„Kaffee?“, fragte er.
„Ich nehme an, schwarz wie die Nacht und so stark, dass der Löffel darin von alleine stehen bleibt?“
Master Chief Williams lächelte trotz der ernsten Lage, in der sie sich befanden. Das erste Mal seit einer Ewigkeit. Und es tat gut.
„Danke, Junge“, sagte der Chief und ergriff die heiße Schale. Dann folgte er Berger durch das Erdgeschoß hinaus auf eine südöstlich situierte, mit beigen Pflastersteinen belegte Terrasse. Durch einen aus leichten Holzstäben gezimmerten Aufbau, auf dem Weinranken wuchsen und Efeu sich seinen Weg empor bahnte, schien das warme Licht der morgendlichen Sonne. Der schlichte Holztisch war ordentlich gedeckt, da Berger nach dieser langen Nacht hungrig wie ein Löwe war. Auch Ian Williams schien hungrig zu sein, denn als sie sich gesetzt hatten, langten beide Männer ordentlich zu.
„Als Erstes müssen wir das Schiff finden“, sagte Berger und sah den Chief zustimmend nicken.
„Das wird zwar verdammt schwierig werden, aber wir brauchen Gewissheit, was mit der Stockdale passiert ist. Dann können wir weitere Schritte planen.“
„Und wie stellen wir das an?“, fragte Williams und schlürfte an seinem dritten Kaffee.
„Ich hab da so eine Vorstellung, aber dazu müssten wir einen dritten Mann in unser Team holen.“
Berger sah Skepsis und Unsicherheit in den Augen des Chiefs aufblitzen. Die Idee, noch eine Person in dieses kleine Geheimnis einzubinden, gefiel ihm offenbar überhaupt nicht.
„Und an wen hätten Sie da gedacht?“, brummte er. Berger schenkte sich Orangensaft nach und überlegte, wie er Ninas Vater erklären sollte, was er vorhatte.
„Dazu müssen wir zuerst rüber in die Staaten fliegen“, antwortete er schließlich.
„Ich kenne da jemanden, der absolut zuverlässig und vertrauenswürdig ist.“
„Hmm. Und über welche Qualifikation verfügt dieser Jemand, mit der er uns beiden weiterhelfen könnte?“, wollte Williams wissen.
„Er war bei den SEALs“, sagte Berger und der Chief nickte wissend.
„Gut“, sagte der ältere Mann.
„Sehr gut.“
Miami, Florida
30. August 2017
Der Airbus A330 der Lufthansa war um 12:10 Uhr Ortszeit in München bei heftigem Sturm und prasselndem Regen gestartet, hatte die mehr als elfstündige Reise quer über den Atlantik relativ ungestört hinter sich gebracht und setzte nun kurz vor halb sechs Uhr abends auf der brütend heißen Piste des Miami International Airports auf. Das Flugzeug rollte über den Runway und wurde von einem Einweiser auf seine endgültige Parkposition verfrachtet. Gepäck und müde Fluggäste verließen den Jet und sammelten sich um das Kofferförderband. Während Master Chief Ian Williams auf ihre Koffer wartete, spurtete Stefan Berger zum Avis-Schalter und mietete einen Jeep Cherokee. Als er die Schlüssel und die obligatorischen Papiere entgegennahm, erschien auch schon der Chief mit den beiden Koffern. Gemeinsam verließen sie den Terminal und nahmen eines der wartenden Taxis, das sie zur Mietwagenzentrale brachte, die etwa fünf Minuten entfernt im Osten lag. Sie verließen das Taxi, fanden den grauen Jeep, verstauten ihr Gepäck und fuhren los.
Berger fuhr das große Auto in Richtung Süden. Der Jeep erreichte den Dolphin Expressway, fuhr zwischen Lagune und Flughafen im gemäßigten Tempo nach Westen, bog dann nach Süden auf den Palmetto Expressway ab und folgte diesem bis zum Lake Catalina. Dort bog Berger nach rechts ab und fädelte sich in den Verkehr auf dem Don Shula Expressway ein. Sie befanden sich bereits im Vorstadtbereich, als sie den Ronald Reagan Turnpike erreichten und es wieder genau in südlicher Richtung weiterging. An der Stadtgrenze fuhren sie an eine Tankstelle, versorgten sich mit ausreichend Getränken, einer Kühltasche und einer Kleinigkeit zum Essen und fuhren anschließend weiter. Sie erreichten den State Highway 9336, der sie für die nächste Stunde durch die steppenartige Graslandschaft Südfloridas führte. Die Luft wurde mit jeder Meile feuchter und auch die Anzahl der Stechmücken, die gegen die Windschutzscheibe prasselten, nahm stetig zu.
