Er ging über den Besucherparkplatz hinüber zur Ranger Station, weil er dort eine Dusche oder zumindest einen Waschraum zu finden hoffte. Berger war noch keine zwanzig Meter weit gekommen, als er leise ein Geräusch vernahm, dass so gar nicht zur Kakophonie des Dschungels passte. Er blieb stehen und lauschte, drehte seinen Kopf in alle Richtungen, um die Herkunft des Geräusches zu ermitteln. Es wurde lauter, langsam, aber stetig, nahm die Intensität des Geräusches zu. Es klang wie ein Motorrad, dachte Berger, aber irgendwie auch wieder anders.
Nach einer Minute war er sich beinahe sicher, dass das Geräusch nicht von der Bucht her zu ihm drang, sondern vom Landesinneren. Er ging an der Ranger Station vorbei, in nördlicher Richtung auf den kleinen Süßwasserhafen zu, in dem einige Boote im dunklen Wasser dümpelten. Nun war er sich sicher, dass das Geräusch von einem Boot stammte, das den Buttonwoodkanal entlang auf Flamingo zusteuerte. Diese Wasserstraße, links und rechts eingefasst von dichtem Mangrovenwald, führte von Flamingo nach Norden zur Coot Bay, einem flachen See inmitten der dichten Wälder. Von dort aus konnte man über weitere Kanäle und Flüsse tief in die Everglades vordringen, sich ohne ortskundigen Führer hoffnungslos verirren und in den Irrgärten des Sumpfes langsam zugrunde gehen. Berger, der dies nicht vorhatte, beschleunigte seine Schritte zu einem leichten Joggen und kam in dem Moment am Kanal an, als ein breites, flach liegendes Holzboot, angetrieben von einem riesigen Propeller am Heck, heranrauschte. Es dauerte keine zehn Sekunden, da hatte Stefan Berger seinen alten Freund Kyle Kovac erkannt.
Der riesige Propeller am Heck drehte sich kaum mehr, als das Boot an den hölzernen Steg glitt und festgemacht wurde. Der Bootsführer hatte Berger zwar gesehen, aber offenbar nicht erkannt, da dieser die aufgehende Sonne in seinem Rücken hatte und wohl nur eine dunkle Gestalt darstellte. Berger sah, wie ihn Kovac aufmerksam musterte, als er sich dem Boot näherte. Unwillkürlich musste Berger grinsen. Manche Dinge änderten sich nie, so auch nicht die Tatsache, dass es fast unmöglich war, sich einem ehemaligen Mitglied einer Spezialeinheit unentdeckt zu nähern. Bergers Blick glitt auf das Boot und er erkannte, dass dort offensichtlich mehrere derselben Schlangen lagen, wie er sie am Abend auf dem Seziertisch des Rastamans gesehen hatte. Und auf dem Boot lagen etwa 5 Exemplare, so wie das Knäuel an toten Leibern aussah, das sich dort auf dem Boden des Rumpfes, gesichert unter einem Netz, befand.
„Die Beute von heute Nacht?“, fragte Berger und deutete auf die toten Schlangen. Er war näher an das Boot herangetreten und die Sonne befand sich nun nicht mehr in seinem Rücken, sondern schien ihm seitlich ins Gesicht. Kyle Kovac richtete sich zu seiner vollen Größe von einsachtundneunzig auf und starrte Berger aus zusammengekniffen Augen an. Schließlich stahl sich ein Lächeln auf sein bärtiges Gesicht.
„Scheiße“, sagte er, griff nach einem der hölzernen Pfosten am Rande des Stegs und zog sich locker nach oben, raus aus dem Boot. Er stand nun direkt vor Berger und überragte ihn um fast einen Kopf.
„Stevie Crowe, was in aller Welt führt dich hierher an den beschissenen Arsch der Welt?“, fragte er ungläubig.
„Nun, ich dachte mir, einen Arsch wie dich kann man nur am Arsch der Welt finden, oder?“, gab Berger zurück. Der andere Mann lachte, dann umarmten sich die beiden Kriegskameraden und der größere klopfte dem kleineren kräftig auf Schultern und Rücken. Berger, dem durch den Hieb fast die Luft wegblieb, löste sich aus der Umarmung, wich dem nächsten Klopfer gekonnt aus und deutete stattdessen einen blitzschnellen Haken in die Nierengegend an. Er bremste seine Faust wenige Zentimeter vor dem Bauch seines Freundes und ließ sie nur angedeutet auf die immer noch stahlharten Muskeln des Ex-Seals klatschen. Gerade stark genug, dass dieser die Geste verstand.
