Trotzdem schien er mich nach wie vor in dem Wust an Emotionen zu finden. Gottseidank. Unter den verschiedensten Färbungen aus schwarz und rot, unter seiner Angst, sah ich das helle, goldgelbe strahlende Weiß, welches ihn mit Gott verband, mit seiner Seele, mit mir. Er war noch bei sich.
Rings um mich wimmelte es von Kämpfern, welche nur noch ihren Emotionen ausgeliefert waren, begleitet von Schutzengeln, die unaufhörlich versuchten den Kontakt zu halten oder wiederherzustellen. Darunter viele, die schon über längere Zeit vergeblich versuchten, ihre Schützlinge zu erreichen.
Wenige Meter vor uns stürzten die ersten Männer zu Boden, Waffen klirrten, Männer brüllten oder heulten und stöhnten - Der Boden färbte sich rot, Seelen wurden abgeholt, Geister erschienen. Bekannte Eindrücke für mich – eigentlich.
Kilian umklammerte seine Axt mit der einen, den Schild mit der anderen Hand. Unkontrolliert hieb er um sich, sah nur noch Arme mit Waffen und Gesichter, die wie Fratzen auf ihn stürzten.
In Panik schlug er wild um sich. Kurz schien es, als würde er seine Intuition verlieren.
„Ruhig, ruhig. Beruhige dich Kilian, keine Angst, du wirst nicht sterben, ich wüsste das“ versuchte ich ihn so eindringlich und trotzdem besonnen zu erreichen. „ Ich bin bei dir, du kannst das besser.“ Tatsächlich hielt er kurz inne, atmete tief ein und führte den Kampf weiter - Mit ruhigerer Hand und bedachteren Bewegungen. Er kämpfte und schien sich immer besser in dem Getümmel zurechtzufinden, Stunde um Stunde.
Kilian stieß an die Grenzen seiner Kräfte, immer wieder kurz davor, in einem unkonzentrierten Moment dem Gegner die Gelegenheit zu bieten, den vorzeitigen Tod herbeizurufen. Immer schwieriger wurde es, ihm die Zeichen in den winzigen Zeitfenstern spürbar zu machen, wann der Blick nach rechts, der Arm nach oben oder der Körper ausweichen musste.
Kurz vor Ende dieser Schlacht meinte er, zusammenzubrechen. Er blickte mich direkt an, so intensiv, dass ich meinte, ich wäre für ihn sichtbar.
„ Bist du noch da?“ Er sprach mich an!
Das hatte ich in einer solchen Direktheit noch niemals erlebt. Es kam freilich vor, dass wir angesprochen wurden, doch eher ins Leere gesprochen, als Gebet oder als unpersönlicher Adressat. Er aber sah mir in meine Augen und sprach zu mir, als wäre ich ein anderer Mensch. Noch überwältigt von dieser Gegebenheit, besann ich mich so schnell es ging. „Natürlich bin ich das! Ich bin immer da. Immer! Halte durch, gleich hast du es überstanden.“
Er sammelte erneut seinen letzten Rest an Energie und beendete seine erste Schlacht auf diesem von toten Kameraden und Feinden übersäten roten Feld, umhüllt von fadem Grau, wie die meisten Überlebenden.
Langsam begab sich Kilian zum naheliegenden Wald. Verschwitzt, blass und mit einigen weniger schweren Verletzungen, Prellungen und kleinen Wunden. Er lehnte sich an eine große Eiche, zitterte und übergab sich. Es brach mir das Herz, an dessen Stelle sich mein Geistkörper braunzusammenballte. Leise versuchte ich, ihn zu erreichen, ihm zu zeigen, dass ich da war, ihn aufzubauen. Doch es ist sehr schwierig, Menschen in einer solchen Gefühlslage zu erreichen. Das Grau zu durchdringen ist ähnlich anstrengend, als probierte man ohne Werkzeug durch eine dicke Eisschicht zu gelangen.
Obwohl es für mich ja offensichtlich war, dass er mich nicht physisch wahrnehmen konnte, hörte ich nicht auf, ihn in den Arm zu nehmen und auf ihn einzureden. „Ich bin doch da, “ sagte ich mehr zu mir selbst als zu ihm.
Als sich seine Übelkeit und sein Pulsschlag beruhigt hatten, trottete Kilian langsam in das Lager zurück, in welches sich schon die meisten anderen Krieger zurückgezogen hatten. Er holte sich saubere Kleidung und wusch sich am nahegelegenen Bach.
Noch immer umgeben von diesem hoffnungslosen Grau. Er sollte zu seinen Kameraden zurückkehren, dachte ich. Ich hatte gesehen, dass auch sein bester Freund überlebt und keinen größeren physischen Schaden davongetragen hatte.
Zwar war ich im Allgemeinen eher davon angetan, dass Kilian in der Lage war, seine Probleme alleine mit sich auszumachen, doch schien es mir in diesem Falle hilfreich, wenn er sich mit den anderen Jungen zusammensetzen würde, im Bewusstsein, dass sie gerade dasselbe erlebt hatten.
