Mittlerweile bestens mit den örtlichen Gegebenheiten vertraut, durcheilt er im Laufschritt die Flure und reißt, ohne eine Antwort auf sein Klopfen abzuwarten, fast ein wenig unwirsch die Tür zum Zimmer des Hauptkommissars auf, den er, den Telefonhörer in der Hand, an seinem Schreibtisch sitzend vorfindet. Dieser scheint, vertieft in sein Gespräch, das nicht ganz gebührliche Verhalten Claudes gar nicht registriert zu haben, winkt diesen mit seiner Rechten herein, ihn mit dieser wortlos auch zum Platz-Nehmen auffordernd.
„Entschuldigen Sie bitte“, wendet sich ihm Krüger, den Hörer schließlich auflegend und auf ihn zutretend, keine dreißig Sekunden später zu, „dass ich Sie hierher gebeten habe, doch scheint es mir wichtig zu sein.“
„Keine Ursache, Herr Kommissar, wenn Sie nur vorankommen ... und ich Ihnen möglicherweise dabei helfen kann.“
Krüger ist an seinen Tisch zurückgetreten, greift nach der auf dem Stapel zuoberst liegenden Akte am linken Ende der Platte und öffnet ihren Deckel. „Haben Sie heute schon Zeitung gelesen?“, erkundigt er sich gleichzeitig mit prüfendem Blick bei Claude. „Nein, ich hatte noch keine Zeit dazu. Warum?“
„Samstagnacht gab es auf der Autobahn von Darmstadt nach Frankfurt einen schweren Verkehrsunfall, bei dem ein Mann ums Leben kam“, reagiert der Kriminalbeamte auf die Verneinung, Claude dabei einen Zeitungsausschnitt vorlegend, den er der Aktenmappe entnommen hat. „Hier, sehen Sie, über den Unfall wird in der heutigen Ausgabe groß berichtet.“
‚Mit 180 in den Tod’, springt Claude die in übergroßen, fetten Lettern auf dem Papier prangende Überschrift in die Augen, unter der ein Foto die aufgrund der starken Deformationen kaum noch als solche zu erkennenden Umrisse eines Autos zeigt, umstanden von einigen Personen, unter denen unter anderem Sanitäter und Feuerwehrleute zu erkennen sind. Noch ehe er sich jedoch dem Begleittext selbst zuwenden kann, fordert der Kommissar wieder seine Aufmerksamkeit.
„Sparen Sie sich das Durchlesen“, beginnt dieser seine Ausführungen, „was da drinnen steht, ist nicht alles, was Sie wissen sollten.“ Claude ist ganz Ohr. „Zunächst einmal zu den Fakten. Wie schon gesagt, der Unfall ereignete sich in der Nacht von Samstag auf Sonntag, so gegen 22.40 Uhr. Unfallzeugen haben meinem Kollegen, der den Fall zunächst bearbeitete, berichtet, dass der Fahrer des Wagens, ein Porsche 911, möglicherweise bei einem Wettrennen mit einem anderen Auto wegen zu hoher Geschwindigkeit die Kontrolle über das Fahrzeug verloren habe. Zumindest wollen sie ein zweites Fahrzeug mit gleich hoher Geschwindigkeit in unmittelbarer Nähe des Porsches gesehen haben. Solche nächtlichen Wettrennen sind bedauerlicherweise keine Seltenheit, besonders am Wochenende. Oft sind dann noch Alkohol oder Drogen im Spiel. Ein Spiel, das leider immer wieder tödlich endet. Wie die Zeugen meinem Kollegen berichteten, soll der Porsche, der auf der rechten Spur fuhr, plötzlich ins Schleudern geraten und von der Fahrbahn abgekommen sein, woraufhin er sich anschließend mehrfach überschlagen hat und schließlich gegen einen Baum geprallt und völlig ausgebrannt ist. Was übrig geblieben ist, sehen Sie auf dem Foto. Das wäre in Kurzversion das, was die Augenzeugen meinem Kollegen berichteten und was Sie in der Zeitung lesen könnten.“ Krüger legt eine kleine Pause ein, so als wolle er Claude Zeit zum Verarbeiten und die Gelegenheit zum Einhaken geben, was dieser aber nicht tut, weswegen jener seinen Gesprächsfaden wieder aufgreift: „Vielleicht fragen Sie sich, warum ich mich, das heißt die Mordkommission, nun mit der Angelegenheit beschäftige. Diesbezüglich müssen Sie wissen, was die Untersuchungen bezüglich der Unfallursache bislang ergeben haben … und eben dies steht nicht in dem Zeitungsartikel, kann es auch nicht. Also, wie die Untersuchung des Wracks ergeben hat, dürfte nicht überhöhte Geschwindigkeit die Ursache des Unfalls gewesen sein, sondern höchstwahrscheinlich die Tatsache, dass auf das Fahrzeug geschossen worden ist, und zwar mehrfach, wie Einschüsse im Bereich des Tanks und des hinteren linken Kotflügels eindeutig beweisen. Zudem haben wir noch drei der Projektile