nun eine Lehrstelle gefunden habe. Henkenhagen ist ja nicht weit von zu Hause, da kannst du uns oft besuchen. Ein wenig schien Vater mir doch entgegen kommen zu wollen. Wenigstens an den Sonntagen, betonte er.
So überlegte ich, wie es sein würde, wenn ich erst für immer dort bei fremden Menschen im schönen Ostseebad bin. Aufleben würde ich wie ein Vogel, den man aus einem Käfig in die Freiheit entlässt. Jetzt taten mir meine Geschwister und meine Eltern leid, die weiter in der Einsamkeit leben mussten. Ja, Lindenhof war einsam. Es waren eben nur 12 Siedler, die auf ihrem Grund und Boden gebaut hatten. Kein Weg führte durch ein gemeinsames Dorf. Wenn man zu seinem Nachbarn wollte, musste man an der Grenze entlang gehen, oder man ging einfach quer über das Feld. Oft sahen wir lange Zeit keinen Nachbarn. Wenn dann mal jemand zu uns kam, dann liefen wir gleich alle hin und wunderten uns, dass es außer unserer Familie noch mehr Menschen gab. Nur die drei Maurer kamen täglich, solange bei uns gebaut wurde. Das alles sollte nun für mich anders werden.
Über einen Verdienst hat der Meister überhaupt nicht gesprochen, sagte ich nach einer Weile zu Vatern. Du wirst sicherlich auch nichts bekommen, solange du lernst. Früher, als ich in deinem Alter war, mussten die Jungen noch Lehrgeld mitbringen, sonst wurden sie gar nicht angenommen, erklärte er. Ich habe mich schon gewundert, dass der Meister von mir nichts verlangt hat, deshalb habe ich auch gar nicht gefragt. Und die Backstube hat er mir auch nicht gezeigt, sagte ich, nachdem ich die Belehrung verdaut hatte. Von der Backstube sprach der Meister, sagte Vater. Der Ofen ist bereits eingerissen, es wird ein neuer gebaut. Ich tat ein wenig verwundert, denn das hatte ich tatsächlich überhört. Ich ging weiter meinen Gedanken nach und war nicht mehr zu Hause und auch noch nicht in meiner neuen Heimat. Bald würde sich eine neue Welt vor mir auftun und ich würde einen neuen Weg beschreiten, ich würde den „Weg ins Leben“ gehen.
Froh gelaunt kamen wir zu Hause an. In der Küche erwarteten sie uns alle, denn sie waren neugierig und wollten wissen, was der Meister gesagt hatte. Mutter war es, die zuerst fragte, aber sie sah es unseren Gesichtern schon an, dass es geklappt hatte und deshalb fragte sie nur: Wann fängst du dort an? Am ersten April, sagte ich zufrieden. Nun wurden die anderen auch lebhaft und die Fragerei ging los. Vater ging ins Wohnzimmer und legte sich aufs Sofa. Ihn hatte der Weg angestrengt.
Jeder fragte nun etwas anderes und ich wusste gar nicht, was ich zuerst beantworten sollte. Was hat der Meister zu dir gesagt, fragte Mutter. Hat er Gefallen an dir gefunden und wie hat der Meister dir gefallen? Alles in Ordnung, sagte ich, ich habe ihm imponiert. Luise kannte das Geschäft ja schon, Paul und Willi auch schon, aber Mutter, Elfie und Helmut waren noch nie dort. Ja, sie waren alle ganz außer sich vor Freude. Ich war schließlich der erste, der das Haus verließ. Mutter sah mich ein wenig nachdenklich an und schwieg. Ich dachte dabei an den Abschied. Dann wirst du jetzt immer Brötchen essen, sagte Elfie und lachte. Und mir kannst du dann erzählen, wie man die Kuchen backt, sagte Luise. Mir kannst du dann sonntags, wenn du kommst, immer Semmeln mitbringen, erbat sich Helmut. Ich
erzählte von den beiden großen Geschäften, die dem Meister gehörten und von der vielen Ware, von der Freundlichkeit, mit der wir empfangen wurden und von der langen Unterredung, die wir mit dem Meister hatten. Auch wie der Meister mich gemustert hatte und welche Fragen er an mich gerichtet hatte.
Dann ist ja soweit alles klar, sagte Willi schließlich. Am ersten April wirst du uns verlassen. Dass du auch kein Heimweh bekommst. Nun erst wurde mir klar, dass bald der Abschied auf mich zukam. Ich sagte nur kurz: Jawohl und bis dahin tue ich nichts mehr. Der Abschiedsschmerz war damit vergessen und alles lachte.
