Wenn schmerzhafte Erfahrungen anstanden, welche aber seine Entwicklung unterstützen sollten, musste ich mich mit aller Gewalt am Riemen reißen, diese nicht zu verhindern.
So musste Kilian mit ansehen, wie sein Großvater sich beim Holzhacken so stark verletzte, dass er vor seinen Augen verblutete. Mein Kleiner war dann über Stunden verwirrt und mit dem Leichnam alleine, bis andere Dorfbewohner ihn dort fanden.
Ich war außer mir, es zerriss mir das Herz. Ich begann anzuzweifeln, ob das mit dem göttlichen Plan wirklich so umgesetzt werden müsse und war sauer mit den Oberen, solche grausamen Situationen zuzulassen. Ich war mir sicher, dass der Mensch auch ganz sanft lernen könnte. So etwas als Engel zu denken war gefährlich, aber ich konnte es nicht verhindern.
Ich sendete all meine Liebe in meinen Schützling und redete beruhigend auf ihn ein und hätte ich Tränen gehabt, ich hätte lauthals mit ihm mit geweint. Kinder nehmen uns meist noch weit besser wahr, doch ich hätte Kilian in jener Situation, wie in vielen anderen, auch gerne physisch in den Arm genommen.
Ich liebte dieses Kind.
Wir besitzen zwar immer die göttliche Liebe für unsere Schützlinge, doch das hier war menschliche und göttliche Liebe zugleich.
Es konnte so nicht weitergehen. Doch wenn nicht so, wie dann?
Nachdem mir Michael und auch die anderen höheren Engel nicht antworten wollten, war ich recht hilflos. Natürlich konnte ich mich mit anderen Schutzengeln unterhalten, doch ich bezweifelte, dass diese Rat hätten.
Ich suchte nach Hinweisen in meinen längst verschütteten, menschlichen Erinnerungen. Doch was sollte mir das bringen? Ich wusste ja, dass das, womit ich es zu tun hatte, Emotionen waren. Natürlich hatte ich diese als Mensch gehabt. Und selbstverständlich konnte ich mal besser, mal schlechter mit diesen Gefühlsregungen leben.
Doch damals waren es wenigstens nur meine Gefühle, ich hatte nicht noch zusätzlich eine Dauerverbindung zu jemand anderem. Wobei – Waren da nicht vage schemenhafte Ahnungen? Irgendetwas war angeklungen, als ich diesen Satz dachte. Das war seltsam, aber ich konnte mich beim besten Willen nicht an dieses Leben oder die Gegebenheiten erinnern. Selbst wenn ich es könnte, würde das ja nicht mein Problem lösen. Nicht direkt zumindest.
Ein wenig halfen die Gedanken an meine Menschenzeit trotzdem, denn zumindest wusste ich, dass es möglich sein konnte, diese Empfindungen einigermaßen in geregelte Bahnen zu lenken. Zumindest musste ich das wohl geschafft haben, bevor ich den Kreislauf der Reinkarnationen durchbrochen hatte.
Wenn ich es schon einmal überwunden hatte, dann würde mir das auch ein zweites Mal gelingen.
So versuchte ich, wann immer meine menschlichen Gefühle mich zu überrumpeln drohten, meinen Geist auf das Göttliche zu richten. Das hatte damals geholfen und es half mir auch jetzt. Es gab mir schlicht immer wieder die Sicherheit, dass alles was passierte, schon seine Richtigkeit haben musste, egal was es in Kilian oder mir auslöste. Schwer war es dennoch, denn diese lästigen Empfindungen waren schließlich nach wie vor vorhanden.
Meine andere Strategie war, diese anstrengende Bindung positiv zu sehen und ich beschloss, mich diesem für mich so besonderen Schützling eben auch entsprechend zu widmen.
Wenn wir annahmen, und im Prinzip war das für mich weniger eine Annahme als ein Faktum, dass nichts zufällig geschah, musste es für diese Konstellation einen Grund geben. Es war bestimmt von Vorteil, aufzuhören gegen etwas anzukämpfen, wenn man keine Chance hatte, zu gewinnen. Besser war es, die Gegebenheiten zu akzeptieren und das Positivste herauszuholen. Solange ich meinen Auftrag nicht vernachlässigte, sollte das wohl in Ordnung sein und da mir ja nach wie vor niemand antwortete, blieb mir ohnehin nichts anderes übrig.
Auch schien seitens des Kleinen ein Unterschied zu früheren Schützlingen vorhanden zu sein. Er war noch ein Kind und aus diesem Grund ohnehin sensibler für unsere Energien. Doch Kilian reagierte manchmal regelrecht, als würde er mich physisch wahrnehmen.
