„Nein, er lebt“, antwortete er.
„Noch“, ergänzte er ernst. Dann wurde es hektisch, als die beiden Schwestern und der Arzt sich um den Schwerverletzten kümmerten. Einen Augenblick besah sich Schrammel die gebrochene Nase des Sanitätsgefreiten, erkannte, dass hier keine akute Gefahr bestand, und überließ ihn der Pflege eines weiteren Sanitäters, der mittlerweile aus der Messe geholt worden war. Dann wandte er sich wieder an Hohenstein.
„So, jetzt verlassen alle die Krankenstation, außer zwei Wachen, die zur Sicherheit hierbleiben.“
Er glaubte zwar nicht, dass der Mann nach diesem Schlag, sollte er ihn überhaupt überleben, in den nächsten Minuten aufwachen würde, aber garantieren konnte er es nicht.
„Ich will versuchen, das Leben dieses Verrückten zu retten“, sagte er launig, dann machte er sich an die Arbeit.
Korvettenkapitän Anna Maria Hohenstein trug frische, trockene Kleidung, als sie später mit nachdenklicher Miene vor dem orangen Gebilde kniete, in dem der Schiffbrüchige gefunden worden war. Sie trug ihren Wollmantel und eine dicke Mütze aus Biberfell, die die Marine erst kürzlich für den Dienst in den arktischen Regionen eingeführt hatte. Ein silberner Adler, der auf einem Anker saß, war vorne auf der Mütze aufgenäht worden, das Symbol der Seestreitkräfte der noch so jungen Republik Österreich. In der Offiziersmesse war es überhaupt nicht kalt, doch Hohenstein hatte sich noch immer nicht vollends aufgewärmt, weshalb sie den Mantel und die Mütze noch nicht abzulegen gedachte. Die Wärme des Schiffsinneren bahnte sich nur recht langsam den Weg zurück in ihren schlanken Körper, dem der Regen und die Kälte des eisigen Decks zugesetzt hatten. Nach ihrer Dienstzeit bei der vierten Flotte in der warmen Adria hatte sie sich noch nicht an die für sie neuen Witterungsverhältnisse gewöhnt, die hier oben in der Nordsee und noch weiter nördlich, im Polarmeer, herrschten.
Sie berührte das gummiartige Material, fuhr beinahe zärtlich mit ihren langen, gepflegten Fingern über die schwarzen Buchstaben, folgte den Konturen der exakt gearbeiteten Nähte, an denen keinerlei Stiche oder Fäden zu finden waren, und fragte sich immer wieder, was zum Teufel sie da aus der rauen Nordsee gezogen hatten. RESCUE, las sie, und ihre Englischkenntnisse erlaubten ihr zu erkennen, dass es sich um ein Rettungsfloß oder einen überdimensionalen Rettungsring handeln musste – besser gesagt: um die Reste eines solchen. Die Granaten der Prinz Eugen mussten sehr nahe eingeschlagen haben und es war ein Wunder, dass der Mann nicht von Schrapnellen getroffen worden war. Diesem Rettungsfloß hatten sie auf jeden Fall ordentlich zugesetzt. Außer dem einen war kein anderes englisches Wort mehr zu entdecken. Die persische oder chinesische Schrift hingegen, die überall zu lesen war, vermochte niemand an Bord zu entziffern. Den Namen eines Schiffes, zu dem dieses Floß oder Boot gehörte, suchte man ebenso vergeblich.
