„Was hat er?“, fragte Hohenstein, die sich nicht länger zurückhalten konnte und aus dem Gebrabbel des Arztes nicht recht schlau wurde. Dr. Schrammel drehte sich nicht zu ihr hin, als er antwortete.
„Er hat schon mal keine Verwundung aus dem Beschuss durch die Artillerie davongetragen. Das hier“, er deutete mit einem der länglichen Instrumente auf die kleine, kreisrunde Verletzung, „ist mit größter Wahrscheinlichkeit eine Schussverletzung.“
„Wie bitte?“ Korvettenkapitän Hohenstein glaubte, nicht richtig gehört zu haben.
„Woher“, begann sie, doch Dr. Schrammel, der sich schwungvoll zu ihr umgedreht hatte, unterbrach sie rüde.
„Frau Kapitän, würden Sie mich nun bitte diesem Mann helfen lassen? Wir können sämtliche Fragen, die Sie haben, gerne danach besprechen. Jetzt halte ich es für das Beste, wenn Sie mich einfach meine Arbeit erledigen lassen.“
Er wandte sich wieder seinem Patienten zu, befahl den beiden Schwestern, die Beine und den größten Teil des Oberkörpers mit warmen Decken zu verhüllen, damit sie die Unterkühlung des Patienten in den Griff bekamen. Die Körpertemperatur, die sie zuvor gemessen hatten, war schon bedenklich niedrig. Auch ohne die Verwundung und den damit verbundenen Blutverlust konnte diese Unterkühlung genügen, einen gesunden Menschen umzubringen.
Hohenstein, die schroffe Zurechtweisung des ihr eigentlich untergebenen Schiffsarztes noch verarbeitend, stand ein paar Meter abseits und bemerkte, dass sie fror. Ihre Uniform war völlig durchnässt, selbst in ihren Stiefeln stand knöcheltief kaltes Meerwasser. Obwohl es ihr schwerfiel, gestand sie sich ein, dass der Arzt recht hatte. Wenn sie diesen Schiffbrüchigen retten wollte, dann musste sie ihre medizinische Abteilung ungestört arbeiten lassen. Den rauen Ton, den Dr. Schrammel ihr gegenüber angeschlagen hatte, konnte sie gut verkraften, hatte sie doch während ihrer Ausbildung und auch als junger Fähnrich so manche Zurechtweisung einstecken müssen. Und auf der Krankenstation war der Doktor immer der Chef, nicht nur hier auf der Prinz Eugen, sondern überall, wo unter dem Banner des roten Kreuzes Menschen geholfen wurde. Also hielt sie sich ein paar Meter abseits im Hintergrund und beobachtete wortlos gespannt das Geschehen.
„Ja, genau wie ich mir gedacht habe“, sagte Dr. Schrammel, der hochkonzentriert mit der Untersuchung der Wunde befasst war. Er richtete sich auf und wandte sich an die beiden Schwestern sowie an seinen Assistenten Hübner.
„Bereiten Sie den Patienten vor, wir müssen die Kugel entfernen“, sagte er, während er sich daranmachte, noch einmal Puls und Blutdruck zu messen. Er hob den Arm des Verwundeten und legte die Druckmanschette am Oberarm an, schloss die Gurte und begann, die Manschette aufzupumpen. Der erfahrene Schiffsarzt sah die Bewegung nicht kommen, erschrak deshalb heftig, als er kraftvoll am offenstehenden Hemdkragen gepackt wurde. Brutal wurde er nach vorne gezogen, der Stoff riss geräuschvoll und Knöpfe landeten klappernd am Boden. Er fand sich nur wenige Zentimeter vor dem Gesicht des Verwundeten wieder, der ihn nun aus verwirrten Augen ansah.
„Nina“, röchelte er mit heiserer Stimme, während sein Blick wie der eines gehetzten Tieres in der Krankenstation umherirrte. Als er Korvettenkapitän Hohenstein entdeckte, sah er sie einige Augenblicke lang an. Seine Blicke trafen die ihren, kurz schien er so etwas wie Erleichterung zu verspüren, doch dann, als er erkennen musste, dass ihm diese Frau nicht bekannt war, schlich sich wieder ein Ausdruck in seine Augen, der erneut Unsicherheit suggerierte, ja beinahe Angst ausdrückte.
„Wo ist sie?“, fragte er zitternd und hielt dabei Dr. Schrammel so fest am Hemdkragen, dass dieser bereits zu würgen anfing. Hübner packte nun seinerseits die Hand des Verwundeten, mit der dieser den Arzt in seinem eisernen Griff hielt.
