„Allzu viel weiß ich auch nicht. Als die beiden bei mir waren, ging es deinem Bruder vornehmlich darum, uns miteinander bekannt zu machen, mögliche Ressentiments zwischen uns auszuräumen. Über ihre Herkunft oder sonstige persönliche Belange haben wir kaum geredet, nur dass sie aus Thailand stammt, aus einem kleinen Dorf zwischen Chiang Mai und Chiang Rai, irgendwo nahe der birmesischen Grenze, aber frage mich nicht, wie der Ort heißt. Dann erwähnte er noch, dass sie seit etwa zwei Jahren in Deutschland sei, allerdings sprach sie kaum Deutsch, lediglich recht ordentliches Englisch.“
„Hat Philipp erwähnt, wie er sie kennengelernt hat?“
„Nein. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als wolle er darüber nicht reden. Ich habe diesbezüglich zwar zwei-, dreimal nachgehakt, er ist meiner Frage aber jedes Mal ausgewichen. Warum weiß ich nicht, denn schämen brauchte er sich ihretwegen bestimmt nicht...“ Er merkt, dass es Florine nicht leicht fällt das Folgende einzugestehen: „...dafür ist sie viel zu schön.“ Eine weitere kurze gedankliche Pause folgt. „Und sie hat Klasse!“
Claude weiß genau, was diese letzte Aussage gehaltmäßig bedeutet, schließlich fällt Frauen kaum etwas schwerer als sich derart positiv über eine andere Frau zu äußern, noch dazu mit solch unverhohlener Bewunderung, wie er sie in Florines Stimme deutlich mitschwingen hört. „Und du weißt nicht, wo sie geblieben sein könnte? Höchstwahrscheinlich hat sie doch von Philipps Tod gehört. Warum hat sie sich dann nicht gemeldet?“
„Keine Ahnung. Genau das habe ich mich auch schon gefragt.“
„Und sonst irgendeine Adresse, bei der man nach ihr fragen könnte, weißt du auch nicht?“
„Leider nein. Wie schon gesagt, sehr viel über persönliche Belange ist damals nicht gesprochen worden. Aber müsste nicht die Polizei etwas über sie herausfinden können, sie müsste doch gemeldet sein, wenn nicht hier in Frankfurt, so zumindest in der Bundesrepublik. Schließlich hält sie sich nach Aussage deines Bruders bereits seit zwei Jahren hier auf.“
Claude geht innerlich scharf mit sich ins Gericht, weil er daran bislang nicht selbst gedacht hat, nach außen hin versteht er es indes, den aufgrund seiner Nachlässigkeit gegen sich selbst gehegten Groll zu überspielen: „Soviel ich weiß, gibt es darüber keine konkreten Erkenntnisse, jedenfalls hat mir Hauptkommissar Krüger nichts davon berichtet.“ Ob die Kriminalbeamten diese Spur bis dato gleichfalls außer Acht gelassen haben oder tatsächlich keine Erkenntnisse diesbezüglich vorliegen, diese aus gedanklicher Unachtsamkeit bis zu diesem Augenblick unbeantwortet gebliebene Frage bedarf schleunigster Beantwortung, bereitet ihm Unbehagen, die er jedoch zu verdrängen sich bemüht. Da seine Gesprächspartnerin über Jinda offensichtlich nicht allzu viel weiß, was ihm weiterhelfen könnte, versucht er sein Glück in einer anderen Richtung. „Ich möchte dir gerne ein paar Fotos zeigen, die ich bei Philipp gefunden habe. Ich hole sie schnell aus seiner Wohnung. Einen Augenblick, ja.“ Zwar ist ihm im Laufe ihres bisherigen Gespräches klar geworden, dass er ihr vertrauen kann, trotzdem möchte er sie nicht über die wahren Umstände aufklären, unter denen er zu den Aufnahmen gekommen ist, nicht aus Misstrauen, sondern um sie nicht mehr zu beunruhigen oder zu verwirren als dies unbedingt nötig ist. ‚Wie gut, dass ich die Fotos immer bei mir habe’, baut er sich nach dem kurz zuvor erfahrenen Tiefschlag innerlich wieder etwas auf, das Kuvert mit den Fotos aus der Innentasche seiner Jacke ziehend, die er zuvor an der Garderobe von Philipps ehemaliger Wohnung aufgehängt hat. Wenige Sekunden später sitzt er wieder Frau Bernadetti gegenüber, die mit dem Schälen eines Apfels beschäftigt ist.