In diesem durchnässten, zerfetzten Gummiding hatte man außer dem Überlebenden nur einige wenige Dinge gefunden, die nun fein säuberlich auf einem weißen Tisch aufgereiht lagen. Hohenstein erhob sich wieder, nahm nun doch zumindest die dicke Fellmütze ab und fuhr sich kurz kontrollierend durchs Haar. Vor dem Tisch hielt ein Matrose Wache und passte auf, dass nichts von den gefundenen Gegenständen abhandenkam. Hohenstein nickte dem salutierenden Soldaten zu und besah sich den mickrigen Fund. Sie würde die Dinge besser auf ihre Kajüte bringen lassen, dachte sie, während sie nach dem ersten Fundstück griff. Es handelte sich um einen sehr merkwürdig geformten Dosenöffner aus einem schwarzen, leichten Material. Sie betrachtete ihn eine Weile, legte ihn dann wieder zurück. Ein Paddel war gefunden worden und es schien aus weißem Plastik zu sein, nicht aus Holz. Das Paddel war nicht sonderlich interessant, im Gegensatz zu den weiteren Objekten. Sie griff nach einem kleinen, weißen Plastikpäckchen, auf dem dieselbe nicht entzifferbare Schrift stand wie überall auf dem Rettungsfloß. Es war so groß wie ihre geöffnete Hand und wog etwa ein Viertelkilo. Hohenstein vermochte nicht zu erkennen, um was es sich handelte, und legte es zurück auf den Tisch. Dann nahm sie einen größeren Gegenstand in Augenschein, eine orange Boje, die etwa die Größe und die Form einer Weinflasche hatte. Die Boje war aus mattem Metall und teilweise aus Plastikteilen gefertigt. In kleinen schwarzen Buchstaben war wieder etwas Unbekanntes aufgedruckt worden. Eine seitliche Halterung war abgerissen, wie sie am ausgefransten Plastik erkennen konnte. Das Ding war schwer, dachte sie, es wog gut und gerne drei bis vier Kilogramm. Wieder fragte sie sich, was sie da wohl in Händen hielt, als sie Schritte und eine Stimme in ihrem Rücken hörte. Sie drehte sich um und sah, wie Dr. Schrammel die Messe betrat. Es war noch keine zwei Stunden her, seit sie ihn im Krankenrevier verlassen hatte.
„Frau Kapitän“, sagte er wesentlich ruhiger, als vorher, „der Mann ist am Leben.“
„Sehr gut“, antwortete Hohenstein erleichtert. Ein toter Zivilist, der auf ihre Rechnung ging, war das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.
„Ist er bei Bewusstsein?“, fragte sie. Der Blick des Arztes verfinsterte sich.
„Nein“, sagte er leidenschaftslos.
„Und ich habe keine Ahnung, ob er jemals wieder aufwachen wird“, schloss er müde. Hohenstein nickte verständnisvoll, auch ihre Miene verdüsterte sich.
„Die Schusswunde ist unproblematisch“, fuhr der Arzt fort.
„Und den vielen Narben nach zu urteilen, die er am ganzen Körper hat, scheint er hart im Nehmen zu sein.“
Hohenstein nickte und erinnerte sich an die zahlreichen hellen Striemen und Flecken.
„Aber dieser schwere Schlag gegen seinen Kopf“, murmelte er kopfschüttelnd, „keine Ahnung, ob er den übersteht.“
„Dann müssen wir abwarten“, sagte Hohenstein, „und hoffen, dass sich sein Zustand nicht verschlechtert, bis wir wieder zurück an Land sind.“
Der Arzt nickte zustimmend, murmelte ein paar Worte, dass er wieder zurück müsse, drehte sich um und ging langsam zur Tür. Dann, kurz bevor er sie erreichte, hielt er inne und drehte sich wieder um.
„Ah, bevor ich’s vergesse“, sagte er und strich sich über die müden Augen.
„Der Mann hat eine Tätowierung an der Schulter, die ist recht interessant.“
Hohenstein sah den Arzt an.
„Und?“, fragte sie, „was stellt sie dar?“
„Vier Großbuchstaben“, erklärte Schrammel.
„U.S.M.C.“
Dann ging er endgültig und Korvettenkapitän Hohenstein war so klug wie zuvor. Nachdenklich stand die junge Kommandantin in der Offiziersmesse, während der stählerne Rumpf des Panzerkreuzers Prinz Eugen auf Heimatkurs durch die aufgewühlte Nordsee pflügte. Das Manöver war beendet.
Ötztal, Tirol
27. August 2017
Als der Master Chief um 07:00 Uhr klingelte, wurde ihm umgehend geöffnet. Berger hatte den Kellerraum sauber gemacht und sich anschließend ausgiebig geduscht, um den Schmutz abzuwaschen, der von diesem ekligen, kleinen Mann vielleicht noch an ihm gehaftet hatte. Schließlich hatte er ihn die halbe Nacht durch die Gegend geschleppt und auch in der Wohnung des Stalkers hatte sich Berger einige Zeit aufgehalten, um seinen Auftrag zu einem besonders befriedigenden Abschluss zu bringen. Berger hatte dabei penibel darauf geachtet, keine Spuren, insbesondere verwertbare DNA-Spuren zu hinterlassen. Die Spurensicherung würde mit hoher Wahrscheinlichkeit die Wohnung des Mannes untersuchen, und Berger war ein Profi, der nichts dem Zufall überließ. Er vertraute auch ungern auf sein Glück.
Nun empfing er den Chief, Ninas Vater, frisch geduscht mit einer Tasse dampfendem Kaffee in der Hand, die er dem alten Seebären hinhielt.
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