Nicht, dass ich schon alles verstünde, schließlich sind wir Schutzengel auch noch recht erdgebunden. Ich fasse es so auf, dass das Gefühl getrennt zu sein, notwendig ist, um die Verbindung zu Gott wieder zu suchen. So befinden wir uns im Abklatsch der Wirklichkeit mit der Illusion, getrennte, einzelne Wesen zu sein. Auf dass wir uns auf die Reise machen und in der Getrenntheit Erfahrungen machen, die als Ganzes nicht erfahrbar wären. Nun erliegen Menschen aber meist lange dem Spiegel und halten ihn für die Wirklichkeit und durch ihren eigenen schöpferischen Willen werden immer mehr Illusionen geschaffen.
Keine Angst, letztendlich wird jedes Teilchen zurückfinden, doch viele, viele Umwege müssen dafür in Kauf genommen werden. Selbstverständlich sind auch diese letztendlich hochinteressant, nüchtern betrachtet - Für das Teilchen aber als sehr schmerzhaft empfunden.
Alles was der Mensch an Distanz zwischen sich und dem Rest der Schöpfung aufbaut, entfernt ihn vom Gefühl des Gesamten. Sein Ego wächst und mit jedem Mal in dem er nicht erkennt, dass der Andere, sowie alles, das ihn umgibt, auch zu ihm gehört, gibt er dem Ego mehr Raum.
Durch den menschlichen Schöpfergeist erschafft er so etwas wie eigene Wesenheiten, die lebendig werden können. Diese sind es, die uns entgegenwirken, allen voran das Ego, welches am ehesten dem entspricht, was Teufel genannt wird. Das ist eine so starke Wesenheit, dass sie mit aller Kraft versucht, den Menschen die Getrenntheit vorzugaukeln. Kompliziert das Ganze, aber unsere Gegenspieler wohnen eher in euch, als um euch herum, können immens auf den menschlichen Geist einwirken und sind deshalb sehr, sehr mächtig.
Andere junge Krieger versuchten hingegen alles, um die Erlebnisse zu verdrängen und wünschten sich aus dieser Realität heraus. Sie träumten von der Vergangenheit oder der Zukunft und verabscheuten die Gegenwart zutiefst. Das war prinzipiell verständlich, doch in den wenigsten Fällen zielführend. Denn entweder waren sie hier, weil es ihr Weg war, sie jedoch durch all die schlimmen Erlebnisse und falschen Schlüsse nicht den richtigen Umgang damit fanden. Würden diese Männer tatsächlich einen anderen Weg einschlagen, könnten sie auch dort nicht zur Ruhe kommen. Verharren sie jedoch im Wunsch, ein anderes Leben führen zu können, gehen sie ihren Weg zwangsläufig nur halbherzig.
Oder aber es waren jene, die durch äußeren Druck oder falschen Ehrgeiz überhaupt erst den Weg eingeschlagen hatten und sich nun völlig zu Recht fehl am Platze vermuteten. Für diese wäre es nun sinnvoll, den Mut zu beweisen, dem Kriegshandwerk den Rücken zu kehren und zu ihrer wahren Bestimmung zurückzukehren. Doch so leicht sich das anhört in Anbetracht dessen, dass sie dieses Leben ohnehin verabscheuten, so kompliziert war die Umsetzung. Oft machten es die strengen Regeln der Sippe fast unmöglich und sehr häufig mögen Menschen nicht einsehen, oder zugeben, eine falsche Entscheidung getroffen zu haben.
Kilian hingegen war sehr richtig bei den Kriegern, doch ich musste aufpassen, dass er den bestmöglichen Weg fand, mit den Grausamkeiten zurechtzukommen. Ich musste zusehen, dass er seinen Mut bewahrte, ohne jedoch hart zu werden. Er sollte seine Talente schulen, sich verbessern ohne hochmütig zu werden. Und was besonders schwer war, Kilian musste lernen, dass das Töten zu seiner Aufgabe gehörte, ohne dabei abzustumpfen.
Es war sein Weg und ich war mir ziemlich sicher, er würde ihn auch gehen. Schon allein das war viel wert. Wie er ihn ging, war jedoch noch unsicher, obwohl ich großes Vertrauen in ihn setzte. Trotzdem fingen meine inneren Warnimpulse sofort an, Alarm zu schlagen, hatte ich auch nur den leisesten Verdacht, er könne mir entgleiten.
So trug es sich zu, dass er nach einer außerordentlich brutalen Schlacht ins Lager zurückkehrte. Seine Aura war das erste Mal seit längerem wieder von schmutzigem Grau, was mir meinen Kontakt schon ohnehin fast unmöglich machte.
