Aber über eins berichteten die Anwälte in Zusammenhang mit dem Desaster dann doch, weil es zum Arbeitsthema passte. Professor Selikoff von der Mount Sinai School in New York sei in den 1970er Jahren einer der ersten gewesen, der eine valide und aussagekräftige Epidemiologie zu den asbestbedingten Gesundheitsschäden vorlegte. Er habe eindeutige Zusammenhänge zwischen der Einwirkung von Asbestfaserstaub und dem Lungenkrebs sowie dem Brustfellmesotheliom aufgezeigt. Hierzu habe er die Todesursachen der Werftarbeiter von den New Yorker Dock Yards untersucht. Diese hätten zu Kriegs- und Nachkriegszeiten intensiv Spritzasbest verarbeitet, wobei extreme Expositionen gegenüber Amphibolasbestfasern aufgetreten wären. Selikoff sei zum unumstrittenen Asbestpabst avanciert, obwohl er niemals ein Medizinstudium absolviert hatte.
Als Brandschutz für die tragende Stahlskelettkonstruktion der Twin Towers wollte man ebenfalls den robusten Spritzasbest verwenden. Man habe bereits mit den Isolierungsarbeiten begonnen, da sei der berühmte Selikoff bei den Bauaufsichtsbehörden erschienen und hätte auf das hohe Gesundheitsrisiko für die Spritzasbestarbeiter hingewiesen. Daraufhin hätte man die Verwendung des Spritzasbestes eingestellt und es sei ein teurerer und wesentlich weniger effektiver Brandschutzüberzug verwendet worden. Viele seien nun der Meinung, dass die ursprünglich geplante asbesthaltige Isolierung den Brandtemperaturen am elften September Stand gehalten hätte und die Türme nicht eingestürzt wären. Wenn es aber dennoch zum Crash gekommen wäre, dann hätte ganz Manhattan ein Asbestproblem ungeahnten Ausmaßes gehabt. Die Spritzasbestisolierung wäre durch den Zusammensturz pulverisiert worden und die Asbestfasern hätten ganze Stadtteile kontaminiert.
K. bemerkte bei Bockhold einen tief sitzenden Stolz auf diese Stadt. Das ist mein New York , sagte er ein paar Mal ergriffen. Das hielt ihn aber nicht davon ab, eine ebensolche Bewunderung für Deutschland zu hegen, was K. merkwürdig fand. Bockhold war Partner in einer Anwaltssozietät, welche jüdisch dominiert war. Wahrscheinlich hielt er sich als Nichtjude gerade wegen seiner deutschen Affinitäten in dieser Sozietät so gut. Er war hervorragend geeignet, die deutschen Klienten der jüdischen Lawfirm zu pflegen.
Bockhold wollte K. sein New York zeigen. Dazu trieb er K. einen ganzen Tag lang zu Fuß durch die Stadt, wobei sie die üblichen Touristenpfade abliefen. Er kannte sein New York nur von der Seite, die auch den Fremden geläufig ist. K. interessierte aber das andere New York, die Stadt der Kunst, der Mode, der spektakulären Restaurants und der unverschämten Dekadenz und Aufschneiderei. So erwähnte K. den Meatpacking District und das dortige Bistro Pastis. Das hätte er sich gerne mal angesehen.
Sein New-York-Führer schaute ihn verständnislos an, als K. diese Namen erwähnte. Stattdessen aßen sie bei McDonalds. Als Highlight hingegen empfand K. den Besuch bei Katz`s Deli in der South of Houston Street. Das Pastrami-Sandwich mit Riesenpommes und Salzgurken war eine Wucht. Aber die eigentliche Sensation für Bockhold war der Stuhl im Katz, auf dem Meg Ryan im Film Harry and Sally einen Orgasmus bekommen hatte, so war es jedenfalls auf dem Schild zu lesen, welches über dem Stuhl an der Decke baumelte. Im Skript zum Film sei allerdings gestanden, dass der Höhepunkt nur vorgetäuscht gewesen war, erläuterte Bockhold sachkundig.
Bockhold zog es in jeden Souvenirladen, den sie passierten. Sein ausschließliches Interesse galt dort Gegenständen, die mit der deutschen Autofirma in Verbindung standen. Da gab es Salz- und Pfefferstreuer, Lätzchen, Serviersets und noch andere mehr oder weniger überflüssige Utensilien in Herbieform oder mit Beetleaufdruck. Vieles davon hatte er schon in seiner Sammlung, aber der Schuhlöffel für 9,99 Dollar, der fehlte noch.
Sie hatten auf dem Nachhauseweg gerade den Landungssteg in Long Branch hinter sich gelassen und überquerten den Parkplatz. K. sah dort ausnahmslos Fahrzeuge der Kategorie über 50.000 Dollar stehen. Die meisten stammten aus deutscher oder italienischer Produktion.
