„Meldung, Bootsmann!“, brüllte sie gegen den Lärm des Windes und des mittlerweile peitschenden Regens an. Slupitzki drehte sich zur Seite und auf Hohenstein zu, sodass sie sehen konnte, dass er den Kopf der Person vorsichtig in seinem Schoß gebettet hatte. Das Gesicht konnte man nicht erkennen, da lange schwarze Haare es teilweise verdeckten. Oberkörper und Beine waren in schwarze, enge Kleidung gehüllt, nur ein schwarzer Stiefel war am linken Fuß zu erkennen, der rechte Fuß war nackt.
„Den Arzt, Frau Kapitänin, schnell!“, brüllte Slupitzki. Dann sah sie das Blut an Slupitzkis Händen und ihr Atem stockte.
„Den hats ordentlich erwischt, glaub ich“, ergänzte der Bootsmann mit besorgter Miene. Korvettenkapitän Anna Maria Hohenstein wischte sich das Wasser des kalten Regens aus den Augen, drehte sich um und brüllte ihre Befehle.
„Sie!“, Hohenstein zeigte auf einen Unteroffizier, „laufen Sie sofort ins Krankenrevier und teilen sie Dr. Schrammel mit, dass er sich auf die Ankunft eines Schwerverwundeten vorbereiten soll!“
Der Mann salutierte und hastete davon, verschwand durch eine Luke ins helle Innere des schweren Schiffes.
„Slupitzki, Sie sind mir dafür verantwortlich, dass der Verletzte in einem Stück beim Doktor ankommt. Teilen Sie Männer ein, die das Beiboot sichern und lassen Sie klar Schiff machen. Der Sturm sieht ungemütlich aus und ich will nicht, dass mir irgendwas um die Ohren fliegt. Das da…“, Hohenstein zeigte auf das zusammengesunken auf den Planken liegende orange Gebilde, „das bringen Sie unter Deck in einen Lagerraum. Lassen Sie Posten davor aufstellen und niemandem, absolut niemandem darf ohne meine Erlaubnis Zutritt gewährt werden.“
„Jawohl, Frau Kapitänin“, antwortete Slupitzki, der die korrekte Anrede wohl nie mehr lernen würde, dann erteilte er seine eigenen Befehle an die umstehenden Seemänner. Das mit der förmlichen Anrede war aber Hohensteins geringstes Problem, als sie durchs selbe Schott ins Schiffsinnere schlüpfte, wie der Unteroffizier vor ihr. Sie griff nach dem Hörer der Meldeanlage an der Stahlwand neben dem Schott und brüllte ins Mikrophon:
„Brücke, hier Kommandant. IO, Sie haben weiterhin das Kommando. Sofort Kurs zurück zur Basis Wilhelmshaven setzen. Geben Sie die Meldung durch, dass wir zurückkommen. Genaueres dann später. Ich bin auf dem Krankenrevier, falls Sie mich brauchen. Ende.“
Sie wartete auf die Bestätigung des Befehles, dann marschierte sie mit großen Schritten weiter ins Innere des alten Panzerkreuzers. Ihr Ziel lag zwei Decks tiefer und sie übermannte ein dunkles Gefühl, als sie sich fragte, was sie auf der Krankenstation wohl erwarten würde. Trotzdem beschleunigte sie ihre Schritte und verschwand im Bauch der Prinz Eugen. Als sie sich Augenblicke später der kleinen Krankenstation des Panzerkreuzers näherte, konnte sie die laute, befehlsgewohnte Stimme des Bordarztes schon hören, bevor sie das Schott zur Station überhaupt erreicht hatte.
Sie schlüpfte durch die offenstehende Stahltür vom Gang ins Innere und wäre um ein Haar mit drei Matrosen zusammengestoßen, die der Arzt soeben lautstark nach draußen gescheucht hatte.
„Jeder, der nicht zum medizinischen Stab gehört, verlässt sofort den Raum!“, rief Dr. Albert Schrammel erneut. Der große, etwas schmal geratene Mediziner, dessen schütteres, blondes Haar an den Schläfen bereits schlohweiß war, beugte sich über den dunkel gekleideten Verwundeten, der vor ihm im grellen Licht einer großen Deckenleuchte auf dem Untersuchungstisch lag. Er schaute in die Augen des Mannes, untersuchte die Pupillen und erkannte, dass sein Patient zwar bewusstlos, aber immerhin noch am Leben war. Zwei Krankenschwestern in weißen Kitteln mit ebenso weißen Kopftüchern waren emsig damit beschäftigt, kleine Rolltischchen mit Instrumenten an den Untersuchungstisch heran zu schieben. Ein zweiter Mann, Sanitätsgefreiter Werner Hübner, unterstützte den Arzt bei der Untersuchung des Verwundeten.