Während die Sonne direkt vor ihnen immer tiefer sank, wurde auch das Land immer flacher und der Boden senkte sich zunehmend zum Meer hin ab. Berger und Williams sahen erste Wasserflächen, Sümpfe und Rinnsale, die sich durch die Landschaft schlängelten. Ausgedehnte Feuchtwälder und Mangroven breiteten sich vor ihren Augen aus, ein Fuchs preschte im Scheinwerferlicht über die Straße und zwang Berger zu einem abrupten Bremsmanöver. Schließlich, nach etwa eineinhalb Stunden Fahrt, befanden sie sich tief in den Everglades, in den Sümpfen Südfloridas.
„Mann, Mann, was für eine beschissene Gegend“, raunte Master Chief Ian Williams, der sich mit seiner irischen Abstammung und der hellen Haut in solch tropischen Gegenden nie besonders wohl fühlte. Um seinen Kommentar noch zu untermauern, fischte er eine Dose Bud aus der Tasche und öffnete sie zischend.
„Das hält man ja im Kopf nicht aus, so beschissen einsam und leer ist es hier unten“, schimpfte er weiter.
„So beschissen leer wie auf dem Nordatlantik?“, fragte Berger und grinste zu seinem Beifahrer hinüber.
„Das ist was anderes, Junge“, gab dieser zurück.
„Das Meer ist erhaben, die See ist was Wundervolles. Doch dieser Sumpf hier, ich weiß nicht, der will mir ganz und gar nicht gefallen.“
Er kippte das Bud in seine offensichtlich ausgetrocknete Kehle und warf die leere Dose in die Tasche. Er sah wieder aus dem Fenster und murmelte brodelnd weiter.
„Ich hoffe, wir finden den Mann schnell.“
Dann sah er zu Berger.
„Ich hab so das unbestimmte Gefühl, dass Sie nicht genau wissen, wo wir ihn finden werden, oder?“
Berger, der wirklich nur eine ungefähre Ahnung hatte, wo sich sein alter Freund aufhalten könnte, fühlte sich ertappt. Um davon abzulenken, schnappte er sich ebenfalls eine Dose Bier und hielt sie dem Chief hin. Der Chief sah Berger einige Augenblicke lang an, dann schnappte er sich die Bierdose mit der linken und hielt Berger die rechte Hand hin.
„Nenn mich Ian, Sohn“, sagte er.
„Nur wenn du mich Stefan nennst, Ian.“
„In Ordnung, Sohn.“
Flamingo Ranger Station, Südflorida
30. August 2017
Um kurz vor halb elf Uhr abends erreichten sie schließlich das Ziel ihrer Reise. Die Flamingo Ranger Station, ein in altrosa gestrichener, von Palmen gesäumter Bau an den nördlichen Ausläufern der Florida Bay. Die Station lag in dem ehemaligen Fischerdörfchen Flamingo, das nun, außerhalb der Saison, relativ verlassen dalag. Die wenigen Shops, die es hier gab, waren genauso verschlossen wie der nahe Campingplatz. Einzig die Ranger Station war in Betrieb, da der Nationalpark das ganze Jahr über zu betreuen war.
Berger parkte das Auto auf einem der breiten, betonierten Besucherparkplätze. Als sie aus dem klimatisierten Jeep ausstiegen, schlug ihnen die feuchtheiße Spätsommerluft der Everglades entgegen. Beinahe augenblicklich klebten Shirt und kurzärmeliges Hemd an den Oberkörpern der beiden Männer. Es war außerdem völlig windstill, wodurch sich das Gefühl der wabernden, stickigen Wärme noch verstärkte. Berger verschloss den Wagen und gemeinsam marschierten sie hinüber zur schwach erleuchteten Betonfläche direkt vor der Ranger Station. Sie sahen, dass im Inneren noch Licht war, also überwanden sie die Eingangstreppe und betraten das Gebäude.
Drinnen war es gleich warm wie draußen, die Klimaanlage funktionierte entweder nicht, oder es gab schlicht und ergreifend keine. Sie hörten leise Musik, die aus einem Raum zu kommen schien, der sich etwa fünfzehn Meter voraus auf der rechten Seite des Ganges befand. Die Tür stand einen Spaltbreit offen. Warmes Licht fiel in den düsteren Flur. Nun hörten sie auch eine Stimme, konnten aber nicht verstehen, was gesprochen wurde. Berger klopfte und trat ein. Williams folgte ihm.
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