„Nein. Im Wagen saß mindestens noch eine Person, denn er stieg auf der Beifahrerseite ein. Ob sich noch mehr Personen darin befunden haben, kann ich dir nicht sagen, da ich beim Vorbeigehen nicht darauf geachtet habe.“
„Das heißt, du kannst über den Fahrer nichts sagen?“
„Richtig, leider.“
„Und an dem, der aus dem Haus kam, ist dir an dem noch irgendetwas aufgefallen?“
Florines Blick tastet ziellos über Tisch und Teppichboden, so als hoffe sie dort gedanklich verlorengegangene Details wiederzufinden - jedoch ohne viel Erfolg: „Wie ich dir schon sagte, sein gelacktes Äußeres passte so gar nicht hierher, ohne dass ich dir jetzt en détail sagen könnte, was er genau getragen hat. An und für sich habe ich dafür ein recht gutes Auge, angesichts dessen, dass ich an diesem Abend doch so einige Gläschen geleert hatte, kann ich mich jedoch nicht mehr genau erinnern. Nur dass er ziemlich groß war, so einen Meter neunzig schätze ich, ... und dass er so eine Art Cowboyhut trug ... einen dunklen, schwarz oder dunkelblau. Na ja, und einigermaßen überrascht schien er zu sein, als er mir begegnete.“ Ihr in die Ferne gerichteter Blick verrät Claude, dass sie sich, die Kaffeetasse instinktiv an den Mund führend, an weitere, möglicherweise hilfreiche Einzelheiten zu erinnern bemüht.
Da ihre Bemühungen jedoch allem Anschein nach erfolglos bleiben, unterbricht Claude ihre gedanklichen Nachforschungen nach einer Weile: „Hast du den Kerl später noch einmal gesehen, oder sonst irgendeinen verdächtig erscheinenden Typ?“
„Weder noch.“
Auch wenn sich diese Spur zunächst einmal im wahrsten Sinne des Wortes im Dunkel der Nacht zu verlieren scheint, so liefert Florines Aussage Claude möglicherweise doch immerhin einen ersten konkreten Hinweis auf eine wie auch immer geartete Verbindung zwischen seinem Bruder und zumindest einer der auf den Fotos abgebildeten Personen. Und dass es sich dabei dann nicht gerade um eine freundschaftliche gehandelt haben dürfte, dies garantiert ihm Philipps moralisch untadeliger Charakter, der über jeden Zweifel erhaben war. Daher dürfte der Besuch, den Rudolf Henschel seinem Bruder an diesem Abend abgestattet hatte, auch kein Freundschaftsbesuch gewesen sein, so er Philipp überhaupt angetroffen hatte. „Hast du eine Ahnung“, verschafft er sich mit seiner Frage bei seiner Gesprächspartnerin Klarheit, „ob Henschel Philipp angetroffen hat?“
„Heißt der Kerl so? Na ja, soweit dies aus dem Verhalten deines Bruders zu entnehmen war, denke ich, nein, zumindest ist mir nicht aufgefallen, dass er sich danach irgendwie verändert hätte. Ich habe ihn zwar nur sporadisch getroffen, da er, wie ich dir schon sagte, oft auswärts tätig war. Am ehesten sind wir uns noch am Donnerstag oder Freitag über den Weg gelaufen, in den letzten Wochen allerdings auch nur selten.“
Im Grunde genommen hat Claude nichts anderes erwartet, dazu war Philipp ein viel zu verschlossener Typ, der andere nicht mit seinen Problemen zu belasten pflegte und es zudem - wenn nötig - meisterlich verstand, seine wahren Emotionen zu überspielen beziehungsweise zu kaschieren. Ins Vertrauen gezogen hatte er andere immer nur dann, wenn er gar keinen Ausweg mehr wusste oder dringend einen Rat beziehungsweise eine weitere Meinung benötigte, was höchst selten der Fall gewesen war, und dann an und für sich auch nur Julius und ihn selbst. „Und wie steht es mit Philipps Verlobter“, durchfährt ihn ein Gedankenblitz, „weißt du vielleicht, ob Henschel mit ihr gesprochen hat?“
„Tut mir leid, auch davon weiß ich nichts. Lass mich überlegen...“, bittet sie um eine kurze Nachdenkfrist, „Wenn ich mich recht erinnere, bin ich ihr nach diesem Abend und vor dem schrecklichen Tod deines Bruders nur noch einmal begegnet, und zwar im Treppenhaus. Wir haben über ein paar belanglose Dinge gesprochen, wobei sie mir locker und recht glücklich aussah. Allerdings habe ich zu diesem Zeitpunkt auch überhaupt nicht mehr an den nächtlichen Besucher gedacht.“
Der Uhrzeiger ist bereits ein gutes Stück über die Zwei hinausgerückt, so dass es Claude für angebracht hält, sich von seiner charmanten Gastgeberin zu verabschieden, zumal weitere verwertbare Informationen von ihr offensichtlich nicht zu erwarten sind und er sich von der Schlemmerei derart vollgestopft fühlt, dass er das dringende Bedürfnis verspürt, die - bedingt durch die angenehme Gesellschaft und aus lauter Genäschigkeit - überflüssig zu sich genommenen Kalorien möglichst rasch bei einem ausgedehnten Spaziergang wieder loszuwerden. Zuvor muss jedoch noch die Suche nach dem verschwundenen Notizbuch abgeschlossen werden, eine Prozedur, die Claude Unbehagen bereitet, da er nur äußerst ungerne die Sachen seines Bruders durchwühlt. Jeden bislang noch nicht untersuchten Winkel der Wohnung durchforstend, gelangt er immer mehr zu der Erkenntnis, dass seine Sucherei letztendlich