„Was haben wir hier?“, fragte er die Kommandantin, die seinem direkten Blick nicht auswich, obwohl sie das Bedürfnis dazu stark spürte.
„Ein Schiffbrüchiger“, antwortete sie kurz.
„Er war mitten im Zentrum unserer Gefechtsübung und könnte durch unsere Granaten getroffen worden sein“, ergänzte sie widerwillig und mit leiser Stimme. Der Schiffsarzt nickte und wandte sich wieder seinem Patienten zu.
„Wir müssen ihn schnell aus der nassen Kleidung holen“, sagte Dr. Schrammel zu dem Sanitätsgefreiten.
„Schwester, Schere!“, befahl er lautstark. Während Hübner langsam die Hose des Verwundeten zerschnitt, um diese schließlich zu entfernen, betastete der Arzt den Oberkörper, um die Ursache der Blutung zu finden.
„Frau Kapitän, würden Sie sich bitte im Hintergrund halten?“, brummte Schrammel, ohne Hohenstein anzusehen. Er war nun voll darauf konzentriert, die Verletzung zu finden und das Entkleiden des Patienten zu überwachen.
„Na los, Hübner, schneiden Sie den verdammten Stiefel einfach der Länge nach auf!“, befahl er, als er merkte, dass der Sanitätsgefreite zwar die Hose schon aufgeschlitzt hatte, aber beim Erreichen des einzelnen Stiefels nicht so recht weiter zu wissen schien. Aha , dachte Dr. Schrammel, als er den linken Rippenbogen des Patienten abtastete und dabei die Verwundung entdeckte.
„Hier!“, befahl der Arzt und zeigte auf die Stelle an der Brust des Mannes, etwa eine Handbreit unterhalb des Brustmuskels, „Sofort den Stoff aufschneiden und die Stelle freilegen!“ Während der junge Sanitätsgefreite sich mit leicht zitternden Händen daran machte, das komisch eng geschnittene, schwarze Oberteil des Verwundeten, das weder Knöpfe, noch sichtbare Nähte aufzuweisen schien, an der gewünschten Stelle zu zerschneiden, hatte Korvettenkapitän Hohenstein, die sich abwartend und wie gewünscht ein paar Schritt abseits des Untersuchungstisches im Hintergrund gehalten hatte, die Möglichkeit, die nun nackten Beine des Mannes zu betrachten. Die Haut spannte sich über muskulöse Oberschenkel, war leicht gebräunt, an manchen Stellen glaubte sie Narben zu erkennen. Der Mann trug eine seltsam aussehende, eng anliegende dunkelgraue Unterhose in einem komischen Schnitt, so wie Hohenstein noch nie eine gesehen hatte. Abgesehen davon glaubte sie zu erkennen, dass Beine und Füße unverletzt waren. Sein Gesicht konnte sie nicht richtig erkennen, da es von nassen, dunklen Haarsträhnen teilweise verdeckt wurde. Außerdem trug er einen Bart, der an Oberlippe und Kinn länger zu sein schien, als an den Wangen und am Hals. Sie entdeckte auch graue Haare, sowohl an den Schläfen, wie auch in seinem Bart.
„Geben Sie her das Ding!“, knurrte Dr. Schrammel ungeduldig und riss dem nervösen Hübner die Schere aus den zitternden Fingern. Wesentlich ruhiger und schneller als der junge Gehilfe hantierte der Arzt mit der Schere und schnitt das Oberteil so auf, dass sie es problemlos zur Seite legen und mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung unter dem Körper herausziehen konnten.
„Da haben wir’s“, murmelte Dr. Schrammel, klappte den Hohlspiegel, den er auf der Stirn trug, vor die Augen und beugte sich weiter nach vorne, um die Wunde zu untersuchen. Er sah eine fingerdicke, kreisrunde Öffnung, aus der stetig Blut auf den Untersuchungstisch sickerte. Mit schmalen, länglichen Instrumenten, die ihm eine der Schwestern auf seine Aufforderung hin in die ausgestreckte Hand gelegt hatte, machte er sich daran, die Wunde zu untersuchen.
„Kein Granatschrapnell“, murmelte er konzentriert, „nein, sicher nicht“, ergänzte er kopfschüttelnd.
„Vorsichtig auf die Seite drehen!“, befahl er Hübner.
„Wollen mal sehen, ob die durchgegangen ist, oder ob sie noch steckt“, sagte er mehr zu sich selbst als zu irgendjemand bestimmtem. Gemeinsam hoben sie den Oberkörper des Mannes ein paar Zoll an, sodass Schrammel den Rücken untersuchen konnte. Schließlich ließen sie ihn wieder nach unten sinken, nachdem keine Verletzungen am Rücken entdeckt worden waren.
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