„Das ist ein cleveres Konzept“, sagte K., „man spart sich die teuren Mieten in Downtown, braucht, obwohl man weiter weg wohnt, weniger Zeit zur Arbeit und kann sich dann das dickere Auto leisten.“
„Ganz so ist es nicht“, widersprach Bockhold, „die Leute hier verdienen alle genug, die könnten sich auch Stadtdomizile leisten. Tun sie aber nicht. Es ist die Lebensqualität, welche sie hierher gezogen hat und nicht das knappe Budget.“
K. vermied es, diese Diskussion weiter zu führen. Für ihn bestand Lebensqualität nicht nur in ruhigem Landleben. Die verschlüsselte Botschaft Bockholds war aber angekommen . Ich , Bob W. Bockhold, habe genug Geld, mir ein Haus zu kaufen, wo immer ich gerne möchte. Und wie zur weiteren Demonstration seines Wohlstands ließ Bockhold, am Haus angekommen, per Fernbedienung das breite Schwingtor zur Garage aufgehen.
„Das hier sind meine Babies“, sagte er mit einer weit ausholenden Armbewegung, welche K. an die Gestik des Trigema-Mannes erinnerte.
K. sah den Grundstock für ein Automuseum. Da stand neben einem Porsche Speedster von 1956 ein alter 356 B. Ein VW-Käfer mit geteilter Heckscheibe war da, ebenfalls ein Bully in der Campingausführung – Woodstock ließ grüßen – und als Krönung ganz vorne ein Porsche-Targa der ersten Generation in Quietschgrün, der Trendfarbe in den 1970er Jahren.
„Kommen sie, wir machen einen kleinen Ausritt mit dem Targa“, sagte der stolze Fuhrparkbesitzer, „das Wetter ist akzeptabel, wir können offen Fahren. Ich zeige ihnen mal die Gegend hier.“
Er öffnete die Kofferraumhaube und klemmte das Kabel des Ladegerätes von der Batterie ab. Dann entfernte er das Dach. Als er den Zündschlüssel drehte, blubberte und fauchte der Motor. Dem Auspuff entwichen dunkle nach verbranntem Öl riechende Wolken. Bockhold bog von der Uferstraße ab. Sie fuhren durch eine leicht hügelige stark zersiedelte Landschaft. Der luftgekühlte Sechszylinder röchelte, schmatzte oder kreischte, je nachdem, wie der Anwalt seinen Gasfuß stellte. Der alte Motor rüttelte sich wach und kam wieder zu Kräften.
Alle zehn Meilen tauchte eine Shopping Mall neben der Hauptstraße auf. Alle sahen sie gleich aus und alle waren sie belegt von den sattsam bekannten Einzelhandelsketten. Die Sportartikelgeschäfte waren hier so groß, wie ganze Warenhäuser in Deutschland.
Bockhold führte K. durch endlos lange, meist menschenleere Gänge an Regalen mit Artikeln vorbei, die ausnahmslos aus Fernost kamen. Allein das Angebot des Ball-Sortiments für American Football in der Sportequipment-Arena nahm eine ganze Hallenseite in Anspruch. Ausrüstungsgegenstände und Funktionsbekleidung für nahezu jede Sportart befanden sich in den Auslagen. Für Bockhold war dieses Angebot neben den teuren Importautos am Landungssteg Sinnbild für die Realisierung des amerikanischen Traums der unbegrenzten Möglichkeiten. Dabei war es viel mehr eine Demonstration für den Einfallsreichtum und die bessere Qualität der Produkte in den Erzeugerländern in Fernost und in Europa.
Und mit jedem Ball, der über den Ladentisch ging und mit jedem Paar Turnschuhe, das verkauft wurde, schnitt sich Fernost wieder ein kleines Stückchen aus dem großen amerikanischen Kuchen heraus. Dasselbe taten auch die japanischen und die deutschen Automobilfirmen in etwas größeren Happen. Die mächtigste Nation der Welt merkte in ihrem Konsumwahn nicht, wie sie sich sukzessive ans Ausland verkaufte. Dort liefen Billionen Dollar an Devisen auf, die auf Dauer nicht im Sparstrumpf verschwinden, sondern als Investitionen in Firmen und in Immobilien nach den USA zurück fließen würden.
Doch Vorsicht, da gab es noch einen anderen Aspekt. Das was Amerika ausgab, nicht nur für Importwaren, sondern auch für Häuser und Motorboote, Offroader und Pick ups, Raumfahrt und Waffen sowie Medicaid, das staatliche Programm für die Krankenversorgung und vieles andere mehr, das wurde durch Geld bezahlt, welches größtenteils gar nicht da war. Es war Spielgeld in Form von Überziehungskrediten auf Plastikkarten und von Hypothekenbriefen, mit denen überwiegend Schrottimmobilien viel zu hoch besichert worden waren, wie sich einige Jahre später in der größten Finanzkrise, welche die Wirtschaft jemals erschüttert hatte, herausstellen sollte.
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