Als im Grau eine kleine Spur schmutziges Gelb zum Vorschein kam, versuchte ich deshalb so deutlich wie möglich, ihm zu suggerieren, seinen treuen Freund aufzusuchen. Mehrmals dachte er darüber nach, um dann doch wieder in der starren Resignation zu verharren. Ohne klaren Gedanken und ohne Strategie, das Erlebte zu verarbeiten. Zum Glück war ich, wo ich plötzlich akzeptiert hatte, dass er dieses Leben nun einmal zu führen hatte, sehr gut bei mir.
Ich gab mein Bestes, diese erste Erfahrung der grausamen Realität des Krieges in die positivsten Bahnen zu lenken, welche mir möglich schienen. Ich konnte mich gut distanzieren und besann mich auf die unzähligen Male in welchen ich sehr viele Männer und so manche Frau auf diesem Weg begleitet hatte.
Die Vorgehensweisen der Menschen und die Vor- und Nachteile der jeweiligen Verarbeitungsmethode. Je mehr Erinnerungen ich abrief, desto deutlicher drängte es mich, Kilian zu seinen Kameraden zu lotsen. Die Gemeinschaft war in vielen Fällen die einzige Rettung, das Grau wieder zu verlassen. Die stille Übereinkunft der Krieger, ein gemeinsames Erlebnis ohne Wertung einzelner Handlungen hinzunehmen. Gemeinsam schweigend ins Feuer zu starren, im Wissen, dass man nicht alleine war mit der Last.
Natürlich gab es einige Ausnahmen. Männer die lauthals über Einzelne herzogen, die besserwisserisch ihre eigenen Kampfmethoden darstellten, aggressiv das vergangene Kampfgeschehen kritisierten und schon Strategien für die nächste Schlacht austauschten.
Doch im Großen und Ganzen ging es in den Lagern vorerst meist ruhig zu. Dort konnten die positiveren Männer, das Grau welches andere umgab, immer ein wenig relativieren.
Es gab auch Zeitphasen und Konstellationen, welche so ungünstig waren, dass die Gemeinschaft mehr zerstörte als half, doch in dieser Gruppe waren recht gute Voraussetzungen gegeben. Durch längere kampffreie Phasen und einige gute Anführer ergab sich ein recht gutes Netz, gerade für die noch unerfahrenen jungen Männer.
Als Kilian bei seinem Zelt ankam, um seine benützten, zerrissenen und dürftig gereinigten Klamotten abzulegen, begegnete er Arvid, seinem besten Freund.
Mit ihm zusammen hatte er die Ausbildung genossen. Viele Abende hatten sie geredet, den einen oder anderen Kummer oder Ärger geteilt – Manchmal einfach nur lange am Feuer gesessen. Sie hatten zusammen die ersten Schwertkämpfe erprobt und schon einige fröhliche Momente zusammen erlebt.
Nun würden sie auch dieses einschneidende Erlebnis teilen. Indem sie beide den Blick kurz hoben begrüßten sie einander, um sich dann schweigend nebeneinander her zur Essensstelle zu begeben.
Es ist für uns immer wieder erstaunlich, welch unterschätzte Macht Menschen aufeinander haben. Im Positiven wie im Negativen. Schon diese stille Geste der Anwesenheit einer vertrauten Person, ohne ein einziges Wort, wirkte so beruhigend, dass zarte blaue und hellorangene Streifen das Grau durchbrachen. Sowohl bei Kilian, als auch bei Arvid.
Wir zwei Schutzengel blickten uns erleichtert an. Die erste Hürde war genommen.
Es kam nämlich immer wieder vor, dass die erste Schlacht einen jungen Krieger so sehr mitnahm, dass sein Schutzengel keinerlei Chancen hatte, diesen je wieder aus dem Grau herauszuholen.
Selbst für Menschen deren auferlegter Weg der eines Kriegers war, war die erste Schlacht oft wegweisend und der Umgang mit dem Erlebten eine Voraussetzung für die folgenden Kämpfe.
Wir führten die beiden zu einer Stelle am Feuer, an welcher sich einer der Anführer aufhielt, dem die Beiden vertrauten. Einem Mann, dessen Aura nur schwache Spuren der Schlacht zeigte. Einem der wenigen, welche in der Lage waren, ganz Mensch zu bleiben. Der Mut und Besonnenheit aufwies, Strenge und Mitgefühl und welcher selten von niederen Gefühlen überwältigt wurde. Diese niederen Mächte, die dazu führen konnten, die eigenen Männer in Gefahr zu bringen, oder dazu, aus Rache und Wut Frauen gegnerischer Stämme zu vergewaltigen. Einer dieser Menschen, welche immer versuchten ihr Bestes zu geben und die sich bemühten, so reinen Herzens wie möglich zu bleiben.
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