„Jeder hat so seine Stärken und Fähigkeiten“, wiegelt sie ab, sich über sein Kompliment freuend. „An und für sich mache ich so etwas gerne, nur fehlt mir meistens die Zeit, und für mich allein lohnt es sich nicht groß aufzutafeln. Aber wenn ich Freunde da habe, dann tobe ich mich in meiner Küche schon einmal so richtig aus.“ Ihre Stimme lässt keinen Zweifel daran, dass sie in solchen Fällen mit Herz und Seele an die Sache rangeht, sie andere diesbezüglich zu verwöhnen versteht.
„Nur keine falsche Bescheidenheit.“ Claude kann nicht umhin, ihr die Wahrheit zu gestehen: „Um ehrlich zu sein, das habe ich Ihnen nicht zugetraut. Ich weiß, das klingt albern, doch habe ich Sie scheinbar völlig falsch eingeschätzt.“
Seine Offenheit gefällt ihr: „Wenn es Sie beruhigt: Sie sind nicht der erste.“
„Ich hoffe, Sie sind mir jetzt nicht böse.“
„Im Gegenteil, Ihre Ehrlichkeit gefällt mir. Ich mag Leute, die sagen, was sie denken, fühlen. Heuchler gibt es eh schon mehr als genug.“
Die Beklemmung, die ihn den Morgen über begleitet hat, hat sich während des kurzen Dialogs verflüchtigt, niedergerungen von einer beinahe euphorisch zu nennenden Stimmungslage, die ihn dazu veranlasst, ihr das Du anzubieten: „Ich bin nicht so sehr für Förmlichkeiten. Ich heiße Claude.“
„Florine.“ So kurz ihre Einwilligung zu seiner Offerte ausfällt, so unmissverständlich gibt das verschmitzte Lächeln in ihren Mundwinkeln zu verstehen, dass sie insgeheim darauf gehofft hat. „Jetzt aber mal ran, ... Claude“, noch fällt es ihr nicht ganz leicht, ihn mit dem Vornamen anzusprechen, „sonst wird die Pizza kalt!“
Während sie sich nach und nach durch all die dargebotenen Leckereien hindurchkosten, umweht vom duftenden Aroma frisch gemahlenen und aufgebrühten Kaffees, plätschert das Gespräch so dahin, gegenseitig geben sie sich stichpunktartig Einblick in ihr bisheriges Leben, über ihre beruflichen Tätigkeiten. Je länger sie so miteinander plaudern, umso stärker spürt Claude, wie sehr ihm ihre beinahe mütterliche Fürsorge, mit der sie ihn zu verwöhnen trachtet, guttut, ihm das Gefühl wohliger Behaglichkeit vermittelt, ein Gefühl, das er so schon lange nicht mehr empfunden hat. Doch spürt er gleichzeitig auch, dass es nicht mehr werden wird, er gegenwärtig nicht bereit ist, irgendeine engere Beziehung aufzubauen, was Florine allerdings gar nicht zu erwarten scheint, vielmehr geht es auch ihr, so zumindest sein Eindruck, lediglich um einen gemütlich verbrachten regenverhangenen Samstag, dessen fahlgraue Melancholie alleine nur schwer zu ertragen ist.
Unweigerlich muss ihre Unterhaltung jedoch irgendwann zu jener Person zurückkehren, deren traurigem Schicksal sie letztendlich ihre Bekanntschaft verdanken, wobei es Claude ist, der seinen Bruder wieder ins Gespräch bringt: „Bekam Philipp eigentlich viel Besuch? Soweit du dies mitbekommen hast, meine ich?“
„Um ehrlich zu sein, kann ich dazu wenig sagen“, erwidert sie nachdenkend, „du weißt ja, wie dies in so einem Mietshaus abläuft. Jeder geht ein und aus ohne den anderen groß zu sehen, noch dazu, wenn man berufstätig ist und früh aus dem Haus geht und erst abends wieder heimkommt. Dann ist man in der Regel so geschafft, dass man ganz einfach die Schotten hinter sich dicht macht und sich um die anderen nicht weiter kümmert, so bedauerlich dies sein mag.“
„Hm ... und am Wochenende?“
„Soweit ich dies mitbekommen habe, war dein Bruder am Wochenende oft nicht da. Wie er mir einmal erzählt hat, arbeitete er gerne übers Wochenende. Soweit ich ihn verstanden habe, seien da die Locations für seine Aufnahmen oftmals besser, an manchen Orten gäbe es dann keine oder zumindest kaum Menschen, und die Menschen selbst wären an diesen Tagen freundlicher, gelassener. Wie gesagt, so genau weiß ich das auch nicht mehr, aber jedenfalls habe ich ihn am Samstag und Sonntag relativ selten gesehen. Einmal allerdings hat er mich am Sonntagnachmittag besucht, das war nach seiner Verlobung, da kam er mit seiner Verlobten.“
„Ah ja? Aus welchem Grund?“ Dass Philipp, der ein untrügliches, mitunter geradezu beängstigendes analytisches Gespür bezüglich seiner Mitmenschen besaß, deren Gefühle und Neigungen, Gelüste und Intentionen haargenau zu beschreiben vermochte, kaum dass er sie kennengelernt hatte, ihr Interesse an ihm nicht entgangen war, hat ihm Florine doch bereits neulich eingestanden, und auch ihren anfänglichen Groll bezüglich seiner Verlobung, Und da sein Bruder nicht der Typ war, der andere unnötig provozierte, schon gar nicht, wenn er sein Gegenüber dadurch emotional verletzte, konnte das Mitbringen seiner Verlobten nur bedeuten, dass er für klare Verhältnisse hatte sorgen wollen, darum bemüht gewesen war, alle möglicherweise vorhandenen Neid- oder Hassgefühle von Seiten Florines seiner neuen Lebenspartnerin gegenüber abzubauen.