Mit Hilfe seines Verstandes versuchte er trotz dieser absoluten Gefühlsstarre, seine bisherigen Methoden anzuwenden, was ihn einiges an Beharrlichkeit kostete.
Doch begab es sich ausgerechnet so, dass er beim Versuch, während seines Spaziergangs seine Empfindungen zu ordnen, auf einige schwer Verwundete, sterbende Krieger des Gegners traf.
Selbstverständlich hatte ich gesehen, worauf er zusteuerte und hätte er sich auf meinen Impuls hin weiter östlich gehalten, wäre ihm dieser Anblick erspart geblieben. Doch in seinem Zustand konnte er mich nicht hören, obwohl ich an ihm gerüttelt und gezerrt, geschrien und geboxt hatte.
So lief er nach diesem Anblick, verstört und mit noch leereren Augen zurück zu seinem Zelt, um mit Arvid zu schweigen oder auch das ein oder andere Wort zu wechseln. Nicht, dass er Lust, oder auch nur den Impuls dazu gehabt hatte, doch er wusste kognitiv, dass es helfen würde, auch wenn er es in diesem Zustand nicht empfinden und glauben konnte.
Arvid war jedoch nicht dort und Kilian setzte sich steif auf sein Schlaffell und starrte die Zeltwand an. Wie paralysiert blickte er ins Leere und ich konnte nichts machen, absolut nichts.
Meine Sorge steigerte sich trotz meiner mittlerweile beachtlichen Ruhe in rasantem Tempo. Diese Zustände dürfen nicht allzu lange andauern, schon allein deshalb nicht, weil sich die negativen Ereignisse in diesem Zeitraum potenzieren können. Schließlich haben wir nicht den geringsten Einfluss und können somit nicht führen, nicht schützen, keine Denkimpulse geben oder mit positiven Zeichen entgegenwirken.
„Bitte, bitte, hör mich! Steh auf, geh raus, such Gebhard, such Arvid oder einen anderen Freund! Bitte, Bitte!“ Alleinsein war zwar oft heilsam, jedoch nicht in dieser Verfassung. Wie erwähnt hat die Anwesenheit von anderen Menschen immense Auswirkungen auf den Einzelnen. Mal angenommen, Kilian wäre auf eine Gruppe Männer getroffen, welche nicht an der Schlacht beteiligt gewesen wären, welche vielleicht gar fröhlich ums Feuer saßen, so hätten deren positive Energien Einfluss auf Kilians feinstofflichen Körper gehabt. Mehr Macht, als ich, das Grau aufzulockern. Sicherlich, wäre dies dann tatsächlich geschehen, hätte er seinerseits vorerst nicht positiv auf diese Leute reagiert. Wahrscheinlich hätte es ihn wütend gemacht, dass diese in Anbetracht der Lage eine solche Stimmung zu verbreiten. Das wäre mir egal gewesen, selbst Wut und Aggressionen waren besser als diese Gefühlsstarre. Zudem hätte ich wieder die Chance zur Intervention gehabt.
Nun, er hörte mich ohnehin nicht, starrte einfach weiterhin ins Nichts. Glücklicherweise hatte Kilian einen Erdkörper und dieser zwang in nach beträchtlicher Zeit trotzdem aufzustehen, damit er sich erleichtern konnte. Zumindest hätte es ihm zu Gute kommen können. Doch schlurfte er, nachdem er seine Blase entleert hatte, geradewegs auf zwei torkelnde Kameraden zu. Diese wiederum hatten ihrerseits schon seit einiger Zeit den guten Kontakt zu ihren Seelen verloren. Sie gehörten zu jenen, welche ich oben beschrieben hatte. Laut und abgebrüht ereiferten sie sich über Details aus den Kämpfen, dunkelrote braunschwarze Fäden durchzogen ihre ansonsten graue Aura. Das wahre Gefühl der Traurigkeit schwebte behütet von meinen Kollegen in zu großer Entfernung der Körper.
Diese waren in ununterbrochenen Bemühungen, ihren Schützlingen die Richtung zu weisen, obschon sie kaum durchkamen. Kilian kreuzte deren Weg und betrunken, wie sie waren, schlossen sie ihn sofort in ihre Mitte, boten ihm ihre Krüge an und zerrten Kilian mit sich an ihre Feuerstelle, um welche schon etliche Männer verschiedenen Alters mit ähnlicher Atmosphäre saßen.
„Hey Kleiner, was ist los? Hast einen Geist gesehen? Hammse dir die Zunge rausgeschnitten?“
Kilian antwortete nicht, ich zerrte an ihm. „Geh weg dort! Das tut dir nicht gut! Geh weg! Hör doch auf mich!!! Bitte! Bitte!“
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