„Magst du auch einen? Ich schäle ihn dir.“
„Gerne“, nimmt Claude ihre Offerte an, entnimmt dem Umschlag die Aufnahmen mit den Porträts, die so viele ungeklärte Fragen aufgeworfen haben, und breitet sie vor seiner Gastgeberin, die mit dem Geschick einer erfahrenen Hausfrau in Windeseile den Apfel seiner Schale beraubt, auf dem Esstisch aus. „Wirf einmal einen Blick darauf, wenn du fertig bist“, fordert er Florine mit einer Geste seiner Rechten auf.
„Einen Moment noch, ich bin gleich fertig“, bittet sie um Geduld. Flugs ist der Apfel geviertelt und entkernt, so dass sie ihn ihm mundgerecht vorsetzen kann, woraufhin er - sich bedankend - zugreift. „Lass mal sehen.“ Sich vorbeugend, unterzieht sie die vor ihr ausgebreiteten Bilder einer sorgfältigen Prüfung. Hat sich Claude an und für sich kaum Hoffnungen gemacht, dass die Vorlage des Bildmaterials etwas bringen würde, so ist er umso mehr erstaunt, als die es Begutachtende eines der Fotos herausgreift und es ihm entgegenhält: „Den kenne ich, den habe ich einmal hier aus dem Haus kommen sehen. Ist noch gar nicht so lange her, höchstens vier Wochen, kann aber auch weniger sein.“
Claude ist nicht schlecht erstaunt, denn die Aufnahme zeigt Rudolf Henschel, den Kommissar Mihailovic als eine nicht unbedeutende Größe der bundesdeutschen Unterwelt dargestellt hat. Dass Florine ihn hier gesehen hat, dürfte somit der erste ganz konkrete Hinweis darauf sein, dass Philipp auf irgendeine Art und Weise in den Bannkreis dieses Milieus vorgestoßen war, und so wie er seinen Bruder kannte, sicherlich nicht zum Wohle beziehungsweise im Interesse dieser ‚feinen‘ Herren. Was sonst hätte Henschel hier verloren gehabt? Und um jeden Zweifel auszuräumen: „Bist du dir sicher?“
„Ja. Er ist mir damals aufgefallen, weil er so gar nicht hierher passt. So hochgestylt wie der daherkam, so jemanden habe ich hier noch nie gesehen. War einfach ein bisschen zu gelackt, wenn du weißt, was ich meine.“ Sein Nicken gibt ihr zu verstehen, dass Claude genau begriffen hat, was sie damit ausdrücken will. „Zumal zu dieser späten Stunde. Ich kam an diesem Tag erst sehr spät nach Hause, da ich mit ein paar Freunden essen gewesen war. Kurz vor Mitternacht muss es gewesen sein, als ich schließlich hier war und dieser Typ, just in dem Moment, als ich die Haustür aufsperren wollte, aus dem Haus kam und ziemlich überrascht schien, als er mir so unvermittelt gegenüberstand. Da ich selber auch etwas perplex war, bin ich noch einige Augenblicke stehen geblieben und konnte sehen, wie er in den dunkelblauen Jaguar stieg, der mir zuvor bereits aufgefallen war. Möglicherweise habe ich mir die ganze Sache überhaupt nur wegen des Jaguars gemerkt. Wenn ich sonst an nichts anderes denke, mache ich nämlich immer so ein Spielchen: Ich lese die Autokennzeichen und versuche aus den Buchstaben und Zahlen irgendwelche Geburtsdaten von Freunden, Bekannten oder berühmten Persönlichkeiten herauszulesen, wobei die Kennbuchstaben die Anfangsbuchstaben des Namens und die Zahlen das Geburtsdatum sind. Und eben deswegen fiel mir der Wagen auf, hatte er doch das Nummernschild F-L 1806, das heißt mein Geburtsdatum. Verstehst du, F und L für Florine, 1806 für den 18. Juni. Und als ich den hier“, Florine hält noch immer das Foto in der Hand und verdeutlicht mit einem kurzen Wink, wen sie mit ihrer Aussage meint, „in diesen Wagen steigen sah, fühlte ich mich fast so etwas wie beleidigt, dachte ich doch an das schlechte Image dieses an sich formschönen Autotyps, der ja irgendwie als Zuhälter-Wagen verschrien ist. Und jetzt stieg dieser Typ auch noch in den Wagen mit meinem Geburtsdatum! Also irgendwie fühlte ich mich in diesem Moment getroffen. Klingt albern, ich weiß, aber so war es nun einmal. Jetzt, im Nachhinein muss ich selber darüber lachen.“
‚Wie Zufälle manchmal so spielen’, sinniert Claude, der sich über den Wert des Gehörten noch nicht klar ist, instinktiv jedoch spürt, dass ihn Florines Aussage ein nicht unerhebliches Stück weiterbringen könnte. „War der Typ allein?“
Читать дальше