„Kennen Sie diesen Mann?“, unterbricht Krüger Claudes Gedankenspiele, indem er ihm ein weiteres Bild vorlegt, das einen jungen Chinesen zeigt, offensichtlich den Toten, wie der Angesprochene mutmaßt.
Ein kurzer Blick genügt: „Nein.“
„Sind Sie sich ganz sicher?“
„Ja. ... Ist das der Verunglückte?“
„Ja. Wenn Sie ihn nicht kennen, bleibt die Frage, warum er ein Bild von Ihnen bei sich trug ... und woher er es hatte.“
Darauf hätte auch Claude nur zu gerne eine Antwort, vermag jedoch keine zu finden, so sehr er sich auch bemüht, seine Gedanken in geordnete Bahnen zu lenken, allerdings nur mit begrenztem Erfolg.
„Das Bild scheint recht neuen Datums zu sein“, mutmaßt Krüger, damit der zuvor stumm angestellten Analyse des Abgebildeten folgend. „Wie Sie mir sagten, haben Sie sich jedoch bis vor Kurzem längere Zeit im Ausland aufgehalten. Dies dürfte somit höchstwahrscheinlich bedeuten, dass das Bild wahrscheinlich erst vor wenigen Tagen, nach Ihrer Ankunft aus den Vereinigten Staaten gemacht wurde.“
Ein Kopfnicken von Seiten des Befragten bestätigt die Feststellung des Kommissars, ohne ihm weiteren Aufschluss über das Woher der Aufnahme zu geben, geben zu können.
„Ist Ihnen irgendjemand aufgefallen, der Sie in der Zeit, seit Sie hier sind, fotografiert hat?“
„Nein.“ Aufgrund der wenig Raumtiefe aufweisenden Abbildung seines Antlitzes auf dem Foto und des völlig unscharfen Hintergrundes vermutet Claude, dass das Bild aus größerer Entfernung mit einem Teleobjektiv langer Brennweite gemacht wurde, eine Beobachtung, die er dem ihn Befragenden mitteilt. Dieser Umstand ist es auch, der es unmöglich macht herauszufinden, wo die Aufnahme geschossen wurde. Nur so viel scheint sie preiszugeben: Der Fotografierte sollte nach Möglichkeit nicht wissen, dass er abgelichtet wurde.
„Tja, leider haben wir bislang noch keine weiteren Informationen über den Herrn", resümiert Krüger mit Hinweis auf das noch immer vor Claude liegende Foto des Verunglückten, der ihnen, dies spüren beide instinktiv, noch so manches Kopfzerbrechen bereiten dürfte, „doch hoffe ich, dass mir die Kollegen in Erlangen weiterhelfen können. Bei dem Kerl passt ganz offensichtlich so einiges nicht zusammen, aber vielleicht können wir bald etwas Licht ins Dunkel bringen.“
„Was halten Sie von der ganzen Sache?“, versucht sich Claude Anhaltspunkte dafür zu verschaffen, wie er sich fürderhin verhalten soll.
„Aufgrund der bisherigen Ermittlungen leider schwer zu sagen. Bislang wissen wir an und für sich nur, dass es sich mit allerhöchster, ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht um einen Unfall, sondern um Mord handelt. Dies allein und die Tatsache, dass der Getötete eine nicht registrierte Waffe bei sich trug, an der zudem die Seriennummer entfernt wurde, lassen vermuten, dass womöglich mehr dahintersteckt als zunächst zu vermuten war, doch möchte ich nicht voreilig irgendwelche Schlüsse ziehen, sondern erst einmal abwarten, was meine Kollegen in Erlangen herausfinden. Ihnen persönlich würde ich allerdings raten, zukünftig vorsichtiger zu sein und die Ermittlungen uns zu überlassen. Sie wissen, was ich meine.“
Offensichtlich hat Krüger Wind von seinen Recherchen bekommen, die er jedoch nie als contra Polizei ausgerichtet verstanden hat, sondern eher als die offiziellen Gesetzeshüter unterstützende Begleitmaßnahme, deren Resultate er diesen gegenüber auch nicht geheim zu halten versucht hatte, zumindest im Wesentlichen, auch wenn er den unausgesprochen gebliebenen Vorwurf des Hauptkommissars nicht gänzlich von der Hand weisen kann angesichts des insgeheimen Misstrauens, das er den Kriminalbeamten bei seinen Besuchen während der vergangenen Wochen unterschwellig entgegengebracht hat. Um seinem Gegenüber nicht zusätzlich Angriffsfläche zu bieten, hütet sich Claude, auf dessen Anspielung direkt einzugehen, stattdessen lotet er vielmehr aus, wie weit ihm dieser Spielraum für eigene Nachforschungen zugesteht: „Ob es wohl Sinn macht, wenn ich selbst nach Erlangen fahre? Vielleicht kann ich Ihren Kollegen ja irgendwie behilflich sein.“
„Wenn Sie dies möchten ... verbieten kann ich es Ihnen nicht, doch sollten Sie mir zuvor Bescheid sagen, damit ich meine Kollegen über Ihr Kommen unterrichten kann.“ Auch wenn ihm Claudes Tatendrang nicht unbedingt gefällt, sucht er angesichts der Tatsache, dass es keine Rechtsgrundlage gibt, ihn an eigenen Recherchen zu hindern, den Weg für eine auf beiderseitigem Vertrauen basierende Kooperation zu bahnen, außerdem nötigt ihm das Engagement, mit dem sich jener für die Aufklärung des Mordes an seinem Bruder einsetzt, insgeheim hohen Respekt ab. „Um eines möchte ich Sie allerdings bitten: Unterlassen Sie gefährliche Alleingänge! Ich möchte nicht, dass Sie genauso enden wie Ihr Bruder!“ Der Ton des Kommissars verrät, dass dies mehr als eine Bitte ist, eher einem von ernst gemeinter Besorgnis getragenem Befehl gleichkommt.