Manchmal unterhielt er sich in seiner kindlichen Sprache lange mit mir und ignorierte dafür sogar menschliche Spielgefährten. Oft sah er mir direkt in die Augen und lächelte mich an. Solcherlei Dinge kommen bei Kindern vor, doch bei ihm verhielt es sich ungewöhnlich auffällig.
Vielleicht war diese Verbundenheit nicht nur einseitig wahrnehmbar - Oder aber ich projizierte meine eigenen Empfindungen, überlegte ich wiederholt.
Ich wusste es nicht, das galt es wohl abzuwarten. Normalerweise verlieren Kinder spätestens mit zwölf bis vierzehn Jahren den direkten Zugang in unsere Welt. Meist schon mit etwa zehn.
So arrangierte ich mich mit der Angelegenheit und konnte mit einigem Energieaufwand auch eine einigermaßen passable emotionale Distanz erreichen. Zumindest insoweit, als dass ich nicht bei jedem drohenden Bienenstich in die Realitäten eingreifen wollte.
Kilian war mittlerweile acht Jahre und ein starker, gesunder und ausgeglichener Junge. Etwas ruhig vielleicht, aber das störte niemanden.
Die Männer des Stammes führten ihn bereits in die Jagd ein und brachten ihm die Grundlagen des Kämpfens bei. Kilian war, was das anging, sehr wissbegierig und übte fleißig.
Am liebsten hätte er seinen Vater und die restlichen Männer schon auf ihren Jagd- und Kriegszügen begleitet, doch dafür musste er noch ungefähr vier Jahre warten. Gott sei Dank.
Schon bei den Übungen mit den Waffen war ich regelmäßig angespannt bis zum Äußersten, jede Wunde die er sich dabei zuzog versetzte mich in Unruhe.
Doch insgesamt wahrte ich meine Ausgeglichenheit und nach wie vor unterhielten wir uns ausgezeichnet.
Wenn wir alleine waren, redete er manchmal sogar laut mit mir - Eine wirklich erstaunliche Begebenheit. Ich hoffte, ich war nicht zu präsent.
Manchmal fragte ich mich nämlich, ob er deshalb kaum tiefere Kontakte zu anderen Kindern pflegte. Doch es war sinnlos, sich darüber Gedanken zu machen, schließlich konnte ich es weder ändern, noch hätte ich sicher sein können, dass es nicht genau so zu sein hatte.
Michael antwortete mir nach wie vor nicht und langsam aber sicher war ich bereit einzusehen, dass das weniger ein Fehler, als vielmehr eine sehr große Prüfung war.
Den Hintergrund derselben verstand ich allerdings nach wie vor nicht. Schließlich wurde hier etwas getestet, was so nicht vorkam, also auf natürlichem Wege. Ich meine, warum mich mit künstlichen Emotionen versetzen, noch dazu für so lange, obwohl ich noch nicht einmal ein ursprünglicher Engel war? Ich hatte als Mensch lange genug Zeit gehabt, mich damit herumzuschlagen. Es war, als würden sie mich einfach nur ärgern wollen und manchmal machte mich das zornig.
Obschon es natürlich weder sinnvoll war, noch gutgeheißen wurde, Gottes Pläne allzu sehr in Frage zu stellen.
So zog weiter Zeit ins Land und ich gewöhnte mich an den Zustand.
Es bereitete mir nicht mehr so immense Schwierigkeiten bei Gefahren oder Schmerzen ruhig zu bleiben, zudem begann ich den außergewöhnlichen Kontakt zu Kilian zu genießen.
Eigentlich, so fand ich, sollte die Prüfung nun schön langsam als bestanden angesehen und meine Aufgabe beendet sein. Das meinte ich durchaus ernst, doch spürte ich auch eine Wehmut in mir aufsteigen, bei dem Gedanken meinen Schützling verlassen zu müssen. Nichts Anderes würde es schließlich bedeuten. Es war ohnehin unwahrscheinlich, dass das geschehen würde. Ein Wechsel der Schutzengel wurde nur in absoluten Ausnahmen genehmigt und Kilians Tod stand wahrscheinlich noch nicht bevor.
Abgesehen davon natürlich, dass ich zu diesem Fall, wie es schien, ohnehin keine Hilfe bekam, vertraute ich darauf, dass dieser Zustand nicht bis zu Kilians Tod andauern würde. Alles andere wäre schließlich fahrlässig, meiner Meinung nach, und ich dachte nicht, dass die Erzengel solche Gefahren eingehen würden. Denn ewig würde ich das nicht durchstehen können, ohne Fehler zu machen.
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