1 ...7 8 9 11 12 13 ...18 Er kämpfte mit sich. Er schämte sich für den Abend, doch er überlegte nach wie vor, ob die groben Männer nicht trotzdem recht hatten. Warum, fragte er sich, waren sie ihm nicht sympathisch? Sie hatten augenscheinlich recht. Schließlich konnte er nicht nach jeder grausamen Schlacht am Boden zerstört sein, und natürlich hätte keiner seiner Feinde Skrupel, ihm den Schädel einzuschlagen. Vielleicht war er naiv gewesen, dachte er sich, ein Krieger sein zu wollen, der zwar seinem Stamm und den Führern dient und sein Bestes gibt, doch ohne über seinen Feind zu urteilen. Der zwar tötet, jedoch ohne Freude dabei zu empfinden. Der die furchtbarsten Dinge erlebt und trotzdem reinen Herzens bleibt. Immer lächerlicher erschienen ihm diese Ansichten. Sicher, die Geschichten, welche man ihnen als Kindern erzählt hatte, handelten von solchen Männern. Von furchtlosen Kriegern, die große Häuptlinge waren, doch niemals Unschuldige quälten. Die die Sippe getöteter Feinde unbehelligt ließen, die in manchen Fällen sogar Gnade vor Recht ergehen ließen. Trotzdem wurden sie von allen respektiert und andere Männer folgten ihnen in tiefster Ergebenheit. Frauen lagen ihnen zu Füßen und natürlich erreichten sie ihre großen Ziele, ohne ihren Glauben zu verlieren. „Vermutlich nur Geschichten, die uns dazu bewegen sollten, diesen Weg einzuschlagen.“, dachte er sich. „Niemand kann diese Extreme miteinander verbinden. Entweder man gewöhnt sich diese Weichheit, diese hohen Ideale ab, oder man geht dabei drauf.“ Weiterhin fand er es regelrecht anmaßend, diese Männer gering geschätzt zu haben. Wer war er, über sie zu urteilen. Immerhin erfüllten sie ihre Pflicht –Er hingegen würde bald zu nichts mehr zu gebrauchen sein, ließ er all das so nah an sich heran. Das konnte ja nun nicht das Ziel sein. Er war schließlich kein Hohepriester geworden und hatte es auch niemals vorgehabt.
„Arvid?“ „Hm?“ „Wie gehst du mit den Bildern um?“ „Wie meinst du?“ „Naja, siehst du nicht ständig die Gesichter der Männer vor dir, die du getötet hast, oder die der Angreifer? Daran, dass sie nicht älter sind als wir? Wenn sie älter sind an ihre Kinder? An die Frauen? Oder unsere Kameraden, wie sie da lagen. Und, ich mein, daran, dass wir auch, jederzeit -“ „Doch, schon.“ „Wie gehst du damit um?“ „ Ich versuche, nicht daran zu denken.“ „ Ja, aber sie tauchen trotzdem auf, oder?“ „Schon.“ „Und?“ „Ich versuche, mir Gebhards Worte ins Gedächtnis zu rufen.“ „Die, dass auch unsere Feinde diesen Weg gewählt haben, dass die Götter entscheiden, wer stirbt und wer lebt? Dass wir diese Aufgabe erledigen müssen, auch wenn es schwer ist, dass es nötig ist, um unsere Familien zu schützen? Ich weiß nicht, es wird schon richtig sein, dass wir hier sind.“, murmelte Kilian resigniert. „Zweifelst du daran?“ „Nicht direkt, aber ich frage mich, ob wir zu unbedarft an die Sache rangegangen sind. Ich meine, wenn ich nicht wütend bin auf den Gegner, empfinde ich Mitleid, denke an seine Liebsten, an das Leben, dass er noch hätte leben können. Bin ich dagegen wütend, freue ich mich über jeden, der vor mir verblutet. Denke, dass er nichts Anderes verdient hat, empfinde Freude dabei. Das fühlt sich aber dann auch falsch an. Ich habe das Empfinden, ich müsste mich zwischen diesen zwei Möglichkeiten entscheiden, aber als wäre keine richtig.“ „Ich weiß, was du meinst. Ich denke dann an Gebhard. Schau ihn dir an. Hörst du ihn prahlen mit seinen Verdiensten? Macht er sich lustig über einen schreienden Feind? Nein, obwohl er einer der Besten ist. Ich hab ihn gestern gesehen. Nach der Schlacht - Er sah einen unserer Gegner stöhnend am Boden liegen, schwer verwundet. Dieser hatte zuvor einen unserer talentiertesten Männer getötet, sogar einen Freund von Gebhard. Gebhard beugte sich über den Feind, untersuchte die Wunde und sah, dass es für diesen Mann kein Überleben mehr gab. Nur lang andauerndes Leiden und einen grausamen Tod. Er nahm sein Schwert und stieß es ihm in die Brust um sein Leiden zu beenden.“ „Findest du nicht, er wäre es seinem Freund schuldig gewesen, diesen Mann zumindest leiden zu lassen?“ „Ich weiß nicht, mir kam der Gedanke auch, ich bin mir darüber noch nicht im Klaren. Hab ihn gefragt. Er meinte, dass das auch sein Impuls gewesen wäre, er hatte sogar Tränen in den Augen. Doch Gebhard sagte weiterhin, dass dieser Krieger nur seine Arbeit getan hatte, wie auch er und er es trotz allem nicht aushalten hätte können, ihn so liegen zu lassen.“ „Ich weiß nicht, ob ich das richtig finde. Ist Rache nicht auch eine der Tugenden? Wie macht Gebhard das?“ „Frag mich nicht. Trotzdem vertrau ich ihm mehr als dem Haufen, mit dem du dich vorhin vergnügt hast.“ „Ja, ja, ist ja gut, vermutlich hast du recht.“ Mit gespielt beleidigter Miene drehte sich Kilian zur Seite und versuchte, trotz der nach wie vor vorhandenen Übelkeit noch etwas Schlaf zu finden. Sehr gut, ich wedelte noch einige Male energisch um ihn herum und vertrieb die Reste an negativer Energie. Viel zu tun hatte ich nicht mehr. Nein, nein, die Macht menschlicher Ausstrahlung ist nicht zu unterschätzen. Nicht umsonst heißt es, Menschen hätten mehr Macht als wir Engel.
