„Tut mir leid, meine Herren, aber die Station ist geschlossen“, sagte ein schlaksiger Afroamerikaner mit langen Rastas. Er trug ein buntes Hawaiihemd, helle Bermudas und Sandalen. Wie ein Metzger hatte er einen weißen Plastikschutz umgebunden, der mit Blut besudelt war. Mit einer Hand hielt er eine dicke, filterlose Zigarette. Mit der anderen stützte er sich an einem Edelstahluntersuchungstisch ab, der mitten im Raum unter einer Tageslichtlampe stand. Auf dem Tisch lag eine riesige, fette Schlange, deren Leib teilweise aufgeschlitzt war. Blut des toten Reptils sammelte sich am Rand des Tisches und lief von dort in einen Eimer ab, der unter der Abtropföffnung stand.
„Was zum…“, meldete sich Chief Williams, der die tote Schlange gesehen und den Gestank in der Luft gerochen hatte.
„Hallo“, sagte Berger äußerlich völlig unbeeindruckt, obwohl Schlangen nun nicht gerade zu seinen Lieblingstieren gehörten. Immerhin war dieses Exemplar unzweifelhaft tot und deshalb wohl völlig ungefährlich.
„Wir sind Freunde von Kyle Kovac und würden gerne wissen, wo er ist. Können Sie uns weiterhelfen?“, fragte er freundlich. Der Rastaman besah sich die beiden Männer mit einer Mischung aus Misstrauen und Verärgerung.
„Woher kennen Sie Kyle?“, fragte er und ließ einen blutigen Fleischbrocken, oder was auch immer das war, in einen Eimer neben der toten Schlange gleiten.
„Von seiner Zeit beim Militär. Ich bin First Sergeant Crowe und das ist Master Chief Williams.“
Berger sah, dass das Misstrauen in den Augen des Mannes nicht wich.
„Wir waren zusammen im Iran und in Afghanistan“, fuhr Berger fort.
„Und was wollen Sie von Kyle?“, fragte der Rastaman, der sich seinerseits nicht vorgestellt hatte. Immerhin klang er nicht mehr ganz so misstrauisch.
„Wissen Sie, wo er sich aufhält?“, fragte nun Chief Williams in beherrscht ungeduldigem Ton.
„Das kann schon sein, dass ich das weiß“, gab der Rastaman schnippisch zurück.
„Aber warum sollte ich es jemandem sagen, den ich nicht kenne? Kommen Sie morgen wieder, dann weiß ich es vielleicht wieder“, schnauzte der Rastaman.
„Vielleicht weiß ich’s aber auch morgen nicht“, grinste er und wand sich wieder der toten Schlange zu. Die leise Reggaemusik im Hintergrund wummerte weiter vor sich hin. Berger sah Williams an und erkannte wieder das ungesunde Rot in dessen Gesicht. Er spürte die nahende Eruption und bedeutete ihm, sich zu beruhigen. Dann ging er ein paar Schritte auf den Schlangenmann zu.
„Hören Sie, Mister. Wir sind eine Ewigkeit unterwegs und wollen nur wissen, wo Kyle ist. Wir brauchen dringend seine Hilfe und wir müssen ihn unbedingt finden. Es geht um Leben und Tod, glauben Sie mir.“
Der Rastaman sah in Bergers entschlossenes Gesicht und betrachtete ihn für eine Ewigkeit. Berger zwang sich, ruhig zu bleiben und nicht die Wahrheit aus diesem Mann rauszuprügeln. Schließlich, nach der schieren Ewigkeit einer halben Minute, äußerte sich der Schlangenmann.
„Meine Güte, Jungs, ihr seid ganz schön hartnäckig.“ Dann grinste er und entblößte überraschend weiße und gerade Zähne.
„Ich bin Jules“, grinste er.
„Und ich weiß tatsächlich, wo diese alte Dschungelratte ist.“
„Das ist ja toll, Jules“, lächelte Berger.
„Und wo ist er?“
Jules Rastaman grinste breit und zeigte aus dem Fenster in Richtung der Mangrovenwälder.
„Kyle ist irgendwo da draußen und jagt Tigerpythons“, erklärte er ruhig.
„Sind verdammt lästige Mistviecher, müsst ihr wissen. Wurden hier irgendwie eingeschleppt und fressen alles, was ihnen in den Weg kommt. Ruinieren dabei das örtliche Ökosystem. Rotten andere Tiere aus. Kyle unternimmt was dagegen, indem er diese Viecher aufstöbert und kaltmacht.“
„Na toll“, sagte der Chief und massierte seine müden Augen.
„Und wann kommt er zurück?“, fragte Berger, der keine Lust hatte, seinen Freund in diesem schlangenverseuchten Dschungel zu suchen.