„Versprochen. Wenn möglich, fahre ich noch heute Abend, ansonsten morgen früh. Ich rufe Sie aber vorher in jedem Fall an.“
„Gut, ich werde meine Kollegen entsprechend informieren.“
Schon fast zur Tür hinaus, dreht sich Claude noch einmal auf dem Absatz um: „Ob Sie mir wohl einen Abzug von dem Bild des Chinesen geben könnten?“
Für Sekunden überlegt Krüger: „Dürfte zu machen sein. Wollen Sie es abholen oder soll ich es Ihnen ins Hotel bringen lassen?“
„Oh, wenn Sie es mir in mein Hotel bringen lassen könnten, wäre ich Ihnen sehr dankbar“, ist Claude über die unerwartet weitgehende Hilfsbereitschaft des Kommissars erstaunt. „Spätestens nach meiner Rückkehr melde ich mich wieder bei Ihnen", bemüht er sich für das Entgegenkommen des anderen zu revanchieren, „hoffentlich mit ein paar positiven Ergebnissen und Erkenntnissen.“ Schon fast zur Tür hinaus, fällt es Claude siedend heiß ein: „Ach übrigens, haben Sie schon irgendetwas über die Verlobte meines Bruders herausgefunden? Über ihren Verbleib oder so.“
„Nein, leider nicht. Sie scheint wie vom Erdboden verschwunden zu sein“, vermag Krüger lediglich mit einem diesbezüglich bis dato negativ verlaufenen Rechercheergebnis aufzuwarten. „Wir haben ihre uns bekannten Daten an alle bundesdeutschen Behörden rausgeschickt, allerdings noch keinerlei positive Rückmeldung erhalten. Tut mir leid.“
Sicherlich hätte ihm der Kriminalbeamte jedwede positive Entwicklung in dieser Richtung von sich aus mitgeteilt, mutmaßt Claude, dennoch drückt dessen wenig Hoffnung machende Aussage zusätzlich auf sein Gemüt. „Schade. Aber vielen Dank für Ihre Bemühungen.“ Die Tür sachte hinter sich schließend, wird Claude augenblicklich von dem lauthallenden Getrampel und Stimmengewirr umfangen, die die Korridore füllen, durch die er zielstrebig dem Freien entgegen strebt, das ihn mit mittäglicher Frühlingsluft empfängt.
Dienstag, 29. April 1997, 9:14 Uhr
„Hier wären wir.“ Den Mercedes sachte abbremsend zum Stehen bringend, verkündet der Taxifahrer mit diesen Worten das Ende der Fahrt. „Macht neun Mark zwanzig."
Claude kramt zehn Mark aus seinem Portemonnaie, die er dem Fahrer nach vorne reicht: „Passt so.“
„Danke schön, und noch einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“
„Ja, danke, Ihnen auch“, verabschiedet sich Claude aus dem Fond des Taxis steigend. ‚Mein Gott', schießt es ihm durch den Kopf, als er seine Aufmerksamkeit dem rehbraunen Ziegelsteinkomplex zuwendet, dessen abschreckend wirkendes Äußeres ihn an Fabrikhallen aus den zwanziger und dreißiger Jahren erinnert, ‚was für eine architektonische Geschmacklosigkeit, Unverschämtheit haben sie denn da wieder hingestellt. Das sieht ja aus wie ein Gefängnis.’ Eine Meisterleistung architektonischer Phantasie ist das neue Erlanger Polizeihauptquartier wahrlich nicht zu nennen, eher lässt sein derbes Äußeres vermuten, dass sein Planer mit diesem Entwurf eine noch offene Rechnung mit der Justiz begleichen wollte.
Читать дальше