So normalisierte sich Kilians Gedanken- und Gefühlswelt wieder. Zwar kreisten seine Gedanken immer mal wieder zu den Aussagen der Männer des denkwürdigen Abends - Er fragte sich mehrmals, ob es bei seiner Tätigkeit nicht zwangsläufig zu einer Abstumpfung des Gemütes kommen müsse. Doch in den Situationen, welche Entscheidungen forderten, wählte er ungeachtet dieser Gedanken zumeist den positiveren Weg. So schloss er sich auch nicht der Gruppe an, welche die Siedlung der feindlichen Krieger überfiel um dort zu plündern, zu töten und die Frauen zu vergewaltigen. Diese schlimmen Angewohnheiten waren auch von den Anführern nicht durchgängig gern gesehen, doch aber toleriert.
Kilian suchte Gebhard auf, um mit ihm das eine oder andere Wort zu wechseln. „Wie schaffst du es, so zu bleiben, wie du bist?“, wollte er wissen. „Nun junger Krieger, es ist mein Wille und meine Entscheidung. Mein Glaube an die Götter hilft mir dabei. Außerdem, Kilian, halte ich es für einen Irrglauben, dass der andere Weg leichter wäre. Sieh dir die Männer an, welche meinen, es gäbe nicht Recht, noch Unrecht. Ständig brauchen sie andere Leute, brauchen Bestätigung ihrer Leistung, sie können sich nicht mehr mit sich selbst beschäftigen. Sie sehen nicht mehr einen klaren Bach oder einen schönen Vogel. Immer größer wird ihr Wunsch, Trophäen zu sammeln, immer stärker müssen die Eindrücke sein, damit sie sich spüren. Immer mehr Met, um sich verbunden zu fühlen. Hast du ein Mädchen?“ „Nein. Warum?“ „Haben sie dir was über die Frauen erzählt?“ „Sie meinten, sie könnten uns Spaß bereiten. Dass sie dazu da wären, damit wir unseren, naja, reinstecken.“ „Du wirst noch erleben, wie stark die Anziehung sein kann, die von einer Frau ausgeht. Frauen helfen uns dabei, uns nicht zu verlieren, doch auf sehr sanfte Weise. Du wirst das kennenlernen, junger Freund. Diese Männer hingegen spüren die zarten Bande nicht mehr. Sie haben verlernt, den Wert der Weiblichkeit zu schätzen. Sie behandeln sie wie Vieh und schlimmer, weil sie denken, das Weibliche sei dem Männlichen unterlegen und sie hätten das Recht dazu. Damit begehen sie großes Unrecht und verwehren sich gleichzeitig eines der größten Gegengewichte, die es zu unserer Aufgabe gibt. Irgendwann sind sie nicht mehr in der Lage, Liebe zu empfinden und können sie weder geben noch annehmen. Sie lachen über derartige Empfindungen, obwohl nichts sonst mehr sie zu retten vermag.“
Kilian wurde neugierig, was es wohl mit den Frauen auf sich hatte. Er hatte noch kaum jemals Kontakt gehabt, seitdem er seine Ausbildung begonnen hatte. Vorher war er ja noch ein Kind gewesen und hatte daher keinerlei Interesse am anderen Geschlecht gezeigt. In letzter Zeit jedoch regte sich sein Glied immer öfter und er hatte den Wunsch, daran herum zu spielen. Etwas daran kam ihm lächerlich vor, doch andererseits war das Bedürfnis sehr stark, ja, kaum zu ignorieren, musste er zugeben. Er glaubte, auch andere Männer fassten sich dort an, schon so manches Mal beobachtete er seltsame Bewegungen, oder sah sogar den ein oder anderen abseits hinter einem Baum stehen. Natürlich hatte er schon gesehen, was die Krieger mit den Frauen machten und wusste, dass das wohl dazu gehörte. Dass dieses andere Verhalten jedoch den Selben Ursprung hatte, war ihm bisher noch nicht gekommen. Er war hingegen immer davon ausgegangen, diese Männer hätten Schmerzen oder ein anderes Problem. Er überlegte, sich mit Arvid drüber zu unterhalten, doch schämte er sich, kam er sich schließlich recht unbedarft vor.
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