wohl ergebnislos bleiben dürfte, es dem oder den Tätern unter anderem wohl um eben jenes Büchlein gegangen war, das möglicherweise Philipps Todesurteil darstellte. ‚Hoffentlich bringen mich Eva-Maries Aufzeichnungen ein Stück weiter’, machen sich Unruhe und Ungeduld in seinen Gedanken breit, die nach einem neuen Hoffnungsschimmer Ausschau halten, da ihn unerklärliche und im Grunde genommen auch unnötige, weil unbegründete Schuldgefühle drangsalieren, die er sich ob seiner bisherigen Unfähigkeit bezüglich der Aufklärung des Verbrechens macht, denn je länger das Unfassbare zurückliegt, desto weniger Chancen räumt er sich und der Polizei ein, Antworten auf das Warum und somit letztendlich auf den Täterkreis zu erhalten. Und dass die Kripo gleichfalls in der Sackgasse zu stecken scheint, schließt er aus der Tatsache, dass er seit Tagen nichts mehr von ihr gehört hat. Alles in allem keine besonders guten Voraussetzungen, um das gequälte Gewissen zu entlasten. Möglicherweise sorgt ja der anvisierte Verdauungsspaziergang für Zerstreuung, auf den sich Claude nach Abschluss seiner bis zuletzt erfolglos gebliebenen Sucherei trotz des noch immer anhaltenden Nieselregens macht, sich durch die Straßen der Innenstadt treiben lassend, die von jener mitunter beängstigenden samstagnachmittäglichen Menschenlosigkeit geprägt ist, die so charakteristisch für deutsche Innenstädte ist, die dadurch geradezu menschenabstoßend wirken, eben wie jener sprichwörtliche seelenlose Betondschungel, in dem Tristesse und Hoffnungslosigkeit das Wochenende über die Oberhand gewinnen, bis er am Montagmorgen durch Hunderttausende von Arbeitswütigen, dank Arbeit sich notdürftig über Wasser Haltenden und dem immer größer werden Bataillon der nach Arbeit Lechzenden, die aus schierer Existenzangst sich auf jedwede Art von Gelderwerb einlassen, wieder zum Leben erweckt wird, doch in der Regel auch dann nur für die Stunden des Tages, in denen der Reichtum dieser Erde noch ein Stückchen ungerechter verteilt wird, wodurch sich die soziale Schere Schritt für Schritt weiter auseinanderspreizt, für den Moment zwar kaum bemerkbar, im Endresultat allerdings mit verheerenden sozialen und irgendwann auch wirtschaftlichen Folgen, über die sich die Herren in ihren Nadelstreifen nur selten Gedanken zu machen scheinen, ganz gleich ob sie in der Wirtschaft oder Politik tätig sind, denn für sie zählt offensichtlich nur das Jetzt und der schnelle Reibach, das Morgen, die Verantwortung gegenüber jedermann, die Bereitschaft zu teilen, gerecht zu teilen, dies sind für sie lediglich schöne Phrasen, wenn es darum geht bei der nächsten Wahl ein neues Mandat zu erhalten oder sich einen anderen gut dotierten Posten unter die Nägel zu reißen, der von Amts wegen an und für sich Selbstlosigkeit fordert, in Wahrheit jedoch in neunhundertneunundneunzig von tausend Fällen zur Selbstbereicherung missbraucht wird. Gedanken wie diese sind es, die Claude, der sich eigentlich Entspannung von seinem Bummel erhofft hat, beim Anblick der Banken- und Versicherungstürme martern, die sich in diesem Augenblick wie dunkle, unheilkündende - und tun sie dies in gewisser Hinsicht nicht auch? - Mahnmale einer von zunehmender Dekadenz bedrohten Gesellschaft in den regenverhangenen Himmel recken. Wann endlich werden die Menschen aufwachen, ihre unersättliche Gier zähmen können, die sie zu immer größeren Egozentrikern, Egoisten macht, nur darauf bedacht, immer größere Vermögenswerte anzuhäufen, wodurch ihnen nach und nach jegliches Gefühl für wahre Solidarität, Mitleid, selbstlose Hilfe für den Nächsten abhandenkommt, eben ganz einfach jene Bereitschaft, dem Nächsten die gleichen Rechte einzuräumen, wie sie von einigen wenigen vielfach auf dem Buckel der sozial oder wirtschaftlich Schwächeren ausgelebt werden. Irgendwie ist ihm nach Schreien zumute, möchte er die Ungerechtigkeit der Welt lauthals hinausbrüllen, seiner wie in einen Schraubstock gespannten Seele Luft verschaffen. Doch weiß er nur zu gut, dass dies nichts ändern würde, sich kaum jemand finden würde, der sich auf mehr als ein bloßes verbales Bekenntnis bezüglich der herrschenden Ungerechtigkeiten einlassen würde. Mitstreiter im Kampf gegen das Establishment zu finden, dies ist beinahe aussichtslos, dies weiß Claude aus leidvoller Erfahrung, die er in der Vergangenheit zusammen mit seinem Bruder mehrfach machen musste, bloße Überzeugungsarbeit und Logik, Bitten und Mahnungen reichen im Normalfall ganz einfach nicht, um an liebgewonnenen Besitzständen rütteln zu können, nur wer selbst überzeugt ist, ist unter Umständen bereit Änderungen anzupacken, auf Änderungen hinzuwirken, die mit dem Umschwenken in vielen Fällen verbundenen Benachteiligungen, Ausgrenzungen, Schikanen, Schmähungen und Diffamierungen in Kauf zu nehmen.
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