck zu rühren.
„Langweilig!“
„Mag sein, aber wir werden sonst nicht fertig. Es sei denn, du willst ewig in dieser Höhle bleiben?“
„Nein, ich bin müde. Kannst du mich tragen?“
„Okay.“
Er rollte sich ein und war binnen dreißig Sekunden eingeschlafen.
Dieses Mal dauerte es nach dem Piep nicht lange und die Schwester kam raus. Die Aufnahme ist in Ordnung, ich kann mich wieder anziehen und zur Chirurgie gehen. Sie hat mir kaum den Rücken zugedreht, da nehme ich vorsichtig mein Drachenkind auf den Arm und humpele schnell in die Kabine zurück. Ich lege es auf die Bank, ziehe mich an und packe ihn kurz entschlossen in meine Jacke. Es schlief so fest, dass er den Rest meines Arztbesuches verpasst.
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