Gebhard war einer dieser Menschen und in seiner Nähe wollte ich Kilian wissen. Auch dort wurde nicht viel geredet an diesem Abend und auch Gebhard nickte den beiden nur zu. Doch mit seinem Blick drückte er all sein Mitgefühl und all sein Wissen über die Schwere der Situation aus. Sogar Stolz über die Leistungen der Beiden vermochte er allein mit seinen Augen mitzuteilen. Er übermittelte ihnen nonverbal so deutlich seine Zuneigung, dass sich Kilians Aura auf eine Weise färbte, wie es ansonsten nur vorkommt, wenn ein Vater seine Kinder umarmt. Still drückte Gebhard Kilian sein großes Trinkhorn in die Hand, welcher es nach zwei Schlucken an Arvid weiterreichte.
Mehr als ihn in diese Runde geleiten konnte ich an jenem Tag nicht tun. Jedoch wusste ich, dass mit seinem Freund an der Seite und Gebhard in der Nähe, die größtmögliche Geborgenheit herrschte, welche nach einem solchen Erlebnis geschaffen werden konnte.
Mein Gemüt beruhigte sich zusehends. Durfte ich doch feststellen, dass ich Kilian trotz all dieser tiefen Gefühle, auch dann gut führen konnte, wenn es darauf ankam. Dass wir auch in diesen Ausnahmesituationen gut aufeinander abgestimmt waren.
Natürlich war es für mich schwieriger als je zuvor, einen klaren Kopf zu bewahren, dafür aber reagierte Kilian nach wie vor prompt wie ein Kind auf meine Eingebungen.
Ich glaubte, wir könnten das Ganze gut meistern und ich gewöhnte mich an die Idee, ihn nun als Krieger durchs Leben zu geleiten.
Er wiederum erholte sich physisch, psychisch und seelisch von seiner ersten Schlacht. Arvid und Kilian sprachen insgesamt wieder mehr - Wenn auch nicht viel über die Schlacht.
Sie teilten sich ihr Zelt und die ersten Nächte mit starken Albträumen, welche sie untereinander in stiller Übereinkunft unkommentiert ließen.
Ich nicht allerdings, auch Träume gehörten schließlich zu unserem Aufgabengebiet. Ich nahm ihn unaufhörlich in meine astralen Arme und erlebte wieder und wieder die brutalsten Szenen und die immer wiederkehrende Todesangst mit ihm. Jedes Mal begleitet von den buntesten Verfärbungen meines feinstofflichen Körpers.
Durch die Gegebenheit, dass sich Kilian und Arvid das Zelt teilten, hatte auch Arvids Schutzengel die Gelegenheit, mein Farbspiel zu betrachten. Mit der uns Engeln an und für sich zu eigenen nüchternen Art, versteht sich. Ich selbst hatte mich daran schon so sehr gewöhnt, dass mir mein bunter Körper gar nicht mehr sonderlich auffiel.
Nach einigen Wochen an unterschiedlichen Orten, jede Nacht die Schlafstätte unserer Schützlinge behütend, fand ich mich jedoch vor dieser Frage wieder.
„Du, es tut mir ja leid dich zu behelligen, aber so einen bunten Engel wie dich hab ich noch nie gesehen. Was hast du?“ Ich überlegte kurz. „Hm, bist du ein Originaler?“„Nein, warum?“ „Kannst du dich an deine menschlichen Gefühle erinnern?“ „Nicht mehr ernsthaft. Soviel eben, um die Emotionen meiner Schützlinge zu begreifen.“ „Hast Du Gefühle für Arvid?“ „Was heißt Gefühle? Ich führe ihn mit größtmöglichem Wohlwollen und liebevollem Gleichmut - Um ihn auf bestmögliche Weise auf seinem Weg zu begleiten, darauf zurückzuführen und ihn zu schützen. Ich verstehe jetzt nicht, worauf du hinaus willst.“ „Wird auch schwierig sein, das zu erklären. Ich fühle für diesen Jungen wie Menschen es tun und ich liebe ihn zusätzlich zu der immerwährenden Liebe auch wie Menschen es tun. Ich fühle seine Gefühle wie ein Mensch und gleichzeitig meine in Korrespondenz dazu. Du kannst dir nicht vorstellen, wie schwer es ist, ihn fühlenden Herzens all diesen Situationen auszusetzen - Ja, ihn sogar in eine offensichtlich gefährliche und schmerzhafte Lage zu bringen.“ „Das hört sich nach einem schwerwiegenden Fehler von oben an. War das schon immer so?“ „Seit Beginn dieser Aufgabe.“ „Dein Auftraggeber?“ „Michael.“ „ Dann ist ein Fehler ausgeschlossen. Wie begründet er das?“ „Gar nicht. Du hast ja keine Ahnung wie sehr ich schon gerufen, gebetet und gefleht habe. Er antwortet nicht.“ „Hast was verbockt? Vorher, mein ich? Vielleicht eine Art Konsequenz.“ „Nein, alles war wie immer, nur schien Michael selbst recht besorgt zu sein dieses Mal. Ich denke es ist eine Prüfung, aber frag mich nicht wozu.“ „ Nun, da hast du es wahrlich nicht leicht – Bedauernswert, mit all diesen lästigen Emotionen. Kommst du zurecht?“ „ Ja doch, hab mich daran gewöhnt und es hat durchaus auch Vorteile. Pass auf, ich zeig's Dir.“ Ich begab mich über den schlafenden Kilian, strich ihm über die Wange und sagte „Hey, aufwachen.“ Prompt öffnete er die Augen. „Tut mir leid, schlaf weiter.“ Er schlief sofort wieder ein. Keine Sorge, so etwas ist natürlich weder Usus bei uns, noch oben gern gesehen.