Berger stellte erleichtert fest, dass sich sein alter Freund kaum verändert hatte. Kovac, ein halbes Jahr jünger als Berger, Sohn einer schwarzen Kellnerin aus Chicago und einem polnischen Einwanderer aus New York, war immer noch der Bär von Mann, den er in Erinnerung hatte. Er war groß, knapp zwei Meter, und seit Neuestem trug er sogar so etwas wie eine Frisur, nachdem er bei der Navy immer kahlrasiert herum gegeistert war. Auch ein dicker, buschiger Bart, genauso schwarz wie sein struppiges Haupthaar, wucherte unter der leicht gekrümmten Nase, die ihr Aussehen mehreren Kneipenschlägereien verdankte. Wie er nun so vor ihm stand, mit der camouflagefarbenen Bermudashort und dem engen, schwarzen Shirt, dazu barfuß, sah er aus wie einer der Surfweltmeister, die man auf Sky Sports bei ihrem Treiben vor Hawaii beobachten konnte. Oder aber er sah aus wie ein Schlangenjäger in Florida, was nun offenbar sein Job war.
„Wie geht’s dir, alter Knabe?“, lachte Kovac und umarmte Berger erneut.
„Wir haben uns ja eine Ewigkeit nicht mehr gesehen“, fuhr er fort, nachdem er ihn wieder losgelassen hatte.
„Was führt dich zu mir? Sag schon.“
Berger freute sich wirklich, seinen alten Freund erstens überhaupt und zweitens in einer offenbar ausgezeichneten Verfassung wiedergefunden zu haben. Die Muskelpakete auf Kovacs Oberarmen und Schultern waren auch neu, dachte er. Kovac musste wohl Zeit zum Trainieren haben, nur vom Schlangenfangen legte man nicht so zu.
„Gut siehst du aus, Kyle“, sagte er und meinte es auch so. Kovac grinste und legte seinen Arm auf Bergers Schulter.
„Frühstück?“, fragte er grinsend.
„Kaffee?“
„Oh Mann, das wäre großartig“, antwortete Berger, dessen Magen knurrte.
Eineinhalb Stunden später saßen die drei ehemaligen Soldaten auf dem Holzsteg bei Kovacs Boot. Die Schlangen hatte der Rastaman Jules mittlerweile abgeholt und war wohl gerade damit beschäftigt, sie aufzuschlitzen. Nachdem Berger Kovac mit Chief Williams bekanntgemacht hatte, genossen die drei ein sehr einfaches, aber ausgezeichnetes Frühstück. Kovac lud sie in seinen Caravan ein, ein riesiges Aluminiummonster, das im hintersten Winkel des Campingplatzes geparkt stand. Unter einem ausufernden Vorzelt tischte er Eier, Speck, Orangensaft und literweise Kaffee auf. Während des Frühstücks lernten sich Kovac und Williams besser kennen und Berger glaubte zu bemerken, dass sich die beiden sympathisch waren. Schließlich enthüllten sie dem ehemaligen Lieutenant Commander der Seals, warum sie ihn aufgesucht hatten, und Chief Williams berichtete in Kurzform, was mit der USS Stockdale und seiner Tochter mutmaßlich geschehen war. Kovac war ab diesem Zeitpunkt immer ruhiger und nachdenklicher geworden, seine Gedanken schienen sich bereits mit einem möglichen Einsatz zu befassen. Berger kannte diesen Gesichtsausdruck seines alten Freundes.
Damals im Iran, als die Delta Force gemeinsame Einsätze mit den Seals durchgeführt hatte, ein absolutes Novum in der Militärgeschichte der Vereinigten Staaten, aber ein sehr erfolgreiches Einsatzmodell allemal, damals hatte der ansonsten so lustige und lebensfrohe Kovac auch immer wie auf Knopfdruck zwischen Freizeit und Einsatz umschalten können. Aus dem extrovertierten Haudrauf war ein ruhiger und besonnener Einsatzoffizier geworden. Und das manchmal innerhalb weniger Minuten. Berger wusste nicht, wie oft diese Fähigkeit zur absoluten Fokussierung ihnen allen schon das Leben gerettet hatte.
„Wir müssen uns da unten umsehen und das Wrack finden“, sagte der Ex-Seal und starrte gedankenverloren auf die Florida Bay hinaus. Eine einsame, weiße Yacht glitt durch die ruhige See, Möwen umkreisten das kleine Schiff.
„Das heißt, du machst mit?“, fragte Berger.
„Das hast du doch gehört, Sohn“, brummte Chief Williams und klopfte dem großen, schwarzen Mann dankend auf die Schulter.
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