An den folgenden Tagen ordnete ich meine Sachen und legte alles zurecht, was ich mitnehmen wollte. Natürlich tat ich das nicht allein, Mutter und Luise halfen mir dabei. Luise nähte mir weiße Schürzen und auch Mützen, die ich sogleich ausprobieren musste. Wir lachten darüber, wie verändert ich damit aussah. So verging ein Tag nach dem anderen, oft saß ich in der Sonne und dachte über alles nach. Ich musste Abschied nehmen von meiner vertrauten Umgebung, von den Haustieren und von unserem Hund. Alles musste ich verlassen, denn ich schritt in eine neue Welt. Ein wenig musste ich mich schon zusammenreißen, um die Gedanken zu unterdrücken, die der Abschied hervorrief.
Als dann der 1. April da war, da war nicht nur ich nervös, sondern die Nervosität hatte die anderen auch befallen. Für das Mittagessen ließ ich mir kaum Zeit und es wurde auch kaum gesprochen, jeder wollte mir helfen. Als dann Willi den Wagen vor die Tür geschoben hatte, begannen wir, die Koffer herauf zu stellen. Insgesamt hatte ich zwei Koffer und einen Pappkarton. Nun hatten wir wieder Zeit. Ich hatte schon meinen neuen Anzug an und ging ein wenig auf und ab.
Paul war auch da. Ihn hätte ich fast vergessen, denn ich dachte im Moment nur an mich. Er hatte auch die gewünschte Lehrstelle bei Lewerenz bekommen, aber er hatte noch einige Tage Zeit. Er musste jeden Morgen mit dem Fahrrad nach Kolberg fahren, denn sein Meister hatte keine Schlafgelegenheit für ihn. Das war für ihn eine ganz schöne Belastung. Ob er das wohl durchhält? fragte ich mich.
Nun kam Willi mit den Pferden und spannte sie an. Ich begann mich zu verabschieden und gab jedem die Hand. Sie waren alle versammelt. Ich musste jetzt tapfer sein. Dann stiegen Willi und ich auf den Wagen und bei „Los!“ zogen die Pferde an. Alle standen sie auf dem Hof oder auf der Treppe und winkten. Ich winkte zurück und rief: Auf Wiedersehen! Willi fuhr durchs Tor und weiter auf den Weg, der uns immer weiter von zu Hause weg brachte. Eine Buschgruppe versperrte uns nach einer kurzen Strecke die Sicht und nun waren wir allein. Die Pferde, die ein wenig getrabt waren, gingen nun langsam auf dem sandigen Weg.
Ich betrachtete nun die Felder, die zum Teil zum elterlichen Hof gehörten. In den Niederungen lagen noch die Reste vom Schnee, aber im Großen und Ganzen waren die Felder trocken und man hatte schon mit der Bearbeitung des Bodens begonnen. Die Felder mit der Wintersaat strahlten im saftigen Grün, der Frühling hatte schon überall seinen Einzug gehalten. Überall sah man die Bauern bei der Feldarbeit, manche streuten künstlichen Dünger aufs Land. Alles das war nun für mich
ein Stück Vergangenheit, weil ich eben kein Bauer werden wollte. Jetzt gerade war ich auf dem Weg in eine neue Zukunft. Das Glück war zu mir gekommen und wenn es mir treu bleibt, wird es mir ein schönes Leben bescheren, dachte ich. Freust du dich nun? fragte Willi. Ich hoffe, dass mir das Glück weiterhin treu bleibt, sagte ich. Ein bisschen Glück gehört dazu, sonst ist alles für die Katz. Willi nickte: Du hast wirklich Glück gehabt und Paul auch. Zwei gehen auf einmal aus dem Haus. Ja, man muss an das Glück glauben und man muss es auch behutsam behandeln, so wie man einen guten Freund behandelt, den man nicht verlieren will.
Auf der Chaussee trabten die Pferde wieder an, so dass uns der Frühlingswind um die Ohren strich. Nördlich dieser Chaussee lag der Ort Henkenhagen, er war weit auseinandergezogen. Zeitweilig konnte man die Ostsee sehen. Fast drei Kilometer mussten wir in westlicher Richtung fahren, erst dann bog ein öffentlicher Weg ab, der ins Dorf führte. An diesem Weg standen lauter strohbedeckte Häuser, man nannte sie deshalb Katen. Hier fuhren wir entlang, der Weg war sandig und wir wirbelten eine Menge Staub auf. Wir sahen die Bewohner dieser Katen, sie blieben stehen und sahen uns an. Ein gegenseitiges Kopfnicken war der Gruß. Im Dorf bogen wir wieder nach rechts ab und waren bald am Ziel. Nun standen wir vor dem stattlichen Haus mit den beiden Geschäften. Nun war ich da, wo ich für die nächsten drei Jahre bleiben sollte. Wir blieben einen Augenblick sitzen und überlegten, da kam Luzie, die uns zuerst erblickt hatte, weil sie gerade im Laden war. Sie bat uns zu warten, denn der Arno würde sofort kommen.
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