Das Ostseebad Henkenhagen lag direkt an der Ostsee und im Sommer war hier ein großer Badebetrieb, genau wie in einer Stadt. Hier gab es mehrere Bäckereien und Metzgereien, Kolonialwarengeschäfte, Friseure, Hotels und Kaffeehäuser. In mehreren Gasthäusern war mehrmals im Jahr Tanzvergnügen. Ich war noch nicht oft hier
gewesen, denn dafür hatten wir nur wenig Zeit. Höchstens, wenn einmal schnell etwas geholt werden sollte, fuhr ich mit dem Rad dorthin. Sonntags gingen wir lieber in den Wald und ruhten uns von der Arbeit aus, die wir in der Woche bewältigt hatten. Der lange Weg bis an die Ostsee gefiel uns nicht und wir hatten nur ein Fahrrad. Die Haupteinkäufe wurden in der Stadt Köslin getätigt, denn dorthin fuhr Luise jeden Sonnabend mit Butter und Eiern. Sie hatte dort ihre Kunden. Von dort brachte sie auch gleich alles mit, was im Haushalt gebraucht wurde und was an Kleidung und dem täglichen Bedarf nötig war.
An den Sonntagen, wenn wir von der Neugierde überwältigt wurden, gingen wir schon manchmal hin. Wenigstens in den ersten Jahren, als wir die Ostsee noch nicht kannten. Im Sommer jedoch, bei dem großen Badebetrieb, kamen wir uns ein wenig überfordert vor. Der Strand war übervölkert, die Straßen wimmelten nur so von den vielen Menschen. Das war für uns, die wir aus der Einsamkeit kamen, äußerst ungemütlich. Gebadet hatten wir, Paul und ich, auch schon in der Ostsee. Das Wasser war jedoch zu kalt für uns und so hatten wir kein großes Verlangen danach, es ein weiteres Mal zu probieren.
In diesem Ort sollte für mich nun ein neuer Abschnitt meines Lebens beginnen. Hier sollte „Mein Weg ins Leben“ beginnen. Ich wagte gar nicht daran zu zweifeln, dass es nicht klappen könnte. Ich dachte, ich brauchte nur zu sagen: Sie suchen einen Lehrling, bitteschön, da bin ich. Wann darf ich anfangen? Den ganzen Weg über beschäftigte mich nur der eine Gedanke: Wie wird es sein, wenn ich für immer dort bin? Wir redeten unterwegs nicht viel, denn das tat Vater nie. Ein Fuß vor den anderen setzend und in aller Gemütsruhe kamen wir in Henkenhagen an. Jeder war seinen eigenen Gedanken nachgegangen. So standen wir auf einmal vor dem Geschäft. Nun schlug mein Herz doch ein wenig schneller.
Es war ein stattliches Haus mit zwei Geschäften. Über dem einen Laden stand Kolonialwaren und Delikatessen, über dem anderen stand Bäckerei und Konditorei. Beide Geschäfte waren durch eine Flügeltür miteinander verbunden. Zunächst blieben wir einen Augenblick stehen und betrachteten die Schaufenster. Vater schien von ihrem Anblick sehr zufrieden zu sein. Sicher würde er es gern sehen, wenn ich hier angenommen werden würde. Ich kannte das Geschäft schon, weil ich hier manchmal etwas einkaufen musste. Außerdem hatte ich die Tochter, Luzie, schon gesehen, denn sie war in meinem Alter und ging mit mir zusammen zum Konfirmandenunterricht in Lehnde, weil hier keine Kirche war. Sicher wird sie mich nicht kennen, na, das war ja auch egal.
Wir betraten den Laden. Mehrere Kunden warteten, einige wurden bedient. Die Frau des Meisters und Luzie bedienten sehr geschickt und freundlich. Meine Augen verfolgten ihre Tätigkeiten. Die freundlichen Worte, die sie mit den Kunden wechselten imponierten mir sehr. Natürlich warteten wir, bis wir an der Reihe waren. So hatte ich genug Zeit, mich nach allen Seiten umzuschauen. Was es hier alles gab. Ich kam aus dem Staunen gar nicht heraus. Es war ein richtiges Warenlager. Wie konnte man die Preise alle im Kopf haben? Luzie musste schon allerhand können. Hier gab es: Zucker, Butter, Eier, Mehl, Kaffee, Schokolade, Kakao, Zigaretten,
Waschmittel und Seife, Heringe, Sirup, Postkarten, Schreibblöcke und Kautabak. Mehr wollte ich nicht aufzählen, denn ich wäre wahrscheinlich nie fertig geworden.
Wir warteten noch immer. Der Laden füllte sich immer wieder. Ich warf schnell noch einen Blick in den Bäckerladen. Hier sah es bedeutend aufgeräumter aus. Hier gab es nur Brot, Brötchen, Schnecken, etwas Kuchen und einige Kekse. Dieser Laden gefiel mir bedeutend besser.