Claude merkt, wie die junge Frau, deren Attraktivität ihm heute, in diesem ungezwungenen Rahmen, wesentlich deutlicher ins Auge fällt, sensorisch spürbarer ist, innerlich mit sich ringt, ob sie ihm ihre Quasi-Niederlage um die Gunst seines Bruders eingestehen soll oder nicht. „Du kennst ... kanntest deinen Bruder doch besser als ich, du weiß wie er war, stets um Offenheit und Ausgleich bemüht.“ Noch einmal bricht sie ab, holt tief Luft, um mit niedergeschlagenem Blick, so als ob sie sich schäme, die für sie schmerzhafte Tatsache einzugestehen: „Wie ich dir ja neulich schon gesagt habe hatte ich mir Hoffnung gemacht, dass aus unserer Bekanntschaft mehr als nur Freundschaft würde, aber na ja, es sollte halt nicht sein.“ Den Kopf leicht hebend, den Blick noch immer in die Ferne gerichtet, bringt sie es auf den Punkt: „Ja, wie ich dir schon sagte, ich war in ihn verliebt, daher hat es mich anfangs unwahrscheinlich getroffen, als ich von seiner Verlobung erfuhr, noch dazu auf Umwegen. In der Folgezeit konnte ich ihm kaum in die Augen schauen. Ich weiß, dass dies kindisch war, trotzdem konnte ich nicht dagegen an. Umso mehr hat es mich beeindruckt, dass er mir deswegen nicht böse war, er mich im Gegenteil bat, mir seine Verlobte persönlich vorstellen zu dürfen, um so ein für alle Male für klare Verhältnisse zu sorgen - für alle Beteiligten. Zwar hatte ich anfänglich Bedenken, doch als es dann soweit war, wir uns ausgesprochen hatten, wusste ich, dass er recht gehabt hatte. Und so sehr es mich selbst erstaunte, musste ich mir nach unserem Gespräch eingestehen, dass ich Jinda mochte, deinen Bruder bei ihr in guten Händen wusste. Merkwürdig, nicht? Aber glaube mir, seit diesem Nachmittag sah ich sie nicht mehr als Nebenbuhlerin an, akzeptierte ich die Entscheidung deines Bruders. Um ganz ehrlich zu sein, irgendwie bedauerte ich es in der Folgezeit sogar, sie nicht öfters zu sehen.“ Einer Beichte gleich redet sich die junge Frau die leidvolle Episode ihrer jüngsten Vergangenheit von der Seele, die trotz ihrer verbalen Selbstbeschwichtigung offenkundig Narben hinterlassen hat, deren Heilung noch nicht abgeschlossen ist, worauf auch ihr betrübter, zu Boden gerichteter starrer Blick schließen lässt, in dem sich Claude eine gehörige Portion Traurigkeit widerspiegeln sieht, jene Art von Traurigkeit, wie sie nur eine verschmähte oder unbeantwortet gebliebene Liebe hervorzubringen imstande ist.
Beeindruckt von der für sie selber mit seelischem Schmerz verbundenen Offenheit, hakt Claude bei seiner Gesprächspartnerin, in der er, dessen ist er sich nunmehr sicher, eine neue Verbündete gefunden haben dürfte, nach: „Weißt du Näheres über Philipps Verlobte, woher genau sie kommt, wo sie eventuell arbeitet et cetera. Mir gegenüber hat sie Philipp nämlich nicht erwähnt. Und ich finde es merkwürdig, dass sie offensichtlich wie vom Erdboden verschwunden ist, sie niemand seit dem Mord gesehen zu haben scheint.“
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