„Wenn ihr Glück habt, morgen.“
„Können wir hier irgendwo übernachten?“, wollte Berger wissen. Der Rastaman Jules grinste und schüttelte den Kopf.
„Der Campingplatz und das Besucherzentrum sind zu. In meinem Zimmer steht nur ein Bett und Kyles Wagen, glaubt mir, da wollt ihr nicht drin schlafen.“
„Wir schlafen im Auto“, grollte der Chief, drehte sich um und marschierte in Richtung Tür. Berger sah ihm nach und drehte sich wieder zu Jules um.
„Danke Jules“, sagte er.
„Wie erfahren wir, ob Kyle wieder da ist?“
„Das werdet ihr kaum überhören können“, grinste der andere Mann.
„Kyle ist kein Mann der leisen Töne, glaubt mir.“
„Ja, das ist allerdings wahr“, gab Berger zu, der sich an die eine oder andere Episode mit Kyle Kovac erinnerte. Ruhig war es dabei nie zugegangen.
„Eine Frage noch: Warum schneiden Sie die Schlange auf?“, wollte Berger wissen.
„Ganz einfach: Wir wollen wissen, was die Schlange gefressen hat, und dadurch die Vermutung beweisen, dass die massenhafte Ausbreitung des Tigerpython schuld am Populationsrückgang von Waschbären, Kaninchen und anderen Kleintieren ist.“
Jules schnappte sich den blutigen Brocken, den er zuvor in einem Kübel deponiert hatte, und hielt ihn Berger unter die Nase. „Da, sehen Sie? Ein Kaninchen.“
„Danke Jules, und viel Spaß noch beim Rumschneiden an der Schlange“, sagte Berger, drehte sich um und verließ den Raum.
„Gute Nacht!“, hörte er Jules übertrieben gutgelaunt in seinem Rücken. Ja, auf diese Nacht freute er sich auch schon. Er wusste, dass er höchstwahrscheinlich kein Auge zumachen würde.
Flamingo Ranger Station, Südflorida
31. August 2017
Entgegen seiner pessimistischen Annahme war er nur wenige Minuten nach dem Anlaufen der Klimaanlage des großen Wagens eingeschlafen. Der laufende Motor erzeugte ein gleichmäßiges Brummen, das diverse Schreie und Rufe aus dem nahen Mangrovenwald übertönte und einschläfernd auf die beiden Männer wirkte. Berger hatte die Klimaanlage auf Umluft eingestellt, um zu vermeiden, dass die Abgase angesaugt wurden und sie sich im Schlaf eine ungesunde Kohlenmonoxidvergiftung einhandelten. Er hatte keine Lust, im Schlaf zu sterben, das war so gar nicht seine Art. Die Sitze des Jeeps waren breit und bequem, ließen sich weit nach hinten umlegen und gaben ein passables Bett ab. Als die Klimaanlage dann vier Stunden lang gekühlt hatte, stellte Berger den Motor ab, drehte sich wieder um und schlief tief und fest bis zum Morgengrauen.
Als die ersten Sonnenstrahlen auf das Auto fielen, war die Temperatur im Inneren bereits wieder unangenehm angestiegen. Berger schlug die Augen auf, spürte einen leichten Schmerz in seinem Genick und setzte sich auf. Er drehte seinen Hals in beide Richtungen, hörte es knacken und gähnte. Mit den Fingern fuhr er sich durch sein Haar und bändigte es. Schließlich öffnete er die Tür und trat hinaus auf den schon wieder oder immer noch sehr warmen Beton des Besucherparkplatzes. Er streckte sich knackend und sog die warme, feuchte Luft in seine Lungen, atmete tief wieder aus. Sein Blick ging über die ruhige Florida Bay, dann hinüber zur Ranger Station, in der sich nicht das Geringste rührte. Aus dem Mangrovenwald in seinem Rücken drangen mannigfaltige Geräusche, verursacht von hunderten verschiedenen Tieren, die ebenfalls den Morgen genossen. Berger wollte gar nicht genau wissen, was hier alles herumkroch, er liebte den Dschungel nicht besonders. Dafür hatte er in Feuchtwäldern wie diesen schon zu viel Schlimmes erlebt. Er streckte sich nochmal und wischte sich den Schlaf aus den Augen, sah in den Jeep, wo der Chief nach wie vor tief und fest schlief. Berger wunderte sich selber, dass er durch das dröhnende Schnarchen des älteren Mannes nicht ständig aufgewacht war. Doch an unmöglichen Orten und unter denkbar ungünstigen Voraussetzungen zu schlafen, war auch etwas, was Berger im Laufe seines Lebens hatte lernen müssen.
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