Nun waren wir endlich an der Reihe. Vater hatte schon einige Kunden vorgelassen. Freundlich fragte die Frau Meisterin nach unseren Wünschen. Ich komme auf die Annonce hin wegen einer Lehrstelle für meinen Sohn, sagte Vater. Einen Moment, rief sie uns zu und ging durch eine Tür in die Wohnung. Nach einer kurzen Weile kam sie mit dem Meister wieder. Der Meister war ein großer und etwas hagerer Mann, so um die Mitte fünfzig. Er begrüßte uns freundlich und gab Vatern die Hand. Sie wollen ihren Sohn als Lehrling empfehlen? fragte er. Vater nickte. Nun forderte der Meister uns auf, ihm in die Wohnung zu folgen. Die Einrichtung machte Eindruck auf mich. Wir nahmen am Wohnzimmertisch, der in der Mitte stand, Platz. Der Meister bot Vatern eine Zigarre an und steckte sich selbst eine in den Mund. Erst als sie qualmten, begann das Gespräch. Zunächst stellte Vater sich vor und brachte nochmals seinen Wunsch zum Ausdruck. Dann begann das Gespräch, das sofort einen freundlichen und lebhaften Verlauf nahm.
Kolberg 2008, mutmaßlich das Haus, in dem die beiden Geschäfte waren.
Der Meister machte darauf aufmerksam, worauf es ihm bei einem Lehrling ankam,
was ein Lehrling alles lernen sollte, was seine Haupttätigkeiten seien und wie lange die Arbeitszeit sei. Zuweilen lobte er die Arbeit in der Bäckerei, gerade als wenn er mich umwerben wollte. Ich hörte genau zu und kam jetzt schon zu dem Schluss, dass es mehr nach einer Zusage aussah als nach einer Ablehnung.
Nun begann Vater seine Trümpfe auszuspielen. Er sprach über meine Jugend, meine Schulleistungen und über meine jetzige Tätigkeit auf dem elterlichen Hof. Ich hätte schon immer etwas lernen wollen und an der Bäckerei lag mir schon immer sehr viel. Der Meister schmunzelte und ich geriet immer mehr ins Staunen. So kannte ich Vatern überhaupt nicht, er war mit lobenden Worten über uns immer sehr sparsam gewesen. Noch einmal auf meine Schulleistungen zurückkommend, sagte der Meister: Wer fleißig in der Schule war, ist auch fleißig im Beruf. Er sah zuerst mich an, dann schaute er auf Vater. Ich zeigte ihm mein Schulzeugnis und der Meister war zufrieden. Nun hatte ich meine Zusage wohl bereits in der Tasche. Dann betonte er noch, dass seine Lehrlinge bisher alle ausgelernt hätten und tüchtige Gesellen geworden seien, auch sein Sohn hätte gerade ausgelernt. Dasselbe wünsche er auch von mir, sagte der Meister und sah mich sehr ernst an.
Vater betonte seinerseits: Als Muttersöhnchen habe ich meinen Sohn nicht gerade erzogen. Wenn er einmal nach Hause kommen sollte, weil es ihm nicht mehr gefällt, dann würde ich ihn wieder zurückschicken. Der Meister schmunzelte und schien mit dieser Feststellung zufrieden zu sein. Nun musste ich aufstehen und mitten in das Zimmer treten. Dann ging er rund um mich herum und musterte mich von allen Seiten. Er beteuerte noch einmal, dass es hier eine gute Lehrstelle sei und dass ich viel lernen könne. Im Sommer habe er noch drei Gesellen und im Winter arbeite er mit seinem Sohn und einem Lehrling.
Ich war sehr begeistert von dem Gespräch und merkte mir alles genau, was in diesen fast zwei Stunden gesprochen wurde. Ja, ich konnte jetzt schon sagen, der Meister sollte mein Lehrmeister werden. Der Antrittstermin wurde auf den 1. April festgesetzt. Der Meister verabschiedete meinen Vater und mich sehr herzlich und wir gingen auseinander.
Auf dem Rückweg wurde Vater ein klein wenig gesprächiger. Da haben wir ja großes Glück gehabt, sagte er und war sehr zufrieden. Nun wirst du also ein Bäcker. Bei mir bestand von Anfang an kein Zweifel, dass ich angenommen werden würde, sag-te ich voller Zuversicht. Vater lachte: Das ist aber nicht immer so, manchmal muss man von einer Stelle zur andern laufen und die Suche dauert mitunter länger als ein Jahr. Paul ist genauso zuversichtlich, dass er angenommen wird, wenn er morgen in die Stadt mitfährt, wandte ich ein. Woher nehmt ihr bloß euren Optimismus? fragte Vater. Wenn man jung ist, ist man auch Optimist, sagte ich darauf. Hast du gehört, wann du morgens früh aufstehen musst? fragte Vater. Ja, ich habe schon aufgepasst, sagte ich ein wenig kleinlaut. Im Sommer bereits um vier und im Winter um fünf Uhr. Dafür ist aber bereits am frühen Nachmittag Feierabend und ich kann mich dann nochmals hinlegen. Jeder Beruf hat seine Eigenarten, an die man sich erst gewöhnen muss. In diesem Sinne zerstreute ich die Bedenken, die Vater äußerte. Bauer wollte ich doch nicht werden und da bin ich froh, dass ich
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