Hohenstein stand nun persönlich ganz vorne am aufragenden Bug des Kreuzers, beobachtete, wie das Schiff die Wellen schnittig teilte, und suchte methodisch das schwarze Wasser vor sich ab. Sämtliche Ausguckposten waren doppelt und dreifach besetzt. Man hatte zusätzliche Ferngläser aus dem Magazin kommen lassen, die, da nun der Mond wieder verschwunden war, den Suchenden nicht sonderlich viel nützten. Auf der Brücke hatte der IO Mühlmann das Kommando inne und wartete auf weitere Anweisungen.
„Kontakt!“, rief ein Ausguck von den steuerbordseitigen mittleren Aufbauten.
„Unbekanntes Treibgut an Steuerbord querab, Entfernung etwa einhundert Meter!“, brüllte der junge Mann. Hohenstein spurtete zurück zum Kommandoturm der Prinz Eugen, öffnete das Schott und betätigte die erste Sprechanlage, die sie erreichte.
„Hier spricht der Kommandant. Maschinen Stopp! Beiboot zu Wasser lassen. Entermannschaft antreten!“
Sie hängte das Mikrophon wieder auf die Gabel und verließ den Kommandoturm, rannte hinaus aufs feuchte Deck. Dort überwachte sie, wie wenig später eines der hölzernen Beiboote mit dem befohlenen Enterkommando zu Wasser gelassen wurde. Das kleine Boot schaukelte wie eine Nussschale auf den immer rauer werdenden Wellen und stieß sich mühsam vom Stahlrumpf des Panzerkreuzers ab. Kraftvoll tauchten die Ruder ins schwarze Wasser, die Männer pullten lautstark unter dem Befehl eines erfahrenen Bootsmannes. Zwei Mann des Kommandos hatten tragbare Lampen mit an Bord genommen und versuchten nun damit, das Wasser vor dem schmalen Bug des Holzbootes zu beleuchten. Über ein klobiges Funkgerät standen sie im Kontakt mit dem Ausguck, der sie dorthin dirigierte, wo er etwas gesehen zu haben glaubte. Immer weiter entfernte sich das Beiboot von der Prinz Eugen und immer angespannter folgten ihm die Blicke der zurückgebliebenen Besatzungsmitglieder. Schließlich, es schien schon eine Ewigkeit zu dauern, rief der Bootsmann an Bord des Beiboots lautstark und deutete wild gestikulierend nach steuerbord. Die Ruderer drehten das Boot mit kräftigen Schlägen und brachten es auf den neuen Kurs. Der Bootsmann hantierte mit einem Bootshaken am Bug des kleinen Schiffes und stocherte auf der Wasseroberfläche herum. Plötzlich verlor er den Halt, rutschte aus und drohte, ins kalte Wasser zu stürzen. Doch mehrere starke Arme griffen nach ihm und hielten ihn fest, sodass er taumelnd stehend blieb und den Bootshaken einholen konnte. Hohenstein sah, wie er etwas losmachte, das er aus dem Wasser gefischt hatte. Dann machte das Boot kehrt und näherte sich wieder dem Panzerkreuzer. Man warf Leinen aus und hievte das kleine Boot wieder an Bord. Sofort war Hohenstein am Boot und verlangte zu sehen, was der Bootsmann aus dem Wasser gezogen hatte.
„Was haben Sie, Slupitzki?“, wollte sie wissen, woraufhin der Bootsmann sich am kahlen Kopf kratzte und ihr das Ding hinhielt, das er aus der rauen Nordsee gezogen hatte.
„Keine Ahnung, was das sein tut, Frau Kapitänin“, antwortete der alte Seebär.
„Sowas hab ich in meim ganzen Lebn nicht gesehn!“
Hohenstein betrachtete das Treibgut, berührte es und versuchte es einzuordnen, hatte aber keine Ahnung, was es war. Sie hielt einen etwa eineinhalb Meter langen und etwa einen halben Meter breiten Streifen eines leuchtend orangen Materials in ihren Händen. Die Ränder des Materials, das sich wie Gummi anfühlte, aber eher etwas folienartig erschien, waren gezackt ausgefranst. Einzelne Fasern dieser Folie hingen mehrere Zentimeter über die Abrisskante hinaus. Als sie sie berührte, fühlten sie sich trocken an, obwohl sie eben noch im Wasser gelegen hatten. Die gesamte Folie war auch völlig trocken. Wassertropfen des einsetzenden Regens, die die Oberfläche des Materials benetzten, perlten rückstandslos ab und fielen auf die alten Holzplanken des verwitterten Decks.