Mein Kollege war sichtlich beeindruckt, denn keineswegs ist es leicht, jemanden so schnell aus der Tiefschlafphase zu wecken. Träume beeinflussen ja, dezente Körperdrehungen provozieren auch, aber um schlagartiges Aufwachen zu bezwecken, benötigt es im Normalfall schon einige Anstrengung. „Du meinst, dann funktioniert es auch umgekehrt? Er fühlt dich auch stärker als unsere Schützlinge gewöhnlich unsere Anwesenheit wahrnehmen?“ „ Ja, ich hab schon den Eindruck und hoffe so sehr, dass uns das erhalten bleibt. Es ist wirklich wunderschön und das Einzige, was mir durch die Prüfung hilft.“
So strichen weitere Wochen ins Land. Kilian reifte zu einem guten Krieger heran. Er wurde sicherer im Kampf und entwickelte für sich Methoden, das Erlebte besser zu verarbeiten. Manche Dinge besprach er mit Arvid und oft spazierte er durch die Felder. Wenn es sich ergab, hörte er auch den älteren Kameraden zu und versuchte, aus dem Gesagten eigene Schlüsse zu ziehen. Er sah welche, die ihn abschreckten und ergründete die Ursachen, welche diese Männer so werden ließen. Er beobachtete jene, die ihn beeindruckten und er sinnierte über die Gründe, weshalb sich diese anders entwickelten. Ich bemühte mich währenddessen, ihm Personen nahezubringen, die ihn weiterbrachten, die die nötigen Gedankengänge anstupsten, welche durch schwierige Emotionen helfen konnten.
Bald schon teilten sich die Jungen, welche gemeinsam ihre ersten Erfahrungen gemacht hatten, in verschiedene Gruppierungen auf.
So schloss sich eine nicht unbeträchtliche Zahl zusammen, welche täglich tranken, sich vermeintlich erwachsen verhielten und die versuchten härter zu wirken, als sie es waren. Sie erzählten sich scheinbar unberührt und mit falschem Stolz von abgetrennten Gliedmaßen, grölten über im Todeskampf schreiende Feinde und lachten über um Gnade bettelnde Gegner und den großen Spaß, ihnen diese zu verwehren. Auch welche Foltermethoden am amüsantesten wären, war ein beliebtes Gesprächsthema bei diesen Burschen.
Meine Kollegen, die diese Jungen betreuten versuchten vehement dieser Entwicklung entgegenzuwirken, mit mehr oder weniger großem Erfolg. Niemals gaben sie auf, obschon sie wussten, wie groß die Möglichkeit war, ihre Schützlinge in diesem Zustand zu verlieren. Sie wussten, dass sie möglicherweise den Rest dieses Lebens kaum mehr würden guten Kontakt herstellen können.
Schutzengel geben nicht auf, niemals. Es gehört zur Grundvoraussetzung in jedem Moment alles zu versuchen, um die Menschen gut zu führen, egal wie weit sich diese schon entfernt hatten. Egal wie viel Anstrengung es uns kostete. Ausruhen können wir zwischen den Aufträgen. Nichtsdestotrotz macht es uns traurig, wenn wir merken, dass uns unser Schützling entgleitet. Zwar nicht die Art aufgewühlte Traurigkeit, welche Menschen überkommt, aber doch eine ausgeprägte Wehmut.
Wer uns entgegenwirkt? Das ist eine interessante Frage. Es ist nicht der Teufel oder seine Dämonen und doch stimmt dieses Bild. Wenn man so will, ist alles Erdgebundene der Teufel, aber das ist wiederum nicht gleichzusetzen mit dem Bösen. Vielmehr verhält es sich so, dass die Seelen hier sind, um wieder heimzukehren. Gott erschuf einen Spiegel seines Selbst, er erschuf Menschen, die einen Geist besitzen und die Macht, ihren eigenen Willen umzusetzen - Mit diesem können sie selbst wiederum schöpferisch tätig sein. Er vertraut darauf, dass die Menschen mit dieser Ausstattung in der Lage sind, ihn in sich selbst und der Welt zu erkennen. Für alle Teile seines Selbst entwickelte sich ein materieller Spiegel, auf dass er sich in uns und Allem und wir uns in ihm erblicken.
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