Verschiedenste Ideen kamen ihm in den Sinn, auf dass er sie sofort wieder verwarf. Wie sprach man mit einem Mädchen? Immer nervöser rasten seine Gedanken und Empfindungen hin und her, auf und ab. Er wechselte die Farben seines Astralkörpers von einer Minute zu anderen.
Oh, starke Impulse von Oben erreichten mich. Ich sollte Kilian helfen, dieses Mädchen kennenzulernen. Verwunderlich, dass ich mich nicht schon vorher darauf eingestellt hatte, normalerweise spürte ich schon die sanften Aufforderungen.
Direkt nahm auch schon der Schutzengel dieses Mädchens Kontakt zu mir auf, damit wir zusammen dieses Treffen organisierten. Es schien, als hätte dieser schon länger das Gespräch mit mir gesucht. Zumindest erhielt ich einen Blick, der in etwa einem „na endlich“ entsprach.
Das Mädchen ihrerseits nahm auch schon schüchtern Blickkontakt zu Kilian auf. Nun aber schnell. „Komm, beweg dich, einfach auf sie zusteuern. Beweg dich! Hervorragend siehst du aus. Los weiter, sieh sie an, lächeln. Selbstbewusst Kilian, Selbstbewusst.“ Es war gar nicht so leicht seiner Unsicherheit mit Suggestionen entgegen zu wirken. Wie ein astrales Tauziehen, doch immerhin steuerte er sie an, obschon Selbstbewusstsein sich mit der Schüchternheit die Waage hielt und er immer wieder kurz in den Boden starrte. „Und jetzt?! Was mach ich jetzt? Was soll ich sagen!“, rief es in ihm. „Begrüße sie einfach, frag sie ob sie Arvid gesehen hat, beschreib ihr, wie er aussieht, dann ist der Anfang schon gemacht.“ „Äh, mm-“ Brachte er hervor. Mein Kollege seinerseits sprach in Dauerschleife dem Mädchen passende Worte zu.
An und für sich sind das immer wieder recht amüsante Situationen für uns. Denn eigentlich können wir kaum Verständnis dafür aufbringen. Die Schwierigkeiten, die diese ersten Kontakte mit dem anderen Geschlecht immer wieder mit sich bringen, sind uns ein Rätsel.
Doch ich amüsierte mich kaum dieses Mal, trotzdem ermutigte ich Kilian ununterbrochen in diesem Unterfangen. „Hast du etwas verloren?“, fragte ihn grinsend das Mädchen. „Mm, nein. Warum?“, antwortete Kilian und hoffte sehr, ihr würde bei der Dämmerung nicht auffallen, dass ihm die Schamesröte ins Gesicht schoss. „Na weil du so auf den Boden starrst.“, erwiderte das Mädchen, ohne zu verschleiern, dass sie den Grund dafür sehr wohl kannte. „Bist du das erste Mal auf der Burg?“, fragte sie weiterhin. Weiter und weiter plauderte und fragte sie und Kilian taute allmählich auf. Natürlich hatten mein Kollege und ich nach wie vor einiges zu tun, da Menschen recht aufgeregt sind in solchen Situationen. Oft sagen sie unangebrachte Dinge oder verhalten sich seltsam - Vernachlässigen umgekehrt die einfachsten Spielregeln.
Es wurde ihm mit diesem Mädchen leicht gemacht, da sie gerne redete und somit die Führung solange übernahm bis Kilian innerlich wieder ruhig wurde. Später würde er diese Rolle übernehmen müssen, da es ansonsten an einem bestimmten Punkt stagnieren würde, aber bis dahin hätten wir noch etwas Zeit.
So unterhielten sich die beiden eine Weile über Belanglosigkeiten. Er erfuhr dass sie Wunna hieß, aus einer der umliegenden Siedlungen kam und drei Geschwister hatte.
„Du bist aber nicht ganz weiß.“, stellte ihr Schutzengel an mich gewandt, fest. Stimmt, tatsächlich färbte sich mein Astralkörper sanft in seltsamen Farben. „Ja…“, gab ich zu, ohne die geringste Lust, weiter darauf einzugehen. „Warum?“ „Weiß ich nicht.“ „Das ist aber nicht normal.“, meinte dieser Engel erläutern zu müssen. „Natürlich nicht!“, wollte ich ihm entgegen schreien. „Das geht dich aber nichts an“, hätte ich ihn weiterhin angepflaumt. Doch so ein Umgangston war bei uns nicht üblich und auch nicht erwünscht. Normalerweise kam auch gar nicht das Bedürfnis auf, einen solchen anzuschlagen. So widmete ich mich in übertriebener Geschäftigkeit Kilians Unterfangen und begleitete jeden Satz, jeden Gedanken und alle Handlungen. Was war nur mit mir los?!