„Da tut was gschriebn stehn!“, rief der Bootsmann Slupitzki und deutete auf die Rückseite der Folie. Rasch drehte Hohenstein das Fragment um und entdeckte tatsächlich matte schwarze Zeichen, die auf dem Orange zu sehen waren. Sie erkannte die Buchstabenfolge RES, dann noch einen Teil eines vierten Buchstaben, vielleicht ein O oder ein C, dann riss die Abrisskante das Wort entzwei. Direkt darüber waren merkwürdige Zeichen zu erkennen, die Hohenstein nicht zu entziffern vermochte.
„Das gehört den Russn, sapperlot!“, rief Slupitzki aus.
„Wir hamm an Russn versenkt!“
Ein Raunen durchlief die anwesenden Männer, und Slupitzki schien drauf und dran, noch mehr Unsinn auf seine unnachahmliche Art und Weise zu verbreiten.
„Halten Sie den Mund, Bootsmann!“, mahnte Hohenstein ihn ruhig ab.
„Das sind keine kyrillischen Buchstaben“, stellte sie nüchtern fest.
„Wenn ich mich nicht irre, dann handelt es sich hierbei um eine asiatische oder arabische Schrift. Vielleicht Persisch oder auch Chinesisch.“
„Was sollte ein chinesisches oder persisches Schiff hier in der Nordsee verloren haben?“, fragte ein anderer Unteroffizier. Die Antwort blieb man ihm schuldig, da sich ein Ausguck, diesmal von Backbord, lautstark meldete.
„Kontaaakt, Kontaaakt!“, brüllte der junge Mann. Hohenstein drückte die orange Gummifolie dem Seemann in die Hand, der ihr am nächsten stand.
„Bringen Sie das unverzüglich in meine Kajüte!“, befahl sie, dann lief sie den anderen folgend über das rutschige Deck auf die Backbordseite des Schiffs. Zuvor hatte sie Slupitzki erneut befohlen, das Beiboot zu wassern. Es dauerte einige Minuten, bis das kleine Boot den Bug des Panzerkreuzers umrundet hatte und sich schließlich weiter entfernte, um die neue Sichtung zu untersuchen. Slupitzki und die Entermannschaft verschwanden schließlich aus dem in der Dunkelheit überschaubaren Nahbereich des Schiffes, weshalb Hohenstein der Brücke befahl, dem Beiboot behutsam zu folgen. Immer wieder tauchte der Umriss des Bootes, verschleiert durch Regen und Nebel, im diffusen Licht der Lampen auf, dann verschwand es wieder in einem Wellental. Die Anspannung an Bord der Prinz Eugen wuchs mit jedem Augenblick und war beinahe physisch greifbar.
Minute um Minute verstrich, ohne dass das Beiboot Anstalten machte, zum Mutterschiff zurückzukehren. Dann, nach einer schieren Ewigkeit, tauchte der weiße Rumpf des Bootes wieder im Lichtkegel der Lampen auf. Bootsmann Slupitzki, der aufrecht am Bug des schaukelnden Bootes stand, fuchtelte aufgeregt mit den Armen. Als das Boot noch näher kam, konnte man erkennen, dass es etwas im Schlepptau hatte, das dieselbe orange Farbe hatte, wie der zuvor gefundene Fetzen. Nur war dieses unförmige Ding, so erkannte Korvettenkapitän Hohenstein nun, als das Boot bereits sehr nahe am Rumpf der Prinz Eugen war, viel größer. Nun konnte sie auch das Brüllen hören, die lautstarke Stimme des Bootsmannes Erwin Slupitzki, der, die Hände zu Trichtern geformt an den Mund haltend, zum Panzerkreuzer herüber schrie.
„Aufgepasst, miteinander!“, konnte sie verstehen und dann:
„Da ist noch einer drinnen!“
Kaltes Nordseewasser klatschte auf das hölzerne Deck und umspülte ihre Knöchel, als das Beiboot wieder an Bord gehievt und festgemacht wurde. Augenblicklich war Hohenstein ganz vorne im neugierigen Pulk der Matrosen, die das Boot umringten. Während sie versuchte, das Durcheinander, das unter den Männern des Enterkommandos herrschte, zu durchblicken, bemerkte sie aus den Augenwinkeln das große orange Gebilde, das die Matrosen soeben über die Reling an Deck zogen. Kurz sah sie hinüber und stellte fest, dass dieses futuristisch aussehende Ungetüm ohne Zweifel aus demselben Material gefertigt worden war, wie das Bruchstück, welches sie zuvor aus dem Meer aufgelesen hatten. Doch als sie wieder ins Beiboot sah, vergaß sie augenblicklich das orange Objekt unbekannter Herkunft. Da war Blut im Wasser und auf den weißen Planken des Beibootes, erkannte Hohenstein zunehmend beunruhigt. Der Bootsmann Slupitzki und zwei weitere Seemänner beugten sich über ein schwarzes Etwas und hantierten lautstark maulend und gestikulierend an dem Körper – so viel glaubte Hohenstein nun zu erkennen – herum.
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