Berger und der Chief sahen sich einige Augenblicke schweigend an. Dann sagte schließlich der Chief das, was beide dachten.
„Angenommen, ein Teil der Besatzung hat überlebt und wird von den Chinesen verwahrt, und angenommen, Nina ist unter diesen Überlebenden. Solange niemand etwas vom Verschwinden der Stockdale weiß, sind diese Überlebenden in Sicherheit. Die Chinesen können sie verhören, befragen, technische Details aus ihnen herausquetschen, sie zu ihrem Vorteil benutzen. Aber sobald bekannt wird, dass ein amerikanisches Kriegsschiff gesunken ist, können es sich die Chinesen nicht leisten, dass es Überlebende gibt, die berichten können, was vorgefallen ist.“
Beide Männer sahen sich nur an. Es war still und warm. Durch das offene Fenster konnte man Grillen zirpen und Vögel singen hören. Ein wunderschöner Sommertag. Hier drinnen war die Stimmung eisig.
„Die Seeleute werden sterben, ganz egal, ob das mit dem Schiff bekannt wird oder nicht. Das Risiko für die Chinesen ist viel zu groß. Sie werden auf jeden Fall jeden einzelnen umbringen und verschwinden lassen“, ergänzte der ältere Mann.
„Wann legen wir los?“, fragte schließlich Stefan Berger, nachdem er eine halbe Minute geschwiegen und darüber nachgedacht hatte.
„Ich hoffte, dass Sie das sagen, Junge“, sagte Chief Williams.
Berger verabschiedete sich mit festem Händedruck von Ninas Vater. Der ältere Mann versprach, am nächsten Morgen wiederzukommen, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Berger hatte ihn gebeten, genauso zu verfahren, da er selber noch etwas erledigen müsse, was nicht warten konnte. Immerhin hatte er noch Müll im Keller, den er zu entsorgen hatte, bevor er anfing, zu stinken.
Nun stand Berger im Keller, hatte die Sturmhaube über sein Gesicht gezogen und Latexhandschuhe bedeckten seine Hände.
„So, Arschloch, jetzt wird geschlafen“, sagte er, zog eine Injektionsnadel mit einer klaren Flüssigkeit aus einem kleinen Glasfläschchen halb voll und näherte sich dem Stalker. Dieser zappelte und schrie angsterfüllt auf, als er die Spritze sah. Berger, der nun wirklich keine Zeit zu verlieren hatte, verpasste dem Mann einen hammerharten Kinnhaken, sodass er aufstöhnte und sein Kopf zuerst nach hinten schnellte und danach zur Seite sackte. Nun, da er ruhig war, injizierte Berger das Narkotikum und machte sich an die Arbeit. Es würde eine lange Nacht werden und seit er mit dem Chief gesprochen und von Ninas Verschwinden erfahren hatte, verspürte er überhaupt keine Lust mehr, sich noch weiter mit dem Stalker zu befassen.
Doch auch dieser Auftrag musste zu Ende gebracht werden, sagte er sich. Und er war es Sandra Bäumler und ihrer kleinen Tochter schuldig, dass dieser Mistkerl aus ihrem Leben verschwand. Deshalb musste er sich konzentrieren, um keine Fehler zu machen. Also wusch er den Mann, trocknete ihn ab und zog ihm seine Kleidung an. Er kämmte die paar Haare des Mannes und wuchtete ihn sich über die Schulter. Es war bereits dunkel, als er sein Haus verließ. Da der alte Hof schön abseits stand, war kaum damit zu rechnen, dass ihm jemand über den Weg lief. Trotzdem sah er sich nach allen Richtungen um und überzeugte sich, dass er alleine war. Schließlich verfrachtete er den Stalker in seinen BMW und fuhr los.
Er kehrte erst bei Sonnenaufgang zurück. Als er den BMW geparkt hatte und die Auffahrt Richtung Haustür betrat, lag ein entschlossener Ausdruck auf seinem müden Gesicht.
Panzerkreuzer Prinz Eugen
Nordsee
04. Mai 1934
„Sofort Feuer einstellen, verdammt noch mal!“, brüllte Hohenstein wütend, dann presste sie das Fernglas an ihre Augen und starrte ins Zielgebiet.
Da war es wieder, dieses Blinken.