„Was habt ihr mit ihr gemacht, verflucht?“, schrie der Mann nun, während Dr. Schrammel und der Sanitätsgefreite Hübner nach wie vor erfolglos versuchten, die Hand vom Hals zu lösen.
„Nina!“, grölte der Verwundete röchelnd und machte sich daran, sich von der Liege zu erheben. Hohenstein war aus ihrer Erstarrung erwacht und lief nun mit großen Schritten auf den Behandlungstisch zu. Beherzt griff sie zu und packte den sehnigen Unterarm des Mannes, riss mit aller Kraft daran und gemeinsam gelang es ihnen, kurz bevor der bereits bläulich angelaufene Arzt das Bewusstsein zu verlieren drohte, die Hand von dessen Hals zu lösen. Schrammel sackte nach Luft japsend auf dem Boden zusammen, wo er schnaufend und hustend auf dem Rücken liegen blieb. Eine der Schwestern war auf den Gang gestürmt und schrie nun lauthals nach der Wache. Die andere Schwester warf sich auf den Behandlungstisch, mitten ins Gerangel, und wurde keine Sekunde später von einem Ellbogenhieb an der Schläfe getroffen. Ihre Augen verdrehten sich und sie rutschte wie ein nasser Sack auf den Boden, wo sie neben dem schwer atmenden Doktor liegen blieb.
„Wo ist sie?“, brüllte der Mann, der sich nun halb aufgerichtet hatte und sich mit all seiner Kraft gegen Hohenstein und Hübner wehrte, die ihn wieder niederdrücken wollten. Plötzlich schoss die Faust des Schiffbrüchigen nach vorne, traf wuchtig das Nasenbein des Sanitätsgefreiten, welches knackend brach. Augenblicklich ließ Hübner von ihm ab und wandte sich aufjaulend und sein Gesicht mit den Händen bedeckend ab. Nun war es also an Hohenstein, den Randalierenden zu bändigen. Als sie die Kraft seiner Arme spürte und den schieren Willen in seinen Augen sah, wusste sie, dass sie keine Chance haben würde. Sie spürte seine Hände, die ihre Handgelenke packten und sie mühelos verdrehten, sodass sie sich nicht mehr wehren konnte. Hohenstein sah in die Augen des Mannes, die sie in einem klaren Graugrün anstarrten, und glaubte, darin völlige Unsicherheit und Unverständnis zu entdecken, aber keinesfalls Bösartigkeit oder Hass. Dann hörte sie dumpfes Poltern schwerer Stiefel in ihrem Rücken und Schreie von mehreren Männern.
Der Mann, der sie gepackt hielt, hatte dies ebenfalls registriert und ließ sie augenblicklich los. Während sie nach unten sackte, sah sie den Kolben eines Gewehres, das nach dem Kopf des Mannes schlug. Sie sah, wie dieser das Gewehr gekonnt parierte und zur Seite abwehrte. Sie sah aber auch, wie ein zweiter Kolben klatschend die Stirn des Mannes traf, dann verschwand er aus ihrem Blickfeld.
„Nein!“, schrie sie, „sofort aufhören!“
Mühsam rappelte sie sich hoch und entdeckte dabei Dr. Schrammel, der sich ebenfalls wieder halb erhoben hatte. Ihr Blick fiel auf den Behandlungstisch, wo der Verwundete lag. Seine Augen waren geschlossen, er bewegte sich nicht mehr und überall war Blut.
„Zurück!“, befahl sie den beiden Marinesoldaten, die mit fragenden Blicken und schussbereiten Gewehren die chaotische Szenerie betrachteten.
„Sichern Sie Ihre Waffen, bevor Sie damit noch jemanden erschießen!“, brüllte sie, worauf die beiden Soldaten sich vielsagende Blicke zuwarfen und die Waffen senkten.
„Raus!“, wies sie die beiden an.
„Warten Sie vor dem Schott auf weitere Befehle.“
Als sie sich umdrehte, sah sie Dr. Schrammel, wie sich dieser wieder über den nun nicht mehr rabiaten Verwundeten beugte, um ihn zu untersuchen. Sie ging die paar Schritte zum Behandlungstisch und betrachtete den Schiffbrüchigen. Als sie sein Gesicht sah, zuckte sie zusammen. Er blutete stark aus einer hässlichen Wunde an seiner Stirn, auch die Schusswunde an seiner Seite hatte wieder verstärkt zu bluten begonnen. Ansonsten gab der Mann kein Lebenszeichen mehr von sich, dass Hohenstein hätte erkennen können.
„Ist er tot?“, fragte sie gerade heraus. Dr. Schrammel fühlte nach dem Puls, fand ihn und begann sofort wieder Anweisungen zu geben.
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