Sie waren mittlerweile etwas angeheitert, lachten viel miteinander und standen in dem herrschenden Gedränge sehr nahe beieinander.
Irgendwann wurde Wunna nervös und meinte, sie müsse sich langsam auf den Heimweg begeben. Kilian bot an, sie zu begleiten. Es wäre natürlich nicht unbedingt nötig gewesen, da ein größerer Strom Menschen denselben Heimweg ansteuerte. Doch das gehörte zum Spiel und somit wäre es ein Unding, keine schützende Begleitung anzubieten. So machten wir uns auf den Weg. Kurz bevor wir ihre Siedlung erreichten, führte der Weg abermals durch ein kleines Wäldchen. Wunna erklärte, es gäbe darin eine kleine Abkürzung, die sie ihm zeigen wollte. „Ja wahrscheinlich ist das der Grund. Du bist keineswegs ein so unschuldiges Ding, wie du tust.“ Brach es aus mir heraus und hätte ich einen Mund gehabt, hätte ich diesen schnell zugehalten, so erschrocken war ich selbst über diese Worte. Entsetzt starrte mich Wunnas Schutzengel an und ich gab Einiges, das zu ignorieren und auch, um mich am Riemen zu reißen. Über diese Anwandlungen nachdenken konnte ich auch später, vorerst musste ich Kilian zu seinem ersten Kuss verhelfen.
Kilian wurde zunehmend angespannt. Instinktiv wusste er, dass Wunna nun die Führung an ihn abgeben würde. Es ziemte sich nicht, wenn Frauen diesen Schritt forcierten. Immer langsamer wurden ihre Schritte. Einige Male streckte Kilian seine Hand nach ihrer aus um sie dann wieder zurückzuziehen, bevor sie die ihre erreichte. „Mach ruhig. Nimm sie einfach, sie wird sie nicht wegziehen, das sieht man doch!“, sprach ich auf ihn ein, doch andere Gedanken in seinem Kopf stellten sich vehement dagegen. „Sie wird Angst bekommen. Ich deute alles bestimmt falsch. Wahrscheinlich lacht sie mich aus. Für sie bin ich wahrscheinlich nur ein dummer Junge, bestimmt kein Mann.“ „Nein, bist du nicht. Meinst Du, sie lockt dich umsonst in diesen einsamen Wald? Mach, das ist dein Zug jetzt. Auf geht’s! Sie will nichts anderes gerade, als dass du ihre Hand nimmst“ Und noch so manches mehr, fügte ich im stillen hinzu.
So fasste Kilian sich ein Herz, griff vorsichtig nach ihrer Hand und hoffte gleichzeitig, sie würde nicht merken, dass diese schweißnass war vor lauter Aufregung. Natürlich ließ sie diese Geste geschehen und drehte sich so, dass sie direkt vor ihm zum Stehen kam. Sie lächelte ihn an, oder soll ich sagen grinste?
Eisern hielt ich mich an meine eigene Führung, um Kilian dazu zu bewegen, sie nun endlich zu küssen. Vorerst war er etwas ungeschickt und unbeholfen, doch ich suggerierte permanent. „So, jetzt lass es einfach geschehen, dein Körper weiß nun, was zu tun ist. Nicht mehr denken, lass dich fallen.“ Kurze Zeit später war er wie verzaubert und gleichzeitig immer gieriger, seine Hände strichen über ihren Körper, über ihre Haare, ihr Gesicht. Natürlich regte sich auch etwas in seiner Hose. Ich sah meine Führung vorerst als beendet an, was so natürlich niemals der Fall ist. Er brauchte aber im Moment keine starken Impulse meinerseits. So entfernte ich mich soweit von seinem Körper, wie es mir möglich war. Das war keineswegs besonders weit, zwanzig Meter vielleicht- Selbstverständlich mit ungetrübtem Blickfeld und permanenter Gefühls- und Gedankenverbindung.
Da schwebte ich nun und war zutiefst verwirrt. Was sollte das? Ich hatte noch nicht einmal Lust, mir darüber Gedanken zu machen. Nein, ich hatte das, was Menschen „schlechte Laune“ nennen und hätte gerne Urlaub gehabt oder mich sonst wohin zurückgezogen. Außerdem leuchtete ich rot und dunkelgrün, durchzogen von grellgelben und schwarzen Streifen. Ich mochte mich jetzt mit Sicherheit nicht erneut den Fragen dieses anderen Schutzengels aussetzen. „Michael! Bitte! Was ist mit mir los? Ihr seid gemein! Hilf mir doch! Ich kann so nicht arbeiten! Oder doch, schon, aber es macht wirklich keinen Spaß!“ Ich war mir ja schon darüber im Klaren gewesen, dass er nicht antworten würde, aber mittlerweile zweifelte ich ernsthaft daran, ob er mich überhaupt hörte.
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