Es hob sich sanft auf und ab, folgte der kabbeligen Dünung der Nordsee. Wieder blinkte es, dann stob Gischt und Wasser auf, als die Granaten direkt in ihrem Sichtfeld einschlugen. Das Blinken verschwand im Gischtnebel. Hohenstein konnte es nun auch nicht mehr ausmachen. Ihr Herz schlug schneller und ihre Gedanken rasten. Hatte sie womöglich ein Fischerboot versenkt, oder noch schlimmer, ein größeres Schiff auf den Grund des Meeres geschickt? Hatte sie es fertiggebracht, in diesen sehr angespannten Zeiten vielleicht sogar eine internationale Krise auszulösen? Nicht auszudenken, wenn sie hier und jetzt einen Krieg ausgelöst hatte. Was sie mit ihrer Karriere anstellen konnte, wenn dem so war, war an zwei Fingern auszurechnen.
Was war ihr passiert, ihr, die ausgeschickt worden war, um dieses alte Schlachtross mit dem glorreichen Namen Prinz Eugen wieder auf Vordermann zu bringen? Sie musste sich zusammenreißen und die Fäden, die ihr kurzzeitig zu entgleiten drohten, wieder fest in die Hand nehmen.
Rasch entfernte sie die Watte aus ihren Ohren und ließ sie unbewusst in der Tasche ihrer Uniformjacke verschwinden.
„Wenn auch nur ein einziges Geschütz nochmal feuert, lass ich den Verantwortlichen kielholen“, knurrte sie ihrem Ersten Offizier zu, dann befahl sie laut:
„Gefechtsstationen auflösen, neuer Kurs: 0-3-0, Geschwindigkeit: Äußerste Kraft voraus!“
„Frau Kapitän, was haben Sie vor?“, fragte der IO ratlos.
„Das führt uns ins Zielgebiet.“ Zornig wandte Hohenstein sich an den wesentlich älteren Mann, der einen halben Kopf größer war als sie.
„So wie die Geschützbedienungen gezielt haben, ist die halbe verdammte Nordsee das Zielgebiet!“, zischte sie böse.
„Erstens hat es ewig gedauert, bis überhaupt gefeuert wurde, dann lag die erste Salve völlig verstreut über dem Ziel, was noch verständlich wäre. Doch auch die folgenden Salven lagen komplett durcheinander und überhaupt nicht koordiniert. Wenn wir es hier mit einem sowjetischen Zerstörer zu tun gehabt hätten, dann würden wir jetzt beide Wasser treten, verstanden?“
Sie hatte sich gefährlich nahe an Mühlmann heran geschoben und roch dessen alten, abgestandenen Schweiß.
„Und bis die Flak endlich gefechtsbereit war, hätte uns das feindliche Flugzeug zweimal bombardieren können. Von einer Torpedierung durch das U-Boot ganz zu schweigen, als sie diesen lahmen Zickzackkurs laut Lehrbuch befahlen. Der Feind kennt unsere Standardmanöver und hätte dementsprechend reagiert!“
Mühsam gelang es Hohenstein, ihren Ärger zu verdrängen und sich wieder auf das zu konzentrieren, was vor ihr lag.
„Mühlmann, lassen Sie die Ausgucks dreifach besetzen und schicken Sie die schärfsten Augen raus, die wir haben“, befahl sie.
„Ich habe Blinksignale im Zielgebiet gesehen, kurz bevor die letzte Salve einschlug“, gab sie etwas leiser zu.
„Mein Gott!“, entfuhr es einem leichenblassen Mühlmann.
„Hoffen wir, dass die Geschütze ihre miserable Treffgenauigkeit beibehalten haben“, schloss Hohenstein müde. Dann wandte sie sich von Mühlmann ab und spähte wieder durch das Fernglas in die dunkle Nacht hinaus.
„Machen Sie wenigstens das richtig, Mühlmann!“, schloss sie mürrisch, während sie nach dem Blinken suchte, es aber nicht wiederfinden konnte.
Fünfundzwanzig Minuten später schaukelte der schwere Panzerkreuzer auf dem unruhigen Wasser der Nordsee, während das hilfreiche Mondlicht hinter aufgezogenen Wolken verschwunden war. Der Wind hatte aufgefrischt und die Dünung lag nun höher. Das Schiff machte kleine Fahrt und dampfte kreuz und quer durch das kleine Seegebiet, in dem Korvettenkapitän Hohenstein das Blinklicht gesehen hatte. Zu allem Überfluss zogen nun Nebelschwaden auf, die die Sicht verkürzten und die Suche nach irgendwelchen Anzeichen einer möglichen Versenkung noch schwieriger machten. Zahlreiche Lampen, die an den Relings überall auf dem Schiff verteilt aufgehängt worden waren, versuchten mit ihrem schwachen Licht die Oberfläche des nahen Wassers zu erhellen.
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