in den entsprechenden Wrackteilen gefunden. Schrammspuren auf der linken hinteren Radnabe sprechen dafür, dass auch auf den hinteren Reifen geschossen wurde, doch lässt sich dies aufgrund des Brandes nicht mehr eindeutig beweisen. Und was passiert, wenn bei 180 Stundenkilometern ein Reifen platzt, können Sie sich, glaube ich, gut selber ausmalen. Und dass es sich dabei um keine alten Einschüsse handeln dürfte, sondern diese wirklich erst kurz vor dem tragischen Unfall auf den Porsche abgefeuert wurden, davon hat mich, eben als Sie hereinkamen, mein Kollege unterrichtet, der heute Morgen mit einigen Beamten unweit der Unfallstelle einige Patronenhülsen gefunden hat. Zwar sind noch keine ballistischen Untersuchungen durchgeführt worden, da derartige Dinge normalerweise aber nicht auf und entlang bundesdeutschen Autobahnen herumliegen, dürfte schon davon auszugehen sein, dass es sich bei dem Ereignis Samstagnacht nicht um einen Unfall, sondern um einen Anschlag, einen Mord gehandelt hat.“
Krüger unterbricht seine Darlegungen, lässt dem ihm Gegenübersitzenden Zeit, diese zu verdauen, zu verarbeiten, um zu sehen, welche Wirkung, Reaktion sie bei jenem auslösen. Und wie von ihm erwartet, stellt Claude die entscheidende Frage: „Schön und gut, aber was hat das mit mir, oder besser gesagt, mit Philipp zu tun?“
„Richtig! Das werde ich Ihnen gleich sagen, doch zunächst noch ein paar Fakten. Sie haben ja das Foto gesehen. Wer in dem Wagen saß, hatte kein Chance. Zum Glück, zumindest für uns, ist der Fahrer jedoch zumindest nicht verbrannt, sondern wurde, während sich das Fahrzeug überschlug, aus diesem herausgeschleudert. Es mag ein wenig zynisch klingen, wenn ich sage, dass er sich nur das Genick gebrochen hat, unsere Ermittlungen erleichtert dies hingegen doch sehr, konnten wir ihn so anhand von Ausweispapieren rasch identifizieren. Es handelt sich um einen Chinesen namens Wang Bing. Soweit wir bisher wissen, stammt er aus Shanghai und hält sich ... hielt sich zwecks Studiums in der Bundesrepublik auf, und zwar in Erlangen, wie wir seinem Studentenausweis, den wir bei ihm gefunden haben, entnehmen konnten. Viel mehr über seine Person wissen wir bislang noch nicht, doch werden sich die Kollegen in Erlangen weiter darum kümmern.“ Krüger spürt Claudes Ungeduld, die diesen immer wieder dazu veranlasst, neue Versuche zu starten, dem Kriminalbeamten ins Wort zu fallen: „Moment, Moment, Sie werden gleich sehen, warum ich Ihnen dies alles erzähle. Was den Ums-Leben-Gekommenen für uns, besonders für mich so interessant macht, sind folgende zwei Umstände: Erstens trug er eine Pistole samt Schalldämpfer bei sich, die nicht registriert ist, zudem besaß er keinen Waffenschein, und zweitens haben wir in seiner Brieftasche ein Foto gefunden, eben dessentwegen mein Kollege Neumüller, der den Fall eigentlich übernehmen sollte, zu mir kam und die Akte mir übergab.“ Kaum ist das letzte Wort Krügers Mund entwichen, zieht er das angesprochene Bild aus der vor ihm liegenden Mappe und legt es vor Claude auf den Tisch, dessen Blick sich ungläubig in das dreizehn mal neun Zentimeter große Bild frisst, so als wolle er es damit tilgen.
„Das haben Sie in der Brieftasche des toten Fahrers gefunden?“
„Ja. Sie können sich vorstellen, dass mein Kollege und ich nicht weniger erstaunt waren als Sie es jetzt sind. Und dies war auch der Grund, warum mir Kollege Neumüller den Fall übergeben hat.“
Verwirrt, ratlos, sprachlos starrt Claude abwechselnd den Kommissar und jenes Stückchen Fotopapier an, das die Kriminalbeamten verständlicherweise nicht weniger in Erstaunen gesetzt haben muss wie dies bei ihm in diesen Sekunden selbst der Fall ist, schließlich wird man nicht jeden Tag mit der Tatsache konfrontiert, dass in der Tasche einer einem bis dato völlig unbekannten Person ein Bild von einem selbst steckte, nach dazu bei einer Person, die unter so mysteriösen Umständen ums Leben kam. Scharf und eindeutig zeichnet sich sein Gesicht im Halbprofil auf dem Foto ab, wobei es sich offensichtlich um eine ganz neue Aufnahme handelt, wie er an Frisur und Kleidung feststellt.
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